Ghost Boat

Originaltitel: Alarmed (USA 2014)
Regie u. Drehbuch: Matt Lofgren
Kamera u. Schnitt: Matthew Rome
Musik: Geoff Harvey u. Chris Martyn
Darsteller: Jennifer Stuckert (Samantha), Brian Rife (Mark), Sarah Klaren (Pilar), Griffin Daley (Sully), Joel Roth (Dr. Jenkins), Heidi Brigman (Mrs. Jenkins), Olivia Aaron, Baily Hopkins (Schwestern), Melissa Quine (Linda), Ross Turner (Dr. Ben), Kari Wishingrad (Dr. Hollister) u. a.
Label: Kinokater
Vertrieb: itn distribution
Erscheinungsdatum: 21.08.2015
EAN: 4250128415736 (DVD)/4250128415743 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Fünf Jahre nach dem grausamen Mord an ihren Eltern und zwei Schwestern ist Samantha immer noch traumatisiert. Gern hätte ihr der Staatsanwalt die Bluttat angehängt, lag Samantha doch im Streit mit dem Vater, einem bekannten Chirurgen, der ihren Freund Marc als künftigen Schwiegersohn vehement ablehnte. Nach einem aufsehenerregenden Prozess musste Samantha jedoch aus Mangel an Beweisen freigelassen werden und konnte sogar das beachtliche Familienerbe antreten.

Mit ihrer Schwester Linda, die in der Mordnacht nicht daheim gewesen war, hat Samantha kaum mehr Kontakt, von Marc lebt sie längst getrennt. Samantha ist misstrauisch geworden, da nicht wenige Zeitgenossen sie für die Mörderin halten und gern anonym dafür sorgen, dass sie dies nicht vergisst. Nur wenige Freunde sind Samantha geblieben, die sie nun für ein Wochenende auf die Jacht ihres Vaters – die „Fidei Defensor“ – einlädt. Sogar Marc schließt sich der kleinen Runde an.

Der Ausflug endet jäh, als Freundin Pilar sich ein Bein bricht. Außerdem streikt die Maschine der Jacht. Mit dem Beiboot wird die Verletzte an Land gebracht. Samantha und Marc bleiben zurück – und der Horror beginnt: Türen und Luken schließen sich durch Geisterhand. Samantha ist im Inneren des Bootes gefangen, Marc muss auf dem Deck verharren, wo ihm allmählich das Trinkwasser ausgeht.

Samantha gerät in den Bann einer unbekannten Kraft, die sie zwingt, grausigen Vorgaben zu folgen, die ihr per Bordcomputer übermittelt werden: Schneide dir den Ringfinger, die Hand, das Bein ab oder den Kehlkopf aus dem Hals. Der Selbstverstümmlung folgt der Tod – und am nächsten Morgen erwacht Samantha unverletzt in ihrem Bett, bis der Horror von neuem beginnt. Als sich die Geister ihrer ermordeten Familie zeigen, glaubt Samantha zu verstehen: Die Kraft zwingt sie, sich den Ereignissen von damals zu stellen, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Allerdings könnte es sein, dass Samantha sich dabei als Mörderin entlarvt …

Alarm: ein Gruselfilm-Blindgänger!

Auf dem Papier mag Autor Matt Lofgren die Idee als idealen Ausgangspunkt für eine spannende Geschichte betrachtet haben. Er muss sich keineswegs geirrt haben, doch was der Regisseur Lofgren dann aus dem Drehbuch machte, beweist leider eindeutig, dass der Weg zu einem guten Film manchmal ausschließlich mit Stolpersteinen gepflastert ist.

In unserem Fall ist das Werk irgendwann gar nicht mehr auf die Füße gekommen. Man muss gar nicht viele Filme gesehen haben, um zu erkennen, wo Lofgren patzte. Primär lässt sich eine beachtliche Klaffbreite zwischen Wollen und Können feststellen. Es ist ehrenhaft, das Publikum so lange wie möglich im Dunkeln tappen zu lassen; das Vergnügen, an der Nase herumgeführt zu werden, ist einer der Gründe, anderthalb Stunden Lebenszeit zu investieren. Allerdings sollte in dieser Hinsicht gute Arbeit geleistet werden.

Lofgren möchte uns im Unklaren lassen, ob es an Bord der „Fidei Defensor“ (= „Verteidiger des Glaubens“; Achtung, Symbol: Können wir Samantha wirklich glauben?) tatsächlich umgeht oder die psychisch angeschlagene Samantha sich dies nur einbildet, weil sie entweder als dem Gesetz entwischter Mehrfachmörderin das Gewissen plagt bzw. ihr von einer wenig vertrauenerweckenden Psychologin das Hirn gewaschen wurde.

In seinem Übereifer nimmt sich Lofgren selbst den Wind aus den Segeln, indem er u. a. auch die plappermäulige Pilar – eine ansonsten völlig überflüssige Figur – oder Marc Gespenster sehen lässt. Außerdem drückt sich am Bildrand mehrfach ein mysteriöser Ziegenbart in schwarzem Mantel und ebensolchem Hut herum, der offensichtlich weiß, dass & was (etwas) geschehen wird.

Flaute auf See & in der Story

Ewig währt die Einleitung. Lofgren versucht, dem durch Rückblenden und Zeitsprünge abzuhelfen. Es ändert nichts daran, dass er die Vorgeschichte auch kurz hätte abhandeln können; sie gibt in ihrer Ausführlichkeit der nun startenden Haupthandlung keinen unbedingt erforderlichen Unterbau, sondern langweilt erst recht durch ein Problem, das Lofgren nie in den Griff bekommt: Er hat kein Händchen für Mystery- oder gar Grusel-Stimmung!

Dies fällt bereits durch die unkluge Wahl des Handlungsortes auf. Die „Fidei Defensor“ ist beim besten Willen kein Geisterschiff, sondern eine nüchtern bis geschmacklos gestylte und eingerichtete Protz-Jacht mit der Eleganz eines am Bug eingedrückten Schuhkartons. Gespukt wird in der Regel bei hellem Tageslicht, was auch erbarmungslos offenlegt, dass die angeblich in einer Art Raum-Zeit-Falte gefangene „Fidei Defensor“ nicht nur in Sichtweite des Landes, sondern auch zwischen zahlreichen anderen Booten dümpelt.

Dämonische Kraft verwandelt das Bootsinnere in ein Gefängnis. Selbstverständlich gestattet es Lofgren dem auf Deck verbannten Marc nicht, sich eine Axt oder einen Ersatzanker zu schnappen, um die hartnäckig seinem Rütteln widerstehenden Türen oder das plötzlich bruchsichere Fensterglas auf die Probe zu stellen. Auch Samantha schaut sich nicht nach Werkzeug um, obwohl gegen des Endes sogar eine Kettensäge auf dem Tisch liegt. Um ein wenig Schwung ins Geschehen zu bringen, muss sich Samantha selbst filetieren, was jedoch – vor allem aus Kostengründen – nie wirklich gezeigt wird sowie folgenlos bleibt: Für die nächste Runde des Geisterspiels wird Samantha wieder zusammengeklebt.

Tragödie ohne Echo

Worum sich die Geschichte eigentlich dreht, kommt nicht dank, sondern trotz Lofgrens Subtext-Gewürge ans Licht. Es soll dramatisch und auch tragisch sein, büßt seine Wirkung aber aufgrund der wie üblich drögen Inszenierung ein. Vielleicht lässt sich die dramaturgische Statik durch den Drehort erklären: „Ghost Boat“ entstand in der Tat auf und in einer Jacht, was die Beweglichkeit der Kamera natürlich einschränkt. Allerdings spielt die Handlung zum Teil auch an Land und setzt trotzdem kein Quäntchen Energie frei.

Liegt es am beinahe schmerzhaft sichtbaren Minimal-Budget? „Ghost Boat“ ist eine Geistergeschichte quasi ohne Spezialeffekte; als Leichen geschminkte Gespenster im Nachthemd zählen nicht dazu. Die Offscreen-Splatter-‚Effekte‘ wurden schon erwähnt. Andere Spuk-Phänomene muss man sich denken, da sie sich nur in den Gesichtern der Darsteller widerspiegeln.

Oder exakter ausgedrückt: widerspiegeln sollen. Leider gehört „Ghost Boat“ zu jenen Filmen, für die nicht gerade Spitzenkräfte der Schauspielkunst angeheuert wurden. Immerhin schließt dies Hauptdarstellerin Jennifer Stuckert aus, die leidlich überzeugend in ihrer Rolle als Opfer ist, die schließlich sowohl einer diesseitigen Intrige als auch einem jenseitigen Fluch auf die Schliche kommt und sich beide vom Hals schafft. Die Auflösung wirkt denkbar unspektakulär, was selbst Lofgren aufgefallen sein muss, der deshalb den ziegenbärtigen Dämonen auf Samantha losgehen lässt, die aber neu erstarkt und selbstbewusst auch diesen in seine Schranken verweist.

„Ghost Boat“ ist über weite Strecken ein Zwei-Personen-Stück, das Jennifer Stuckert und Brian Rife bestreiten. Letzterer hat Pech gehabt, denn Drehbuchautor Lofgren unterfüttert seine Figur ausschließlich mit Klischees. Zudem wird niemals klar, wieso der Dämon ausgerechnet Mack mit Samantha auf der „Fidei Defensor“ zurückbleiben lässt, denn im Rahmen ihres Bewusstwerdungs- und Läuterungsprozesses spielt er keine Rolle. Erst recht vergessen kann (und sollte man – zu ihrem Besten) die übrigen Darsteller.

Das kann doch einen Seh-Mann nicht erschüttern!

Keine Schauwerte, keine schauspielerischen Highlights, keine Effekte, die diesen Namen verdienen: Kann es noch schlimmer kommen? Im Film der C-Kategorie immer! Geoff Harvey und Chris Martyn versuchen sich an einem Minimal-Score, der gerade so sehr an John Carpenter erinnert, dass er in den Ohren schmerzt.

Kameramann Matthew bediente eine digitale Kinokamera der Marke RED offenbar ohne Kenntnis der schier unendlichen Möglichkeiten, die dieses Arbeitsinstrument in Sachen nachträglicher Bildbearbeitung bietet. Die Bilder sind flach, verschleiert und zeigen auch sonst alle Schrecklichkeiten eines normalen Urlaubsvideos.

Der Titel hat mit dem Inhalt nachvollziehbar nichts zu tun bzw. drückt aus, was Matt Lofgren ursprünglich vorschwebte: ein Psycho-Thriller mit übernatürlichen Zügen. Damit konnte er freilich jenes Hollywood, das Filme nicht als Werke, sondern als Ware betrachtet, nicht beeindrucken: Sobald Lofgren „Alarmed“ verkauft (und seine Rechte aufgegeben) hatte, wurde daraus „Ghost Boat“, was dem Film erst recht das Genick brach: Die Fans ‚echter‘ Psycho-Thriller mieden ihn, die Freunde der Phantastik warnten enttäuscht potenzielle Zuschauer.

Ein desillusionierter Matt Lofgren berichtet auf einer Art ‚Not-Website‘ zu seinem Film, wie ihm sein Film abhandenkam und durch Hollywoods Vermarktungsmühle gedreht wurde, bis nur noch Krümel übrigblieben. Lofgren hat nach eigener Auskunft keinen Cent mit „Alarmed“/„Ghost Boat“ verdient und nur an Erfahrung gewonnen. Die kann er brauchen, denn er arbeitet an einem zweiten Film, der hoffentlich nicht nur ihm, sondern vor allem uns Zuschauern Freude bereitet!

DVD-Features

Auch hierzulande wird „Ghost Boat“ unter „ferner liefen“ eher schlecht als recht vermarktet. Extras gibt es nicht, Untertitel auch nicht. Trotzdem sollte man auf den O-Ton zurückgreifen, denn deutsche Röhr- und Röchelkehlen zerschroten jegliche Spannungsstimmung, die sich womöglich verbreiten möchte.

Kurzinfo für Ungeduldige: Samantha wird auf ihrer Jacht von einem Dämon festgehalten sowie von den Geistern ihrer toten Familie gepiesackt, was nur enden wird, wenn sie die Wahrheit über deren mörderisches Ende herausfindet … – Einerseits zäh und andererseits wirr entwickelt der Autor/Regisseur dies als Endlosschleife mit Rückblenden, was sich spannungsarm und bildschwach der lahmen Auflösung entgegenschleppt; zu allem Überfluss ist das krude Filmchen mies synchronisiert: den Originaltitel wörtlich nehmen & Abstand halten!

[md]

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