Haunting of Winchester House

Originaltitel: Haunting of Winchester House (USA 2009)
Regie, Drehbuch, Kamera: Mark Atkins
Schnitt: Marg Morrison
Musik: Chris Ridenhour
Darsteller: Lira Kellerman (Susan Grenier), Michael Holmes (Drake Grenier), Barry Womack [d. i. Patty Roberts] (Haley Grenier), Tomas Boykin (Harrison Dent), Kimberly Ables Jindra (Sarah Winchester), Jennifer Smart (Annie Winchester), Rob Ullett (James Clayhill), David McIntyre (Officer Cooper), Savannah Schoenecker (Margo Hunter) u. a.
Label: Great Movies
Vertrieb: Hamburger Medien Haus HMH
Erscheinungsdatum: 05.08.2010 (DVD u. Blu-ray)
EAN: 4260157715745 (DVD) bzw. 4260157715752 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 Surround (Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 82 min. (Blu-ray: 86 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Nach dem tragischen Tod ihres Babys versuchen die Greniers – Vater Drake, Mutter Susan und Teenie-Tochter Haley – einen Neuanfang im sonnigen Kalifornien. Sie haben sich als Hüter des alten, abgelegenen Winchester-Anwesens verdingt, das Sarah Winchester, Tochter des bekannten Waffenfabrikanten, vor über einem Jahrhundert erbauen ließ.

Verschwiegen hat man den Greniers, dass dieses riesige Haus mit seinen zahllosen verwinkelten Räumen von Geistern heimgesucht wird. Es handelt sich bei ihnen um Pechvögel, die durch Schüsse aus der berühmten Winchester-Büchse zu Tode kamen, worüber sie sich nun durch Spuken in Sarahs Haus beschweren. Inzwischen geht Sarah selbst um. Der frühe, nie geklärte Tod ihrer einzigen Tochter Annie hat sie erst in den Wahnsinn und dann ins Geisterdasein getrieben. Nun wirft sie ein begehrliches Auge auf Haley, die Annie sehr ähnlich sieht. Eines Nachts springt Sarah aus dem Wandschrank und greift sich Haley als Ersatztochter.

Die verzweifelten Eltern stellen das Haus auf den Kopf, stoßen dabei aber nur auf immer neue, grässlich anzusehende und mächtig schnaufende Geister. Glücklicherweise (?) wohnt in der Nachbarschaft Parapsychologe Harrison Dent, der sogleich erfasst, was im Winchester House vor sich geht: Geister erster und zweiter Klasse treten sich hier auf die Laken. Sarah gehört zur Kategorie 2 und kann deshalb nicht per Exorzismus ausgetrieben werden. Sie will etwas von den Susan und Drake, was diese a) herausfinden und b) tun müssen, damit c) Haley wieder freigegeben wird. Leider sind Susan und Drake notorisch begriffsstutzig. Ohne Kollateralschäden geht die Suche deshalb nicht vonstatten, und als das Rätsel von Winchester House dennoch endlich gelöst ist, steht den Greniers die größte Überraschung noch bevor …

Wollen ist nicht können: das Ed-Wood-Prinzip

„Gebt mir einen festen Punkt im All, und ich werde die Welt aus den Angeln heben“, sprach der weise Grieche Archimedes vor mehr als 2000 Jahren. Was für die Physik gilt, dürfte auch im Filmgeschäft Gültigkeit haben, dachte sich „total film maker“ Mark Atkins, der – auf Nummer Sicher gehend – sogar zwei Ansätze für einen todsicheren Blockbuster in petto hatte: Er grub eine spannende historische Grusel-Anekdote aus als Aufhänger für sein Drehbuch aus, und er drehte „Haunting of Winchester House“ in der aktuell brandheißen 3D-Technik.

Beides versaute er gleichermaßen, was keine besondere Überraschung darstellt, wirft man einen Blick auf Atkins Arbeitsliste. Als Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und Cutter hat er bisher ausschließlich Machwerke realisiert, die selbst die selten verwöhnten Fans des B- und C-Movies die Zornesröte in die Gesichter treibt. Atkins kurbelt billigste Genre-Verbrauchsware mit denkbar geringem Haltbarkeitsdatum herunter; nicht selten ist das fertige Produkt schon ungenießbar, bevor es in den Handel gekommen ist.

„Handel“ – nicht „Kino“, denn Atkins-Filme sind „Direct-to-DVD“-Ware. „Haunting …“ entstand für „The Global Asylum“, eine Firma, die auf den Vertrieb filmischer Dumm-Dumm-Geschosse spezialisiert ist. (Kronjuwel des Produktionsjahres 2010: „Titanic II“! Auch das Jules-Verne-Massaker „30.000 Meilen unter dem Meer“ von 2007 ist eine warnende Erwähnung wert …)

Wer jagt hier wen – und wieso?

In verwunschenen Häusern geht es spuktechnisch vergleichsweise ähnlich zu. Dass „Haunting …“ keine Ausnahme darstellt, ist Atkins zunächst nicht vorzuwerfen. Die Umsetzung kann für das Salz in der Suppe sorgen. Geister wirken auch deshalb so furchterregend, weil sie sich zunächst subtil bemerkbar machen. Was der Mensch nur aus dem Augenwinkel erkennt oder zu erkennen glaubt, verunsichert ihn stärker als das Monster, das ihn frontal anspringt.

„Subtil“ ist freilich ein Wort, das Atkins unbekannt zu sein scheint. Schon wenn die Greniers die Tür zum Winchester-Haus aufstoßen, geht drinnen ein Stöhnen und Grollen los, das jeden normaldenkenden Mieter umgehend in die Flucht geschlagen hätte. Die Greniers sind offenbar taub und auch blind, denn wie sonst könnte ihnen entgehen, dass sogar am hellen Tag ständig Phantome hinter und neben ihnen durch die Flure huschen?

Nachts geht’s dann ohne Rücksicht auf die Geisterstunde mit Volldampf rund. Die verrückte Sarah sickert durch die Mauern, und in Haus und Garten tummeln sich grabgraue Gestalten mit bröckeligen Gesichtszügen. Tochter Haley wurde inzwischen geisterhaft gekidnappt, und ihre Eltern können sich nicht entscheiden, ob sie nach ihr suchen oder flüchten sollen. Im wilden Wechsel probieren sie beides, und um noch mehr Dramatik ins Geschehen zu bringen, trennen sie sie immer wieder, damit sie nach wilder Flucht vor fiesen Geistern mit großem Getöse ineinander laufen können.

Der Fachmann erklärt …

Irgendwann möchte Atkins dem wüsten Gestolper einen Sinn geben. Da sich das Ehepaar Grenier nachdrücklich lernresistent zeigt, erfordert dies den Auftritt eines Spezialisten. Der trägt grobgestrickte Sakkos und Schnurbart und wohnt zufällig um die Ecke. Harrison Dent stellt Fragen, auf deren Antwort er nie wartet, wirft abenteuerliche Thesen in den Raum und trägt mit sicherer Stimme schwachsinnige ‚Fakten‘ vor. Als er endlich den Mund hält bzw. zur Tat schreitet, wirft ihn ein geisterhafter aber kraftvoller Arschtritt gegen eine Ziegelwand und mausetot aus dem Geschehen. Die Greniers stümpern daraufhin weiter wie gehabt.

Zu ihrem Glück sind die Geister mindestens ebenso dämlich wie sie. Während eine Legion durch die Gänge torkelnder Phantome außerstande sind, Susan oder Drake zu packen, erwischen sie trotzdem nicht nur Dent, sondern auch zwei Polizisten ohne Schwierigkeiten. Allerdings profitieren die Greniers von der Tatsache, dass im Winchester-Haus zwei Geistergeschichten parallel ablaufen. Die böse Sarah und die Schnauf-Geister spuken quasi unabhängig voneinander.

Den Mund macht prinzipiell niemand auf. Dabei beschäftigt sich Sarah in ihren Spuk-Pausen damit, der gefangenen Haley Geschichten vorzulesen. Wieso erklärt sie den Eltern also nicht einfach, was sie tun sollen? Weil sonst der Film vorbei wäre? Unwahrscheinlich, da die Greniers sich selbst in einer Papiertüte verlaufen würden. Deshalb muss ein zweiter Geist die Sache in die Hand nehmen und die beiden Tröpfe auf den Dachboden dorthin führen, wo sie des Rätsels Lösung beim besten Willen nicht mehr übersehen können.

Hollywoods Laien-Darsteller treten auf

Die ‚Schauspieler‘ – man muss dieses Wort hier in Anführungsstriche setzen – sind eine gesonderte Erwähnung wert, obwohl ihr Wirken dem Zuschauer eigentlich die Sprache raubt. Hier mimen sich parallel zum miserablen Drehbuch absolute Dilettanten die Seelen aus den Leibern. Sie haben es in ihrer Mehrheit nicht einmal als ‚Gaststars‘ ins US-Fernsehen geschafft, sondern werden generell für Trash wie „Chase the Slut“ oder „A Girl, a Guy, a Space Helmet“ beschäftigt; dies sind keine erfundenen Titel, sondern Filme, in denen Michael Holmes nach „Hauting …“ aufgetreten ist. (Tomas Boykin alias Harrison Dent toppt dies allerdings mühelos mit „Nude Nuns with Big Guns“.)

Es muss aufwendig gewesen sein, die richtigen Synchronsprecher für diese Nullen zu finden. Das Ergebnis überzeugt aber auf der ganzen Linie: Ausdruckslos leiern die Sprecher herunter, was ein gelangweilter ‚Übersetzer‘ ihnen vorsetzte.

Glücklich dürfen sich die Darsteller der zahllosen Geister schätzen. Ihre Gesichter bleiben unter entsprechenden Verkleidungen unkenntlich. Bedauerlicherweise zog Regisseur Atkins auch beim Anheuern der Maskenbildner nur Nieten aus der Trommel. Selbst die permanent unterbelichteten Filmbilder können nicht verbergen, dass die Mehrzahl der Geisterfratzen wie notdürftig aus nasser Pappe geformt wirken. Selbst im Fachhandel für Faschingsbedarf fallen die Kostümierungen überzeugender aus!

Dreidimensionale Dummheiten

Nur eine ungefähre Ahnung von der Arbeit eines Drehbuchautors und Regisseur besitzend, umringt von ähnlich unbegabten Als-ob-Filmern, ohne Budget und in völliger Abwesenheit von Schauspielern, die sich diese Berufsbezeichnung nicht nur anmaßen, verfiel Atkins zu allem Überfluss darauf, „Haunting …“ in dreidimensionale Bilder zu kleiden. Schrecken, so dachte er sich wohl, kommt eher auf, wenn Geister nicht nur „Buh!“ rufen, sondern dabei ihre kalten Klauen direkt in den Zuschauerraum recken.

Theoretisch mag dies funktionieren. Praktisch hat James Cameron es in „Avatar“ eindrucksvoll bewiesen. Nur: Wird eine Geschichte so ideenlos wie „Haunting …“ erzählt, wird sie auch dreidimensional nicht besser, sondern noch ärmlicher. Außerdem bedient sich Atkins einer Uralt-3D-Technik, die außer unscharfen Bildern nur eines bewirkt: bohrenden Kopfschmerz. Die verhindern andererseits eine allzu deutliche Sicht auf die wenigen Spezialeffekte, unter denen das schlampig in die Landschaft getrickste Winchester-Haus auch deshalb besonders unrühmlich herausragt, weil immer und immer dieselbe missglückte Ansicht gezeigt wird.

Das einzige Mysterium, das „Haunting …“ erfolgreich kreiert, rankt sich um die Altersfreigabe der deutschen Fassung. Nicht einmal der verbohrteste FSK-Fundamentalist würde dieses matte Filmchen, dessen Verursacher für Gore &  Splatter schlicht kein Geld hatten, erst ab 18 Jahren freigeben. Schon Zwölfjährige werden spöttisch und zu Recht gelangweilt abschalten. So bleibt nur die Vermutung, dass der Vertrieb die hohe Einstufung wollte, um harten Horror vorzutäuschen. Hart ist „Haunting …“ in der Tat, aber auch hilfreich: Dem Gedächtnis prägen sich die Namen derer ein, die sich erdreisten, solchen Bockmist über wütende Zuschauer zu verstreuen!

Historische Anmerkung

Ach ja, weiter oben war von einer „historische Grusel-Anekdote“ die Rede: Es gibt ein echtes Winchester House. Es steht im Städtchen San José in Kalifornien. Berühmt wurde es als fixe Idee der realen Sarah Winchester (1839-1922), die nach den kurz aufeinander folgenden Toden ihrer einzigen Tochter, ihres Ehemannes und ihres Vaters davon überzeugt war, von den Geistern derer verfolgt zu werden, die mit den Winchester-Waffen erschossen wurden, welcher der Familie ihren immensen Reichtum verdankte. Angeblich riet ein Medium Sarah, ihr neues Haus niemals fertigzustellen, sodass die Geister sie in den ständig an Zahl zunehmenden Räumen nicht finden könnten. Sarah hielt sich daran und ließ Winchester House bis zu ihrem Tod vergrößern. In 38 Jahren (!) entstand ein wirrer, nie durchgeplanter Komplex mit 150 Zimmern, Sälen, Gängen und Kammern, der mit diversen Nebengebäuden und Gärten fast 24.000 Quadratmeter bedeckt. (Die auch sonst interessanten Hintergründe lassen sich hier in Erfahrung bringen.)

DVD-Features

Wesentlich interessanter als der Hauptfilm ist das markerschütternd stümperhafte aber unfreiwillig ehrlich und aufschlussreich geratene „Making of“ geraten. Hinter der Kamera sieht man unglaublich viele Leute unglaublich wenig tun. Der Chef-Tricktechniker präsentiert voll unbegründeten Stolzes seine im Hobbykeller gebastelten Filmprops, Regisseur Atkins lässt sich ausführlich über sein Stilmittel aus, die Ankunft von Geistern jeweils durch Windstöße aus dem Off anzukündigen. (Dass die ohnehin aufdringliche, in solchen Momenten überdramatisch anschwellende Musik dies völlig überflüssig macht, hat er verdrängt oder vergessen.) Für einen ‚spektakulären‘ und mehrfach tödlichen Autounfall wird ein schrottreifer Volvo-Kombi eine kaum fünf Meter tiefe Böschung hinab gerollt. Selten entlarven sich Dilettanten so erbarmungslos selbst!

[md]

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