Forget Me Not – Vergessen ist tödlich

Originaltitel: Forget Me Not (USA 2009)
Regie: Tyler Oliver
Drehbuch: Tyler Oliver u. Jamieson Stern
Kamera: Eric Leach
Schnitt: Radu Ion
Musik: Elia Cmiral
Darsteller: Carly Schroeder (Sandy Channing), Brie Gabrielle (Hannah), Chloe Bridges (Layla), Jillian Murray (Lex Mitchell), Micah Alberti (Jake Mitchell), Cody Linley (Eli Channing), Brittany Renee Finamore (Angela Smith), Sean Wing (TJ), Zachary Abel (Chad), Alex Mauriello (Cecilia), Courtney Biggs (Sandy als Kind), Bella Thorne (Angela als Kind), Mark Kemble (Vater Michael), Barbara Bain (Schwester Dolores) uva.
Label: Savoy-Film
Vertrieb: Schröder Media
Erscheinungsdatum: 24.02.2011 (DVD/Blu-ray)
EAN: 9120027344763 (DVD) bzw. 9120027344732 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 Stereo bzw. Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 103 min.
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Das geschieht:

Endlich ist die High School geschafft, alle haben bestanden, und vor dem Studium gilt es, einen langen, warmen Sommer zu verbringen: Sandy Channing, ihr Bruder Eli und ihre sechs besten Freunde bereiten sich mit Bier, Dope und (Darwin, sei wachsam!) Kondomen auf die intensive Nutzung dieser freien Wochen vor. Man kennt sich seit vielen Jahren, sodass eines schönen Abends in unseren Suffköpfen die Erinnerung an ein altes Kinderspiel aufflackert: Der örtliche Friedhof dient als Kulisse, ein Spieler mimt den „Geist“ und muss seine ‚Opfer‘ suchen. Sind sie gefunden, verwandeln sie in ebenfalls in ‚Geister‘ und nehmen an der Jagd teil.

Also geht es erneut auf den nächtlichen Friedhof. Dort schließt sich eine unbekannte junge Frau den Freunden an. Als Sandy sie später als „Geist“ stellt, wird sie gefragt, ob sie sich an ihr Gegenüber erinnere. Als Sandy verneint, verschwindet die Fremde spurlos. Der Schreck setzt bei Sandy die unangenehme und sorgfältig verdrängte Erinnerung an ein altes Unrecht frei. Vor sechs Jahren haben sie und ihre Freunde das Waisenmädchen Angela Smith bei ihrem Geister-Spiel so verängstigt, dass es einen Kollaps erlitt. Die Gruppe flüchtete unerkannt, niemand wurde je zur Rechenschaft gezogen.

Dass nun der Tag der Abrechnung gekommen ist, bemerkt jedoch nur Sandy. Eine schrecklich entstellte Angela beginnt die Freunde umzubringen. Wer tot ist, muss sich ihr auf der Jagd nach den Überlebenden anschließen. Die unbarmherzige Angela verändert sogar den Zeitstrom: Ist ein Freund tot, haben er oder sie nie existiert. Nur Sandy kann sich erinnern, während die schrumpfende Schar ihrer ahnungslosen Gefährten sie für verrückt hält. Verzweifelt sucht Sandy nach der Wurzel des Übels: Angela, von der sie seit sechs Jahren nicht mehr gehört hat. Im alten Waisenhaus kann sie zwar die Spur aufnehmen, aber Angela hatte genug Zeit, ihre Rache bis ins kleinste, grausamste Detail zu planen …

Alter Wein im alten Schlauch

Allzu fröhliche, also nach konservativem US-Verständnis moralisch verworfene = ‚böse‘ Teenager bauen Mist und bleiben unbehelligt – aber nur vom Gesetz, denn die Strafe folgt selbstverständlich trotzdem: Aus dem Jenseits materialisiert sich eine Spukgestalt, die es den Strolchen mindestens tausendfach heimzahlt. In unserem Fall heißt das: Als Zwölfjähriger ein Mädchen so erschreckt, dass ihm Schaum vorm Mund stand = sechs Jahre später langsames, schmerzhaftes, knochenzersplitterndes Zerquetschen in einer Fabrikmaschine. So funktioniert Gerechtigkeit in den USA!

Die verkommenen Teenies müssen es heuer nicht einmal in einem der tausend Camp Crystals dieser bigotten Welt treiben, damit ein Jason-Vorhees-Klon über sie kommt. Eine namenlose Kleinstadt irgendwo in der Provinz ist Schauplatz dieser traurigen und gefühlt zum zweimillionsten Mal abgespulten Geschichte. Regisseur und Drehbuch-Mitautor Tyler Oliver meint ihr Frischblut zuzuführen, indem er Elemente des Mini-Kult-Thrillers „The Butterfly Effect“ in den Plot mischt: Der fiese Geist metzelt seine Opfer nicht nur nieder, sondern radiert sie aus dem Raum-Zeit-Kontinuum.

Was an sich eine gute Tat ist, denn wie weiter unten noch ausgeführt wird, trifft es ausschließlich Hohlköpfe und Dümmlinge, ohne die unsere ohnehin geplagte Welt definitiv besser dran ist. Leider ist Oliver in seiner Doppelfunktion ein vierfacher Hemmschuh für einen Film, der routiniert, schnell und schräg sein müsste, um mit seinen Klischees davonkommen zu können.

Wir haben keine Zeit, aber wir nehmen sie uns

Nur Routine stellt Oliver unter Beweis – Routine, die hier mit Ideenarmut gleichzusetzen ist. Dieser Vorwurf zielt nicht einmal gegen die Story; die ist so simpel, dass sie immer noch funktioniert. Um ihr Unterhaltungsglanz zu verschaffen, müsste sie schwungvoll umgesetzt werden. Hier versagt Regie-Debütant Oliver auf gesamter Linie.

Eine Stunde und 45 Minuten dauert es, bis Angela ihre Peiniger erwischt hat. Für diese Zeitspanne ist die Geschichte viel zu dünn. Selbst der Laie ertappt sich dabei, während des Zuschauens im Geiste Schnittmarken zu setzen; daheim gibt es wenigstens die Möglichkeit, die Vorspultaste zu betätigen. „Forget Me Not“ lahmt nicht nur zwischen den Morden. Wenn Angelas Geist ihre acht Opfer ersäuft, zermalmt, röstet oder anderweitig zu Tode bringt, ist dies nicht nur dezent, sondern auch dilettantisch in Szene gesetzt. „Forget Me Not“ erst ab 18 Jahren freizugeben könnte glatt als Freundschaftsdienst der deutschen FSK gedeutet werden, die dem Label die Chance bieten wollte, hoffnungsvolle Gorehounds abzukassieren und ihnen gleichzeitig eine auf blanker Erwartungstäuschung fußende Lektion zu erteilen.

Sollte es Oliver gelungen sein, mit „Forget Me Not“ den Alltag US-amerikanischer High-School-Absolventen quasi dokumentarisch einzufangen, kann man die Jugend jenseits des Großen Teiches nur bemitleiden. Hier gilt es offenbar als Höhepunkt orgiastischer Dekadenz, sich als ganzer Jungmann von zwei wie am Spieß brüllenden Kumpels kopfüber halten und Dünnbier direkt aus dem Fass in den Rachen schießen zu lassen; die „Girls“ hüpfen derweil im Rudel enthemmt auf einem Bett auf & ab und trällern dabei nach, was ihnen der Hirnfrei-‚Star‘ der Woche vorgestümpert hat. ‚Unterhaltungen‘ bestehen aus dem Austausch plumper Anzüglichkeiten; die Mädchen ergänzen dies durch gegenseitige Vorwürfe, sich wieder einmal den Freund ausgespannt zu haben. Wozu die Aufregung, da sich dieser Kreis doch bald wieder schließen wird?

Wenn sie Glück haben, werden sie vergessen

„Forget Me Not“ ist ein Film, der es höchstens im Rahmen eines Gruselfilm-Festivals auf die Leinwand schaffen wird. Ansonsten ist er Kanonenfutter für die Monitore dieser Welt. Dort, wo auch im Full-HD-Zeitalter noch viele Bilddetails verschluckt werden, ist er auch besser aufgehoben. Die Ärmlichkeit der Produktion schlägt trotzdem viel zu oft und deutlich durch. Geld war jederzeit knapp. Die mickrigen Metzeleien wurden schon erwähnt, aber auch sonst konnten offenbar nur Trickspezialisten angeheuert werden, die um 1990 in Rente gingen. Hinzu kommt offene Schlamperei: Da ist eine Straße schon mit den Reifenspuren versehen, die ein bremsender Wagen erst erzeugen soll, oder ein im Zorn in den See geworfener Schmuckanhänger baumelt seiner Besitzerin plötzlich wieder um den Hals.

Für die Darsteller – von „Schauspielern“ mag man wieder einmal nicht reden – entschied primär die Ansehnlichkeit ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale über die Jobvergabe. Vor allem die Frauen mussten im Bikini oder knallengen Top – Dienstkleidung für B-Movie-Schlampen – eine gute Figur abgeben. (‚Ernste‘ Szenen sind u. a. daran zu erkennen, dass Säume plötzlich drastisch nach unten wandern.) Von tertiärer Bedeutung blieb dagegen das mimische Vermögen. Immerhin passen die Darsteller altersmäßig in ihre Rollen; nur Micah Alberti ist viel zu alt. Spielen können sie alle eher schlecht als recht, oder war es Absicht, eine Gruppe unsympathischer Tröpfe, um die das Publikum sich nicht schert, in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen?

In einer Nebenrolle muss man wieder einen glücklosen Altstar identifizieren. Hier ist es Schwester Dolores alias Barbara Bain, die u. a. 1966-1969 in der TV-Kultserie „Mission Impossible“ (dt. „Kobra, übernehmen Sie“) die weibliche Hauptrolle spielte. Wer ganz genau hinschaut, erkennt zudem Christopher Atkins – eine gerechte aber späte Strafe für den männlichen Hauptdarsteller aus dem Gruselfilm „The Blue Lagoon“ (1980; dt. „Die blaue Lagune“).

Auch Dämonen müssen sparen!

Sogar Tyler Oliver hat begriffen, dass er dem Sparschwein mindestens dort die Sporen geben muss, wo das Jenseits sichtbar wird. Geister und Dämonen sollten in einem Spuk-Spektakel à la „Forget Me Not“ als solche optisch zu erfassen sein. Wenn dies gelingt, verzeiht der Zuschauer womöglich Logikbremsen wie diese: Warum erinnert sich nur Sandy daran, wie übel Angela als Kind mitgespielt wurde, obwohl ihre Freunde ebenso dabei waren? Wieso geistert Angela als faulige Leiche herum, obwohl sie gar nicht tot ist? Warum findet das „Geisterspiel“ auf einem Friedhof statt, der für das Geschehen absolut unerheblich ist?

Überrascht es wirklich, dass „Forget Me Not“ auch in diesem Punkt versagt? Dem Maskenbildner gelingt es nicht einmal, Brittany Renee Finamores Haarschopf überzeugt unter einer künstlichen Leichenglatze verschwinden zu lassen. Die zu dämonischen Jägern degenerierten Freunde wurden in Lumpenkleider gesteckt und mit grauer Farbe besprüht; seltsamerweise sind ihre Arme, Beine und Körper mit Isolierband umwickelt. Welcher Sinn mag hinter diesem Einfall stecken?

Für die Dämonenfratzen dachte sich Oliver einen besonderen Schauereffekt aus: Die Münder sollen zu gigantischen, mit Haifischzähnen bewehrten Mäulern aufklaffen. Das wird durch miserable CGI-Effekte bewerkstelligt. Wenn die Mäuler offen bleiben, wurden sie den Darstellern angeklebt. Manchmal bleibt die Kamera zu lange auf so eine ‚Maske‘ gerichtet. Dann sieht man silbergrau angemalte Plastikzähne wippen. Solche Momente unverfälschten Trash-Vergnügens versöhnen (beinahe) mit einem Streifen, den der Zuschauer ungeachtet des Titels sehr schnell vergessen wird.

DVD-Features

Extras zum Hauptfilm gibt es nicht; manchmal hat der Zuschauer Glück …

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)