Gun Woman

Originaltitel: Nyotaiju – Gun Woman (Japan 2013)
Regie u. Drehbuch: Kurando Mitsutake
Kamera: Toshiyuki Imai
Schnitt: Kurando Mitsutake, Takamichi Glenn Sawa u. Moco Woods
Musik: Dean Harada
Darsteller: Asami Sugiura (Mayumi/Gun Woman), Kairi Narita (Mastermind), Noriaki R. Kamata (Hamazakis Sohn), Matthew Floyd Miller (Killer), Dean F. Simone (Fahrer), Toshiya Agata (Trainer), Marco Garcia-Ballare, Mark Laurnoff, Jenny Mullaney (Hamazakis Bodyguards), Derick Neikirk, Marianne Bourg, Andrew Shepherd („Raum“-Killer), Lauren Lakis (entführte Frau), Midori M. Okada (Keiko), Tatsuya Nakadai (Mr. Hamazaki) u. a.
Label: 8-Films
Vertrieb: ELEA-Media
Erscheinungsdatum: 03.06.2014
EAN: 8717903485484 (3-Disc Limited Collector’s Edition)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 89 min.)
FSK: [18] ungeprüft

Titel bei Amazon.de (3-Disc Limited Collector’s Edition)


Das geschieht:

Der unendlich reiche und völlig verrückte Sohn des verstorbenen Mr. Hamazaki treibt in den USA sein Unwesen, nachdem man ihn aus Japan vertrieben hat. Geschützt von seinen ihm ergebenen Bodyguards geht er seinen Vergnügungen nach, die primär darin bestehen, junge Frauen zu töten und zu vergewaltigen – in dieser Reihenfolge, was Hamazaki junior noch durch Kannibalismus ergänzt.

Solche Triebe lassen sich im „Raum“ befriedigen: Findige Kapitalverbrecher haben eine ehemalige Atombomben-Testanlage in der Wüste des US-Staates Nevada erworben. Geschützt durch die Abgelegenheit und die gut geschmierte Polizei können dort reiche Unholde wie Hamazaki junior ihren Perversionen freien Lauf lassen; die Lieferung schöner aber toter Frauen ist im Preis inbegriffen.

Noch in Japan hatte Hamazaki junior die Ehefrau eines prominenten Arztes umgebracht. Der Gatte musste es mitansehen und wurde zum Krüppel geschlagen. Nun nennt er sich „Mastermind“ und hat nur noch die Rache an Hamazaki junior und seinen Schergen im Sinn, denen er in die USA gefolgt ist. Doch der Gegner ist gut geschützt. Nur eine Schwachstelle des Systems hat Mastermind entdeckt: Die Leichen werden verständlicherweise nicht durchsucht, wenn man sie in den „Raum“ bringt.

Hier setzt Mastermind an. Er holt die junge Mayumi von der Straße, wo sie sich für Drogen verkauft, sperrt sie in eine Fabrikhalle ein, unterzieht sie einer Gehirnwäsche und einer ganz besonderen Ausbildung: Aus Mayumi wird „Gun Woman“, eine unerbittliche Kampfmaschine, die sich scheintot und nackt in den „Raum“ einliefern lassen wird. In ihren Leib operiert Mastermind die Teile einer zerlegten Pistole und ein Magazin mit 13 Patronen. Vor Ort wird Gun Woman die Wunden öffnen und die Waffe zusammensetzen, um Hamazaki junior und alle übrigen Anwesenden umzubringen. Gun Woman hat 22 Minuten, bis der Blutverlust sie lähmen und töten wird. Nur wenn sie Erfolg hat, wird Mastermind sie retten …

Absurd ist Absicht

Wenn das Blut aus einer offenen Wunde gerinnt, bildet sie eine schorfige Kruste, die auch Grind genannt wird. Grind ist außerdem der Name einer überaus hässlichen, schuppenflechtigen Hautkrankheit. Auf Grind kann man folglich problemlos verzichten. Der Filmfan denkt anders: In den 1970er Jahren gab es in den USA das „Grindhouse“-Kino. Alte, schlecht gewartete und selten gereinigte Kinosäle lockten ein primär jugendliches Publikum mit kostengünstigen Doppelvorstellungen. Gezeigt wurden Exploitation-Filme, die schlichte Handlungen und hohes Tempo mit Gewalt und Sex kombinierten.

Einige der damals begeisterten Zuschauer sind heute selbst Filmschaffende. Im Hollywood-Kino müssen Quentin Tarantino und Robert Rodriguez genannt werden, die das Grindhouse-Kino immer wieder auferstehen lassen. Sie haben Erfolg damit, obwohl sie einst vor allem von der Kritik verdammte inhaltliche und formale Elemente zur Filmkunst erhoben haben: Der ‚neue‘ Grindhouse-Film ist deutlich aufwändiger produziert und behauptet bzw. zitiert die zweckorientierte Eindimensionalität der Originalstreifen nur noch.

In Japan ist Kurando Mitsutake ein Anhänger des gleichzeitig lupenreinen wie schmutzigen Genre-Kinos. Schon in seinem Regie-Debüt „Monsters Don’t Get to Cry“ (2007), mehr aber noch in dem nicht nur von ihm inszenierten, sondern auch geschriebenen „Samurai Avenger: The Blind Wolf“ (2009) – Mitsutake übernahm außerdem die Hauptrolle – zeigte und zelebrierte er entsprechende Vorlieben, die er für „Gun Woman“ durch die Eigenheiten des „Asia“-Kinos – hier vor allem des „Pinku-eiga“- bzw. „Pinky Violence“-Films – auf eine besondere Ebene hob.

Bizarr ist steigerungsfähig

Gewalt und Sex werden global im Kino gemischt. Manchmal müssen sie die Handlung ersetzen. Wie weit die Darstellung gehen kann, wird von den Gesetzen des jeweiligen Herstellerlandes festgelegt. Die ständige Ausreizung des Spielraums gehört seit jeher zum ‚Spiel‘ zwischen Filmemachern, Gesetzgebern und Tugendwächtern. In Japan ist vieles möglich, das hierzulande nicht nur für ratloses Kopfschütteln, sondern auch für offene Abscheu sorgt. Bereits eine kurze Titelliste jener Filme, in denen „Gun-Woman“-Darstellerin Asami bereits ihre Haut zu Markte getragen hat bzw. diese tüchtig gegerbt wurde, ist aufschlussreich: „Female Prisoner Ayaka: Tormenting and Breaking in a Bitch“ (2008), „Yakuza-Busting Girls: Final Death Ride Battle“ (2010), „Zombie Ass: Toilet of the Dead“ (2011), „Rape Zombie: Lust of the Dead“ (Teil 1-3, 2012/2013)“. (Einige dieser Filme gelten in Japan übrigens als Komödien.)

Mitsutake bedient sich mit Wonne jener einschlägigen Elemente, mit denen er einerseits provoziert und andererseits ein gerade davon angezogenes Publikum fesselt: Die Heldin bestreitet den großen Finalkampf nackt und blutüberströmt, weil sie sich die Einzelteile ihrer Waffe aus dem Leib reißen musste; der Bösewicht ist (u. a.) nekrophil und Menschenfresser; Mastermind demonstriert am lebenden Objekt, wie lange es dauert, bis ein Mensch verblutet. Um sich in „Gun Woman“ zu verwandeln, muss sich Mayumi tüchtig schurigeln lassen und beispielsweise alte Autoreifen durch die Wüste von Nevada wuchten: Nur wer sich bis aufs Blut schindet, erfährt die Verklärung wahrer Meisterschaft. Entsprechende Rituale haben schon Generationen angehender Kung-Fu-Kämpfer des Hongkong-Kinos überstehen müssen.

Es leuchtet ein, dass solche ‚Unterhaltung‘ nicht nur hierzulande mit Misstrauen und Argusaugen betrachtet wird. Gesetz und Moral stehen auf dem Spiel, weil jeder psychisch instabile Zuschauer davon träumen dürfte, wie Gun Woman und Mastermind zu sein. Den Rest des nur theoretisch volljährigen Publikums gilt es vor Seelenschäden durch verstörende Szenen zu bewahren, an denen dieser Film nachweislich reich ist. Zwar lassen sie sich jederzeit als Spezialeffekte erkennen, was aber im Rahmen des genannten Schutzauftrags keine Rolle spielt.

„Trash“ ist nicht gleich „billig“

Selbstverständlich ist Asami Sugiura alias Gun Woman auch oder vor allem ein Objekt spekulativer Begierde, um es sachlich (und umständlich) auszudrücken: Sie bestreitet ihre Rolle ausgiebig splitternackt. Für den genrefeindlich aber seriösen Kritiker ergibt sich ein Dilemma: Drehbuchautor/Regisseur Mitsutake kann dies schlüssig begründen: Nur nackt kommt Gun Woman in den „Raum“ – und dort ist ihre Nacktheit sekundär: Erotische Stimmung kommt keineswegs auf, wenn mit Fäusten, Füßen und zufällig herumliegendem Werkzeug aufeinander eingeprügelt wird, bis die Schwarte buchstäblich kracht!

Auch sonst ergeben diverse Seltsam- und Scheußlichkeiten Sinn, obwohl man manchmal erneut die dramaturgischen Seitenwege des Asia-Kinos berücksichtigen muss. Auf diese Weise beantwortet sich sogar die größte Frage: Wieso lässt sich Gun Woman auf das lebensgefährliche, schmerzhafte, irrwitzige Unternehmen ein? Irgendwann ist sie tatsächlich eine Kampfmaschine geworden, die auch Mastermind nicht mehr kontrollieren könnte. Warum schießt sie ihm nicht einfach eine Kugel in den Kopf und empfiehlt sich?

Diese Situation wird sogar thematisiert. Der herausgeforderte Mastermind kontert, indem er hinter der bisher gezeigten Rachewut Trauer und andere Emotionen durchscheinen lässt. Damit fühlt sich Gun Woman plötzlich verpflichtet: Zum einen hat Mastermind sie aus der Gosse geholt, zum anderen hat er – aus asiatischer Sicht – einen plausiblen Grund für sein brutales Verhalten ihr gegenüber angegeben. Dem europäischen Zuschauer mag dies übertrieben erscheinen, aber es heißt nicht umsonst: Andere Länder, andere Sitten!

Außerdem ist Übertreibung ein unentbehrliches Element des Grindhouse-Kinos. „Gun Woman“ ist stilistisch dem Manga bzw. dem Anime nachempfunden. Mitsutake hat in diesem Punkt viel Mühe in seinen Film investiert. Gleichzeitig hat er einen Fehler vermieden, der scheinbar ähnlich gelagerte Action-Orgien wie „Machine Girl“ (auch mit Asami!) oder „Tokyo Gore Police“ ihrer Wirkung beraubt: Die Übertreibung wird nicht übertrieben, bis sie ins Lächerliche umschlägt, und die Spezialeffekte orientieren sich am Budgetmöglichen. Billig-Kulissen oder CGI-Blutfontänen hat „Gun Woman“ nicht nötig. (Die eine Szene, in der es doch künstlich spritzt, ist ein Traum.)

Die Figuren eines bösen Spiels

„Gun Woman“, „Mastermind“, „der Fahrer“, „Hamazakis Sohn“ … Keine Figur trägt einen Namen. In Mitsutakes Welt ist es besser, anonym zu bleiben. Über seinen Namen kann man aufgespürt werden, was in der Regel böse Folgen nach sich zieht. Zudem bestimmt die Funktion das Denken und Handeln. Also sind die Guten wie die Bösen rund um die Uhr damit beschäftigt, gut und böse zu sein. (Freilich definiert Mitsutake „gut“ auf sehr spezielle Weise.)

Ein Film wie „Gun Woman“ benötigt kein filigranes Schauspiel. Trotzdem hielt der Regisseur seine Darsteller am Zügel: Sie dürfen dick auftragen aber nicht chargieren, wie es im Asia-Kino immer noch üblich ist, wo eine Rolle weniger gespielt als durchexerziert wird. Nur Noriaki R. Kamata  muss sich als Hamazakis Sohn keinem Zwang unterwerfen. Hier passt es jedoch zur Rolle des exaltierten Irren, der Gesetz und Moral negiert.

Kairi Narita überzeugt als Mastermind, was nicht schwierig ist, da er meist nur den eiskalten Einpeitscher mimen muss. Erst in der zweiten Handlungshälfte weicht Mastermind ein wenig auf, was der Figur viel von ihrer Unbarmherzigkeit nimmt. Matthew Floyd Miller („Killer“), Dean F. Simone („Fahrer“) und Toshiya Agata („Trainer“) sind Randfiguren, wie sie Tarantino nicht besser hätte erfinden können; vor allem der „Fahrer“ brennt sich durch einen grotesken Schnauzbart dem Zuschauerhirn ein.

Asami ist keine begnadete Schauspielerin. Das weiß sie wohl selbst, weshalb sie sich auf sonderbare und geschmacklose aber unterhaltsame und erfolgreiche Filmprojekte spezialisiert hat. Schon gilt sie deshalb als „Kultfigur“ – ein erfreulicher Karriereschub für Asami, die sich bis 2008 in zahlreichen Hardcore-Pornos einen Namen gemacht hatte. Als „Gun Woman“ schont sie sich in den hüllenfreien Kampfszenen nicht und vermeidet nach Möglichkeit die Darstellung tieferer Emotionen; wo sie es versucht, sehnt sich der Zuschauer rasch nach der nächsten Bösewicht-Attacke.

„Gun Woman“ und Deutschland: eine problematische Beziehung

In Deutschland gibt es keine Zensur. Doch wer seine Mitmenschen vor einem ‚schlimmen‘ Film (oder Buch etc.) schützen möchte, kann sein Glück bei der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ oder einem Staatsanwalt versuchen, der dann direkt strafverfolgend tätig wird. Weil kein Studio oder Verleih scharf auf Ärger aus dieser Richtung ist, werden Filme vor der Veröffentlichung der „Spitzenorganisation der Filmwirtschaft“ (SPIO) und dort in der Regel der „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK) vorgelegt sowie notfalls mit der Schere ‚entschärft‘. Der FSK-Gang ist keine Pflicht aber ratsam, um zu vermeiden, dass ein später inkriminierter Titel verboten und beschlagnahmt wird, was zu hässlichen Verdienstausfällen sowie Strafgebühren führt.

In anderen europäischen Ländern sieht man den Untergang des Abendlandes nicht durch den Film drohen. In Dänemark ist „Gun Woman“ beispielsweise für Zuschauer ab 15 Jahren freigegeben; mit einer Attacke smörrebrödschäumender Gewalt-Zombies ist trotzdem eher nicht zu rechnen. Hierzulande dürfte „Gun Woman“ ohne Schnitte nicht das Projektor-Licht des (Heim-) Kinos erblicken.

Derzeit möglich ist – noch – der Erwerb der „3-Disc Limited Collector’s Edition“. Sie erschien in Österreich, wohin die deutsche Schere seit 1945 vergeblich schnappt. Diese Fassung ist ungeschnitten und somit die einzige, die sich der mündige Zuschauer ansehen sollte (wenn bzw. solange man ihn lässt). Dieses auch und gerade dem deutschen Staatsbürger eigentlich zustehende Privileg ist teuer zu bezahlen, da „Gun Woman“ als Mediabook veröffentlicht wird: So lassen sich jene, die in den vollen Genuss dieses Films kommen wollen, hierzulande ordentlich abkassieren. Später wird vielleicht eine kostengünstigere Version für den deutschen Filmmarkt zurechtgestutzt. Ob uns eine 50-minütige „Ab-18“-Rumpffassung von „Gun Woman“ ins Haus steht, bleibt abzuwarten.

Diesen Film nicht gesehen zu haben, ist kein elementarer Verlust. Nichtsdestotrotz ist er unterhaltsam, ansehnlich und wird von einer schwungvoll-schrägen Musik untermalt. Die Kritik liegt in der konsequenten Ablehnung ebenso falsch wie jenes Publikum, dem Mitsutake in Sachen Splatter & Nacktheit nicht weit genug geht. Das trifft zu: Mitsutake erzählt eine Geschichte und hält sich dabei nicht einmal an die Chronologie, sondern fordert das Zuschauerhirn zum Mitdenken auf.

DVD-Features

Formal pompös präsentiert sich die „3-Disc Limited Collector’s Edition“. Hinter den Kulissen geht es gleichwohl nüchtern zu. Disc 2 ist der Spiegel von Disc 1; hier werden Hauptfilm und Features auf Blu-ray, dort auf DVD geboten. Sammler sind seltsame Wesen – wie sonst ließe sich erklären, dass eine solche unnütze Doppelung Käufer findet?

Zum Hauptfilm gibt es diverse „Gun Woman Trailers” („Teaser“; 0:35 min., „Promo Trailer”, 1:06 min., „International Trailer”, 1:06 min.; „Red Band Trailer”, 2:05 min.). Englisch ohne Untertitel äußern sich Asami und Kurando Mitsutake im Interview (16:11 min.). Auf dem „11. Weekend of Horrors“ stellten sich beide außerdem im November 2013 dem deutschen Publikum für eine „Question-&-Answer“-Runde (11:34 Min.).

Knapp 50 Minuten läuft ein in fünf Teile gestückeltes „Making of“ („Behind the Scenes – The Making of Gun Woman“), wobei dem japanischen O-Ton glücklicherweise deutsche Untertitel beigegeben wurden.

Disc 3 ist eine CD mit dem „Original Soundtrack” von Dean Harada.

Dem Mediabook liegt zudem ein 24-seitiges Booklet bei.

Kurzinfo für Ungeduldige: Um sich am vertierten Mörder seiner Frau zu rächen, dressiert der vor Schmerz wahnsinnig gewordene Gattin ein Junkie-Mädchen zur Killer-Maschine, die in einem irrwitzigen Showdown ausrottet, was sich am Zielort bewegt … – Stilvolle, beinahe zu kunstvoll gefilmte, erstaunlich rücksichtsfreie & tugendboldfeindliche Wiederbelebung des 1970er-Grindhouse-Kinos: deutlich besser geraten als von vielen Kritikern erkannt.

[md]

Titel bei Amazon.de (3-Disc Limited Collector’s Edition)