Im alten Blackgate-Gefängnis sterben die Gefangenen wie die Fliegen. Ein Polizist und die Knast-Psychologin finden heraus, dass nicht Korruption oder Machtmissbrauch, sondern ein mordlüsternes Gespenst aus der düsteren Vergangenheit des Hauses hinter den Todesfällen steckt … – ‚Kleiner‘, bedrückend unterfinanzierter Thriller, der aus seinem geringen Budget eine Tugend zu machen weiß, sich nicht in Ekel-Orgien flüchtet und überraschend gut besetzt ist, während die Story über zahlreiche Logiklöcher ihrem Finale entgegen holpert: solide Durchschnittskost für den nicht verwöhnten Horrorfan-Magen.

Das geschieht:

Das Blackgate-Gefängnis im US-Staat Tennessee entstand in den 1860er Jahren auf verfluchtem Grund, was freilich niemand wusste – oder störte, denn schließlich sitzt hier nur krimineller Abschaum ein, der in den USA traditionell malträtiert wird. In letzter Zeit ist die Todesrate unter den Gefangenen freilich so stark angestiegen, dass es sich nicht mehr vertuschen lässt. Detective Michael Turner ermittelt – und stößt unter den Wärtern auf einen alten Erzfeind: Frank Miller war früher selbst Polizist, bevor ihn Turner wegen seiner Brutalität anzeigte und er gefeuert wurde. Jetzt schurigelt Miller Sträflinge, verkauft ihnen heimlich mieses Rauschgift und hasst Turner aus tiefster Seele.

Der lernt die hübsche Gefängnis-Psychologin Ashley Carter kennen und kommt dem Geheimnis von Blackgate allmählich auf die Spur: Nachdem der Südflügel vor fünf Jahrzehnten nach einem Brand aufgegeben wurde, will man ihn nun renovieren und wieder nutzen. Doch in dem uralten Gemäuer lauern Gespenster, die ihre Opfer entweder in den Wahnsinn treiben oder sie mit dem Feuer der Hölle verbrennen.

Die einzige Möglichkeit, den Horror zu stoppen, liegt in der Antwort auf die Frage, welches Motiv die Geister morden lässt. Der alte Simon, der lebenslänglich einsitzt, nachdem er 50 Jahre zuvor angeblich den damaligen Direktor von Blackgate umbrachte, weiß sicherlich mehr. Leider ist er völlig wahnsinnig.

Frank Miller plagen eigene Sorgen. Turners Untersuchung könnte seinen lukrativen Drogenhandel auffliegen lassen. Deshalb plant er den Polizisten umzubringen. Dadurch ist Miller abgelenkt und übersieht, dass die Gefangenen Fury und Terrence den Ausbruch planen. Im alten Krematorium des Südflügels treffen die verschiedenen Parteien aufeinander – eine verlustreiche Begegnung, zumal sich die Gespenster zu ihnen gesellen …

Geistergeschichte mit leichten Splatter-Einlagen

Das Blackgate-Gefängnis gehört sicherlich zu den größten Geisterhäusern der Welt. Trotzdem ‚funktioniert‘ es nach bekannten Regeln: Vor langer Zeit geschah hier großes Unrecht, das ungesühnt blieb. Die Seelen der dabei ums Leben Gekommenen finden keine Ruhe, sondern spuken notorisch böse durch die langen, leeren Gänge, bis sie jemanden finden, an dem sie ihren Zorn und ihre Frustration auslassen können.

Doppeltes Pech, dass jene, die es trifft, hinter stabilen Gittern sitzen: Welcher Horror, plötzlich feststellen zu müssen, dass man seine Zelle mit einem missgelaunten Gast aus dem Totenreich teilt! Aus dieser Konfrontation weiß Regisseur und Drehbuchautor William Butler echte Gruselfunken zu schlagen.

Er hat „Furnace“ nicht als Sammlung möglichst fieser Metzel-Szenen, sondern als altmodische Geistergeschichte angelegt. Dafür muss man ihm dankbar sein, denn die Rechnung geht weitgehend auf. Die Story ist einfach aber einleuchtend, die Umsetzung gelungen, wenn man nicht gar zu genau hinschaut (was wir später allerdings tun werden).

Die Last der Hast

Dabei stand Butler unter gewaltigem Druck: In nur 18 Tagen musste er die Dreharbeiten abschließen; ‚richtige‘ Hollywood-Filme mit anständigem Budget entstehen in einem Mehrfachen dieser Frist. Kein Wunder, dass sich Geldnot und Hast immer wieder erkennen lassen. Im Wissen um diese Einschränkungen kann man das Ergebnis nur bewundern: „Furnace“ ist ein überraschend ansehnlicher Film, dessen Kameramann ständig kleine Wunder wirkte. Die tolle Kulisse (s. u.) wurde durch Licht und Schatten in eine Stätte echten Horrors verwandelt. Eine erstaunlich große Schar von Darstellern gibt ihr Bestes, die wenigen, sorgfältig platzierten Spezialeffekte sind gelungen.

Dennoch gibt es genug Gründe, als Zuschauer die Stirn zu runzeln. Butler überfrachtet seine Geschichte mit einer Rahmenhandlung, die für das eigentliche Geschehen völlig überflüssig ist: Der schön gestaltete Filmvorspann erzählt von einem verfluchten Ort, an dem sich seit dem frühen 17. Jahrhundert immer wieder Mysteriöses und Schreckliches ereignete. Als Blackgate genau hier errichtet wurde, setzte sich dies innerhalb der Mauern fort. Eine schöne Vorgeschichte ist das. Nur leider hat sie mit den Gespenstern, die wir dann kennen lernen, überhaupt nichts zu tun.

Angesichts des Mini-Budgets kann sich die Besetzung wie schon erwähnt sehen lassen. Natürlich treten keine Stars der A-Kategorie vor die Kamera. Doch Butler muss sich nicht wie im Horrorfilm üblich auf kostengünstig anzuheuernden Nachwuchs stützen, was Sinn macht, da „Furnace“ kein Teenie-Slasher ist.

Profis leisten ihren Job

Michael Paré ist ein mit allen Wassern des Filmgeschäfts gewaschener Darsteller. Er kennt die Höhen und Tiefen des Geschäfts genau, wie der Blick auf seine lange und an obskuren Werken reiche Filmografie belegt. Man engagiert ihn gern, denn er spielt zuverlässig und überzeugend. Mit seinem Status als Klasse-B-Schauspieler scheint er sich abgefunden zu haben.

Tom Sizemore ist theoretisch ein anderes Kaliber. Er ist in großen und guten Filmproduktionen aufgetreten und hat sich schauspielerische Meriten verdient, wurde aber aufgrund seines chaotischen Privatlebens (s. u.) nie ein echter Star. Darüber hinaus ist er kein Freund einer konsequenten Karriereplanung und stets bereit, sich für einen Film wie „Furnace“ verpflichten zu lassen.

Das gilt auch für Danny Trejo, der sich als Fließbandarbeiter der Filmindustrie sieht, jedoch über eine überwältigende Ausstrahlung verfügt, die Regisseur Butler nicht optimal einzusetzen wusste. Trejo hat und ist ein ‚Gesicht‘, mit dem sich werben lässt, weil sein Besetzung die Neugier potenzieller Zuschauer weckt, die ihn u. a. aus den drei „From Dusk Till Dawn“-Streifen kennen.

So weit ist Jenny McShane noch lange nicht. Mit bemerkenswertem Mut zum der Rolle angepassten schlichten Auftreten gibt das ehemalige Model eine glaubhafte Gefängnis-Psychologin, auch wenn dafür natürlich keine überwältigende Darstellerarbeit zu absolvieren ist.

Exkurs: Nicht sühnen, sondern leiden

Die eindrucksvolle Kulisse für seinen Film fand William Butler im US-Staat Tennessee. Im Davidson County wurde 1898 das „Tennessee State Penitentiary“ für zunächst 1400 Gefangene eröffnet. Architektonisch ist es ein Kind seiner Zeit; der monumentale aber in seiner Größe schlecht proportionierte Abklatsch einer mittelalterlichen Burg mit dicken Mauer, Türmen und Zinnen, der durchaus einschüchternd wirken sollte: Siehe, Strolch, hier landest du nun und wirst für deine Verbrechen büßen!

Was wörtlich zu nehmen ist, da Zwangsarbeit und Züchtigung zum normalen Gefängnisalltag gehörten, während „Rehabilitation“ nicht nur im Tennessee State Penitentiary als unbekanntes Fremdwort galt. Ein elektrischer Stuhl sorgte für ultimative Gerechtigkeit im US-Stil. Trotz ständiger Vergrößerungen ständig überbesetzt und hygienisch hoffnungslos veraltet, litt der Ruf der Einrichtung unter Aufständen und Massenausbrüchen. Nachdem 1989 in Nashville ein neues Hochsicherheitsgefängnis seine Pforten öffnete (die sich hinter den Gefangenen sofort wieder schlossen), wurde das Tennessee State Penitentiary 1992 endlich geschlossen; dem Staat ist gerichtlich untersagt, es jemals wieder zu öffnen. Die gewaltige Anlage steht seitdem leer und wird gern an Film- und Fernsehstudios vermietet; u. a. entstanden hier 1999 die Außenaufnahmen für „The Green Mile“.

DVD-Features

Sehr erfreulich für einen ‚kleinen‘ Film ist der Umfang der aufgespielten DVD-Extras. Neben dem obligatorischen Kinotrailer (deutsch und englisch) gibt es eine Reihe geschnittener Szenen, die von der Genese der Geschichte künden: Ursprünglich hat Regisseur Butler die Todesszenen wesentlich drastischer und deutlicher inszeniert, um später die meisten Splatter-Effekte zu eliminieren: Er hatte sich für die Geistergeschichte entschieden, die gar zu viel Blut nicht benötigt, weil sie Spannung auf andere Weise erzeugt.

Sehr interessant sind die Interviews. Oft sind die Äußerungen von Schauspielern, Regisseuren, Produzenten u. a. Filmschaffenden nur schlecht verschleierte Werbung oder ergehen sich in nichtssagenden Beweihräucherungen. Hier befragte man indes drei Schauspieler, die sich vom Gros ihrer Kollegen deutlich unterscheiden. La Rule ist einer jener Rapper, die Hollywood gern anheuert, um die farbige Jugend ins Kino zu locken. Der junge Mann ist kein Produkt versierter Image-Gestalter, sondern redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Über den Grund seiner Beschäftigung macht er sich keine Illusionen; er weiß vom Ruf der Rapper als ‚böse Jungs‘ und spielt seine Rolle, ohne sich selbst oder den Zuschauern etwas vorzugaukeln; La Rule ist ganz sicher kein Ghetto-Kid.

Danny Trejo verbrachte wegen bewaffneten Überfalls und Drogenhandels viele Jahre in diversen Gefängnissen, bevor er sich fing und die Schauspielerei für sich entdeckte. Er ist vom Leben buchstäblich gezeichnet und viel zu abgebrüht, um sich aushorchen zu lassen. Was er zu sagen hat und sagen möchte, erzählt er mit Humor und Wortwitz. Seinen Status als Nr.-1-Darsteller von Strolchen und Sträflingen im US-Film der B- und C-Kategorie kennt er genau und kann gut damit leben; Trejo gehört zu den am härtesten arbeitenden Schauspielern der Branche, die er dankbar aber abgeklärt betrachtet.

Wenn der Abspann von „Furnace“ gelaufen ist, beginnt der wahre Horrorfilm: das Interview mit Tom Sizemore. Der ist ein auch von der Kritik geschätzter Schauspieler, der sich auf die Rolle des harten Kerls mit verborgenen Schwächen spezialisiert hat. Als solcher hat er in Filmen wie „Natural Born Killers“ oder „Black Hawk Down“ Großes geleistet. Freilich leidet Sizemore seit vielen Jahren unter einem Drogenproblem, das er nicht wirklich in den Griff zu bekommen scheint. Im Interview steht er völlig neben sich, kann kaum einen Satz zu Ende bringen, springt von einem Thema zum nächsten, vermischt Infos über seine Arbeit am Film „Furnace“ mit der eigenen Lebensgeschichte. Sizemore bietet eine ebenso faszinierende wie erschreckende One-Man-Show, und die Kamera hält erbarmungslos drauf: Hier ist ein Mensch wahrlich authentisch, und das wird festgehalten, auch wenn er sich selbst vorführt. Man kann den kontrolliert spielenden Schauspieler Sizemore nur schwer mit dem Privatmann Sizemore in Einklang bringen.

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Furnace – Flammen der Hölle
Originaltitel: Furnace (USA 2006)
Regie: William Butler
Drehbuch: Scott Aronsen u. William Butler
Kamera: Viorel Sergovici
Schnitt: M. Scott Smith
Musik: Haavard Christopher Hana u. Noah Sorota
Darsteller: Michael Paré (Michael Turner), Tom Sizemore (Frank Miller), Jenny McShane (Dr. Ashley Carter), Richard Cowl (Simon Furst), Danny Trejo (Fury), Ja Rule [d. i. Jeffrey Atkins] (Terrence), Clay Steakley (Scags), Frank Knapp Jr. (Direktor White), Victoria Hester (Lucille White), L. Michele Hester (Samantha), Johnnie Oberg Jr. (DiSalvo), Kelly Stables (Karen Bolding), Muffy Bolding (Polly Bond) uva.
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 14.03.2008 (DVD)
EAN: 4041658222167 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1 anamorph)
Audio: Dolby DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min.
FSK: 18

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