Aus der irischen See steigen vielarmige Ungeheuer und jagen die Bewohner einer isolierten Insel, deren Überlebenschancen schlagartig steigen, als sich die akute Alkohol-Unverträglichkeit ihrer Verfolger herausstellt … – Letztlich misslungene Mischung aus Grusel (klassisch) und Komödie (platt), die durch gut aufgelegte Darsteller und erstaunlich hochwertige Spezialeffekte versöhnt: solide B-Movie-Kost.

Das geschieht:

Erin Island ist eine kleine Insel vor der westirischen Küste. Hier leben bodenständige Fischer, deren kriminelle Aktivitäten sich in Prügeln, Schmuggeln und Schwarzbrennen erschöpfen. Die örtliche Polizei beschränkt sich auf zwei Beamte, die fest ins soziale Gefüge eingebunden sind. Dennoch hat Sergeant Kenefick eine Urlaubsvertretung angefordert, denn Kollege Ciarán O’Shea hängt an der Flasche, seit ihn seine Braut verlassen hat.

Aus Dublin reist die junge, ehrgeizige Beamtin Lisa Nolan an, die sich beruflich eine Ruhepause gönnen möchte. O’Shea empfängt sie mit Brummschädel und auch sonst wenig begeistert. Seine Lebensgeister erwachen wieder, als mysteriöse Ereignisse den Inselalltag aus dem Gleichgewicht bringen: Am Strand liegt ein Rudel toter Grindwale mit seltsamen Wunden, und Hummerfischer Paddy Barrett meldet den Fang eines kleinen aber bösartigen Seeungeheuers.

Da auf Erin Island noch niemand weiß, dass außerdem drei Fischer auf See vermisst werden, ignorieren Ciarán und Nolan Paddy und seinen Fund. Dies rächt sich, da in der Nacht ein zweites, wesentlich größeres und ‚weibliches‘ Ungetüm aus dem Meer steigt, auf Menschenjagd geht und den vermissten Gefährten sucht. Der hat Paddy inzwischen beinahe umgebracht und ist beim Meeresbiologen Adam Smith gelandet, der die Gefährlichkeit der Wesen erkennt, die Erin Island mit einer Flut kleiner aber ähnlich blutrünstiger Ableger zu überschwemmen beginnen.

Zu allem Überfluss zieht ein schwerer Sturm auf. Erin Island ist von der Außenwelt abgeschnitten, Hilfe nicht zu erwarten. Immerhin gibt es einen Lichtblick: Dr. Smith hat herausgefunden, dass jegliche Art von Alkohol pures Gift für die Kreaturen ist. Ciarán, Lisa und Dr. Smith laden die zunächst noch ahnungslosen Bewohner von Erin Island zu einem gewaltigen Besäufnis in Brian Mahers Hafen-Pub ein. Dieser Teil des Plans geht auf, doch der lebenswichtige Promillespiegel im Blut erschwert den Kampf gegen die großen und kleinen Monster auf unerwartete Weisen …

„Prost!“ = lustig?

Die Film-Komödie ist so alt wie der Film selbst. Mit ihr wurde der Einfall geboren, dass Alkoholgenuss im Übermaß bzw. der daraus resultierende Kontrollverlust komisch anzusehen ist. Dem ist tatsächlich dort so, wo dieser Verlust mit filmischen Mitteln übersteigert dargestellt, d. h. auf den Effekt zugespitzt bzw. überhöht inszeniert wird. Torkeln und Lallen allein sorgen dagegen nicht für komische, sondern für peinliche Resultate, was durchaus einen gewaltigen Unterschied darstellt. (Dies ist ein Hinweis, der an sich allzu fleißige und dadurch geschädigte Zuschauer des deutschen Privat-Fernsehens mit seinen „Comedy-Stars“ u. a. Fratzenschneidern richtet.)

Leider können oder wollen unfähige oder faule Filmemacher dies nicht erkennen, was seit mehr als einem Jahrhundert den stetigen Nachschub an flachen und flauen Hicks-&-Kotz-‚Komödien‘ garantiert. Das ist meist ärgerlich, kann ignoriert werden, enttäuscht aber dort, wo die Ingredienzien stimmen und dennoch kein wirklich guter oder wenigstens lustiger Film dabei herauskommt. Damit ist das grundsätzliche Problem von „Grabbers“ ebenso knapp wie vernichtend in Worte gefasst.

Drehbuchautor Kevin Lehane und Regisseur John Wright setzen primär auf den Humor-Faktor. Sie betten ihre Scherze in eine bekannte Story ein, die selbst jüngere Zuschauer in jeder Wendung voraussagen können. Angeblich ist dies Absicht: „Grabbers“ soll die naiven Monster-Filme der 1950er und 60er Jahre parodieren und arbeitet deshalb mit entsprechenden Klischees. Der Film-Nerd erkennt zudem die eingestreuten Anspielungen und freut sich, wenn die Nachwuchs-Seeteufel wie einst die „Gremlins“ durch Mahers Pub toben. Dem filmhistorisch weniger beschlagenen Zuschauer bleiben dagegen nur grobe Witze.

„Local Hero“ mit Monstern

Dabei funktioniert „Grabbers“ vor dem kollektiven Besäufnis sämtlicher Darsteller gut oder sogar besser: als sachte Komödie, die zum x-ten Mal aber liebenswert mit Vorurteilen spielt. Die Iren sind in dieser Hinsicht Kummer gewöhnt. Schon im klassischen Hollywood traten sie kurzgewachsen, krummbeinig, rothaarig und mit Schirmmütze auf; in der Linken hielten sie eine Fidel, in der Rechten ein Glas mit Hochprozentigem. Seit „Local Hero“ (1983) – der allerdings in Schottland spielt – wurden diese Stereotypen modernisiert: Ländlich oder insular isolierte Angelsachsen gelten nun als Bewahrer alter Tugenden und Traditionen. Sie sind – siehe „Lang lebe Ned Devine!“ (1998) – verschrobener denn je, dafür jedoch quasi von Geburt an von ‚grüner‘ Gesinnung, dem modernen Zivilisationsdruck abhold und gewitzt genug, sich ihre Nischen in einer globalisierten Welt zu sichern.

Filmisch wird dies gern durch die Begegnung von ‚Stadt‘ und ‚Land‘ oder ‚Insel‘ hervorgehoben. Auch Lehane & Wright wollen nicht auf das daraus resultierende humoristische Potenzial verzichten und konfrontieren den liebenswert versumpften Insel-Polizisten O’Shea mit der ehrgeizigen, überkorrekten, arbeitswütigen (aber natürlich jüngeren und hübschen) Polizistin Nolan aus der Hauptstadt = der großen, weiten Welt.

Den gut ausgesuchten, talentierten und spielfreudigen Schauspielern verdanken wir den ebenfalls geläufigen, trockenen, gut dosierten Humor, der sich in die parallel dazu anlaufende Gruselgeschichte zunächst harmonisch einfügt. Schräge Typen wie der schlitzohrige Fischer Paddy Barrett, der schwarzbärtige Kneipenwirt Brian Maher oder sein abgebrühtes Eheweib Una aber auch – in gewissem Kontrast dazu stehend – der junge, eifrige, unerfahrene Biologe Smith sorgen routiniert für entsprechendes Gag-Gut.

Fremdlinge mit ir(d)ischen Begierden

Was da aus dem Meer an den Strand von Erin Island steigt, ist wohl außerirdischer Herkunft; im Vorspann sehen wir aus dem Weltall eine wunderschöne Erdansicht, über der sich eine ‚Sternschnuppe‘ verdächtig der irischen See nähert. Weitergehende Fragen stellt man sich lieber nicht, da die Logik weitgehend ausgespart bleibt und für das Geschehen außerdem ohne Belang ist. Also treibt eine Mischung aus Krake und Seestern, die sowohl im Wasser als auch auf dem Land leben kann und sich von Menschenblut ernährt, ihr Unwesen.

Die Kreatur ist einnehmend abstoßend gestaltet, d. h. handlungskonform gruselig und vor allem erstaunlich gut animiert. Sie ist beweglich und schnell, sie wirkt gewichtig, ihre digitale Herkunft lässt sie sich kaum anmerken. „Special Effects von den Machern von Harry Potter“, liest man in holprigem Deutsch auf dem Cover, was eine Erklärung böte. Außerdem floss keine gewaltige aber eine größere Geldsumme in diese Filmproduktion, die sich auch sonst in wahrsten Sinn des Wortes sehen lassen kann.

Erin Island ist monsterfilmtypisch ein isoliertes Fleckchen Erde. Flucht ist unmöglich, während ein Sturm Rettung von außen verhindert. Man muss sich dem Untier und seiner Brut irgendwann stellen. Die spannungsförderliche Unterlegenheit will irgendwie ausgeglichen werden. Waffengewalt fällt aus, wie in einer Szene geschickt thematisiert wird: Eine entsprechende Suchaktion bringt nur Spielzeug, Schrott und Prügelwerkzeug auf Steinzeit-Niveau zum Vorschein; ein deutliches Indiz dafür, dass „Grabbers“ nicht in der US-Provinz spielt.

Insel der Trunkenbolde

Weil die Handlung in Irland spielt, liegt die Verwendung von Alkohol nahe. Doch sobald dieser in Strömen fließt, geraten nicht nur die Bewohner von Erin Island ins Schwimmen. Drehbuch und Regie konzentrieren sich auf die Folgen und reihen Szenen suffbedingten Ungeschicks aneinander. Im Zentrum steht dabei Lisa Nolan, da es offenbar besonders witzig ist, wenn eine schöne, bisher reservierte Frau ihre Hemmungen verliert. Kontraproduktiv ist die Idee, ausgerechnet den Schluckspecht O’Shea nüchtern der Kreatur gegenüberzustellen. Er benimmt sich keineswegs planvoller oder geschickter als die trunkenen Insulaner. Außerdem passt die plötzliche Heldenrolle nicht zu O‘Shea.

Für Schauspieler ist es schwierig, überzeugend Betrunkenheit zu mimen; in Hollywood gab es mit gutem Grund Darsteller, die sich auf diese Rolle spezialisiert hatten. Erneut gilt es zu differenzieren: dieses Mal zwischen „überspitzt“ und „übertrieben“. Komisch ist Alkoholismus dort, wo er in absurde Genialität übergeht. Dieser Grat ist freilich schmal. Regisseur Wright war sich der Gefahr, vom Komischen über das Lachhafte ins Lächerliche abzurutschen, durchaus bewusst. Die Darsteller mussten sich vor Beginn der eigentlichen Dreharbeiten tatsächlich einmal betrinken. Mit der Kamera hielt Wright fest, wie sie sich in diesem Zustand verhielten. Auf diese Weise schufen die Schauspieler sich ihre eigenen Vorgaben, als sie später nüchtern wie Betrunkene agieren mussten.

Zumindest Ruth Bradley fand dabei selten die Balance. Oft ist sie eher albern als berauscht, was der Realität entsprechen mag aber den (vermutlich) nicht künstlich angeheiterten Zuschauer kaum unterhält. Ansonsten gibt es den ebenfalls beschwipsten Pfarrer, denn Kontrollverlust bei Autoritätspersonen ist gleichsam doppelt komisch, weshalb es auch den steifen Wissenschaftler oder den Doktor erwischt. Es fehlt selbstverständlich nicht die nette, kleine Großmutter, die sich besonders beherzt den Alkohol in die Gurgel stürzt.

Wirklich Komisches geht im Klamauk oft unter, wobei freilich zu berücksichtigen ist, was der jeweilige Betrachter komisch findet. Objektiv betrachtet bleibt „Grabbers“ Mittelmaß, was den selbstverständlich der Handlung folgenden, überraschungslosen Schlusstwist wie eine Drohung wirken lässt: Mama Monster hat einige Eier zwischen die Klippen gelegt, von denen unsere Insulaner (noch) nichts ahnen …

DVD-Features

Nur wenig länger als eine Viertelstunde dauert das „Behind the Scenes“ genannte „Making of“. Jenseits der üblichen gegenseitigen Lobpreisungen sind interessante Blicke hinter die Kulissen einer nicht einfachen Filmproduktion möglich. So wundert sich der Zuschauer, dass „Dr. Smith“ und seinen Besuchern im Labor der Atem deutlich kondensiert den Lungen entweicht. Hier ließ sich ohne aufwendige Spezialeffekte nicht mehr kompensieren, dass „Grabbers“ in einem der kältesten Winter der irischen Wetter-Geschichte gedreht wurde. Angesichts der zahlreichen Außenaufnahmen muss man die Darsteller nachträglich bewundern.

Die „Outtakes“ zeigen leider nicht die real angeheiterten Darsteller bei ihren Possen, sondern hält ihre Bemühungen fest, nüchtern Trunkenheit so in ihre Rollen einfließen zu lassen, dass es ‚echt‘ wirkt. Das ist offensichtlich harte Arbeit und als solche nur bedingt spannend anzuschauen.

Zu überflüssiger Letzt kann man sich noch den Trailer zum Hauptfilm anschauen.

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Grabbers
Originaltitel: Grabbers (GB/Irland 2011)
Regie: John Wright
Drehbuch: Kevin Lehane
Kamera: Trevor Forrest
Schnitt: Matt Platts-Mills
Musik: Christian Henson
Darsteller: Richard Coyle (Ciarán O’Shea), Ruth Bradley (Lisa Nolan), Lalor Roddy (Paddy Barrett), David Pearse (Brian Maher), Bronagh Gallagher (Una Maher), Pascal Scott (Dr. Jim Gleeson), Russell Tovey (Dr. Adam Smith), Clelia Murphy (Irene Murphy), Louis Dempsey (Tadhg Murphy), Micheál O’Gruagain (Pfarrer Potts), Ned Dennehy (Declan Cooney), Stuart Graham (Kapitän), Killian Coyle (Matrose), Michael Hough (Maat), Jonathan Ryan (Sergeant Kenefick) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 04.12.2012
EAN: 7613059802070 (DVD)/7613059402072 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 16

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