1701 gerät ein englischer Kartograf in ein russisches Kosakendorf, in dem es nicht nur dämonisch umgeht, sondern auch ein tückischer Priester seine Intrigen spinnt … – Während die literarische Vorlage dreist ausgeschlachtet und die Handlung sowohl schlicht als auch holprig erzählt wird, lässt die bombastische Bildpracht dieser Spektakel-Produktion den Zuschauer mit offenem Mund staunen: zumindest optisch ein Meisterwerk, das auch kostenintensive Hollywood-Blockbuster spielend in den Schatten stellt.

Das geschieht:

Im Jahre 1701 ist der geniale aber alltagsuntaugliche (und mittellose) Jonathan Green bemüht, sich als Kartograf einen Namen zu machen. Nachdem ihn Lord Dudley mit seiner Tochter im Bett erwischt hat, beschließt Green, schleunigst eine ausgedehnte Forschungsreise anzutreten, die ihn tief in das noch unbekannte Russland führt, das er mit Landkarten dokumentieren will.

Irgendwo in der Ukraine verschlägt es Green in ein Kosaken-Dorf, über das der wilde Sotnik herrscht. Er ist nach dem Tod seiner geliebten Tochter noch immer voller Wut und Trauer: Vor einem Jahr fand man Pannochka geschändet und tot im Sumpf. Dorfpriester Otets Paisiy machte den Wij für die Bluttat verantwortlich: Der König der Erdgeister zeigt sich manchmal in Gestalt eines riesigen Ziegenbocks mit sieben Hörnern. Pannochka wird durch sein teuflisches Wirken zur Hexe, die nach ihrem Tod in der Dorfkirche ihr Unwesen treibt; so hat sie dem jungen Geistlichen Khoma Brut, der drei Nächte an ihrem Sarg die Totenmesse lesen sollte, mit Hilfe ihrer dämonischen Gefährten ein grausiges Ende beschert.

Seither schürt Paisiy die Furcht der abergläubischen Dorfleute, die ihr Dorf mit einer Palisade gegen die Brut des Wij abgeschottet haben. Sotnik, der nicht erträgt, dass die Leiche seiner Tochter noch immer unbestattet in der zugenagelten Kirche liegt, sieht in Green, dem Mann der Wissenschaft, den idealen Mittler: Er soll in dem verrufenen Gotteshaus nach dem Rechten sehen, denn Sotnik hegt zumindest den Verdacht, dass Paisiy mehr weiß, als er zugeben will. Damit liegt der Kosak richtig. Paisiy hat hochfliegende Pläne, die durch die Angst vor dem Wij begünstigt werden. Zusammen mit den zwielichtigen Brüder Overko und Dorosh intrigiert er gegen Green, Sotnik und den jungen Petrus, der seine als Hexe verunglimpfte Geliebte Nastusya retten will – vor Paisiy und vor dem Wij, der sich immer offensiver in die Ereignisse einmischt …

Augen sollen übergehen

Die Verfasser literarischer Klassiker sollten Sorge dafür tragen, rotationssicher in ihren Gräbern niedergelegt zu werden. Je länger sie unter dem berühmten grünen Rasen ruhen, desto toller treiben es die Nachgeborenen mit ihren Geschichten. Geblieben ist oft nur der Titel, der dunkle Erinnerungen an die Schulzeit, das Feuilleton – weiß heute überhaupt noch jemand, was das ist? – oder wenigstens halbwegs zur Kenntnis genommene TV-Sendungen und Video-Blogs weckt: Zwar lesen sich entsprechende Texte in der Regel zäh und langweilig, doch sie gelten als „Weltliteratur“ und besitzen damit ein „branding“, das sich kostengünstig einsetzen lässt. Zudem sind die Copyright-Rechte oft abgelaufen; ein weiterer Pluspunkt, denn gerade Filmproduzenten zahlen ungern für Nebensächlichkeiten, zu denen sie das Drehbuch zählen.

„Fürst der Dämonen“ belegt dies mit deprimierender Nachhaltigkeit. Nikolai Gogol (1809-1852) schrieb „Der Wij“ 1835, Seine Novelle ist aus moderner Sichte eine harte Kost, deren Unterhaltungswert sich ungefiltert nur sehr wenigen Lesern erschließen dürfte. Damals ging man in Sache Schrecken deutlich gemächlicher zur Sache, nahm sich Zeit für spukfreie Nebenhandlungen und mischte gar Subtext ins Geschehen, das deshalb – heute ein erschreckender Gedanke! – lehrreiche Tendenzen entwickelt! Zu bedenken ist in diesem Fall außerdem die tiefe Verwurzelung in einem durchaus fremden Kulturkreis, was einerseits reizvoll ist aber andererseits viele zeitgenössische Symbole und Anspielungen unverständlich macht.

Deshalb ist es kein Wunder, dass ein Spielfilm, in den Anno 2014 eine achtstellige Dollar-Summe investiert wird, sich auf jene Aspekte der Vorlage konzentriert, die dank moderner Tricktechnik das zahlende Publikum in Staunen versetzen. „Fürst der Dämonen“ ist trotz einiger eher ungeschickt eingeflochtener Untertöne zuerst und eigentlich nur eine Zirkusvorstellung, die Logiklöcher und Handlungsflickstellen mit Farben, Hektik und Getöse übertünchen will.

Märchenland mit wilden Kosaken

Die uneinheitliche, immer wieder durch Rückblenden und eine überflüssige Rahmenhandlung eher gebrochene als unterstützte Geschichte weist auf die krude Entstehungsgeschichte dieses Films hin. Ursprünglich war er als vergleichsweise kostengünstige aber werkgetreue Umsetzung der Novelle gedacht. Diese Vorarbeiten waren bereits weit fortgeschritten, als die Entscheidung fiel, „Fürst der Dämonen“ zum Spektakel zu vergröbern und aufzublasen, das womöglich auf dem Weltmarkt einsatzfähig bzw. lukrativ war. Dem verdanken wir u. a. die Besetzung der Hauptrolle mit einem (leidlich) prominenten englischen Schauspieler sowie eine (ähnlich besetzte) Rahmenhandlung, die in England spielt (aber in Schloss Sychrov im Norden der Tschechischen Republik entstand).

Die philosophischen Untertöne gingen über Bord, behalten wurden aus der Vorlage nur Szenen, die auch aus moderner Sicht grusel- oder wenigstens mysterytauglich waren. Noch einmal kam es zu einem radikalen Kurswechsel, als „Fürst der Dämonen“ dreidimensional wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren die Dreharbeiten bereits zur Hälfte vorbei. Allerdings wurde dieses Material nicht nachträglich konvertiert, sondern unter Berücksichtigung des optimalen räumlichen Effektes neu gedreht – ein Entschluss, der Anerkennung verdient, ist man als Zuschauer wahrlich ein durch höchstens kopfwehtaugliche 3D-Filme gebranntes Kind.

Den Augen wird wahrlich ein Fest geliefert, sie drohen dem Zuschauer nicht nur einmal überzugehen! Vor ungleich teureren Hollywood-Blockbustern muss sich „Fürst der Dämonen“ niemals verstecken. Schon die Kulissen sind atemberaubend; so wurde das nicht gerade kleine Kosaken-Dorf in Originalgröße nachgebaut und auch in den Innenräumen in Details formenreich und farbenfroh gestaltet. Sorgfältig zwischen ‚Realität‘ und märchenähnlicher Übersteigerung austarierte Panoramen zeigen in ausgezeichneter Bildqualität nächtliche, neblige Vollmondnächte, das Dorf im Licht unzähliger Feuer und Fackeln, die pittoreske Kirche am Rande eines gähnenden Abgrunds: Diese Liste könnte problemlos um die Wassermühle, der Sumpf mit dem toten Baum oder Paisiys unterirdische Labor-Höhle verlängert werden.

Es spukt nicht; es tobt!

Bereits Gogol ließ seinen Wij mächtig aufdrehen, als dieser dem ohnehin wankelmütigen Nachwuchstheologen Khoma Brut während seiner dreitägigen Totenwache erst die untote Pannochka auf den Hals hetzte und später seine Dämonen entfesselte. Im Inneren der Kirche tobt auch in „Fürst der Dämonen“ ein Kampf, der immerhin ansatzweise Gogols Intention widerspiegelt: Die Furcht vor einer Angst, die aus Khomas Glaubenszweifeln resultiert, ruft den Wij erst ins ‚Leben‘.

Was die Gestaltung dieses Hexensabbats angeht, hat sich Regisseur Oleg Stepchenko Lob verdient. Er orientiert sich am chinesischen „Wuxia“-Kino und scheut daher nicht vor Übertreibungen zurück, wenn dabei dem Zuschauer die Kinnlade auf die Brust sackt! (Das gilt leider auch für den grobschlächtigen ‚Humor‘.) Die Verwandlung einiger Kosaken in Dämonen ist in jeder Hinsicht eindrucksvoll: klassische und digitale Effekte mischen sich in selten gesehener Harmonie, wie überhaupt die Tricktechnik Außergewöhnliches leistet. Im Gedächtnis bleibt u. a. eine bemerkenswerte Szene, in der Khoma Brut im Inneren der verfluchten Kirche von einem fliegenden Sarg (!) verfolgt wird, der ihm wie ein bissiger Hai im Nacken sitzt und sich nicht abschütteln lässt. Wirklich erschreckend oder gar ernsthaft ist das aber nicht, weshalb „Fürst der Dämonen“ sehr richtig bereits ab 12 Jahren freigegeben ist.

Der Wij selbst ist die Krönung einer faszinierend grotesken Dämonentruppe, die stark an Guillermo del Toro („Pan“, „Hell Boy“) erinnert, ohne diesen nur zu imitieren. Die Charakterisierung als Erdgeist blieb dem Wij in dieser Light-Version erhalten, auch wenn der Zuschauer dies vorab wissen sollte; erklärt wird es einem jedenfalls nicht, obwohl Stepchenko gern in die Breite geht: Fast zwei Stunden währt der Kampf im Kosaken-Dorf. Dabei wurde zumindest für die europäische Fassung offenbar bereits die Schere angesetzt, denn es lassen sich Laufangaben von deutlich über 120 Minuten für diesen Film finden. Dies könnte eine Erklärung für den holprigen, allzu stakkatohaften, unnötig hektischen und verwirrenden Schnitt darstellen: Womöglich fehlen Szenen, die den Film freilich weiter in die Länge gezogen hätten.

Gesichter hinter Masken, Halbglatzen & Kosaken-Zinken

Die meisten Schauspieler sind dem europäischen Publikum unbekannt, auch wenn viel Ost-Prominenz für diesen Film engagiert wurde. Es dürfte jedoch selbst den Eingeweihten schwerfallen, diese Darsteller unter ihren Masken zu erkennen: Kosaken sind wilde Gesellen mit gigantischen Schnauzbärten unter gewaltigen Nasenzinken! Ihr Haar ist auf der einen Kopfseite geschoren, während es auf der anderen Seite lang wachsen darf. Die Gesichter sind zerfurcht und wirken wie aus Baumwurzelkloben geschnitzt. Da diese Kosaken außerdem Rabauken und meist betrunken sind, fällt es schwer, sie auseinanderzuhalten. Dies verstärkt ein Drehbuch, das die Figurenzeichnung höchstens andeutet und sich lieber auf Klischees verlässt.

West-Import Jason Flemyng ist ein fähiger und ungemein fleißiger Schauspieler. Er gibt dem Kartografen Green ein sympathisches Gesicht als naiver aber durchaus abenteuertauglicher Fremdling, der freilich einen Lernprozess darstellen muss, der dem Film einen Twist verschaffen soll: Die Umtriebe des Wij entpuppen sich als von Menschen geschaffenes Blendwerk, und seine zwischenzeitlich aufgetretenen aber nun ausgeräumten Zweifel lassen Green als Mensch und Wissenschaftler reifen.

Leider funktioniert der Twist nicht, weil die ‚Erklärungen‘ nicht wirklich greifen. Ignoriert werden beispielsweise die (vom Zuschauer keineswegs vergessenen) Nebelwölfe, die Green im Wald attackieren. Außerdem ahnt das Publikum, dass es ungeachtet aller Rationalität tatsächlich umgeht. Für einen ‚ulkiger‘ Finalgag sowie einen Blick in die Hölle wird die aufwändig wiederhergestellte, spukfreie Realität dann auch problemlos wieder über den Haufen geworfen.

Die inhaltliche Inkonsistenz mindert den Unterhaltungswert dieses formal brillanten Werkes erheblich. Dem Kassenerfolg hat dies zumindest in den Entstehungsländern keinen Abbruch getan. Deshalb werden einer der letzten Szenen Taten folgen: Green steuert mit seiner Hightech-Kutsche das ferne China an. Dort wird die inzwischen beschlossene Fortsetzung tatsächlich spielen. Man darf gespannt sein, denn chinesische „Wuxia“- und Martial-Arts-Spezialisten wurden bereits angeheuert!

DVD-Features

Für die altmodischen (und vor allem geizigen) DVD-Käufer gibt es keine Extras; diese (= Making-of, B-Roll, Interviews etc.) bleiben den Blu-ray-Versionen vorbehalten.

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Fürst der Dämonen
Originaltitel: Buŭ/Viy/Forbidden Empire (Russland/Ukraine/Tschechische Republik 2014)
Regie u. Schnitt: Oleg Stepchenko
Drehbuch: Aleksandr Karpov u. Oleg Stepchenko (nach der Novelle von Nikolai Gogol)
Kamera: Vladimír Smutný
Musik: Anton Garcia
Darsteller: Jason Flemyng (Jonathan Green), Andrey Smolyakov (Otets Paisiy), Yuriy Tsurilo (Sotnik), Aleksey Chadov (Petrus), Olga Zaytseva (Pannochka), Agniya Ditkovskite (Nastusya), Aleksandr Yakovlev (Overko), Igor Jijikine (Dorosh), Aleksey Petrukhin (Khoma Brut), Anatoli Gushchin (Gorobets), Aleksandr Karpov (Panas), Ivan Mokhovikov (Khalyava), Aleksey Ogurtsov (Spirid), Alexey A. Petrukhin (Khoma), Nina Ruslanova (Zhena Yavtukha), Oleg Taktarov (Gritsko), Anna Churina (Miss Dudley), Charles Dance (Lord Dudley) uva.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 02.07.2015
EAN: 4041658120326 (DVD)/4041658190329 (Blu-ray)/4041658170321 (3D-Bluy-ray)/4041658140324 (Limited-Edition-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 107 min. (Blu-ray: 111 min.)
FSK: 12

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