Auf der ganzen Welt erwachen die Toten zu neuem, kannibalischen Leben. Die Zivilisation bricht zusammen. Eine Gruppe von Filmstudenten flüchtet durch das Hinterland der US-Provinz Pennsylvania und wird dabei mit der Apokalypse konfrontiert … – Romeros fünfter Zombie-Film ergänzt die für ihn typische Gesellschaftskritik um den Faktor Internet-Hysterie, arbeitet sein Thema aber ansonsten routiniert nach bekanntem Muster ab. Gutes Handwerk, solide Schauspielerleistungen und beachtliche Effekte garantieren dennoch Unterhaltung mit leichtem Tiefgang.

Das geschieht:

In einem Wald der US-Provinz Pennsylvania drehen Filmstudenten der Universität Pittsburgh unter der Leitung ihres Dozenten Professor Maxwell einen Horrorfilm, als über das Radio eine Warnmeldung ausgestrahlt wird: Landes- und womöglich weltweit erwachen die Toten plötzlich zu neuem ‚Leben‘. Sie haben sich in geistlose Zombies verwandelt, die Jagd auf die Lebenden machen, um sie zu beißen, zu fressen und auf diese Weise in Ihresgleichen zu verwandeln.

Ungläubig kehrt die Gruppe auf den Campus zurück. Das Wohnheim ist verwüstet und verlassen. Ratlos und besorgt verlässt man die Stadt in einem alten Campingbus. Nach und nach sollen die Elternhäuser derjenigen Studenten angefahren werden, die dort bei ihren Familien sein wollen.

Die Fahrt wird zu einer Odyssee des Grauens. Städte und Straßen werden von untoten Menschenfressern heimgesucht, die auch über die Wälder und Felder ausschwärmen. Stets muss man fürchten, aus dem Hinterhalt von ihnen angefallen zu werden. Die öffentliche Ordnung ist zusammengebrochen. Schwer bewaffnete Marodeure plündern und morden.

Wohin die Studenten auch kommen, stoßen sie auf Chaos und Untergang, den der junge Jason wie besessen mit seiner Kamera festhält. Auch die Gefährten werden dezimiert, während die Zombies an Zahl und Hunger lawinenartig zunehmen. Das einsam gelegene Landgut eines Kommilitonen scheint die letzte Zuflucht zu bieten, doch als die Flüchtlinge erschöpft dort ankommen, sind ihnen die Zombies erneut zuvorgekommen …

Und wieder torkeln die Zombies!

George A. Romero ist ein Kult-Regisseur – und eine tragische Gestalt: Obwohl er bewiesen hat, dass er mehr kann als nur die Zombies zu entfesseln, wollen Filmstudios und Publikum nur seine Filme der „… of the Dead“-Serie sehen. Nachdem Romero dieses Kapitel seiner Filmgeschichte eigentlich bereits 1985 mit „Day of the Dead“ abgehakt hatte, holte ihn die graue Realität in den folgenden Jahren ein. Eigene Projekte floppten bzw. kamen nicht zustande. Zwischen 1985 und 2005 konnte Romero nur drei Filme (sowie ein Filmsegment als Beitrag zu einem Episodenwerk) drehen.

Anfang des 21. Jahrhunderts wurde seine klassische „Zombie“-Trilogie wiederentdeckt. Nachdem Zack Snyder 2004 „Dawn of the Dead“ mit großem Erfolg neu verfilmt hatte, kehrten die Zombies zurück im Horror-Geschäft – und Romero, der sie 1968 dort etabliert hatte, folgte ihnen. Er bekam die Mittel für einen neuen Zombie-Film und realisierte „Land  of the Dead“, kein Meilenstein des Genres, aber ein gekonnt in Szene gesetzter und vor allem sowohl an der Kinokasse als auch im DVD-Einsatz lukrativer Streifen.

Romero konnte wieder drehen – aber offenbar nur Zombie-Filme. Er schweigt sich darüber aus, ob ihm das gefällt, sondern ergibt sich in sein Schicksal, das ihn immerhin aktiv bleiben lässt. Nach „Land of the Dead“ entstand 2007 „Diary of the Dead“ und damit Teil 5 von Romeros Untoten-Apokalypse, 2009 folgt der 6. Streich.

Zurück auf Anfang, dann weiter wie gehabt

„Diary of the Dead“ ist ein Zwitter; einerseits Fortsetzung und andererseits Remake bzw. Relaunch. Romero knüpft nicht an die Ereignisse von „Land …“ an, sondern kehrt zum Beginn der Zombie-Katastrophe zurück. Die brach ‚real‘ 1968 mit „Night of the Living Dead“ (dt. „Die Nacht der lebenden Toten”) aus, was „Diary …“ ignoriert. Nunmehr springen die Untoten im 21. Jahrhundert und im Zeitalter des Internet 2.0 aus ihren Gräbern.

Wobei besagtes Internet Romero den eigentlichen Aufhänger für diesen Film lieferte. Seine Zombie-Filme waren stets nicht ’nur‘ Unterhaltung, sondern lieferten auch gesellschaftskritische Anmerkungen zu zwiespältigen Phänomenen der Gegenwart. Das ließ in der Umbruchphase der späten 1960er und 70er Jahre die etablierte Filmkritik aufhorchen, die Romero aus dem Heer ebenso kompromissloser wie erfolgsarmer Horror-Regisseure heraushob – ein Ruf, der ihm blieb, obwohl er heute mehr Reflex als Bedürfnis geworden zu sein scheint. (Welchen Grad der Verehrung er genießt, wird u. a. an den ‚Gaststimmen‘ deutlich, die im Originalton die Nachrichtenkommentare sprechen, die Romero zahlreich in „Diary …“ einfließen lässt: Stephen King, Wes Craven, Quentin Tarantino, Guillermo del Toro …)

Rassismus, Kriegsgräuel oder soziale Missstände gehören zu den modernen Sünden, die Romero quasi nebenbei geißelte, während seine Zombies Hälse durchbissen und Bauchdecken aufrissen. Dieses Mal ist es die Kultur – oder Unkultur? – des Internets 2.0, der Romero seine Aufmerksamkeit widmet. „Diary …“ schildert eine Welt, in der die Realität nur mehr in ihrer digitalen Inkarnation zu existieren scheint. Kamera- und Handy-Besitzer dokumentieren zusammen mit Bloggern und Twitterern den Untergang der Welt, während die etablierten Medien das Nachsehen haben.

Der repräsentative Nukleus der Gesellschaft

Die Welt im Untergang ist ein Sujet, das Romero als Breitwandspektakel weder realisieren konnte noch wollte. In allen seinen Zombie-Filmen hat er sich auf Ausschnitte beschränkt. Eine überschaubare Zahl von Protagonisten erlebt die Katastrophe. Ihre Mitglieder sind repräsentativ für die (US-) Gesellschaft. Die globale Notlage wird als Kaleidoskop eingespielter Nachrichten-Schnipsel präsent. Gern verwendet Romero reale Aufnahmen kollektiver Gewalttaten, die er zur Reaktion auf die Zombie-Krise umdeutet. Dies spiegelt seine Auffassung von der Unbelehrbarkeit des Menschen wider – die Verheerung durch die Zombies ist letztlich austauschbar mit jedem Krieg, jedem Aufstand oder jeder Naturkatastrophe.

Der Campingbus wird zum Refugium durchschnittlicher Menschen, die individuell versuchen, mit der Situation fertigzuwerden. Mary gibt auf und bringt sich um, Professor Maxwell flüchtet sich in Zynismus und Alkohol. Debra will sich und ihre Familie retten. Jason findet eine zeitgemäße Möglichkeit der Bewältigung: Er greift sich eine Kamera und betrachtet die grausam veränderte Welt durch den Filter der Glaslinse. Seine Gefährten begreifen diese Besessenheit (die eine Pseudo-Dokumentation wie „Diary …“ erst möglich macht) lange oder gar nicht. Dabei funktioniert es: Jason filmt, schneidet und lädt Dateien hoch, was ihm die Zeit nimmt, sich direkt mit der Apokalypse auseinanderzusetzen. Nur in den wenigen Momenten, die er ohne Kamera verbringt, lässt er die Maske fallen: Jason gehört zu denen, die aufgegeben haben.

Auf ihrer Odyssee durch die Provinz von Pennsylvania beobachten die Flüchtlinge andere Formen des Widerstandes. In einer kleinen Stadt igelt sich die schwarze Unterschicht in einem mit Vorräten und Waffen zur Festung ausgebauten Lager ein; Nationalgardisten verwandeln sich in Banditen, die jene, die sie beschützen sollen, bedrohen und berauben; die Obrigkeit versucht im Bund mit den Medien die Zombie-Epidemie als ‚Massenpsychose‘ zu leugnen, um die Bevölkerung ruhig und kontrollierbar zu halten. In vielen Szenen treten gar keine Zombies auf; die Menschen benötigen sie nicht, um einander das Leben zur Hölle zu machen.

Etwas zu dick aufgetragen

Diese Szenen funktionieren, und sie unterstreichen Romeros Intentionen. Kein Wunder, stellen sie doch – leicht variiert – ein „best of“ seiner bekannten Zombie-Filme dar. Leider verlässt er sich nicht auf die Kraft seiner Bilder, sondern gießt eine Soße düster-pessimistischer Off-Kommentare darüber, die letztlich in der ganz großen Phrase münden, ob es die Menschheit überhaupt verdient gerettet zu werden. Hier winkt Romero nicht mit dem Zaunpfahl – er rammt ihn uns in den Schädel; vielleicht lebt er schon zu lange in der Welt seiner Zombies … Manchmal lassen sich diese Plattheiten nicht mehr ertragen, sodass der Griff zur Vorlauftaste der Fernbedienung die letzte Rettung darstellt.

Dabei hat sich Romero mit „Diary …“ ohnehin zwischen alle Stühle gesetzt. Die hehre Filmkritik legt seine durch unnötige Überspitzung allzu didaktisch wirkenden Mahnungen offen, während der geistig eher schlichte Horrorfan, der im Hohlkopf die Formel „Romero = Zombie = Mega-Splatter“ wälzt, enttäuscht über den vergleichsweise geringen Gore-Faktor klagt.

Die wenigen Ausbrüche offener Gewalt haben es freilich in sich. Zwar geht es Romero nicht primär darum, Brutales um der unterhaltsamen Brutalität wegen zu zeigen. Obwohl sich solche Szenen finden lassen – und sie sind fabelhaft! -, zerfetzt nicht jeder Schuss einen Zombie-Schädel in Nahaufnahme, während so mancher Zombie im Bildhintergrund oder in der Dunkelheit zubeißt. Fordert die Handlung die Sichtbarkeit von Gewalt, dann werden keinerlei Zugeständnisse an das politisch Korrekte gemacht. Hier zeigt Romero seinen Epigonen, dass er noch immer einige blutige Asse im Ärmel hat! (Weniger gelungen sind dagegen diverse humoristische Einschübe, obwohl der Auftritt des stummen und tatkräftigen Amish-Farmers Samuel eine lobende Erwähnung verdient.)

Womöglich ist die Zeit des politisch und gesellschaftlich relevanten (Horror-) Films vorbei. „Diary …“ ist ein ehrbarer Versuch, Schauder mit Untertönen zu servieren. Darüber hinaus ist dies ein Film von bemerkenswerter handwerklicher Routine. Es ist ganz und gar nicht einfach, einen Spielfilm zu drehen, dem ‚Dokumentaraufnahmen‘ zugrundeliegen (s. u.). Auch sonst fesselt „Diary …“ oft vor allem durch das, was die Kamera nicht sichtbar machen kann. Licht und Dunkelheit sowie klassisches „prosthetic makeup“ ersetzen CGI-Effekte (die als solche selten zu identifizieren sind) und sorgen für eine Stimmung ständiger Bedrohung. Der Einsatz von Musik ist sparsam, plumpe Buh!-Effekte meidet Romero. (Völlig über sie erhaben ist er allerdings auch nicht.)

Die Gesichter des Untergangs

George A. Romero gilt als schauspielerfreundlicher Regisseur. Die Features zeigen ihn hinter der Kamera als aufmerksamen Mann, der sein Team ohne Allüren führt und sich stets offen für Anregungen und Kritik zeigt. Entsprechende Lobesworte werden in den zahlreichen Interviews der DVD-Extras immer wieder gesprochen, sodass man sie nicht wie üblich in die Schublade des informationslosen Werbesprechs packen mag, zu dem besagte Interviews gern missbraucht werden.

Für „Diary … hat Romero vor allem junge und für das Fernsehen arbeitende Schauspieler engagiert, die Arbeit unter Zeit- und Gelddruck gewöhnt sind. Die Herausforderung bestand in der Aufgabe, ganz normale Zeitgenossen zu mimen, die in eine Ausnahmesituation geraten und darin entweder scheitern oder über sich selbst hinauswachsen. Die Darsteller leisten unter dieser Prämisse einen guten Job. Dass ihre Gesichter relativ unbekannt sind, trägt zur Glaubhaftigkeit bei.

DVD-Features

Dass George A. Romeros Name – obwohl ’nur‘ Horrorfilmer – es wurde bereits erwähnt – wie Donner hallt und zumindest seine Zombie-Filme als lohnende Investitionen gelten, belegen zahlreichen die Extras, mit denen der Zuschauer verwöhnt wird. Bereits die Single-DVD bietet fünf „Making-of“-Dokus mit insgesamt mehr als 80 min. Laufzeit.

„Master of the Dead” schildert die Entstehungsgeschichte des Films „Diary …“. Romero erzählt u. a., dass er durchaus willens war, einen weiteren Zombie-Film zu drehen, ohne sich dabei jedoch von einem Hollywood-Studio Bedingungen stellen zu lassen. „Diary …“ hätte deshalb beinahe nur als TV-Movie oder „Direct-to-DVD“-Produktion das Licht der Filmwelt erblickt, bis sich Produzenten fanden, die sich Romeros Forderungen beugten und zumindest die Mittel für einen Low-Budget-Film aufbringen konnten.

„Into the Camera“ bietet interessante Einblicke in eine ungewöhnliche Filmarbeit. „Diary …“ ist vorgeblich eine Dokumentation, die von Amateuren gedreht wurde und (wahrhaftig!) unter Ausnahmebedingungen entstand. Die für einen ’normalen‘ Film übliche Technik, die eine Handlung in viele einzeln aufgezeichnete Segmente gliedert, konnte hier nicht verwendet werden. Tatsächlich verblüfft „Diary …“ auch in actionreichen Abschnitten mit ungewöhnlich langen, ungeschnittenen Plansequenzen. Die dabei vor und hinter der Kamera erforderlichen Abläufe wurden buchstäblich choreografiert, immer wieder geprobt und schließlich ‚am Stück‘ gefilmt.

Nur ein scheußlich anzuschauender Zombie ist ein ‚guter‘ Zombie. Natürlich gilt dies für einen Untoten, der die Ehre eines Auftritts für George A. Romero hat, erst recht. „You look Dead!“ beschreibt den Aufwand, den Maskenbildner und Spezialeffekt-Hexer trieben, um trotz des niedrigen Budgets makellos grausige Ekeleien zu liefern.

Die „Character Confessionals“ sind Filmaufnahmen, die nicht für „Diary …“ genutzt wurden und auch nicht unbedingt zu diesem Zweck entstanden. Sie zeigen einzelne Schauspieler, die sich in ihren Rollen selbst vorstellen, ihre Geschichte und ihre Gefühlslage schildern und auf diese Weise ein Gefühl für die dargestellte Person bekommen. Der Zuschauer erhält Einblick in psychische Befindlichkeiten, die im Hauptfilm manchmal nur oberflächlich deutlich werden.

Wie reagiert die moderne Gesellschaft, wenn sie mit einer kapitalen Krise konfrontiert wird? Diese Frage beschäftigte Romero in allen seinen Zombie-Filmen. Er hat eine eigene Technik gefunden, die Apokalypse fassbar zu machen. „A World Gone Mad“ zeigt, wie er die (unsichtbar bleibende) Welt zersplittert und die Fragmente zu einer sich selbst kommentierenden Darstellung kombiniert.

„Diary of the Dead“ gibt es auch als Doppel-DVD mit weiterem umfangreichen Zusatzmaterial: die Dokumentation „One for the Fire – The Legacy of Night of the Living Dead“ (Mitstreiter vor und hinter der Kamera kommentieren in Filmklips und Kommentaren vier Jahrzehnte Romero im Schatten seiner Zombies), die Featurettes „Speak of the Dead“ (Romero spricht über seine Einflüsse und seine Filmtechnik), „Familiar Voices“ (Die Identitäten der prominenten ‚Radiosprecher‘ – s. o. – werden aufgedeckt), „A New Spin on Death“ (Informationen über Zombie-Spezialeffekte) sowie ein Interview mit dem (1988 verstorbenen) Schauspieler Duane Jones, der im ‚Ur-Zombie‘-Film „Night of the Living Dead“ von 1968 die männliche Hauptrolle spielte.

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George A. Romero’s Diary of the Dead
Originaltitel: Diary of the Dead (USA 2007)
Regie u. Drehbuch: George A. Romero
Kamera: Adam Swica
Schnitt: Michael Doherty
Musik: Norman Orenstein
Darsteller: Michelle Morgan (Debra Moynihan), Josh Close (Jason Creed), Shawn Roberts (Tony Ravello), Amy Lalonde (Tracy Thurman), Joe Dinicol (Eliot Stone), Scott Wentworth (Prof. Andrew Maxwell), Philip Riccio (Ridley Wilmott), Chris Violette (Gordo Thorsen), Tatiana Maslany (Mary Dexter), Todd William Schroeder (Brody) R. D. Reid (Samuel), George A. Romero (Polizeichef Katz) uva.
Vertrieb: Universum Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 08.05.2009 (DVD/26.02.2010 (Blu-ray)
EAN: 0886970783699 (DVD)/0886976439798 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 96 min.)
FSK: 18

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