Eine mysteriöse Mordserie führt die ermittelnde Polizistin auf die Spur eines alten Verbrechens, dessen Opfer sich offenbar aus dem Totenreich an ihren Peinigern rächt … – Komplexe und spannende, sehr gut besetzte aber dramaturgisch unentschlossene Mischung aus realistischem Thriller und Geistergeschichte, wobei letztere sich allzu deutlich an Vorbilder wie „Ringu“ und „Ju-on“ anlehnt: dennoch unterhaltsam.

Das geschieht:

So-yeong ist eine noch junge aber erfahrene und abgebrühte Polizistin bei der Mordkommission der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Aktuell bearbeitet sie eine seltsame Mordserie: Junge Männer ersticken, während sie nachweislich allein und nicht selten in gut verschlossenen Häusern und Wohnungen sitzen. In ihren Lungen finden sich Blausäure-Rückstände, an ihren Hälsen Würgemale.

Mit dem ihr eigenen Schwung nimmt So-yeong die Ermittlungen auf. Ein wenig tölpelig aber stets eifrig heftet sich Hyeon-gi, an ihre Fersen, ein neuer Partner, den Captain Kim der wenig begeisterten Beamtin zur Seite gestellt hat. Aber Hyeon-gi ist kein Dummkopf. Gemeinsam finden er und seine Chefin endlich die Verbindung zwischen den Mordopfern: Sie sind Freunde, die während eines Seeurlaubs vor neun Jahren in ein Verbrechen verwickelt waren. In einem kleinen Küstenort geriet die Gruppe in Streit mit einem einheimischen Jugendlichen, der dabei auf der Strecke blieb. Der Mörder wanderte ins Gefängnis, aber seine Freunde hielten zu ihm.

Das taten sie notgedrungen, wie So-yeong herausfindet, denn dieser alte Mordfall ist Teil eines Puzzles, das ein wesentlich übleres Kapitalverbrechen vertuschen soll. Vor neun Jahren starb nicht nur der junge Mann. Gleichzeitig verschwand seine Freundin Min-jeong. Ein altes Videoband zeigt, wie sie von den Städtern in einem alten Salzhaus vergewaltigt wird. Ist Min-jeong damals untergetaucht, um sich jetzt an ihren Peinigern zu rächen?

Inzwischen lebt nur noch ein Mitglied der Gruppe. Nach wilder Flucht kann er von So-yeong gefasst werden. Auch im Polizeigewahrsam ist er allerdings nicht sicher. Ob dennoch übernatürliches Wirken schuld am Tod der Freunde ist, beginnt So-yeong zu bezweifeln, als einige Teile dieses Rätsel-Puzzles plötzlich an unerwartete Stellen rutschen und ein gänzlich anderes Gesamtbild enthüllen …

Rückkehr einer alten aber zeitlosen Geschichte

Es war einmal … irgendwann während der koreanischen Joseon-Dynastie, die 1392 begann und 1897 endete: In der Provinz Miryang besticht eine böse Kinderfrau einen korrupten Diener, die schöne Tochter des Statthalters zu schänden. Diese wehrt sich, und der frustrierte Diener ersticht sie. Der Vater, dem dieses Detail unbekannt ist, gibt sein Amt in Schande auf. Doch jedem neuen Statthalter erscheint der Geist der Tochter, woraufhin der Kandidat dankend ablehnt. Erst der ehrenhafte Yi Sang-sa geht der Sache auf den Grund. Er führt den mörderischen Diener seiner gerechten Strafe zu. Die Tochter kann endlich in Frieden ruhen, und ihr Geist verschwindet.

Diese eine alte koreanische Volkssage adaptierten Regisseur Ahn Sang-hoon und drei weitere Autoren für ein Drehbuch, nach dem 2006 der Film „Arang“ entstand, der außerhalb Asiens den ebenso nichtssagenden wie falschen Titel „Haunted Village“ bekam: Keine der 93 Film-Minuten spielt in einem „heimgesuchten Dorf“; es spukt nur in einem einzigen, recht kleinen Salzhaus weit außerhalb aller Ortsgrenzen.

Trotz umfassender Modernisierungen der Sage blieben zwei zentrale Motive erhalten: Ein unschuldiges Mädchen wird umgebracht, was vom Gesetz unbemerkt und ungesühnt bleibt, woraufhin sich das Opfer in einen Geist verwandelt. Die Menschen reagieren mit Angst und Schrecken, bis ein mutiger Mann – im Film des 21. Jahrhunderts übernimmt eine Frau den Job – die Furcht überwindet und dem Geist Gerechtigkeit verschafft, woraufhin der Spuk endet.

Kulturell bedingte Verständnisschwierigkeiten

Bei näherer Betrachtung wird deutlich, wieso gleich vier Autoren für die Film-Version dieser Geschichte verantwortlich zeichnen: „Haunted Village“ basiert vielleicht auf einem simplen Plot, doch dieser wird recht komplex und kompliziert entwickelt. Dazu gehören mehrfache Zeitsprünge, die manchmal mehrfach in ein und derselben Szene erfolgen. Der Hang des asiatischen Kinos, eine Geschichte üppig mit Exkursen auszustatten, die den westlichen Zuschauer als Nebensache oder Sackgasse irritieren, trägt dazu bei, „Haunted Village“ in einen Film zu verwandeln, der konzentriert angeschaut werden sollte. Ein solcher Nebenstrang zeichnet So-yeongs Werdegang vom hilflosen Vergewaltigungsopfer zur taffen, nahkampfgestählten, betont burschikosen Polizistin nach. Er trägt immerhin zur Charakterisierung dieser gelungenen Figur bei – und sorgt für einen Epilog: Die Geisterstunde geht weiter, nachdem die eigentliche Handlung ordnungsgemäß abgeschlossen wurde.

Primär dem nicht-asiatischen Zuschauer dürfte die Unkenntnis der koreanischen Sprache zu schaffen machen. Regisseur Ahn lässt handlungsrelevante Informationen immer wieder durch Zeitungsartikel, Wandanschläge oder über PC-Monitore einfließen. Dem genannten Publikum bleiben sie verschlossen; es muss sich diese Hinweise aus dem Geschehen zusammenreimen, denn eine Untertitelung glaubte sich der deutsche Verleih leider sparen zu können.

Rache aus zwei Perspektiven

„Weder Fisch noch Fleisch“ sein, lautet eine Redewendung aus der Reformationszeit. Sie stammt also aus Europa, trifft im übertragenen Sinn aber exakt den Punkt, auf dem „Haunted Village“ weniger ruht als sich zu drehen droht. Ahn Sang-hoon strebt ein ehrgeiziger Ziel an: Er will einen Film, dessen Zuschauer sich ständig fragen müssen, ob die erzählte Geschichte ‚real‘ oder ‚fiktiv‘ ist. Geistert tatsächlich eine Min-jeong durch Seoul oder bilden sich die Heimgesuchten dies – gefördert durch eine Mischung aus Psychopharmaka und schlechtem Gewissen – nur ein? Ahn versucht uns bis zur Epilog in Unsicherheit zu halten. Dieses Balance-Kunststück gelingt ihm nur bedingt, denn zu plakativ ist der Spuk, um nur Einbildung zu sein.

Viel besser funktioniert „Haunted Village“ als Polizei-Thriller. Kunstvoll verzahnen die vier Drehbuchautoren Andeutungen und Hinweise zu einem bizarren aber ausgeklügelten und überzeugenden Komplott, das keine Geister nötig hätte, um spannend zu sein.

Tragik ohne Sentimentalitäten

Wer das asiatische Kino kennt, fürchtet jenes aus hiesiger, also westlicher Sicht schamlose Overacting, das dort Gefühlsregungen hervorheben soll. „Haunted Village“ ist wohltuend frei davon. Emotionen werden nicht plakativ nach außen getragen, sondern von den Schauspielern verkörpert. In der Hauptrolle leistet Song Yun-ah dabei ausgezeichnete Arbeit. So-yeong besticht als starke Frau mit angstvoll verborgener Schwachstelle. In ein Team männlicher Polizisten ist sie vollständig und gleichberechtigt integriert. Als Captain Kim Ban-jeong ist Chung Won-joong (der stark an einen asiatischen Lawrence Fishburn in seiner Rolle als Dr. Langston in „CSI Las Vegas“ erinnert) ein väterlicher Freund, der seiner Untergebenen viel Freiraum lässt: So-yeong hat es nicht nötig, sich in die schützenden Arme eines Mannes zu flüchten. Konsequent erspart Ahn seiner Darstellerin und seinem Publikum entsprechende Szenen.

Die Rolle des Greenhorns und ulkigen Sidekicks scheint zunächst an Hyeon-gi zu gehen. Doch auch hier führt uns Ahn aufs Glatteis. Lee Dong-wook meistert die schwierige Aufgabe einer Doppelrolle, die er bis ins Finale durchhalten muss, um den Aha-Effekt zu gewährleisten. Trügerisch harmlos wirken auch die dem Gesetz durch die Maschen geschlüpften Vergewaltiger, die längst zu erfolgreichen Männern herangewachsen sind. Sie haben keine Lust, für ein von ihnen längst ad acta gelegtes Verbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden und sind somit charakterlich alles andere als gereift.

Kennen wir diese Geschichte nicht irgendwoher?

Während Plot und Umsetzung für sich betrachtet überzeugen, kann Ahn dennoch nicht verbergen, dass er sich nicht nur von einer alten Sage, sondern auch von modernen Kino-Blockbustern ‚inspirieren‘ ließ. Gleich drei Quellen lassen sich nennen, aus denen das Drehbuch-Quartett schöpfte:

– die „Ju-on“-Serie des japanischen Regisseurs Takashi Shimizu (inzwischen von Hollywood als „The Grudge“ adaptiert, amerikanisiert und mehrfach fortgesetzt);
– die „Ringu“-Saga, der es ebenso erging („The Ring“);
– die „Chakushin-ari“-Trilogie, die außerhalb Asiens als „The Call“ veröffentlicht wurde.

Für multimedial die Opfer erreichende, sich selbst kopierende und dabei von einer eingängigen Melodie begleitete Flüche, die auf altem Unrecht gründen, einfallsreich aber erbarmungslos vollstreckt werden und sich nicht wirklich stoppen lassen, gibt es inzwischen eine eigene Nische. Nichtsdestotrotz sind die Ingredienzien nicht originell genug, um ad nauseam recycelt zu werden.

Gute Routine ist besser als schlechte Kunst

Das hohe Tempo, die guten Darsteller und die bisher noch nicht angesprochene Kameraleistung versöhnen mit dem Wissen, wieder einmal mit Aufgewärmten abgespeist zu werden. Chung Kwang-suk stellt sein Instrument ökonomisch in den Dienst der Geschichte. ‚Künstlerische‘ Einstellungen verkneift er sich, ohne dabei in Statik zu verfallen. Natürlich setzt er gern auf den auch und gerade im Asia-Horror beliebten Buh!-Effekt: Nie ist der böse Geist dort, wohin das Opfer gerade schaut, aber sobald es sich umdreht oder nach oben schaut, springt er ihm ins Genick, was von entsprechenden musikalischen Effekten umrahmt wird.

Sehr schön weil gruselig ist die Kulisse des alten, einsamen Salzhauses: nur Holz und Salz und scheinbare Leere, doch man sollte die Schatten nicht vergessen, die vor allem im nun schon mehrfach erwähnten Finaltwist schauerlich Gestalt annehmen! Letztlich kann man Ahn Sang-hoon nicht die mangelhafte Originalität seiner Handlung, sondern seine allzu sichere Hand zum Vorwurf machen: „Haunted Village“ ist ebenso gut als Geistermär wie als Krimi. Beides zusammen schwächt hier leider die Geschichte und damit den ansonsten erfreulichen Gesamteindruck.

DVD-Features

Obwohl „Haunted Village“ ‚nur‘ als DVD und nicht parallel dazu als Blu-ray veröffentlicht wurde, bietet der Film optisch oder akustisch nie Unterhaltung auf Sparflamme. Bild und Ton sind ausgezeichnet, und auch an Zusatzmaterial wurde keineswegs gespart – theoretisch, denn um in den Genuss der in Klammern aufgelisteten Features („Making Of“, Musikvideo, Interviews, Audiokommentar, Infos zum Production Design“, ein Blick „Behind the Scenes“ sowie die beliebten „Deleted Scenes“) zu kommen, muss der Zuschauer zur „2-Disc Special Edition“ greifen, die diesem Rezensenten leider nicht zur Verfügung stand; er griff auf die kostengünstigere Normalausgabe zurück, wurde dafür mit der vollständigen Abwesenheit der genannten Features bestraft und kann daher über diese keine Auskunft geben.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok, all rights reserved

Haunted Village
Originaltitel: Arang (Südkorea 2006)
Regie: Ahn Sang-hoon
Drehbuch: Ahn Sang-hoon, Jeong Seon-ju, Lee Jeong-seob, Sin Yun-kyung
Kamera: Chung Kwang-suk
Schnitt: Ko Im-Pyo
Musik: Jung Dong-In
Darsteller: Song Yun-ah (So-yeong), Lee Dong-wook (Hyeon-gi), Lee Jong-su (Dong-min), Kim Hae-in (Min-jeong), Chung Won-joong (Captain Kim Ban-jeong), Lee Seung-cheol (Jo So-jang), Choo So-young (Su-bin), Jeon Jun-hong (Jeong-ho), Ju Sang-uk (Jae-hyeon), Lee Seung-ju (Ji-cheol) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 30.11.2007 (DVD) bzw. 25.05.2007 (2-Disc Special Edition)
EAN: 4013549872294 (DVD) bzw. 4013549572293 (2-Disc Special Edition)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Koreanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 94 min.
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Special Edition)

The Guard Post – Der Feind ist die Dunkelheit

Phantom Detective

Backtrack – Tote vergessen nicht

Demon – Dibbuk