Frontiers FSK18Fünf Bankräuber geraten auf der Flucht in die Gewalt irrer Nazi-Menschenfresser. Der Kampf ums nackte Leben wird buchstäblich bis aufs Messer geführt, Pardon weder gegeben noch erwartet … – Formal beachtlicher, inhaltlich jedoch einfallsarmer, sogar langweiliger Euro-Splatter, der in der deutschen Fassung zu allem Überfluss plump geschnitten wurde: enttäuschend.

Das geschieht:

Gewalttätige Ausschreitungen in den Pariser Vorstadtghettos nutzen Kleingangster Alex und seine drei Kumpane Tom, Sami und Farid sowie Samis Schwester Yasmine – Alex‘ Freundin – als tarnende Kulisse für einen Banküberfall. Der Coup gelingt, aber die Polizei erscheint trotzdem auf der Szene. Nach einem heftigen Feuergefecht können die Räuber zwar entkommen, doch Sami wird in den Bauch geschossen und erliegt wenig später seinen Verletzungen.

Die Überlebenden flüchten aufs Land; sie planen in den Niederlanden unterzutauchen. Im Niemandsland der französisch-deutschen Grenze wollen sie sich zuvor eine Nacht ausruhen. Der Fund einer einsam gelegenen und verlassenen Gaststätte erscheint deshalb als Glücksfall, was sich jedoch schnell als schrecklicher Irrtum herausstellt: In dem Restaurant sowie in einem nahe gelegenen und vor langer Zeit aufgegebenen Bergwerk herrscht Alt-Nazi von Geissler über seine ‚Familie‘ degenerierter Kannibalen.

Alex und seine Gefährten sind vom Regen in die Traufe geraten. Von Geissler und seine Brut gieren nach frischem Fleisch für ihre Speisekammer. Mit Yasmine hat der irre Nazi besondere Pläne: Sie soll seinem Sohn Karl als Braut und Mutter einer ‚blutreinen‘ Superrasse dienen.

Flucht ist sinnlos; Geisslers Sippe lauert überall. Mann für Mann müssen die Räuber ihr Leben lassen. Yasmine gedenkt sich indes nicht in ihr grausames Schicksal zu fügen. Sie ist bereits von Alex schwanger, und dieses Wissen weckt in ihr ungeahnte Kräfte. So nimmt sie den Kampf gegen die Nazis auf und zeigt sich dabei nicht weniger rücksichtslos als ihre Gegner …

Wer angibt, hat mehr vom Leben …

„Frontier(s)“: ein Splatter-Orgie, die eindeutig beweist, dass auch die Europäer dieses Genre inzwischen perfekt beherrschen. Das gilt nicht nur, wenn man „Perfektion“ auf das reine Filmhandwerk beschränkt, sondern – leider – auch in Bezug auf die dem Foltern & Schlachten zu Grunde gelegte Story, die von bestürzender Schlichtheit und nicht zu beschönigender Dämlichkeit ist. „Texas Chainsaw Massacre“, „House of 1000 Corpses“, „Wrong Turn“, „The Hills Have Eyes“ … Die Kette der Streifen, die praktisch die gleiche Geschichte wie „Frontier(s)“ erzählen, ist problemlos verlängerbar. Das Beharren auf einem einfachen aber funktionstüchtigen Plot ist im Horrorfilm gang und gäbe. Regisseur und Drehbuchautor Xavier Gens versucht sich jedoch zusätzlich in europäischer Filmkunst – und begibt sich damit völlig unnötig auf einen Weg, der die Story vollends ins Abseits steuert.

In den ersten zehn Minuten ist „Frontier(s)“ ein völlig anderer Film. Gens zeigt authentische Bilder von den großen Unruhen in den Pariser Banlieues (2005). Die ins gesellschaftliche Abseits gedrängten Außenseiter protestierten gegen ihre hoffnungslose Situation – ein Problem, das über Frankreichs Grenzen hinaus aufmerksam zur Kenntnis genommen wurde. Einige Filme haben sich bereits kritisch und gelungen mit den Ursachen für die Aufstände beschäftigt. „Frontier(s)“ scheint sich zu ihnen zu gesellen, um sich dann abrupt in einen völlig genrekonformen Splatter mit allen einschlägigen Klischees zu verwandeln.

Was soll diese Behauptung einer sozialkritischen Relevanz, die dem Film vollständig abgeht? Die Vorgeschichte ist für die Handlung absolut unwichtig. Das Geschehen könnte problemlos einsetzen, als die fünf Bankräuber das Grenzland erreichen und unter die Nazis fallen. Neue Frage: Warum müssen die Peiniger Nazis sein? Weil sie zumindest als Film- und Fernseh-Buhmänner weltweit präsent sind. Gens geht es nicht einmal ansatzweise um eine logische Verknüpfung seiner Metzel-Mär mit dem Nazi-Thema. Von Geissler ist eine reine Karikatur, ein irrer Finsterling, was im französischen Original wesentlich deutlicher wird als in der Übersetzung, wenn er meist sinnfrei deutsche Sprachfetzen bellt. In Frankreich gibt es leider keine zivilisationsfreien Rednecks und Hillbillys, also müssen Nazis in die Bresche springen.

Viel Aufwand für wenig Wirkung

Lässt man Anspruch und kühl kalkulierte Geschmacklosigkeiten einmal außen vor, ist „Frontier(s)“ eine enorme Enttäuschung: eine lahme, ausgeleierte Story bar jeder Überraschung. Darüber darf man mit Recht zornig sein, denn formal wurde der Film ausgesprochen sorgfältig in Szene gesetzt, und die Schauspieler sind nicht die üblichen Schwanz-und-Titten-Teenies, die Hollywood ins geöffnete Schlitzer-Messer laufen lässt.

Die Kulissen sind toll: großzügig, bis ins kleinste Detail schön-scheußlich ausgestattet, effektvoll beleuchtet (oder in unheilvolles Dunkel gehüllt). Vor allem das alte Bergwerk ist ein wahrlich bedrückender Ort, aber auch der schmutzigste aller Film-Schweineställe sorgt für heftiges Würgen. Die Bilder wurden aufwändig ‚behandelt‘, d. h. künstlich entfärbt und meist auf erdige Töne und kaltes Blauschwarz beschränkt, um die Atmosphäre des Grauens, der Einsamkeit und der Hoffnungslosigkeit zu unterstützen. Hier wurde makellose Arbeit geleistet.

Das gilt erst recht für die Splatter-Effekte (soweit dies ‚dank‘ der deutschen Zensur beurteilt werden kann; s. u.). Unglückliche Zeitgenossen werden zerschnetzelt oder zerschossen, Achillessehnen gekappt, ein Pechvogel stürzt in eine laufende Kreissäge, ein Lagerraum hängt voller verwesender Leichen … An morbidem Einfallsreichtum herrscht definitiv kein Mangel. Nur in diesen Szenen kann „Frontier(s)“ wirklich punkten.

Perlen vor die Säue

Mitleid muss man mit den Darstellern haben. Sie beherrschen ihren Job, legen sich ohne Zurückhaltung ins Zeug; die Dreharbeiten dürften oft alles andere als vergnüglich oder bequem gewesen sein (Für ihren spektakulären Tauchgang durch eine kotige Mist-Pfütze kann man die unerschrockene Karina Testa nur bewundern!) und bleiben doch Gefangene ihrer stereotypen Rollen. Viel Zeit widmet Gens der Charakterisierung der fünf Bankräuber, von denen einer nicht einmal die Stadt lebend verlässt. Wiederum ist dieser Aufwand vergebliche Liebesmüh, weil für die Flucht vor den Nazis ohne Belang.

Die Darsteller der ‚Familie‘ Geissler dürfen ihrem Affen ordentlich Zucker geben. Vor allem Jean-Pierre Jorris, ein Veteran mit mehr als sechzig Jahren Schauspieler-Erfahrung, mimt großartig den übergeschnappten, verkommenen ‚Übermensch‘ mit gierigem Blick und geilem Faltenmund. Ex-Model Estelle Lefébure ist eine wunderschöne und brandgefährliche Gilberte, der unglaublich wandelbare Samuel Le Bihan ein rebellischer Götz, Joël Lefrançois ein unheimlicher, feister, genkranker Hans. Aurélien Wiik plagt sich mit der undankbaren Rolle des Alex, der vom verantwortungslosen Mistkerl zum selbstlosen Retter mutiert. Von den männlichen Bankräubern überzeugt am meisten Chems Dahmani als schmächtiger Farid, in dem mehr steckt als sogar seine Freunde vermuten.

Karina Testa muss sich als Yasmine durch zahlreiche Folter- und Schreckensszenen quälen, wie man sie aus „Hostel“ oder „Saw“ kennt. Sie ist ebenfalls eine gute Schauspielerin, die durch Klischees behindert wird. Wieso ist es unbedingt nötig, sie schwanger sein zu lassen, damit sie zum rasenden Muttertier mutiert und um ihr Leben kämpft? Was ohnehin mit Fortschreiten der Ereignisse immer lächerlicher wirkt. Man nimmt Yasmine mit Schrotflinten und Maschinengewehren unter Beschuss, bullige Wrestler-Grobiane nehmen sie in die Mangel, sie ‚versteckt‘ sich erfolgreich in einem Gelände, das ihre Verfolger eigentlich bis ins in die letzten Winkel kennen müssten: Durchgewalkt wie ein Steak entkommt sie trotzdem nicht nur immer wieder, sondern radiert ihre Peiniger sämtlich aus.

Zensur mit obligatorischem Schaum vorm Mund

Vertierte Menschenschlächter schwelgen in Blut & Gekröse: Schon diese Ausgangssituation lässt die deutsche Zensur – die es angeblich nicht mehr gibt, während sie tatsächlich als „Freiwillige Selbstkontrolle“ (FSK) bzw. „Juristen-Kommission der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft“ (SPIO) ihr Werk verrichtet – gewissenhaft aufhorchen. Mischt ein Filmemacher indes noch Nazis in die blutige Suppe, kann er sich von seinem originalen Werk verabschieden. Mit Pawlowscher Präzision beginnt das Räderwerk zu arbeiten und auf eigene Weise zu zerstückeln, was so zum Wohle des Volkes nicht sein darf.

„Frontier(s)“ ist kein Film, um den man trauern müsste; dafür ist er zu schlecht. Er ist jedoch ein Exempel für die Praktiken von Institutionen, die aufgrund ihrer notorisch subjektiven Entscheidungen schwer oder gar nicht durchschaubar sind. Auch die Filmverleihfirmen mischen – wohl oder übel – in diesem Spiel mit; man lasse sich durch das Prüfzeichen „keine Jugendfreigabe“ keinesfalls täuschen: Diese deutsche (Verleih-) Fassung ist dennoch um drei Minuten geschnitten, und das mit einer Grobschlächtigkeit, die dem Fan offenbar nachdrücklich den Spaß an solchem ‚Schund‘ verderben und ihn auf die Krankhaftigkeit seiner Vorlieben hinweisen soll. Noch ergeht es den armen Zuschauern, die „Frontier(s) als „FSK-18“-Kauf-DVD oder -Blu-ray erwerben. Sie müssen auf acht Minuten verzichten und sich im Kopf einen Film zusammensetzen, der auf dem Bildschirm in dieser Form völlig sinnlos geworden ist.

Nur die österreichischen Splatter-Freunde kommen in den Genuss der vollen Laufzeit. Hier sieht der Staat seine Bürger anscheinend nicht als potenzielle Amokläufer, die vor sich selbst geschützt werden müssen. Damit der Wahn- bzw. Schwachsinn endgültig Methode bekommt, ist es dem deutschen Zuschauer durchaus gestattet, sich diese „Uncut“-Fassung zu beschaffen.

DVD-Features

Mit „Frontier(s) soll dem deutschen Splatter-Fan wieder einmal das Geld aus der Tasche gezogen werden. Dass die „kJ“-Fassung geschnitten ist, bleibt auf dem Cover selbstverständlich unerwähnt. Hier wird mit einem richtig harten Blutspritz-Fest geworben, das sich der wahre Aficionado ungern entgehen lassen (und von dessen Kauf man ihn natürlich ungern abschrecken) möchte.

Mit diesem Wissen werden diverse Features („Making of“, Audiokommentar, Storyboard-Featurette, „Deleted Scenes“, 10 Skyblog-Videos), die problemlos mit auf die Hauptfilm-DVD gepasst hätten, auf eine zweite Scheibe gebrannt und dieses Paket als „Special Edition“ angepriesen. Beibehalten wird übrigens der um acht Minuten geschnittene Hauptfilm … DAS ist gruselig!

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Frontier(s) – Kennst du deine Schmerzgrenze?
Originaltitel: Frontière(s) (Frankreich 2007)
Regie u. Drehbuch: Xavier Gens
Kamera: Laurent Barès
Schnitt: Carlo Rizzo
Musik: Jean-Pierre Taieb
Darsteller: Karina Testa (Yasmine), Aurélien Wiik (Alex), David Saracino (Tom), Chems Dahmani (Farid), Jean-Pierre Jorris (von Geisler), Patrick Ligardes (Karl), Samuel Le Bihan (Götz), Joël Lefrançois (Hans), Maud Forget (Eva), Amélie Daure (Klaudia), Estelle Lefébure (Gilberte), Adel Bencherif (Sami), Rosine Favey (Mutter) u. a.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 24.10.2008 (DVD u. 2-Disc-Special-Edition)/06.08.2010 (Blu-ray) bzw. 30.10.2008 (uncut – Achtung: nur in oder über Österreich erhältlich)
EAN: 4041658221856 (DVD)/4041658251853 (2-Disc-Special Edition)/ 4041658291859 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1 anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge (DVD): 96 min. (FSK 18, geschnitten), 101 min. (keine Jugendfreigabe, geschnitten); 104 min. (uncut)
FSK: 18

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