Frankenstein’s Army

Originaltitel: Frankenstein’s Army (Niederlande/USA/Tschechische Republik)
Regie: Richard Raaphorst
Drehbuch: Chris W. Mitchell u. Miguel Tejada-Flores (nach einer Story von Richard Raaphorst)
Kamera: Bart Beekman
Schnitt: Jasper Verhorevoort
Darsteller: Alexander Mercury (Dimitri), Joshua Sasse (Sergei), Robert Gwilym (Novikov), Luke Newberry (Sacha), Hon Ping Tang (Ivan), Andrei Zayats (Vassili), Mark Stevenson (Alexei), Karel Roden (Viktor Frankenstein), Cristina Catalina (Eva), Jan de Lukowicz (‚Fritz‘), Zdenek Barinka (Hans) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 24.09.2013
EAN: 7613059804104 (DVD)/7613059404106 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 84 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Im Frühjahr des Jahres 1945 ist die sowjetische Armee an der gesamten nazideutschen Ostfront auf dem Vormarsch. Bevor die große Offensive endgültig beginnt, schickt man kleine Einheiten vor, um Stellungen auszuspähen und Hinterhalte auszuschalten. Der erfahrene Kommandant Novikov geht mit vier Männern in einen solchen Einsatz. Zu ihrem Ärger werden sie von den wenig schlagkräftigen Kameramännern Dimitri und Sacha begleitet: Sie sollen für die Wochenschau den ruhmreichen Kampf der sowjetischen Soldaten gegen die nazideutschen Faschisten in Bild & Ton festhalten.

Irgendwo im südöstlichen Hinterland des Deutschen Reiches erreicht ein Notruf die Männer: Kameraden eines anderen Stoßtrupps sind in eine Falle geraten und fordern Unterstützung an. Die angegebenen Koordinaten führen die Gruppe in ein kleines, scheinbar verlassenes Dorf. Verbrannte Leichen und geschändete Gräber deuten schauerliche Nazi-Verbrechen an. Dies wird durch den Fund einer bizarren Kreatur bestätigt, die keine Hände, sondern stählerne Klauen hat. Unbeabsichtigt zum ‚Leben‘ erweckt, tötet sie Novikov und alarmiert die Bewohner des keineswegs aufgegebenen Ortes, der sich als geheimes Labor entpuppt.

Viktor Frankenstein, ein Enkel des gleichnamigen Wissenschaftlers, ist in das Familiengeschäft eingestiegen. Anders als sein Großvater beschränkt er sich beim Monsterbau nicht auf Leichen, sondern setzt auch Maschinenteile und Werkzeuge ein. Es entstehen „Zombots“ – bizarre Mischungen aus Zombies und Robotern, die – da bereits tot – kaum umzubringen sind. Das ließ die Nazis aufhorchen, die verzweifelt Wunderwaffen fordern, um dem verlorenen Krieg eine Wende zu geben: Frankenstein forscht für Hitler und Himmler. Allerdings ist er völlig verrückt geworden, sodass es ihm egal ist, wer ihm unter sein Skalpell gerät. Seine Zombots müssen ihm immer neue Versuchskaninchen heranschleppen. Aktuell stehen die sechs Überlebenden von Novikovs Stoßtrupp auf Frankensteins Wunschliste. Die Männer kämpfen verzweifelt um ihr Leben – oder wenigstens um einen endgültigen Tod …

Geschmack und Unterhaltung

Filme wie „Frankenstein’s Army“ werden sicher nie die Begeisterung ernsthafter Kritiker finden. Die möglichst exzessive Ausbreitung von Blut und Eingeweiden dort, wo Mutter Natur sie gewiss nie sehen möchte, gilt als niedere Form der Unterhaltung. Hinzu kommt das Nazi-Umfeld, das zumindest hierzulande offiziell von schnöder Juxerei ausgeschlossen bleibt. Zu allem Überfluss lehnt sich diese Geschichte an die besonders verdammenswerten Gräuel an, die in diversen Konzentrationslagern von Nazi-‚Wissenschaftlern‘ wie Josef Mengele verübt wurden.

Im Ausland sieht man die Sache nicht so ernst und nutzt das „Dritte Reich“ gern als schaurige Kulisse. Die Welt ging bisher trotzdem nicht unter, was sich auch nach „Frankenstein’s Army“ kaum ändern dürfte. Dabei gäbe es mehr als genug Argumente gegen diesen Film, der höchstens eine rudimentäre Story besitzt und sich in der zweiten Hälfte auf die Präsentation immer deftiger angerichteter Schlachtplatten beschränkt. Faktisch fühlt man sich an den Ballerspiel-Klassiker „Wolfenstein 3-D“ erinnert, wenn sich der Stoßtrupp durch immer neue, düstere Gänge schlägt, in denen die Zombots auf sie warten.

Angesichts der ins Filmbild geratenden Nazi-Symbole und ob der Drastik der in liebevoller Handarbeit hergestellten Kopf-ab-Effekte hätte „Frankenstein’s Army“ als Game wohl keine deutsche Veröffentlichung erlebt. Ohnehin wundert sich der aus Erfahrung trübsinnig gewordene Freund des Splatter-Horrors, wie weit Raaphorst gehen konnte, ohne durch die Zensur-Schere gestoppt zu werden. Eine Frau wird ausgiebig verprügelt, ein Kind den Zombots vorgeworfen, ein Kaninchen totgeschlagen: Offenbar ist dies statthaft, weil es sich um Nazis handelt …

Auf sie mit Gebrüll!

Ohne diese Nachsicht blieben dem Zuschauer nur wenige Schauwerte. Allerdings stellt Regisseur Raaphorst keine weiteren Ansprüche. Ihn interessiert primär die Optik, während die Story nur Mittel zum Zweck ist. Die Dramaturgie ähnelt einem Sturm, der Meereswellen immer höher auftürmt: Von Szene zu Szene wird es blutiger, absurder, scheußlicher. Die Jagd auf Frankenstein erfordert den Abstieg in eine Hölle, in der die Teufel hoffnungslos in der Überzahl sind.

Differenziertes Schauspiel ist in diesem Umfeld nebensächlich. Wo es tatsächlich vorkommt – so gibt es ein irgendwann enthülltes Motiv für die Intrigen des Kameramanns –, ist es eher störend. Die Figuren reduzieren sich auf Typen: der erfahrene Anführer, sein besonnener Stellvertreter, der cholerische Störenfried, der unerschütterliche Haudrauf, der stille Scharfschütze, der besessene Kameramann, sein jugendlich tölpelhafter Assistent. So etwas wie ein ‚Star‘ ist höchstens Frankenstein alias Karel Roden, der u. a. im ersten „Hellboy“-Film mitwirkte. Hier vorausgabt er sich nicht und wirkt als heillos übergeschnappter Verursacher des geballten Grauens wenig überzeugend.

Eine Charakterzeichnung ist auch deshalb schwierig, weil Raaphorst seinen Film als „Found-Footage“-Mockumentary drehte. Die subjektive Sicht auf das Geschehen wurde vor allem im Horror-Genre inzwischen so überbeansprucht, dass sie das Publikum eher abschreckt. Raaphorst drückt sich um die Frage, wieso die Kamera – offenbar ein Prototyp, der bereits 1945 in Farbe und mit Ton aufzeichnet; sogar Frankenstein ist neidisch – selbst dann noch mitläuft, wenn von allen Seiten Zombots auf den Kameramann eindringen. Doch Raaphorst möchte nicht auf die Möglichkeit verzichten, produktionsbedingte Mängel als Folgen eines nur im Rohschnitt überlieferten Filmmaterials auszugeben: Wenn sich die Sicht auf eine Kamera beschränkt, entfallen beispielsweise teure Totalen auf detailreiche Großkulissen.

Ein Ort des (inszenierten) Grauens

Dabei könnte sich Raaphorst diesen Luxus leisten. Zwar gehört „Frankenstein’s Army“ zu jenen Filmproduktionen, die ein sattes Budget durch Einfallsreichtum und Improvisation ersetzen mussten. Für Blockbuster-Kulissen, die womöglich digital ‚ergänzt‘ werden, war kein Geld da. Regisseur Raaphorst suchte sich ein Gelände, das optische Opulenz ausstrahlte, und gestaltete es für seinen Film um.

Raaphorst fand diesen idealen Drehort nicht in den heimischen Niederlanden, sondern in der Tschechischen Republik. Etwa 30 km von Prag entfernt und damit noch im Bereich städtischer Infrastrukturen liegt die ehemalige Kohlengrube Mayrau. 1874 von der Prager Eisenindustrie-Gesellschaft eingerichtet, wurde hier bis 1997 gefördert. Als der Betrieb stillgelegt wurde, wandelte man ihn in ein Bergbau-Freilichtmuseum der besonderen Art um: Die Anlagen blieben so zurück, wie die Bergleute sie am letzten Arbeitstag verlassen hatten, Maschinen, Fördertürme, Werkstätten usw. wurden nicht für die Besucher ‚aufgehübscht‘.

Mayrau ist heute eine Industrieruine, die Ausmaße sind gewaltig. Da wie überall im Kulturbereich das Geld knapp ist, wurde Raaphorst mit seinem Filmprojekt willkommen geheißen. Er durfte die Einrichtungen erstaunlich großzügig in Anspruch nehmen. Sein Film ist zwar ein Kammerspiel, das sich im Inneren von Frankensteins Labor abspielt. Dies stellt sich aber als gewaltiges Labyrinth mit unzähligen, durchaus langen Gängen dar, die in riesigen Hallen münden. Dass Mayrau stets eine graue, düstere Förderstätte war, die nach der Stilllegung zusätzlich verfiel, ließ quasi von selbst imposante Kulissen entstehen.

Frankenstein-Monster mit „Star-Wars“-Dekor

Die Zombots bilden das Rückgrat von „Frankenstein’s Army“. Glücklicherweise bestehen sie hauptsächlich aus Metall und halten diese Belastung aus. Was die Verschmelzung von Mensch und Maschine angeht, lässt Raaphorst – der diese Ungetüme selbst konzipierte – seiner Fantasie nicht nur freien Lauf: Er gibt ihr tüchtig die Sporen! CGI-Effekte kommen kaum zum Einsatz, unter voluminösen Monster-Outfits schwitzen kräftige Stuntmen, die teilweise athletischen Wagemut unter Beweis stellen mussten: der „Moskito“-Zombot (mit Drillbohrer-Schnauze) bewegt sich beispielsweise auf vier überlangen Stelzenbeinen.

Einige Frankenstein-Kreationen weisen deutlich Dekor-Elemente der „Star-Wars“-Filme auf. Raaphorst macht daraus im „Making-of“ kein Geheimnis. Er hat Funktion und Bedeutung von Design am Beispiel des großen Vorbilds studiert und für seinen Film adaptiert. Dies lässt er als Hommage und humorvoll einfließen.

Natürlich kann nicht jeder Zombot beeindrucken. Da gibt es einen, der wie eine übergroße Mülltonne mit Propellern aussieht. In solchen Szenen schlägt der Horror ins Lächerliche um. Nichtsdestotrotz wundert das Ausmaß der Ablehnung, die „Frankenstein’s Army“ selbst seitens hartgesottener Gore-Groupies entgegenschlägt. Dieser Film will nie etwas anderes sein als ein B-Movie. In diesem Rahmen funktioniert er ausgezeichnet. Logik zu fordern, wo die reine Unterhaltung regiert, ist ein falscher Ansatz für Kritik. Andere Regisseure haben mit deutlich höherem Budget übel missratenen Murks fabriziert. Zu ihnen muss sich Richard Raaphorst nicht zählen. Wenn es denn ein gelungener Popkorn-Horror-Kinoabend werden soll, ist „Frankenstein’s Army“ eine gute Wahl.

DVD-Features

Die Extras zum Hauptfilm sind schmal aber unterhaltsam bzw. informativ. So beschränkt sich das „Making-of“ nicht auf die übliche Abfolge rasch hintereinander geschnittener Filmausschnitte, zwischen denen Darsteller und Regisseur in ‚Interviews‘ dreiste Lügen über das großartige Endprodukt absondern. Stattdessen gibt es echte Blicke hinter die Kamera und auf eine Produktion, die unter enormem Geld- und Zeitdruck entstand, ohne dies im Ergebnis sichtbar werden zu lassen.

Es ist interessant, Richard Raaphorst zuzuschauen. Er hat seine Laufbahn damit begonnen, imaginäre Welten zeichnerisch und konzeptionell zu gestalten. Dies prägt auch seine Arbeit als Regisseur und erklärt die Dissonanz zwischen der außerordentlich detailreichen Gestaltung und der eher vagen Figurenzeichnung: Raaphorst ist ein Mann, der die optischen Möglichkeiten einer Kulisse ausgezeichnet erkennt. Sein Sinn für Dramaturgie kann da (noch) nicht mithalten.

Aufgespielt wurde sonst nur der Trailer.

Im Internet gibt es diese offizielle Website.

Kurzinfo für Ungeduldige: Ein sowjetischer Stoßtrupp gerät 1945 in das Labor des Frankenstein-Enkels Viktor, der auf der Suche nach der ultimativen Nazi-Geheimwaffe Leichen- und Maschinenteile zu „Zombots“ verschmilzt und sich über Frischfleisch stets freut … – Mit ungemein derben und ‚handgemachten‘ Ekeleffekten gespickte Dünn-Story, die in ihrem absurden Rahmen allerdings funktioniert.

[md]

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