Gallowwalkers

Originaltitel: Gallowwalkers (USA 2006/12)
Regie: Andrew Goth
Drehbuch: Andrew Goth u. Joanne Reay
Kamera: Henner Hofmann
Schnitt: Rudolf Buitendach
Musik: Stephen Warbeck
Darsteller: Wesley Snipes (Aman), Kevin Howarth (Kensa), Riley Smith (Fabulos), Tanit Phoenix (Angel), Patrick Bergin (Marshall Gaza), Steven Elder (Apollo Jones), Diamond Dallas Page (Skullbucket), Jenny Gago (Mistress), Simona Brhlikova (Kisscut), Alyssa Pridham (Sueno), Alex Avant (Forty Bold), Hector Hank (Hool), Jonathan García (Slip Knot) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 20.08.2012
EAN: 7613059804210 (DVD)/7613059404212 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)


Das geschieht:

Irgendwann und -wo im Wilden Westen: Fünf geile Banditen haben Amans geliebte Sueno geschwängert; bei der Geburt dieses Kindes ist sie gestorben. Die Schurken wurden gefasst und eingekerkert, aber Aman übt lieber Selbstjustiz. Er dringt in das Gefängnis ein und erschießt sämtliche Lumpen sowie Kisscut, die Geliebte des Anführers Kensa.

Aman überlebt den Amoklauf nicht, doch seine Mutter schließt einen Pakt mit dem Teufel: Sie gibt ihr Leben für das des Sohnes, der untot wiederaufersteht. Da der Höllenfürst gemeine Scherze liebt, lässt er auch die fünf Banditen wieder erwachen. Dieses Schicksal blüht zukünftig allen, die von Amans Kugeln ins Jenseits befördert werden.

Es dauert eine Weile, bis Aman erkennt, was ihm beschert wurde. Da besagte Banditen sogleich beginnen, noch übler als zu Lebzeiten zu wüten, beschließt er, sie noch einmal zu jagen und dieses Mal endgültig zur Hölle zu schicken. Bandenchef Kensa begrüßt Amans Bemühungen, denn selbstverständlich will er sich rächen – nicht für den Untod, der Schurkereien in ganz neuem Maßstab ermöglicht, sondern weil ausgerechnet sein Sohn, der auch zur Bande gehörte, nicht wiederauferstanden ist; die vermoderte Leiche schleppt Kensa seitdem mit sich, falls sich dies wider Erwarten ändern sollte.

Aman hat sich inzwischen zu einem Revolvermann gemausert. Außerdem sucht er sich einen Assistenten: Er befreit den jungen Dieb Fabulos und bildet ihn zum Zombie-Killer aus. Dann stellt Aman seine Falle. Mitten in der Wüste steht das Schlachthaus, in dem Suenos Mutter und der Enkelsohn weiterhin ihrem Job nachgehen. Hierher, wo zahllose Mordinstrumente auf ihren Einsatz warten, lockt Aman die untoten Feinde. Allerdings ist zumindest Kensa durch böse Erfahrung schlauer geworden. Er bleibt in (zunächst) sicherer Entfernung, als seine Männer Aman aufs Korn zu nehmen beginnen …

Ein Zombie-Film als Wiedergänger

Natürlich könnte man Wesley Snipes die Schuld die staubigen Stiefel schieben: Als er 2006 für die Dreharbeiten zu „Gallowwalkers“ in die südafrikanische Wüste von Namibia reiste, war er mit seinen Gedanken nicht unbedingt bei der Arbeit. In den USA war ihm die Steuerbehörde auf die Schliche gekommen und wollte seinen Beteuerungen, er sei das Opfer unfähiger Berater geworden, partout keinen Glauben schenken. Da kein Untoter dieser Welt sein Opfer hartnäckiger verfolgt als das Finanzamt, musste Snipes schließlich in die USA reisen, 1 Mio. Dollar Kaution stellen und versprechen, sich der anstehenden Gerichtshandlung zu stellen. Anschließend durfte er nach Südafrika zurück. (In der Tat hatte sich Snipes mit dem falschen Monster angelegt: Nach langen und teuren Gerichtsgefechten musste er 2010 eine mehr als zweijährige Gefängnisstrafe antreten.)

Ohne diese ‚Entschuldigung‘ müsste man Snipes Darstellung als freche Zumutung verdammen. Meist steht er statuenhaft und breitbeinig in der Wüstenlandschaft. Wind lässt malerisch seinen langen Staubmantel wehen. Als Rächer Aman verzieht Snipes keine Miene, und wenn er sich herablässt zu sprechen, verlassen nur pseudo-coole Plattitüden seine Lippen.

Nichtsdestotrotz hat nicht Wesley Snipes den Schwarzen Peter. Den behält Regisseur und Drehbuch-Mitautor Andrew Goth, der wohl nicht wirklich wusste, welchen Film er eigentlich drehen wollte. Nach Abschluss der eigentlichen Dreharbeiten versuchten verzweifelte Menschen, die entstandenen Szenen zu einem halbwegs stringenten Film zusammenzusetzen. Da Goth 2008 (!) Nachdrehs anordnete, war dies offensichtlich misslungen. Anschließend lag „Gallowwalkers“ weitere vier Jahre im Giftschrank des unglücklichen Studios. Dann ein Lichtstrahl: 2013 kam Snipes aus dem Gefängnis frei. Um ihn wieder ins Geschäft zu bringen, kam „Gallowwalkers“ gerade recht. Dreist wurde dem Filmplakat der Lügen-Untertitel „Blade Is Back!“ aufgedruckt, um zumindest die dummen Fans zu locken.

Der Traum vom existenzialistischen Western

Der Western ist ein gleichzeitig konservatives wie erstaunlich flexibles Genre. Sein in vielen Jahrzehnten fixiertes Regelwerk hat sich den Zuschauern weltweit so stark eingeprägt, dass spielerische Abweichungen und Aufweichungen recht problemfrei möglich sind. Folglich ist die Mischung aus Western und Horror sogar reizvoll, zumal Goth mit einigen Innovationen aufwartet. So haben seine Zombies ihren Verstand behalten. Sonnenlicht macht ihnen nichts aus, problematischer ist der allmähliche Zerfall des Körpers, der nur gebremst werden kann, indem die „Gallowwalkers“ in regelmäßigen Abständen unglückliche Lebendmenschen ihrer Haut entledigen, um sie sich über sonst blankliegende Muskeln und Knochen zu streifen.

Gleichwohl bleibt der Westen reine Fassade. Die reale Historie ist unwichtig, übernommen wird nur die Idee des Wilden Westens, die auf Klischees herunter gebrochen wird. Surreal wirkt sogar die im mächtigen Breitwandformat präsentierte Landschaft, die zusätzlich durch permanent gleißendes ‚Sonnenlicht‘ verfremdet wird. Grotesk stilisierte Gebäude – der Schlachthof, das Gefängnis, die Sekten-Kolonie – verstärken den Eindruck des Irrealen. Andrew Goth liebt offenbar den Mystik-Western „El Topo“ (1970) und eifert Alejandro Jodorowsky nach. Dank der wunderbar klaren Bilder kommt er ihm immerhin optisch nahe.

Allerdings hat er keine Geschichte, die den Rahmen entsprechend ausfüllen könnte. „Gallowwalkers“ bleibt ein simples Rache-Garn. Damit dies nicht sofort offenbar wird, konfrontiert Goth sein Publikum eine halbe Filmstunde mit zusammenhanglosen Ereignisfragmenten. Die nächste halbe Stunde vergeht darüber, diese Bruchstücke durch diverse Rückblenden zu einer Handlung zu vereinen. Die ist überschaubar und mündet erwartungsgemäß in die letzte halbe Stunde und den großen Finalkampf zwischen Aman und seinen scheinbar hoffnungslos überlegenen Gegnern.

Bocksprünge sind keine Action!

Freilich will sich die „Einer-gegen-alle“-Stimmung beim Zuschauer partout nicht einstellen. Zu beiläufig hat Aman schon lange vor dem endgültigen Gefecht zahllose Kontrahenten ausgeschaltet. Dass sie untot sind, hilft ihnen nicht; Aman kann selbst mit dem Revolver über viele hundert Meter eine Kette durchschießen; er zieht schneller als sein Schatten und trifft auch auf kürzere Distanzen stets ins Schwarze.

Nichts ist langweiliger als ein unverwundbarer Held. Deshalb umgibt Goth Aman mit ‚menschlichen‘ Verbündeten. Sie sind sämtlich überflüssig. Vor allem die Frage, wieso Aman umständlich und ausgerechnet den Jungstrolch Fabulos als Assistenten rekrutiert, wird nie beantwortet; Fabulos stolpert meist mit offenem Mund umher, während Aman Zombieschädel durchlöchert.

Die Handlung selbst bleibt rätselhaft. Was sollen die Szenen im Camp der blondhaarigen Sektierer? Oder im graffitiverzierten Betonsäulen-Tempel des Todes? Welche Rolle spielt der offensichtlich verrückte Marshall Gaza? Warum stellt Goth immer wieder die Hure Angel in den Vordergrund, obwohl für ihre Rolle keinerlei Existenzbedarf besteht? Wieso nennt man die Untoten „Gallowwalkers“?

Vermutlich liegt die Sprunghaftigkeit der Handlung am Fehlen eines Gesamtrahmens sowie des dazugehörenden, für das Verständnis offensichtlich relevanten mythologischen Unterbaus. In einem der aufgespielten Interviews erwähnt Wesley Snipes, dass „Gallowwalkers“ ursprünglich Auftakt einer Filmtrilogie werden sollte. Das erklärt auch das abrupte und sinnarme Ende, das eigentlich Ouvertüre einer Fortsetzung ist. Offene Fragen wären womöglich später beantwortet worden. Dazu wird es nicht kommen; „Gallowwalkers“ ist allzu offensichtlich misslungen und wird schon aufgrund der verkorksten Entstehungsgeschichte keine Fortsetzung/en finden.

Harte Arbeit, wenig Schatten

Ein Budget von 17 Mio. Dollar gibt die Website IMDb.com für „Gallowwalkers“ an. Da kostensparend in Südafrika gedreht wurde und außer Snipes keine großen Namen auf der Besetzungsliste auftauchen, fragt sich der Zuschauer, wohin dieses Geld geflossen sein mag. Die Blond-Perücken der Sektenmitglieder sind definitiv kostengünstig gewesen. Vielleicht hat Wesley Snipes den Löwenanteil eingestrichen, während die Restmittel an die Kostümschneider ging; so tragen Kensas Männer gern kardinalrote Gewänder, was zwar keinerlei Sinn ergibt aber cool aussieht.

„Cool“ und „stylish“: Diese beiden Worte formulieren eindeutig das „Gallowwalkers“-Programm. So haben es auch die Darsteller verstanden. Sie verziehen entweder keine Mienen oder grimassieren wie im Stummfilm. Als Schurke redet man gern über scheußliche Übeltaten, um sie uns anschließend vorzuführen. Wer wie der Wrestler und Teilzeit-Mime „Diamond Dallas“ Page schauspielerisches Talent gänzlich vermissen lässt, bekommt einen Wasserboiler über den Kopf gestülpt und darf einen völlig vertierten Strolch geben, mit dem sich Aman eine zünftige Show-Prügelei liefert.

Da Untote schwierig außer Gefecht zu setzen sind, geht es generell recht ruppig zu, wenn Aman unter der Zombie-Brut aufräumt. Man kann sie zwar per Kopfschuss fällen, doch um der Abwechslung willen reißt ihnen Aman gern die Schädel samt Wirbelsäule vom Hals. Das geschieht unter Aufsteigen digitaler Blutfontänen, die ebenso künstlich wie die Handlung wirken. Auch andere Körperteile liegen hin und wieder herum, und einmal gibt es eine Mehrfach-Hinrichtung am Galgen, die zwar nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat aber schaurig schön anzusehen ist; für Andrew Goth ist ein hübscher Effekt allemal wichtiger als die Story. Nach 90 Minuten weiß der Zuschauer sicher: So ausgiebig für dumm verkauft hat man ihn selten. Doch darf Mr. Goth das als Pluspunkt verbuchen …?

DVD-Features

In „Gallowwalkers“ setzt das deutsche Label wegen Wesley Snipes einige Hoffnungen. Zum Hauptfilm gibt es deshalb nicht nur den Originaltrailer in Deutsch und Englisch, sondern auch Interviews mit den meisten Darstellern sowie eine „B-Roll“ mit Bildern vom Dreh. Der Erkenntniswert bleibt gering, obwohl es interessant ist zu beobachten, wie selbst in minutenkurzen ‚Interviews‘ mit vielen Worten nichts gesagt bzw. dreist gelogen werden kann, da sich keiner der Beteiligten Illusionen über die ‚Qualität‘ des abgelieferten Produkts gemacht haben dürfte.

Kurzinfo für Ungeduldige: Aman rächt den Mord an seiner Lebensgefährtin, doch die von ihm erschossenen Schurken stehen wieder auf und wollen sich untot an ihrem Mörder rächen … – Optisch opulente aber in der Story und darstellerisch verheerende Mischung aus Western und Horrorfilm; der Regisseur inszeniert primär die eigene Ratlosigkeit, und Hauptdarsteller Snipes zieht sich in die innere Emigration zurück: ein Film für hartgesottene Trash-Fans.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)