Grave Encounters

Originaltitel: Grave Encounters (Kanada 2011)
Regie, Drehbuch u. Schnitt: The Vicious Brothers (= Collin Minihan u. Stuart Ortiz)
Kamera: Tony Mirza
Musik: Quynne Craddock
Darsteller: Sean Rogerson (Lance Preston), Ashleigh Gryzko (Sasha Parker), Merwin Mondesir (T. C Gibson), Juan Riedinger (Matt White), Mackenzie Gray (Houston Grey), Ben Wilkinson (Jerry Hartfield), Shawn Macdonald (Morgan Turner), Bob Rathie (Kenny Sandavol), Fred Keating (Gary Crawford) u. a.
Label: Falcom Media Group
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 25.09.2012
EAN: 4048317359141 (DVD)/4048317459148 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 90 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Mit seinen Kollegen Sasha, T. C. und Matt realisiert Privat-Produzent Sean Rogerson die TV-‚Reality‘-Show „Grave Encounters“: Man sucht nach gruselig anzuschauenden Schauplätzen, an denen es angeblich umgeht, und geht dem Spuk ‚wissenschaftlich‘ mit Überwachungskamera, Geigerzähler und Mikro auf den Grund. Wenn die gespielte Aufregung der Geisterjäger nicht bildschirmtauglich genug ist, steckt Sean dem jeweiligen Hausmeister oder Gärtner ein paar Dollar zu, damit diese ‚Zeugen‘ von angeblich erlebten Unheimlichkeiten berichten. Mit dabei ist meist Houston Grey, der in seiner Rolle als ‚Medium‘ und Geisterbeschwörer ungemein überzeugend wirkt.

Routiniert nistet sich die Gruppe für Folge 6 von „Grave Encounters“ im Collingwood-Sanatorium ein. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die gewaltige Anlage errichtet, um geisteskranke Patienten wegzusperren. Im Laufe vieler Jahrzehnte ereigneten sich hier schreckliche Dinge. Die Öffentlichkeit wurde erst aufmerksam, als der wahnsinnig gewordene Dr. Friedkin nach grausigen Menschenversuchen Ende der 1940er Jahre von verzweifelten Patienten umgebracht wurde. Vor allem Friedkins Opfer sollen noch durch die endlosen Korridore der seit 1963 leer stehenden Anstalt geistern: eine ideale Vorgeschichte für „Grave Encounters“!

Der Dramatik willen filmt das Team bei Nacht. Zunächst veranstaltet man den üblichen Hokuspokus und kreiert eigene Spukeffekte. Später sorgen seltsame Geräusche und von selbst zuschlagende Türen zunächst für Begeisterung. Die schlägt allerdings in Panik um, als die Phantome buchstäblich handgreiflicher werden. Bald hat sogar Sean genug und lässt seine Gefährten zusammenpacken.

Flucht ist jedoch unmöglich, denn das Anstaltsgebäude hat sich in eine gigantische Falle verwandelt. Ausgänge verschwinden oder enden plötzlich in fensterlosen Gängen. Die Nacht will nicht enden, es gibt keine Verbindung zur rettenden Außenwelt. Zunehmend panischer flüchten fünf Menschen durch das düstere Labyrinth, in dem sich die Geister der Insassen materialisieren und die Verfolgung aufnehmen …

Man sieht wenig & denkt sich seinen Teil

Eine „Found-Footage“-Mockumentary plus ein Regisseurs- und Autorenduo, das sich das Gemeinschafts-Pseudonym „The Vicious Brothers“ gegeben hat: Als erfahrener und hart geprüfter Gruselfilm-Freund darf man nicht behaupten, ohne Vorwarnung geblieben zu sein. Hat man „Blair Witch Project“ gesehen, kennt man grundsätzlich auch „Grave Encounters“, und horrorfilmende ‚Brüder‘ haben eigentlich nie doppelte Leistung, sondern nur doppelten Bockmist produziert; man denke an die „Butcher Brothers“ oder die (zugegeben nicht durchweg ärgerlichen) „Pang Brothers“.

„Grave Encounters“ ist Wackelkamera-Routine durch und durch. Dies wird so rasch so weit getrieben, dass man sich fragt, ob Kameramann T. C. unter einer Schüttellähmung leidet; die Erfindung des Stativs scheint auf jeden Fall an ihm vorübergegangen zu sein. Ansonsten folgt die Handlung sowohl dem Leben als auch den technisch bedingten Limitierungen: Gefilmt wird halbwegs deutlich vor allem dann, wenn nichts geschieht. Sobald sich der erste Geisterlaken-Zipfel zeigt, tritt T. C. sein Arbeitswerkzeug offenbar mit den Füßen durch die Gänge von Collingwood Hospital. Freilich hat sich der daraus resultierende Schreck-Faktor „Undeutlichkeit“ nach (viel zu) vielen „Found-Footage“-Jahren gründlich abgenutzt.

So eindrucksvoll das alte Hospital auch sein mag: Spannung erfordert mehr als das endlose Stolpern durch Korridore, Waschräume und Krankenzellen. Daran ändern auch „Buh!“-Geräusche aus dem Off wenig. Zudem nimmt der Zuschauer übel, dass sich bereits die Einleitung endlos zieht: Wir müssen fünf unsympathischen Zynikern bei ihrem nutzlosen Job beobachten. Sie basteln eine Spukgeschichte nach „Scripted-Reality“-Muster, für die Anführer Lance das Drehbuch schrieb. Eine kurze Weile ist es amüsant zu verfolgen, wie modernes Fernsehen für Hohlköpfe entsteht, doch dann überwiegt doch der Wunsch nach filmischer Unterhaltung.

Es spukt ganz groß – na und?

Die folgt bis auf eine Ausnahme dem schon im Unterhaltungsalltag untergegangener Zivilisationen der menschlichen Frühgeschichte bekannten Schema F. Wie viele verrottete Irrenhäuser, in denen der verstorbene Herr Professor den Lobotomie-Meißel schwingt und die ebenso toten Insassen in Krankenhaus-Hemdchen durch die Flure wanken, mussten wir eigentlich schon besuchen? Man verliert leicht den Überblick, denn Ambiente und Bewohner gleichen einander zum Verwechseln.

Es bleibt bei der einen, schon angedeuteten Überraschung: Der erfolgreiche Durchbruch verschlossener Außentüren bringt wider Erwarten nicht die ersehnte Freiheit. Collingwood verwandelt sich in der Nacht in einen separaten, von der Real-Welt isolierten Miniatur-Kosmos. Ein Entkommen ist dort unmöglich, wo sich die Fluchtwege ins Unendliche verlängern. Wenigstens einmal stürzen die „Vicious Brothers“ (die übrigens keine Brüder sind) nicht schon wieder in eines der selbst tief aufgerissenen Handlungs- und Logiklöcher. (Tunlichst unbeantwortet bleibt beispielsweise die Frage, wie denn die Nachwelt an die Aufnahmen gelangt ist, die doch mit dem Team in der Spuk-Welt verschwunden sein müssten. Wollen nicht einmal böse Geister etwas mit dem modernen Fernsehen zu tun haben?)

Wesentlich gehfauler als ihre Opfer zeigen sich die Geister. Ihr Zorn erklärt sich vielleicht aus der Tatsache, dass sie in dem riesigen Hospitalkomplex ewig warten müssen, bis sich endlich jemand in ihre Reichweite verirrt. Aus der leeren Luft kommen sie nicht; wie sonst könnte es gelingen, die augenringschwarzen Dämonen durch das Verbarrikadieren hinter Türen auszusperren? Aber Vorsicht: Hier unterstellt man dem Geschehen eine Logik, dem es nicht gewachsen ist. Mancher Spuk kann eben doch durch Wände sickern.

Quintett des (unfreiwilligen) Grauens

Während die früheren Insassen von Collingwood wenigstens Geisteskrankheit als Grund für ihre Unleidlichkeit anführen können, bleibt unsere Film-Crew ohne Entschuldigung. Lance Preston ist ein begeisterter aber verlogener ‚Dokumentarfilmer‘, der seine Kollegen – vier unabhängig vom Geschlecht verlotterte, grießgrämige, ehrgeizfreie Gestalten – verdient hat. Sie wissen nicht, wie Menschen vernünftig miteinander reden, sondern maulen herum, zicken sich an und sind auch sonst die reinste Landplage. (Für T. C. wurde zu allem Überfluss ein Synchronsprecher angeheuert, der dessen Sätze im nölig-schleppenden Bohlen-Tonfall herunterleiert, was den Blutdruck beim Zuschauer effektiver in die Höhe treibt als jedes aus der Dunkelheit springende Nachtgespenst.)

Schauspielerisches Talent war den „Vicious Brothers“ weniger wichtig. Eine Vorstellung zum Fremdschämen bietet u. a. Juan Riedinger, als der von ihm gemimte Matt dem Wahnsinn verfallen soll: Er wagt es tatsächlich, in ‚irres Gelächter‘ (oder was er dafür hält) auszubrechen! Ashleigh Gryzko, die einzige Frau in einer Hauptrolle, hat Glück: Sie ist so klein gewachsen, dass sie in der Regel hinter ihren Mitstreitern verschwindet. Mackenzie Gray hat ein Gesicht wie ein zu intensiv gegerbter Ledersattel und ist mehr als deutlich viel älter als die übrigen Darsteller. Dass er ein gern und viel beschäftigter Film- und Theaterdarsteller, Komponist, Musiker und Dozent für Filmgeschichte ist, sieht man ihm in der Rolle des Houston Grey keine Sekunde an, was möglicherweise echte Schauspielkunst ist.

Geister sollten gruselig sein

Was da durch Collingwood geistert, gehört definitiv nicht zur übernatürlichen Oberschicht. Für die Verkörperung ehemaliger Insassen wurden Darsteller weiß gekalkt und mit schwarzen Ringen um Augen und Mund gar unheimlich verfremdet. Wenn sie sich zur Kamera wenden, geben sie gruselige Geräusche von sich, während sich der Mund dank schlechter digitaler Spezialeffekte zum Maul verzerrt. (Wirklich ekelig ist höchstens jene schnittlose Szene, in der ein ebenfalls geistig derangierter Lance Preston eine Ratte erschlägt und auffrisst.)

Obwohl sich „Grave Encounters“ nicht wie erhofft als Geldmaschine erwies, schielt man seitens der Verursacher sehnsüchtig auf jenen Franchise-Effekt, der profitable Serien wie „Saw“ oder „Paranormal Activities“ ermöglichte. Schon 2012 kam deshalb „Grave Encounters 2“ in die Kinos und fand sein (anscheinend auch unlobotomisiert recht anspruchsloses) Publikum. DAS ist ein Phänomen und verdient jene Aufmerksamkeit, die man „Grave Encounters“ entziehen sollte.

Exkurs: Aus Riverview wird Collingwood

Für kostengünstigen Grusel sorgt eine eindrucksvolle Location: Das Collingwood Hospital wird gedoubelt vom Riverview Hospital. Es liegt nicht wie im Film im US-Staat Maryland, sondern im Westen der kanadischen Provinz British Columbia. Dort wurde es 1913 in der Stadt Coquitlam tatsächlich als Krankenhaus bzw. Asyl für geisteskranke Patienten gegründet. Der Komplex wuchs im Laufe von Jahrzehnten zu eindrucksvoller Größe. Um 1950 waren hier mehr als 4600 Menschen untergebracht.

Die Anlage mit ihren weit verstreuten, nach Bedarf und insgesamt recht planlos angelegten Gebäuden begann in einer neuen Behandlungs-Ära zu veralten. Nach und nach wurde Riverview aufgegeben. Nach 99 Jahren kam im Juli 2012 das Ende.

Schon in den 1990er Jahren standen weite Teile leer. Die altmodisch wuchtige Architektur machte Riverview zur idealen Kulisse für Kinofilme und TV-Serien, in denen eine „typische“ ‚Irrenanstalt‘ auftauchen sollte. „Grave Encounters“ reihte sich 2011 in die lange Reihe der Produktionen ein, die sich in Riverview praktisch die Klinke in die Hände geben.

DVD-Features

Man könnte meinen, die „Found-Footage“-Illusion solle mit den Extras fortgesetzt werden. ‚Interviews‘ mit den „Vicious Brothers“ Collin Minihan u. Stuart Ortiz, mit Sean Rogerson (Lance Preston), Juan Reidenger (Matt White) und Makenzie Gray (Houston Grey) suggerieren jedenfalls eine Horrorfilm-Sensation auf dem Niveau der fiktiven “Grave-Encounters”-Fernsehserie: Man redet über Hochspannung und tolle Effekte, welche die Beteiligten höchstens vor ihren geistigen Augen gesehen haben können: Sie begeistern sich über den Film, wie er hätte werden sollen.

Ein wenig Filmalltag vermitteln die Featurettes „Behind the Scenes“ und „Making of“, die es zusammen auf eine knappe Viertelstunde Laufzeit bringen. Weil es sie ohnehin gab, brannte man noch die Originaltrailer (deutsch und englisch) auf die Scheibe.

Website zum Film

[md]

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