Fragile – A Ghost Story

Originaltitel: Frágiles (ES/GB 2005)
Regie: Jaume Balagueró
Drehbuch: Jaume Balagueró u. Jordi Galceran
Kamera: Xavi Giménez
Schnitt: Jaume Martí
Musik: Roque Baños
Darsteller: Calista Flockhart (Amy Nicholls), Richard Roxburgh (Robert Marcus), Elena Anaya (Helen Perez), Gemma Jones (Mrs. Folder), Yasmin Murphy (Maggie), Colin McFarlane (Roy), Michael Pennington (Marcus), Daniel Ortiz (Matt), Susie Trayling (Susan), Lloyd F. Booth Shankley (Simon), Ivana Baquero (Mandy) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien Gmbh
Erscheinungsdatum: 25.05.2007 (DVD) bzw. 24.11.2006 (DVD/Special Edition u. DVD/Limited Special Edition)
EAN: 4013549871884 (DVD) bzw. 4013549971881 (DVD/Special Edition) bzw. 4013549971883 (DVD/Limited Special Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min.
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)

Das geschieht:

Nach einem psychischen Zusammenbruch kehrt Amy Nicholls erstmals in ihren Job als Kinder-Krankenschwester zurück. Auf der Isle of Wight vor der südenglischen Küste wird das alte Mercy-Falls-Krankenhaus aufgegeben. Nur noch wenige Patienten warten auf den Abtransport. Darunter befinden sich einige Kinder, die aufgrund schwerer Krankheiten eine Weile ausharren müssen.

Amy weiß nicht, dass es im Mercy Falls umgeht: In der schon 1959 abgesperrten und nie geräumten zweiten Etage geistert angeblich das „mechanische Mädchen“ Charlotte herum. Von den klugen Ärzten wird dieses ‚Gerücht‘ natürlich ignoriert und von der strengen Oberschwester Folder unterdrückt, aber Schwester Susan, Amys Vorgängerin, hat nach diversen unheimlichen Erfahrungen die Flucht ergriffen.

Unter den kleinen Patienten des Mercy Falls sticht die sterbenskranke Maggie hervor. Wie Amy ist auch sie ein Waisenkind, was die beiden sofort verbindet. Maggie hat Charlotte bereits mehrfach gesehen und weiß, wieso sie aktuell besonders intensiv spukt: Sie will nicht, dass Mercy Falls verlassen wird und sie einsam zurückbleibt.

Naturgemäß ist auch Amy zunächst skeptisch. Dr. Marcus, der ein Auge auf sie geworfen hat, Kollegin Helen, Hausmeister Roy und Oberschwester Folder wiegeln erst recht ab und halten Amy für hysterisch. Aber während der Nachtschicht ertönen aus dem zweiten Stock seltsame Geräusche. Risse brechen in den Wänden auf, Maggies Buchstabenwürfel legen sich zu drohenden Botschaften.

Als die endgültige Räumung des Krankenhauses bevorsteht, lässt der Geist alle Rücksicht fahren. Im Schutz eines schweren Unwetters riegelt er Mercy Falls von der Außenwelt ab. Die Kinder sollen bleiben – lebendig oder noch besser tot, während Ärzte und Personal als Feinde eingestuft und knochenbrechend beseitigt werden …

Aus traurig wird tragisch – und tödlich

Fragil – also zerbrechlich – ist nicht nur der Titel, sondern auch das Motto dieses Films. Immer wieder thematisiert Regisseur und Drehbuch-Mitautor Jaume Balagueró die Empfindlichkeiten der menschlichen Existenz. Ein Gespenst mit gläsernen Knochen treibt sein Unwesen; eine bizarre aber reale Krankheit, die hier zum Auslöser einer traurigen Rache wird. Der Geist verletzt und tötet, aber nicht Bosheit ist sein Motiv, sondern die Angst vor der Einsamkeit.

Fragil sind die Kinder, die im Mercy Falls auf ihre Gesundung warten, die in manchen Fällen nicht nur auf sich warten lässt, sondern nie eintreten wird. Maggie ist eine Todeskandidatin. Sie weiß es, und Balagueró lässt keinen Zweifel daran, dass sie ihrem Schicksal nicht entkommen wird.

Fragil ist im Mercy Falls die Barriere zwischen den Welten. Balagueró lässt zwei skurrile alte Damen auftreten. Sie erklären, wie es möglich ist, dass Bewohner des Diesseits mit dem normalerweise unzugänglichen Jenseits Kontakt aufnehmen können: Sie müssen dem Tod geweiht sein, was ihre Sinne schärft sowie einen Tunnel zwischen den Sphären schafft. (Freilich erklärt dies nicht, wieso der Geist auch jene piesacken kann, die sehr lebendig sind und dies auch bleiben; ein Rätsel, das jederzeit ungelöst bleibt. Balagueró zieht sich unbekümmert – oder dreist – aus der Affäre, indem er diesen Zwiespalt offen zur Sprache bringt und so vom Tisch fegt: „Manche Frage bleibt besser unbeantwortet.“)

Fragil ist die Situation im Mercy Falls. Das Krankenhaus liegt in einem abgelegenen Winkel der Insel of Wight, ist also doppelt abgeschieden. Balagueró zeigt uns in einem langen Vorspann, wie kompliziert die Anfahrt per Schiff, Bahn und schließlich Automobil ist. Handys funktionieren vor Ort nicht, der Krankenhausbetrieb ist in Auflösung begriffen. Ärzte und Personal sind abgelenkt.

Fragil sind schließlich die beiden Hauptfiguren. Maggie ist ein Kind und wird sterben, was sie genau weiß. Amy ist nach einem traumatischen Erlebnis nicht nur labil und auf Beruhigungstabletten angewiesen, sondern auch körperlich schmal und wenig widerstandsfähig.

Die gute, alte Geistergeschichte

Jaume Balagueró möchte uns eine Geistergeschichte erzählen. Dies generiert einige Risiken. „Grusel“ wird im modernen phantastischen Film oft mit „Horror“ gleichgesetzt. Klassische Geister spuken jedoch eher im Hintergrund. Sie bleiben dort so lange wie möglich und deuten ihre Existenz höchstens an. Mit den Protagonisten müssen die Zuschauer sich ihr Wirken aus Puzzlestücken erschließen. Mit der Schaffung einer ambivalenten Atmosphäre, die stets die Täuschung als Erklärung ebenso ermöglicht wie die Realität einer erschreckenden Manifestation, kann diese spannende Ungewissheit unterstützt werden.

Balagueró hat diesbezüglich seine Hausaufgaben gemacht. „Fragile“ bietet ein Geisterhaus der besonders gruseligen Sorte. Schon ein modernes und auf Hochbetrieb laufendes Krankenhaus wirkt unheimlich. Zwar zum Wohle der Patienten aber eben doch schmerzhaft wird dort gespritzt, geschnitten und gestrahlt. In der Vergangenheit wurden Krankheiten mit Methoden behandelt, die im Rückblick wie Folter wirken – eine Tatsache, die Teil der Hintergrundstory ist.

Mercy Falls ist nicht nur alt, sondern auch verwinkelt und vor allem weitgehend verlassen. Wo es vor Menschen wimmeln sollte, ist es düster und daher doppelt unheimlich. Zudem gibt es eine zweite Etage, die nach einem gut vertuschten Skandal vor vielen Jahren einfach abgeriegelt wurde: eine ideale Brutstätte für Spuk sowie eine reizvoll verrottete Kulisse, in die es die neugierige Amy selbstverständlich verschlagen wird.

Grusel nach Plan

Was uns zum Drehbuch bringt, dem man nicht den genretypischen Ablauf oder einschlägige Ghost-Story-Klischees, sondern das unentschlossene Schwanken zwischen Atmosphäre und Effekt vorwerfen muss. In den ersten beiden Dritteln folgt die Handlung dem Prinzip des allmählichen Spannungsaufbaus. Aus Ahnungen werden Gewissheiten, Spuren werden gefunden, verfolgt, missinterpretiert und schließlich gedeutet.

An sich ist auch der Höhepunkt klassisch: „Fragile“ gipfelt in der Konfrontation mit dem Spuk. Zuvor gelingt Balagueró eine überraschende Wendung, die das bisher ‚Erklärte‘ noch einmal auf den Kopf stellt. Damit scheint seine Ideenkraft allerdings erschöpft zu sein. Buchstäblich mit Donnergetöse und plump betritt unser Krankenhaus-Gespenst nicht nur aufgrund seiner Behinderung die Szene. Fliesen springen, Lampen fallen von den Decken, Wände und Fußböden bersten. Die Tricktechniker übernehmen die Herrschaft, und unter ihnen dominieren die CGI-Hexer, die jedoch nicht über das Budget verfügen, die digitale Herkunft der Verheerungen gänzlich zu verwischen.

Für einen nur isoliert vom Vorgeschehen betrachtet gelungenen Epilog opfert Balagueró sogar das direkte Duell zwischen Heldin und Spuk; der Geist verschwindet plötzlich aus dem Geschehen, das daraufhin eine interessante Wendung nimmt; der Zuschauer fragt sich dennoch irritiert, wie und wieso Amy plötzlich obsiegen konnte.

Die Kunst des Gruselns

Filme wie „Fragile“ hängen in ihrer Wirkung stark von den Schauspielern ab. Solange der Geisterspuk vor allem Ahnung bleibt, spiegelt sich das Grauen primär in den Gesichtern der Darsteller. Balagueró erhöht das Risiko, indem er gleich mehrere Rollen mit Kindern besetzt, die das Schauspielen nicht gelernt haben, sondern Furcht und andere Gefühle ‚natürlich‘ spielen. Dies kann fürchterlich scheitern und einen Film zugrunderichten, wofür jeder leidgeprüfte Zuschauer ein Lied singen bzw. einschlägige Beispiele nennen kann. Dagegen hat Balagueró Glück. Seine kleinen Darsteller gehen jederzeit überzeugend in ihren Rollen auf. Dies trifft erst recht auf Yasmin Murphy zu. Sie ist niemals sentimental als totkranke Maggie, die nur scheinbar ungerührt auf ihr Ende wartet.

Wie kommt ausgerechnet die US-Amerikanerin Calista Flockhart in eine spanisch-britische Co-Produktion, die auf der Ärmelkanal-Insel Wight spielt? Sie repräsentiert offensichtlich den Versuch, „Fragile“ für einen internationalen Markt attraktiv zu machen. Die Geschichte könnte problemlos in Balaguerós spanischer Heimat spielen. Doch er konnte seinen Film nur mit ‚ausländischem‘ Geld realisieren. Mit einem ‚Star‘ in der Hauptrolle konnte er potenzielle Investoren zusätzlich ködern.

Spuksache Dünne Frau

Calista Flockhart sah sich 2005 in einem Dilemma: In 112 Episoden hatte sie zwischen 1997 und 2002 die Titelrolle der ungemein erfolgreichen TV-Serie „Ally McBeal“ gespielt. Nach deren Ende war sie festgelegt auf die erfolgreiche, selbst im Scheitern stets niedliche, kleinmädchenhafte, anzüglich-anziehende Identifikationsfigur für alltagsgebeutelte Zuschauerinnen. „Fragile“ war erst Flockharts zweite Rolle nach „Ally McBeal“; offen bleibt, ob Balagueró sie hätte anheuern können, wäre ihre Karriere nicht ins Stocken geraten.

Flockhart legt sich mächtig ins Zeug. Meist kaum geschminkt und durchaus ihr wahres Alter offenlegend, dazu vom kühlen Krankenhaus-Licht unvorteilhaft ausgeleuchtet, mit sparsamer Mimik die depressive Persönlichkeit ihrer Figur unterstreichend und auf die sachten Annäherungsversuche des netten Doktors geradezu panisch reagierend, versucht sie Allys langem Schatten zu entkommen. (Dass man ihr für die deutsche Fassung erneut die Ally-Stimme unterschob und ihr Bemühen damit sabotierte, ist nicht Flockhart anzulasten.)

Zu fragil für einen ganzen Film

Sympathien kann diese Amy Nicholls freilich kaum wecken, obwohl „Fragile“ auch die Geschichte einer (= ihrer) geistigen Gesundung erzählen möchte. Amy stellt sich nicht nur oder nicht einmal primär einem bösen Geist, sondern den Schrecken, die das eigene Hirn frischhält. Sie hat einen verhängnisvollen Fehler begangen, der nun in einer Endlosschleife vor ihrem inneren Auge abläuft. Doch hinter Amy schimmert Ally immer noch so deutlich hervor, dass man ihr die Figur nicht wirklich glaubt.

So bleibt „Fragile“ trotz einer über weite Strecken spannenden, sorgfältig und wunderbar düster in Szene gesetzten sowie gut gespielten Geschichte hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Mischung aus spanischen und englisch-amerikanischen Elementen bekommt dem Film nicht, der unverdient an die steuerbegünstigten „Euro-Pudding“-Produktionen erinnert, mit denen Dutzendware für Pay-TV und Privatfernseh-Sender zusammengestoppelt wird. „Fragile“ bietet echtes Kino und Schauwerte. Bild und Ton sind überdurchschnittlich, und dass „Fragile“ ein ‚richtiger‘ Film ist, belegt abschließend die deutsche Synchron-Fassung: Hier wurden nicht wie heute so schrecklich üblich arbeitslose Porno-Stöhner und Nullstimmen-Nöler, sondern richtige Sprecher angeheuert. Das Ergebnis kann sich hören lassen.

DVD-Features

„Fragile“ erschien in Deutschland zunächst als pompöse „Special Edition“. Nr. 1 der Doppel-DVD beinhaltet den Hauptfilm (sowie diverse Werbe-Trailer für andere Filme, die der Käufer erwerben soll), während Nr. 2 eine „Fragile“-Featurette, eine „B-Roll“ sowie ein „Making of“ präsentiert: Jämmerliche 38 Minuten umfasst dieses Zusatzmaterial, das problemlos zum Hauptfilm hätte gebrannt werden können.

Die erst ein halbes Jahr später veröffentlichte Einzel-DVD ist offensichtlich die Nr. 1 der „Special Edition“; jedenfalls entfallen die genannten Features. Zur „Limited Special Edition“ wurde „Fragile“ aufgewertet, indem man den bekannten Doppelpack in einen Stahlschuber (der wohl eher aus Weißblech besteht) steckte.

[md]

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