formiculaAtombombentest in der Wüste von New Mexico lassen Ameisen auf Automobil-Größe anschwellen; sie jagen brave US-Bürger und vermehren sich, bis Wissenschaftler, Polizisten und Soldaten sich ihnen in den Weg stellen … – Altbackene Spezialeffekte ändern nichts an der guten Story, der straffen Regie, der geschickt geschürten Grusel- Stimmung oder den akkurat besetzten Darstellern: Dies ist kein von der Werbung herbeigelogener, sondern ein echter, verdienter und zeitloser Kino-Kult-Klassiker!

Das geschieht:

Die State Troopers Ben Peterson und Ed Blackburn retten ein kleines Mädchen, das orientierungslos und durch einen Nervenschock verstummt durch die Wüste von New Mexico irrt. Der Wohnwagen der Familie Ellinson wird entdeckt. Er wurde wie ein Pappkarton aufgebrochen, alle Ellisons sind spurlos verschwunden. Eingerissen finden Peterson und Blackburn auch den Laden von Großvater Johnson vor. Die entstellte Leiche des Inhabers liegt im Keller; sie wurde mit Ameisensäure vollgepumpt. Während Blackburn auf die Spurensicherung wartet, lockt ihn ein schwirrendes Geräusch ins Freie, wo er gepackt und verschleppt wird.

Weil die Polizei ratlos bleibt, ruft sie das FBI zur Hilfe. Agent Robert Graham kann das Rätsel ebenfalls nicht lösen. Der Durchbruch gelingt, als sich die Doktoren Harold und Patricia Medford vom Landwirtschaftsministerium einschalten. Harold, der Vater, ein berühmter Entomologe, konnte am Ellinson-Tatort gesicherte Spuren als Fährte einer gigantischen Ameise identifizieren. Radioaktive Strahlung ließ die Insekten mutieren, denn man befindet sich unweit der „White Sands Proving Grounds“, wo 1945 die ersten Atombombentests stattfanden.

Die Medfords vermuten irgendwo in der Wüste das Nest der gewaltigen Insekten. Es wird gefunden und ausgeräuchert, doch zwei Ameisenköniginnen sind bereits ausgeflogen. Sie werden sich an unbekannter Stelle einnisten und unzählige neue Monster-Ameisen ausbrüten. Um dies zu verhindern, müssen auch die neuen Nester vernichtet werden. Aber die Königinnen haben sich gut irgendwo in Nordamerika verkrochen. Im Wettlauf mit der Zeit versuchen US-Regierung, Militär, FBI und die Medfords als Vertreter der Wissenschaft, die Nester zu finden, bevor ein Millionenheer gefräßiger Riesenameisen über die Menschheit herfällt und das Ende der Zivilisation einläutet …

Die seltene Kunst zeitloser Unterhaltung

Viele Jahrzehnte ist dieser Film alt, weit ist er scheinbar von modernen und vor allem von jüngeren Zuschauern verinnerlichten Qualitäten entfernt; vor allem die Spezialeffekte sorgen nicht mehr für Grusel, sondern für Grinsen, die Bilder sind schwarzweiß, und die Akustik dokumentiert eine Ära, als Ohren offenbar aus Holz bestanden. Die Darsteller sind längst tot, ihre Rollen spiegeln unzeitgemäße politische und kulturelle Klischees wider.

Trotzdem ist „Formicula“ ein großartiger Film – spannend, schnell, unterhaltsam. Die genannten Mankos tut selbst der mit der Filmgeschichte wenig vertraute Zuschauer als Nebensächlichkeiten ab. „Formicula“ schlägt das Publikum bis heute in seinen Bann. Dies ist nicht primär dem sonst gern beschworenen Faktor Nostalgie zu verdanken, sondern der Handwerks- und Darstellungskunst von Männern und Frauen, die vor und hinter der Kamera ganz genau wussten, was sie taten.formicula-szene-2

„Formicula“ ist Kino der B-Kategorie in Reinkultur: die nie kunstvolle, sondern auf den Effekt und das Wesentliche getrimmte Reduktion von Handlung und Bild. „B-Movies“ sollen ‚nur‘ unterhalten. Die Abwesenheit eines Subtextes, der sich im Hollywood-Kino meist auf gut gemeinte, aber allzu plakativ umgesetzte Anliegen beschränkte, ermöglicht die paradoxe Dualität eines inhaltlich wie formal altmodischen Films, der seinen Unterhaltungswert bewahren konnte, weil er nicht nur zeitlose Regeln des Unterhaltungskinos kompromisslos berücksichtigt, sondern dabei auch alles richtig macht.

Warnung ohne erhobenen Zeigefinger

Die 1950er Jahre standen im Zeichen eines kalten Kriegs zwischen den Supermächten USA und UdSSR, der jederzeit heiß zu werden drohte. Die entsprechenden Instrumente waren vorhanden: Beide Seiten verfügten über die Atom- und später über die Wasserstoffbombe. Die nukleare Weltuntergangs-Maschinerie wurde im Rahmen ständiger Versuche verfeinert und perfektioniert. Nicht zu leugnende, sehr unangenehme Begleiterscheinungen galten als Kollateralschäden im Dienst der guten Sache. Jede Atombomben-Explosion erzeugt radioaktiven Fallout und Strahlungen. Heute wissen wir genau, dass es auf diesem Planeten keinen Ort gibt, an dem man vor diesen Nebenwirkungen wirklich sicher ist. Schon in den 1950er Jahren ahnten Militär und Wissenschaft bereits, dass die Atompilze in den scheinbar öden und verlassenen Wüsten von New Mexico keineswegs folgenlos verpufften. „Formicula“ griff die daraus resultierenden Sorgen und Ängste auf und verlieh ihnen eine publikumswirksame Gestalt.

Heute nehmen wir solche Warnungen ernster, als sie ursprünglich gemeint waren. „Formicula“ ist ein Film, der möglichst hohe Einnahmen erzielen sollte. Auch Kritiker der Atombombe gingen gern ins Kino, wo sie vielleicht nicht unbedingt einen Science-Fiction-Film anschauten. Da konnte es hilfreich sein, das Filmprodukt zu adeln und ihm einen pädagogisch wertvollen Anstrich zu geben. Faktisch äußert „Formicula“ aber nur Bedenken, ohne das System jemals in Frage zu stellen: Blitzschnell ruft die Regierung den Notstand aus, überlässt dem Militär (bzw. der Nationalgarde) das Feld, hüllt sich gegenüber den Medien in Schweigen und tritt auch sonst diverse Bürgerrechte mit Füßen, um die vorausgesetzte Panik der Bevölkerung zu vermeiden (die nie eintritt, als die eher erstaunten als erschrockenen Menschen endlich informiert werden). Auch wird nie dazu aufgerufen, Atombombentests zukünftig zu unterlassen.formicula-kino-1954

Dennoch gehört „Formicula“ nicht zum Kanon jener Filme, die in den 1950er Jahren die befürchtete Invasion durch die todfeindlichen Sowjets verfremdet durchspielten, obwohl die Allegorie Ameisen = perfekt organisierte, kollektiv ent-individualisierte, unerbittliche, sich selbst reproduzierende Mordmaschinen = kommunistische Erbfeinde der westlichen/US-amerikanischen Demokratie – sich anbot. Gewarnt wird stattdessen wie in den „Frankenstein“-Filmen vor einer Neugier, die unerwartete und böse Folgen haben kann.

Wie man 90 Minuten wie im Fluge vergehen lässt

„Formicula“ beginnt als Thriller mit Mystery-Elementen. Zwei Polizisten, bodenständige und sympathische Charaktere, führen in das Geschehen ein. Nach einer halben Stunde ‚springt‘ die Geschichte in ein neues Genres: „Formicula“ wird zur Science-Fiction-Story mit Horror-Touch. Diese Wechsel erfolgen dynamisch und ohne Irritationen. Zwar gehörte Gordon Douglas (1907-1993) nie zur ersten Garnitur der von der Filmkritik hofierten Hollywood-Regisseure. Er war kein Autorenfilmer, sondern drehte in mehr als vier Jahrzehnten knapp 100 B-Movies. In seinem Job beherrschte Douglas jedes Genre und wusste, wie man einen Film zügig, kostengünstig und spannend inszenierte. Für „Formicula“ stand ihm kein üppiges Budget zur Verfügung. Allerdings gab das Studio Warner Brothers genug Geld aus, um Douglas nicht in enge Studiokulissen zu zwingen. Auf die im SF-Kino dieser Ära gern genutzte Methode, kostspielige Armee-Aufmärsche oder Raketen-Starts durch Archivaufnahmen zu ersetzen, konnte Douglas verzichten. Sogar erschreckende wirkende Riesenameisen gab die Kasse her.

Überdies erweist sich Douglas als Meister der atmosphärischen Untertöne. Ursprünglich sollte „Formicula“ in Farbe gedreht werden, was man sich gar nicht vorstellen kann oder möchte. Die meisten Aufnahmen entstanden im grellen Licht der Wüstensonne, die Douglas und sein fabelhafter Kameramann Sidney Hickox (1895-1982) – ein Kino-Veteran, der seit 1916 ‚im Dienst‘ war – nichtsdestotrotz als unheimlichen, lebensfeindlichen Ort in Szene setzen. (Entstanden ist „Formicula“ übrigens auf dem Gelände der Blaney Ranch nahe Palmdale im US-Staat Kalifornien, einer von Hollywood gern und oft wegen seiner pittoresken Felsen genutzten Kulisse: www.blayneyranch.com. Kurioserweise wachsen die Josuabäume, die stark zum bizarren Eindruck der Landschaft beitragen, gar nicht in New Mexiko.) Das große Finale entstand im betonierten Bett des Los Angeles River und in den Röhren des städtischen Abwassersystems. Hickox bewies hier, dass er auch mit Licht und Schatten bemerkenswerte Effekte erzielen konnte.

Komplettiert wird die handwerkliche Brillanz durch einen ausgefeilten Soundtrack. Bronislau Kaper (1902-1983) schuf einen Score, der dramatisch untermalt, ohne sich aufdringlich in den Vordergrund zu drängen. Gern setzt Douglas darüber hinaus das Element der Stille ein: die Wüste, das Innere des Ameisenbaus, die Abwassertunnel von Los Angeles – immer wieder horchen die Darsteller, und die Zuschauer horchen unwillkürlich mit. Sie werden belohnt und erschrecken, wenn jenes fiese Schrillen ertönt, das die Nähe hungriger Riesenameisen signalisiert.

Männer – und eine Frau – der Tat

Wer kennt (und hasst) sie nicht – die geistig eindimensionalen ‚Macher‘ des Hollywood-Films, die mit der Waffe in der Rechten den Strolch/das Monster/den Kommunisten der Woche in Schach und mit der Linken die hilflose Hauptdarstellerin halten. Auch hier vermeidet „Formicula“ die schlimmsten Klischees. Höchstens James Arness als FBI-Agent Graham versucht sich als selbst ernannter Beschützer, als er Pat Medford verbieten will, mit in das Ameisennest zu steigen. Sie belehrt ihn kurz und knapp eines Besseren, und Graham hat seine Lektion gelernt: Als es im Finale in die Abwasserkanäle geht, ist Pat völlig selbstverständlich mit dabei. Sie ist keinesfalls die Kofferträgerin ihres hinfälligen Vaters, sondern seine gleichberechtigte Assistentin.

„Formicula“ ist ein Film ohne die angeblich obligatorische Liebesgeschichte, die vor allem das weibliche Publikum locken soll. Graham und Pat kommen sich näher, aber dies geschieht ganz nebenbei und tangiert die eigentliche Handlung nicht. Ohnehin ist „Formicula“ ein Ensemble-Film ohne wirkliche Hauptrollen. Starke Charaktere sorgen für sympathische, nie stromlinienförmige Figuren. Vor allem der knorrige James Whitmore (1921-2009) als Trooper Ben Peterson ist alles andere als ein strahlender Held. Niemand würde ihn auf die 32 Jahre schätzen, die er zum Zeitpunkt der Dreharbeiten (1953) erst alt war.

So etwas wie eine Heldenrolle übernimmt tatkräftig aber unaufdringlich James Arness (1923-2011). Mit seiner Körpergröße von 2,01 m füllt er sie bereits optisch aus. (Eine eigene Anmerkung wert ist der Anblick in Uniform: Auf dem riesigen Arness-Schädel sitzt der Stahlhelm eng wie eine Badekappe …) „Formicula“ wurde sein Sprungbrett in eine echte Karriere: Er fiel seinem Kollegen John Wayne auf, der ihn als Darsteller für eine gerade in Produktion gehende TV-Western-Serie empfahl: „Gunsmoke“ (dt. „Rauchende Colts“). Der Rest ist Geschichte – eine Geschichte, die zwanzig Fernseh-Jahre (1955-1975) und 635 Episoden plus fünf TV-Spielfilme (1987-1994) dauerte, in denen Arness den Marshall Matt Dillon verkörperte.

Ein den jungen Kollegen ebenbürtiger Hauptdarsteller ist Edmund Gwenn (1877-1959), der während des Drehs bereits 76 Jahre alt war und sowohl schwer an Arthritis als auch an der Wüstenhitze litt. Als Dr. Harold Medford erfüllt er einerseits die Hollywood-Klischees des verschrobenen, weltfremden, zerstreuten Gelehrten, ohne dabei andererseits lächerlich oder inkompetent zu wirken: Wenn Medford das Ende der Welt beim Versagen im Kampf gegen die Ameisen beschreibt, glaubt man ihm sofort.

„Im Ameishaufen wimmelt es …“

… zitiert Dr. Medford – zweifellos nur in der deutschen Fassung – Wilhelm Busch und dessen „Naturgeschichtliches Alphabet“ (1860). Gewimmel ist in „Formicula“ jedoch nicht zu sehen. Spezialeffekte sind teuer, aber hier entschied man sich, keine echten Ameisen zu filmen, um die Aufnahmen dann so in den Film zu montieren, als ob riesige Insekten winzigen Menschen gegenüberstünden – ein weiser Beschluss, da solche Tricks in der Regel eher schlecht („The Deadly Mantiss“, 1957) als recht („Tarantula“, 1955) funktionieren und sofort als solche erkannt werden.

Die Ameisen wurden deshalb sämtlich in Lebensgröße gebaut. Wenn die Darsteller mit ihnen interagieren, sind sie sichtbar gleichzeitig im Bild. Dass die Groß-Modelle aus heutiger Sicht eher putzig als erschreckend wirken und auch ziemlich unbeweglich sind, ändert nichts an der Dynamik dieser Szenen, zumal Drehbuch und Regie den ersten Ameisen-Auftritt so eindrucksvoll gestalten, dass der Zuschauer das Wissen, hydraulisch angetriebene Kunst-Monster zu sehen, ebenso bereitwillig und erfolgreich ausblendet wie die Tatsache, dass budgetschonend nie mehr als drei Ameisen gleichzeitig gezeigt werden. Damit ist der Film-Spaß komplett. Zumindest im Film tragen die Ameisen den Sieg davon – mit der ihnen unterstellten Erbarmungslosigkeit haben sie der Langeweile den Garaus gemacht …

DVD-Features

Die deutsche DVD-Ausgabe von „Formicula“ ist 2003 erschienen. Optisch wirkt sie irritierend mit ihrem rot-lilafarbenen, auch sonst knallbunten Cover, auf dem zwei Riesenameisen durch geschlitzte Katzenpupillen böse auf den Betrachter starren. (Im Film sitzen dort ordnungsgemäß Facettenaugen.) Die Features beschränken sich auf den (gewohnt reißerischen) Trailer, einen dreiminütigen Blick hinter die Kulissen und eine Fotogalerie (25 Bilder).

Der Film selbst erfreut durch ein bemerkenswert klares und störungsarmes Schwarzweiß-Bild. Nur manchmal zeigen sich kleine Sprünge. Im Wissen um das Entstehungsjahr von „Formicula“ ist damit gut zu leben. Leider konserviert die DVD das Bildformat 4 : 3, in dem der Film seit 1974 vom deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird. Erfreulich ist die Übernahme der alten Synchronfassung von 1960, die sehr gut geriet und mit ihren zum Teil aus dem Mode gekommenen Ausdrücken („Süßschnabel“) und kuriosen Eindeutschungen („Macht mich zum Spieß von der Sauf-Kompanie!“) den nostalgischen Charakter des Films unterstreicht. (Selbst die ‚Übersetzung‘ des Titels zeugt von gelungener Ironie: Das lateinische „formicula“ bedeutet „kleine Ameise“.) Irgendwann sollte „Formicula“ dennoch akustisch überarbeitet werden, denn Dolby-Digital-1.0-Mono-Ton ist eindeutig zu viel der Nostalgie!

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Formicula
Originaltitel: Them! (USA 1954)
Regie: Gordon Douglas
Drehbuch: Ted Sherdeman, Russell Hughes
Kamera: Sidney Hickox
Schnitt: Thomas Reilly
Musik: Bronislau Kaper
Darsteller: James Whitmore (Ben Peterson), Edmund Gwenn (Dr. Harold Medford), Joan Weldon (Dr. Patricia „Pat“ Medford), James Arness (Robert Graham), Onslow Stevens (General Robert O’Brien), Sean McClory (Major Kibbee), Chris Drake (Ed Blackburn), Mary Ann Hokanson (Mrs. Lodge), Don Shelton (Fred Edwards), Fess Parker (Alan Crotty), Olin Howlin (Jensen) uva.
Label/Vertrieb: Warner Home Video
Erscheinungsdatum: 16.01.2003 (DVD)
EAN: 7321921111914 (DVD)
Bildformat: 4 : 3 (1,33 : 1, anamorph)
Audio: Deutsch: Dolby Digital 1.0 Mono (Deutsch, Englisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch/Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch/Englisch für Hörgeschädigte, Türkisch, Schwedisch, Finnisch, Holländisch, Französisch, Spanisch, Polnisch, Griechisch, Tschechisch, Isländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min.
FSK: 12

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