Gong Tau
An Oriental Black Magic

Originaltitel: Gong Tau (Hongkong 2007)
Regie: Herman Yau
Drehbuch: Herman Yau u. Chun-Yue Lam
Kamera: Jose Chan
Schnitt: Azreal Chung
Musik: Brother Hung
Darsteller: Mark Cheng (Rockman Cheung), Maggie Shiu (Karpi), Lam Suet (Brother Sum), Kenny Wong (Lam Chiu), Kris Gu (Lockman), Hui Shiu Hung (Wah), Lau Kam Ling (Lily Chan), Fung Hak On (Meister Clear Sea), Teng Tzu Hsuan (Elli Lam) Kam Loi Kwan (Sai Keung) uva.
Label: I-ON New Media
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 27.02.2009 (Kauf-DVD) bzw. 31.10.2008 (Limited Edition/Metalpak)
EAN: 4260034632196 (Kauf-DVD) bzw. 4260034631922 (Limited Edition/Metalpak)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Kantonesisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 93 min.
FSK: 18

Das geschieht:

Polizeiermittler Rockman Cheung ist ein innerlich zerrissener Mensch. Obwohl gerade Vater geworden, vernachlässigt er seine Familie. Lieber jagt er Verbrecher durch Hongkong. Dort sorgt just ein Polizistenmörder für Aufruhr, weshalb Rockman nicht zu Haus ist, als Karpi, seine Frau, plötzlich von entsetzlichen Schmerzen heimgesucht wird. Als Rockman endlich heimkehrt, findet er sie bewusstlos und seinen Sohn grässlich entstellt und tot vor.

Rockman und sein erfahrener Kollege Brother Sum verdächtigen den Bankräuber Lam Chiu. Ihn hat Rockman vor 13 Jahren auf der Flucht angeschossen. Seitdem kann Lam keine Schmerzen mehr empfinden. Er hat Rockman Rache geschworen. Nachdem er aus dem Gefängnis kam, ist Lam untergetaucht. Als ein weiterer Polizist einen bizarren und offensichtlich rituellen Tod stirbt, meint Sum hinter den Verbrechen ein „Gong tau“ zu erkennen: Ein Hexenmeister – Lam Chiu? – hat Rockmans Familie mit einem Fluch belegt, eine Vergeltung, gegen die sich mit Polizeimethoden nichts ausrichten lässt. Sum bringt Rockman und Karpi deshalb zu Meister Clear Sea, dessen Exorzismus jedoch scheitert: Das Gong tau ist zu stark. Rockman muss den Verursacher finden und zum Rücknahme des Fluches bringen.

Nur er weiß, dass dies eigentlich unmöglich ist, denn Rockman verheimlicht, dass es einen Menschen gibt, der ihn noch stärker als Lam Chiu hasst: Drei Jahre zuvor hatte er während eines Einsatzes in Thailand eine Affäre mit der Tänzerin Elli, der er ewige Liebe schwor, um sie dann zu verlassen. Elli hat sich später vor Gram umgebracht; das Gong tau hält Rockman für ihr böses Vermächtnis, und Lam Chiu fungiert womöglich als Ellis Nachlassverwalter. Als Lam endlich gefasst wird, sehen die Polizisten endlich Licht am Ende des schwarzmagischen Tunnels, zumal der Gangster sich bereiterklärt, das Gong tau zu lösen, wenn man ihn freilässt. Aber Lam weiß mehr, als er verrät, und deshalb geraten Sum und Rockman in eine buchstäblich teuflische Falle …

Horror aus Asien: Kino der Seltsamkeiten

Das asiatische Kino ist nicht nur aber vor allem im Genre Phantastik eine Wundertüte des Schrecklichen und Bizarren. Der europäische Zuschauer wird beide Empfindungen freilich anders definieren als das eigentliche Zielpublikum. Furcht bzw. Gefühle überhaupt werden in den Ländern der aufgehenden Sonne entweder deutlich abweichend empfunden – was die Ethnologen zu entscheiden haben – oder zumindest auf eine Art dargestellt, die den Abendländer überrascht und irritiert.

„Gong tau“ bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Seelennot und Gewissensqualen werden mehrfach aus dem Handlungszusammenhang gerissen und förmlich zelebriert. Immerhin hält sich die Zahl entsprechender Szenen in Grenzen. „Gong tau“ wurde in Hongkong gedreht, wo die Filmstudios durchaus mit dem Blick auf das westliche Publikum produzieren. Herman Yau ist zudem ein Regisseur und Drehbuchautor, der frontal auf sein Thema zumarschiert. Ein subtiler Filmemacher ist er nicht; er kommt nach anderthalb Stunden zum Ende seiner Geschichte, was wenig wundert bei diesem bienenfleißigen Mann, der zeitweise vier Filme jährlich inszenierte.

Wobei „Gong tau“ zu den ‚sanfteren‘ Werken Yaus gehört, der sich mit Filmen wie „The Untold Story“ (1993) oder „Ebola Syndrome“ sogar den Unmut der heimischen Zensur zuzog, die in Sachen Brutalität und Drastik normalerweise sehr gelassen reagiert. Tatsächlich setzt „Gong tau“ trotz teilweise heftiger Effekte vor allem auf Gruselstimmung. Hongkong ist bei Yau keine glitzernde Metropole, sondern eine düstere, verregnete, von klaustrophobisch engen und verkommenen Häuserzeilen, Gassen und Hinterhöfen geprägte Megalopolis.

Schwarze Magie einmal anders

Das Konzept der dämonischen Besessenheit ist wahrscheinlich in allen Kulturen dieser Erde verbreitet. Die Unterschiede zeigen sich in den Details. In dieser Hinsicht kann Yau mit „Gong tau“ punkten: Der vom ewig gleichen Einerlei des westlichen Horror-Kinos gelangweilte Zuschauer wird mit unbekannten und interessanten Schreckensgestalten konfrontiert. Natürlich bedarf es dennoch einiger Nachsicht, muss man sich doch u. a. daran gewöhnen, dass ein Hexenmeister seinen Schädel vom Restkörper ‚abkoppelt‘, um auf diese Weise als „fliegendes Gong-tau“ seine Feinde aus der Luft zu attackieren. Dies zu akzeptieren wird nicht leichter, wenn Rockman vom Schädel in eine ausführliche Diskussion über Schuld und Sühne verwickelt wird. Der Horror funktioniert deshalb dann am besten, wenn seine Verursacher nur schattenhaft oder gar nicht zu sehen sind.

Immer wieder verblüfft die Selbstverständlichkeit, mit der die Protagonisten im Asien-Kino die Gegenwart des Übernatürlichen akzeptieren. Wo im Westen lang und umständlich ‚erklärt‘ und eingeführt werden muss, wieso es umgeht, kommt Brother Sum nach kurzem Nachdenken zu der Erkenntnis, dass Rockman und seine Familie von einem Gong-tau gejagt werden. Ebenso zweifelsfrei werden Gegenmaßnahmen eingeleitet. Dafür gibt es Experten wie Meister Clear Sea, die aus ihrem Job keinen Hehl machen und machen müssen.

Dämon oder Dämon Mensch?

Herman Yau hebt in seinem Film ein bekanntes Phänomen hervor: Das übernatürliches Böse fällt in der Regel nicht selbstständig über seine Opfer her. Wesentlich öfter wird es von den Menschen selbst gerufen. Der mordende Fluch ist menschlichen Ursprungs, und die Motive des Hexenmeisters, der ihn heraufbeschwor, sind ebenfalls menschlich. Habgier, Liebe, Rache – dies sind aus polizeilicher Sicht die drei hauptsächlichen Mordmotive. Sollte ein Mörder jemals die reale Chance bekommen, einen Dämon in seinen Dienst zu zwingen, ist unbedingt davon auszugehen, dass er (oder sie) diese Gelegenheit nutzen wird.

„Gong tau“ ist ein Film, in dem sympathische Figuren drastisch in der Minderzahl sind. Selbst Bruder Sum, der selbstlos seinem Freund Rockman beisteht und dabei sogar das Gesetz missachtet, ist ein Polizist, der völlig selbstverständlich Informationen aus Verdächtigen heraus prügeln lässt. Rockman selbst ist – gut dargestellt von Mark Cheng – ein Mann, der sich selbst, seine Familie, seine Freunde und sogar seine Feinde zerstört. Er ist süchtig nach der Verbrecherjagd, die ihn gleichzeitig von seinen privaten und beruflichen Vergehen ablenkt. Mit der Wahrheit rückt Rockman erst heraus, wenn ihm gar keine Alternative mehr bleibt.

Vielleicht eher den bereits erwähnten asiatischen Eigenheiten ist die Charakterzeichnung von Rockmans Ehefrau Karpi geschuldet. Falls es in diesem Kulturkreis bereits eine Emanzipationsbewegung gibt, geht sie seltsame Wege. Karpi wird jedenfalls als nervenschwache, unbeherrschte, manipulierbare, dümmliche Hausfrau dargestellt, die stets Opfer bleibt und vom Gatten auf dem Weg zum Showdown notfalls im Schlafanzug über die Schulter geworfen und aus dem Krankenhaus geschleppt wird.

Die attraktive Elli scheint aus härterem Holz geschnitzt zu sein. Doch sie bleibt ebenfalls passiv, ist nur Katalysator des übernatürlichen Grauens, das erst einsetzt, als sie sich längst im Liebeswahn umgebracht hat. Darüber hinaus dient sie als Blickfang. Überraschend offen, d. h. in vollständiger frontaler Nacktheit („full frontal nudity“: wieder einer dieser hübschen ‚Fachausdrücke‘, die wir dem US-Kino verdanken) präsentiert sich Teng Tzu Hsuan gleich in mehreren Szenen, die zwar zum Geschehen nichts beitragen, aber für zusätzliche Schauwerte sowie jene Skandalträchtigkeit sorgen, die als kostenlose, von Zensoren und frommen Gutmenschen zuverlässig geschürte Werbung stets willkommen ist.

Horror ist Schock, Strafe muss sein

Schon angedeutet wurden die harten Effekte. „Gong tau“ ist ein Film, der unter ausgiebigem Einsatz von Tricktechnik entstand. Blut und Verwesung kommen vergleichsweise sporadisch zum Einsatz. Ist es dann soweit, gibt Yau freilich kein Pardon. Das Entsetzliche wird nicht angedeutet, sondern gezeigt. Das schließt den Anblick einer mit Messern malträtierten und von Würmern zerfressenen Babyleiche oder das systematische und explizit gezeigte Zerschießen einer menschlichen Hand ein, was  dem in dieser Hinsicht normalerweise verschonten westlichen Zuschauer Augenblicke erhöhter Adrenalin-Ausstöße beschert.

Erstaunlicherweise scheint „Gong tau“ nur randwertig auf dem Radar der deutschen Zensur aufgetaucht zu sein. Normalerweise ist man dort mit der Schere sehr flink und kappt vorsichtshalber auch Szenen, die VIELLEICHT verrohend und beunruhigend wirken KÖNNTEN. Man spricht den Saubermenschen der Schnippschnapp-Brigaden die Fähigkeit zur Differenzierung gern ab, doch hier stellt sich die Frage, ob der asiatischen Ursprung dieses Films und seine in einem fremden kulturellen Umfeld verwurzelte Haltung zur filmischen Gewalt Berücksichtigung fand.

Asiatische Filme enden gern tragisch, während im Westen das Happy-End bevorzugt wird. Rockman ist ein Anti-Held, der seine Fehler wiedergutmachen will. Der Sieg gegen das Böse ist wichtig, doch das genügt trotz endloser Schmerzen und Leiden nicht. Der Anti-Held weiß im Grunde, dass er seine Läuterung nicht überleben wird, aber er geht stoisch dem Tod entgegen, den er als Strafe akzeptiert. Ein lebendiger Neubeginn ist in diesem Konzept nicht vorgesehen – eine fragwürdige, zumindest hierzulande in dieser Strenge nicht mehr vertretene Philosophie.

Solchen tiefgründigen Gedanken zum Trotz ist „Gong tau“ ein spannender Film mit einem nicht unkomplizierten Plot. Es liegt keineswegs nur an den fremden und oftmals gleichlautenden Rollennamen, dass der Zuschauer gedanklich am Ball bleiben muss, um die magische Intrige zu verstehen. Die exotische Kulisse Hongkongs wird effektvoll genutzt, die Kamera ist ebenso beweglich wie die Darsteller. Das Tempo lässt manche Unlogik vergessen. Die weitgehende Unkenntnis jener faulen Tricks, die in Asien als Film-Klischees gelten, kommt dem europäischen Zuschauer zusätzlich zugute.

DVD-Features

Als Extras gibt es nur einen Trailer sowie ein „Making of“, das keine drei Minuten ‚lang‘ ist: Einige Hauptdarsteller erläutern knapp ihre Rollen. Erstaunlicherweise wurden ihre Äußerungen zumindest Englisch untertitelt, sodass man sie verstehen kann.

Anmerkung: Das Motiv des Covers hat zumindest mit dem Inhalt der deutschen Fassung dieses Films rein gar nichts zu tun; es dient als visuelles Lockmittel für potenzielle Zuschauer mit speziellen Vorlieben …

[md]

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