Der weltweiten Zombie-Apokalypse wollen einige fahnenflüchtige Nationalgardisten auf einer abgelegenen Insel entkommen, doch dort gehen nicht nur die Untoten, sondern auch die Angehörigen zweier unbelehrbar zerstrittener Familienclans um … – In seinem 6. Zombie-Film fällt Altmeister Romero jederzeit sichtbar nichts mehr ein. Für die unterhaltsamen Momente in diesem sauber inszenierten, jedoch kraft- und sinnlosen Aufguss sorgen allein die widerwärtigen aber bemitleidenswerten Untoten.

Das geschieht:

Plum Island vor der Küste des US-Staates Delaware blieb zwar vom Ausbruch der weltweiten Zombie-Seuche nicht verschont. Die Isolation des Eilands ermöglicht es den Überlebenden jedoch, die Untoten in Schach zu halten. Allerdings sorgt die Krise nicht für das Ende eines uralten Streites: Unversöhnlich stehen sich auf Plum Island seit jeher die Familienclans der O’Flynns und Muldoons gegenüber. Während Patrick O’Flynn die Zombies rigoros ausrotten will, versucht Seamus Muldoon, die Untoten zu ‚zähmen‘. Da Patrick nicht einlenkt, werden er und einige treue Anhänger in ein Boot gesetzt und von Plum Island vertrieben.

Die Verbannten übernehmen einen verlassenen Hafen auf dem Festland. Mit dem Versprechen einer sicheren Zuflucht lockt Patrick über das noch funktionierende Internet Flüchtlinge an, die er auf Schiffen nach Plum Island schickt, wo sie Seamus hoffentlich Schwierigkeiten bereiten. Auch Sergeant Crockett kommt mit seiner kleinen Gruppe zum Hafen. Die Nationalgardisten sind fahnenflüchtig; sie suchen nach einem Ort, der nicht von Zombies überrannt werden kann.

Patrick sieht seine Chance zur Rache gekommen. Er verbündet sich mit Crockett und kehrt nach Plum Island zurück. Dort hat sich Seamus zum Insel-Despoten aufgeschwungen, dessen Bemühungen, die Untoten zu zivilisieren, zunehmend bizarrer werden. Dabei zeigen die Zombies durchaus Anzeichen für eine Rückkehr von Erinnerung und Intelligenz. Doch diese interessanten Signale gehen im Krieg zwischen den O’Flynns und den Muldoons unter, in den sich die gut bewaffneten Neuankömmlinge entschlossen einschalten.

Das letzte Wort behalten jedoch die Zombies. Sie sind keine Parteigänger, sondern warten mit tödlicher Geduld auf ihren Moment, der kommen muss, wenn die Lebenden, in ihren Kampf verstrickt, sie allzu lange aus den Augen lassen …

Manchmal kommen sie (zu oft) wieder

Mancher Vergleich liegt so nahe, dass man sich scheut, ihn zu verwenden, weil dies zu klischeehaft wirkt. „Survival of the Dead“ fordert Wortspiele jedoch förmlich heraus: ein Film, der nicht nur Zombies in den Mittelpunkt des Geschehens stellt, sondern selbst untot ist. Zombies sind halt zäh. Nur mit einem Kopfschuss lassen sie sich endgültig erledigen. George A. Romero trägt offensichtlich einen kugelsicheren Helm. Der bewahrt ihn vor dem beschriebenen Ende, was ihm leider ermöglicht, Filme wie diesen zu inszenieren. Dabei hat Romero grundsätzlich bereits 1985 alles zum Thema Relevante gesagt. Die erste Zombie-Trilogie endete mit „Day of the Dead“: nicht spektakulär aber immerhin logisch.

Für die Fortsetzungen ab 2005 trifft dies nicht einmal bedingt zu. Mit „Land of the Dead“ knüpfte Romero, der in den Aufwind des Zombie-Revivals nach „Dawn of the Dead“ – gemeint ist die Neuverfilmung von 2004 – geriet, noch an die Saga an, die er erfunden und mit der er Generationen von Epigonen geprägt hatte.

Was ein letzter, nicht unbedingt gelungener aber nostalgischer Nachklapp hätte sein können, wurde indes so erfolgreich, dass Romero weitermachte. Geld ließen potenzielle Produzenten offensichtlich nur für neue Romero-Zombies springen. Der Regisseur, dessen Karriere durch lange, drehfreie Dürrejahre geprägt ist, ließ sich darauf ein. Den Preis zahlen er und das Publikum. Romero metzelt sein Renommee als Großmeister des Horrorfilms, die Zuschauer müssen die Ergebnisse ertragen und sehen sich zum kritischen Königsmord zwangsverpflichtet.

Familien-Drama und Zombie-Western

Schon „Diary of the Dead“ war 2007 ein von der routinierten Wiederholung einstiger Großtaten zehrender Wiedergänger. Romero fing einfach noch einmal von vorn an und verlegte den Ausbruch der Zombie-Apokalypse von 1968 („Night of the Living Dead“) in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Neues hatte und hat er zum Thema nicht mehr beizutragen. Wie in seinen Anfangsjahren dreht Romero wieder ohne den Rückhalt und das Diktat großer Studios. Diese Unabhängigkeit beschert ihm zwar Freiheit, stellt ihn aber auch vor finanzielle Probleme und zwingt ihn dazu, sich auf wenig repräsentative Ausschnitte einer angeblich weltweiten Katastrophe zu beschränken. Dass die menschliche Zivilisation zusammenbricht, wird in „Survival“ als Tatsache vorausgesetzt. Wirklich überzeugend ist dieses Szenario nicht. Es könnte sich auch um eine lokal begrenzte Zombie-Plage handeln. Mit Bedacht verlegt Romero die Handlung auf eine Insel: Dies kaschiert die Begrenzung der Mittel durch die Isolation der Kulisse.

Das Déjà-vu-Erlebnis, zu dem jede Sekunde dieses Film gerinnt, wird durch den Entschluss verstärkt, „Survival“ als grob verkapptes Remake des Hollywood-Klassikers „The Big Country“ (1958; „Weites Land“) zu drehen. Aus den Hannasseys und Terrills wurden die O’Flynns und Muldoones. Geblieben ist trotz des irischen Hintergrunds das uramerikanische Western-Ambiente. Während das Original passenderweise im Mittleren Westen der USA spielte, bewegen sich Romeros Cowboys über eine saftig grüne, bewaldete Insel. Schon diese Umgebung beißt sich mit den typischen Rancher-Outfits der Protagonisten, die zudem mit Winchester-Gewehren und Revolvern anachronistisch bewaffnet sind.

Ohnehin wirkt der gesamte O’Flynn/Muldoone-Handlungsstrang eher komisch. Die beiden Clans haben sich so fest ineinander verbissen, dass die Zombies nur noch lästiges Beiwerk sind. Zeitweilig verschwinden sie völlig aus dem Geschehen. Das ist für einen Film, der ausdrücklich das „Survival of the Living Dead“ beschwört, definitiv kontraproduktiv.

Hinzu kommt die Schwammigkeit, mit der Romero – angeblich auch Drehbuchautor – die Fehde zeichnet. Seamus Muldoon will anfänglich die Zombies in den Clan zurückführen. Später sehen wir ihn, wie er Untote, die nicht spuren, serienweise abknallt. Patrick O’Flynn verhält sich ähnlich irrational. Mal gibt er den gütigen Retter, dann bricht der rabiate Killer hervor. Das Fußvolk wirkt auf beiden Seiten ebenso hirntot wie die Zombies. Romero weiß nichts mit ihnen anzufangen, sie sind nur Kanonenfutter, als die finale Schlacht zwischen Insulanern und Untoten ausbricht.

Kritik als müder Reflex

Romeros erste Zombie-Trilogie war 1968, 1978 und 1985 stets auch Analogie. Die Zombies wurden zum Katalysator einer ohnehin unaufhaltsamen Entwicklung: Der moderne Mensch führt Krieg gegen Seinesgleichen. Dieser wird nicht zwangsläufig mit Waffen geführt, sondern tobt unterschwellig, wobei er als Rassismus, soziale Ausgrenzung oder politische Unterdrückung deutlich wird. Im „New Hollywood“ der 1970er und 1980er Jahre fand Romero dafür ebenso aussagekräftige wie unterhaltsame Bilder.

„New Hollywood“ gibt es längst nicht mehr, und Kritik stört inzwischen die Unterhaltung, sodass sie ausgefiltert wird. Romero kann oder will nicht mehr gegen den Strom schwimmen. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist, lässt er nur noch mechanisch in die Handlung einfließen. Stattdessen inszeniert er die Grausamkeit tricktechnisch gelungen als blutiges Gemetzel.

Der allgemeine Untergang spiegelt sich bei Romero seit jeher in der intensiven Intimität kleiner Gruppen wider. In existenzieller Not bricht der Steinzeitmensch hervor, die Zivilisation erweist sich als Illusion, die Gesellschaft zerfällt in egoistische Notgemeinschaften. Was in „Night of the Living Dead“ oder „Dawn of the Dead“ noch ketzerisch wirkte, wird in der zynischen Gegenwart als Realität anerkannt. Folglich stört sich niemand wirklich daran, dass Crocketts Truppe sich auf Kosten schwächerer Mitmenschen durchschlagen.

Romero glättet schroffe Kanten zudem umgehend. Crockett und seine Bande haben wir schon in „Diary of the Dead“ kurz kennengelernt, als sie die Helden dieses Films überfielen und ausraubten. In „Survival“ mutieren die Überlebenskünstler allmählich zu raubeinigen aber goldherzigen Gutmenschen. Romero erzwingt Sympathien und verzichtet auf Authentizität. Auch Patrick O’Flynn ist Schurke, dann Held und schließlich tragische Gestalt.

Profis gleichen aus

Dass der Zuschauer sich diese drehbuchbedingte Windelweichheit gefallen lässt, liegt allein an den redlich aufspielenden Darstellern. Romero hatte einmal mehr kein Geld für sogenannte „Stars“. Dies wurde zum Glücksfall, denn er stützte sich auf kostengünstige Nebenrollen- und TV-Schauspieler, die ihr Handwerk vollendet beherrschen. Veteranen wie Kenneth Welsh oder Richard Fitzpatrick belegen dies mit einer schier endlosen Liste bereits gespielter Rollen, aber auch junge Kollegen wie Alan Van Sprang oder Kathleen Munroe sind bienenfleißig und wandlungsfähig.

Viele Gesichter sind dennoch wenig bekannt, denn die meisten Schauspieler rekrutierte Romero in Kanada. „Survival“ entstand nicht in den USA. Mit den für diesen Film ausgegebenen 4 Mio. Dollar konnte man im nördlichen Nachbarstaat wesentlich größeren Produktionsaufwand treiben. „Survival“ ist deshalb zwar inhaltlich enttäuschend aber handwerklich absolut professionell. Auch hinter der Kamera arbeitet man offenbar gern & gut für den großen Romero.

„The same procedure as every year …”

Deshalb ist die Ernüchterung unterm Strich umso größer. Nicht einmal die von ihm ‚erfundenen‘, d. h. im Stehen zerfallenden, zerfleischten, schlurfenden, grunzenden Zombies scheint Romero noch im Griff zu haben. Maske und Tricktechnik sind makellos, aber Drehbuchautor und Regisseur finden keine echte Verwendung für die Untoten. Ihre angebliche Allgegenwärtigkeit wird schmerzhaft plump ‚bewiesen‘, indem Romero Zombies einfach ‚überraschend‘ aus dem Off springen lässt. Woher kommen sie? Wieso blieben sie zuvor unbemerkt? Auf diese Fragen gibt es keine Antworten. Romero geht es um den Effekt. Irgendwie müssen die Untoten an ihre Opfer heran, um zubeißen zu können. In einem Zombie-Film von George A. Romero müssen Blut & Eingeweide spritzen. Leider scheint Romero auf einer Liste gelangweilt abzuhaken, wann es wieder soweit ist.

Ganz selten blitzt das alte Genie auf. Potenziell erschreckend ist jene Szene, in der Nationalgardist Francisco durch ein Hafenbecken schwimmt und bemerkt, dass auf dem flachen Meeresgrund Zombies stehen, die nicht atmen müssen aber fressen wollen – und zwar ihn. Allerdings hat Romero ähnliche Wasserspiele bereits in „Land“ und „Diary of the Dead“ getrieben.

In Erinnerung bleibt auch jene Szene, in der Zombie-Jane auf ihrem Pferd über Plum Island prescht. Noch eindringlicher schließt „Survival“ mit einer Szene, die Altmeister Romero ehrt: Zu Zombies geworden, ‚schießen‘ Patrick O’Flynn und Seamus Muldoon mit leeren Revolvern aufeinander: Ausgerechnet ihr Hass hat den Tod ‚überlebt‘. Der Mensch lernt auch als Zombie nicht dazu. Das ist keine innovative aber eine bildstark verdeutlichte Erkenntnis.

Soll das ewig so weitergehen?

Auf der anderen Seite schürt sie noch einmal den Ärger: Stehen nicht die Untoten im Mittelpunkt? Romero geizt seit „Day of the Dead“ nicht mit Andeutungen, dass auch das Zombie-Hirn Intelligenz und Erinnerung bewahrt. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen sind wesentlich interessanter als die ewig gleichen Schlachten zwischen unbelehrbaren Lebenden. Sie sind sogar interessanter als die Antwort auf die Frage, ob Romero noch eine neue Methode einfällt, einen Zombie ‚umzubringen‘.

Die Antwort ist – wen wundert es wirklich? – „Nein“. Wie viele Methoden gibt es letztlich, einen Schädel zu zertrümmern? Der Fortschritt der Tricktechnik sorgt für eine gewisse Abwechslung, doch irgendwann ist auch hier das Optimum erreicht. Leider missbraucht der ideenlose Romero seine Zombies zusätzlich für schwarzhumorig schlaffe Schein-Gags: Ohne nachvollziehbare Begründung wird einem Untoten ein Feuerlöscher-Schlauch ins Maul gedrückt, woraufhin der Überdruck ihm eindrucksvoll die Augäpfel aus dem Schädel treibt; einem anderen schießt Crockett eine Leuchtpatrone in die Brust, was den Kopf in Flammen ausbrechen lässt, an denen Crockett seine Zigarette anzündet.

Leider blieb „Survival of the Dead“ Romeros letztes Werk; ein neues Filmprojekt („Deep Red“) kam vor seinem Tod 2017 nicht mehr zustande – das nicht zufriedenstellende Ende eines Lebenswerkes, das außerhalb der Zombie-Filme generell durch Projekte geprägt wurde, die selten so gut gerieten, wie Publikum und Kritiker es sich wünschten.

DVD-Features

Überschaubar präsentieren sich die Features zum Hauptfilm. Kaum 11 Minuten währt das (nicht nur deshalb) wenig aussagekräftige „Making of“. Dann gibt es noch den Trailer sowie zwei Minuten „international Shout-Outs“ – ich habe nicht herausfinden können, was sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt.

Der pompös angekündigten „Limited Special Edition“ liegt ein (selbstverständlich) „exklusives“ 36-seitiges Booklet bei.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok, all rights reserved

George A. Romero’s Survival of the Dead
Originaltitel: George A. Romero’s Survival of the Dead (USA/CA 2009)
Regie u. Drehbuch: George A. Romero
Kamera: Adam Swica
Schnitt: Michael Doherty
Musik: Robert Carli
Darsteller: Alan Van Sprang (Crockett), Kenneth Welsh (Patrick O’Flynn), Kathleen Munroe (Janet O’Flynn/Jane O’Flynn), Richard Fitzpatrick (Seamus Muldoon), Devon Bostick (Boy), Athena Karkanis (Tomboy), Stefano DiMatteo (Francisco), Joris Jarsky (Chuck), Eric Woolfe (Kenny), Julian Richings (James), Wayne Robson (Tawdry) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien GmbH
Erscheinungsdatum: 29.10.2010 (DVD/Blu-ray/Limited Special Edition)
EAN: 4013549874595 (DVD) bzw. 4013549274593 (Blu-ray) bzw. 4013549574594 (DVD Limited Special Edition) bzw. 4013549674591 (Blu-ray Limited Special Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)
Titel bei Amazon.de (DVD Limited Special Edition)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray Limited Special Edition)

George A. Romero’s Diary of the Dead

The Rezort – Willkommen auf Dead Island

The Returned – Weder Zombies noch Menschen

Darkest Day