Alkoholikerin Jackie bezieht ein Appartement im schönen, alten Havenhurst-Hochhaus. Die Vermieterin führt ein hartes Regiment: Jeder Rückfall führt zum sofortigen Rauswurf! Jackie ist nicht die erste Mieterin, die herausfinden muss, dass dies nicht bedeutet, Havenhurst verlassen zu müssen – oder zu können … – Lose an die Biografie eines klassischen Serienkillers anknüpfender Mystery-Thriller, dessen Story der trotz Mini-Budget ausgezeichneten technischen Umsetzung nie gewachsen ist, woran auch routinierte Darsteller nichts ändern können: Durchschnittskost, die erst recht enttäuscht, weil deutlich wird, dass mehr daraus hätte werden können.

Das geschieht:

Jackie lebt in New York City. Die Alkoholikerin hat im Suff einen Autounfall verschuldet, bei dem ihre Tochter zu Tode kam. Dadurch traumatisiert hat sie eine Therapie hinter sich gebracht und ist nun ‚trocken‘. Eine Selbsthilfegruppe kümmert sich weiterhin um sie, weshalb Jackie eine Wohnung im alten, aber weiterhin feudalen Havenhurst-Hochhaus beziehen kann. Eleanor Mudgett, die Eigentümerin, bietet suchtkranken Menschen eine Bleibe.

In Appartement 1006 hatten bisher Jackies Freundin, die Fotografin Danielle, und ihre Lebensgefährte Jason gelebt. Sie sind ohne Angabe einer neuen Adresse verzogen, was Jackie misstrauisch stimmt, zumal sie nicht nur die gesamte Einrichtung, sondern auch Danielles geliebte Kamera vorfindet. Hinzu kommen unzählige Fotos vom Inneren des Hauses, die darauf hindeuten, dass sich Wände verschieben und Türen verschwinden.

Jackie bittet einen alten Freund, den Polizisten Tim, um Hilfe. Der ermittelt, dass in oder um Havenhurst erstaunlich viele Menschen verschwunden sind. Derweil glaubt sich Jackie unter ständiger Beobachtung, und in der Wohnung scheint es (oder jemand) umzugehen. Ihr Verdacht, dass Ungutes in den Mauern von Havenhurst vorgeht, wird Jackie von der jungen Sarah bestätigt, die dunkel andeutet, dass Danielle und Jason „bestraft“ wurden, weil sie gegen die Hausregel verstoßen = suchtrückfällig geworden waren.

Daraufhin intensiviert Jackie ihre Nachforschungen, was hinter den Kulissen von Havenhurst schlecht aufgenommen wird. Dieses Haus hat doppelte Wände und Böden und steht unter der Verwaltung einer Familie, die schon seit Jahrzehnten Jagd auf jene macht, die sie für „Parasiten der Gesellschaft“ hält …

Heim auf schwankendem Boden

„Mein Heim ist meine Burg“ – Dieses alte Sprichwort drückt aus, was eigene vier Wände auszeichnet: Sie umgeben den vielleicht einzigen Ort, der wenigstens zeitweise eine Alltagswelt aussperrt, die ständig Forderungen stellt. Man kann man ausruhen, die Maske fallenlassen, man selbst sein. Deshalb sorgen Attacken hier für besonders nachhaltigen Schrecken: Es trifft dich, wenn du deinen Schutzschirm heruntergefahren hast und besonders verletzlich bist.

Normalerweise sind es Einbrüche, die für entsprechende Verstörungen sorgen. Allerdings kann es schlimmer kommen. Das geschieht in der Realität vergleichsweise selten, was die Furcht aber nicht mildert. Sie ist wiederum Wasser auf die Mühlen einer Unterhaltungsindustrie, die entsprechenden Schrecken so inszeniert, dass er einerseits fesselt, während andererseits die beruhigende Gewissheit einer nur erfundenen Gruselmär gewahrt bleibt.

In diesem Zusammenhang dürfen alle Register gezogen werden. Logik oder wie in unserem Fall historische Fakten stellen keine Hindernisse dar. Man sollte sich deshalb nicht auf falsche Fährten locken lassen. Havenhurst wird schon handlungsfrüh als Brutstätte eines mörderischen Wahnsinns geoutet, der seinen Anfang angeblich mit einem Mann nahm, der sich H. H. Holmes nannte, tatsächlich Herman Webster Mudgett hieß und ein berüchtigter Serienmörder war, der aufgrund seines bizarren „modus operandi“ in die Kriminalgeschichte einging.

Die Historie als Fanggrund

Der 1861 geborene Holmes (wie wir ihn wie im Film weiterhin nennen wollen) baute in Chicago ein ‚Hotel‘, das wegen der 1893 stattfindenden Weltausstellung immer ausgebucht war. Allerdings sorgte Holmes für einen Bauplan, der zahlreiche verborgene Zimmer, Geheimgänge und Schächte vorsah, die das Gebäude in eine perfekte Todesfalle verwandelten. In den folgenden Monaten beraubte, folterte und tötete Holmes zahlreiche ‚Gäste‘, deren Leichen er in einem eigens errichteten Keller-Krematorium einäscherte.

Wie viele zunächst erfolgreiche Serienkiller übertrieb er es einerseits, während er andererseits schlampig wurde. Das Verschwinden so vieler Menschen rief schließlich sogar die alles andere als professionelle Polizei auf den Plan. Holmes wurde gefasst, zum Tode verurteilt und am 7. Mai 1896 hingerichtet. Wie viele Menschen er letztlich umgebracht hatte, konnte nie geklärt werden. Er selbst gab 27 Morde zu, aber die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Das „Murder Castle“ in Chicago wurde kurz nach Holmes‘ Tod von Unbekannten niedergebrannt. Holmes hinterließ eine Tochter, die allerdings nicht in seine Fußstapfen trat, sondern Schullehrerin wurde und unbescholten blieb; auch ihre Nachfahren machten nicht serienmordend auf sich aufmerksam. Ebenfalls ins Reich der Legende konnte jene Annahme verwiesen werden, nach der Holmes dem Henker irgendwie von der Schippe gesprungen war: Eine Exhumierung brachte 2017 seine Leiche ans Licht. Dies alles hinderte Regisseur und Drehbuch-Mitautor Andrew C. Erin nicht daran, sich der Familiengeschichte zu bemächtigen.

Die Kluft zwischen Wollen und Können

Dummerweise gibt die Story so, wie Erin und Daniel Farrands sie ersannen, im Rahmen einer Holmes/Mudgett-Vorgeschichte keinen echten Sinn. Faktisch geht ein Killer in einem Haus um, das zur Menschenfalle umgebaut wurde. Das bleibt die einzige Verbindung. Dem historischen Holmes war die Biografie seiner Opfer herzlich gleichgültig. Ganz sicher hatte er kein Interesse daran, die Welt von rückfälligen Suchtkranken zu ‚reinigen‘. Folglich ist „H. H. Holmes“ nur ein Lockmittel, das auf einen ansonsten beliebigen Mystery-Thriller aufmerksam machen soll.

Die zentrale Schwäche bildet ein Drehbuch, das keine Überraschungen generieren kann. Das Scheitern wird vor allem in einem Finaltwist deutlich, der dramatisch in Szene gesetzt wird, um beim Publikum wirkungslos zu verpuffen. Stattdessen ärgern sich die Zuschauer über ein Ende, das so abrupt kommt, dass man meinen könnte, an dieser Stelle sei der Produktion schlicht das Geld ausgegangen. (Auf interne Probleme weist auch hin, dass „Havenhurst“ schon 2014 gedreht, aber erst 2016 veröffentlicht wurde.)

Bis es soweit ist, reihen sich die üblichen Rätselhaftigkeiten aneinander. In dem quadratmeterreichen aber leuchtmittelarmen Appartement huscht es schattenhaft umher. Während Jackie bzw. andere Opfer dem notorisch den Rücken zudrehen, ist der Zuschauer sofort im Bild, dass etwas Unheimliches geschieht, weil dies von urplötzlich ertönender, überlauter Buh!-Musik begleitet wird.

Überdies wird die Katze ziemlich früh aus dem Sack gelassen. So hängt im Havenhurst-Hausflur ein Porträtfoto von H. H. Holmes. Dass die Architektur des Hauses Besonderheiten aufweist, bleibt ebenfalls nur kurz kein Geheimnis. Wieso sich Falltüren stets dort öffnen, wo sich das Opfer gerade aufhält, ist bestenfalls ein Indiz für schwerkriminelle Genialität; die Logik hält sich jedenfalls – nicht nur in solchen Momenten – fern.

Die Kraft des Handwerks

„Havenhurst“ ist ein Film mit geringem Budget. Dem Zuschauer wird dies freilich kaum bewusst, weil zumindest handwerklich Profis am Werk waren. Die Kulissen beschränken sich fast ausschließlich auf das Innere von Havenhurst, das real natürlich nicht existiert (bzw. vom New Yorker Appartement-Komplex Tudor City ‚gedoubelt‘ wurde), weshalb man problemlos in Hollywood drehen konnte. Licht bzw. Schatten werden vom auch sonst vorzüglichen Kameramann Thomas Hencz genutzt, um sowohl Kulissenschwächen zu verdecken als auch für die angemessen unheimliche Stimmung zu sorgen, was dank der Bildqualität vermittelt werden kann.

Die zahlreichen Fallen und Schlupflöcher werden so glaubhaft in Szene gesetzt, dass niemand über den absurden Aufwand nachdenkt, der für Konstruktion und Wartung getrieben werden müsste. Der Score ist jenseits der plumpen Effekthascherei (s. o.) erstaunlich stimmungsvoll; insgesamt kann „Havenhurst“ akustisch überzeugen. Die Spezialeffekte sind oft ‚analog‘ und von guter Qualität. Sogar ein wenig Splatter kommt vor, wobei diese Szenen sich jedoch nicht in die eher zurückhaltende Darstellung von Gewalt fügen wollen, die Erin insgesamt vorzieht. (Keinesfalls sollten sich blutrünstige Zuschauer vom „Ab-18-Jahre“-Aufkleber täuschen lassen: „Havenhurst“ wurde hierzulande ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben. Um die ‚harten‘ Horrorfans zu täuschen, wurden einige „Ab-18“-Trailer aufgespielt. So konnte das rote, Grusel & Grausamkeit garantierende ‚Qualitätssiegel‘ auf das Cover geprägt werden. Für weiterhin Unentschlossene gibt es noch diesen Köderwurm: „Von den Machern von SAW“.)

Die Darsteller rekrutieren sich aus der B-Schicht US-amerikanischer Filmschauspieler. Meist treten sie in Nebenrollen oder als „Gaststars“ in TV-Serien auf, ansonsten sind sie sich nicht zu schade für das Trash-Kino: Der Mensch muss essen. Julie Benz hatte immerhin wiederkehrende Rollen in Fernseh-Erfolgen wie „Angel – Jäger der Finsternis“, „Dexter“ oder „Hawaii Five-0“. Im Auge behalten sollte man wohl Fionnula Flanagan, die aus ihrer Rolle mehr herausholt, als es das Drehbuch vorgibt. Deshalb ist es erst recht schade, dass „Havenhurst“ nur eine Sammlung genretypischer Formelhaftigkeit bleibt und das Publikum unzufrieden zurücklässt.

DVD-Features

„Havenhurst“ erfährt hierzulande eine Sparschwein-Ausgabe. Immerhin wurden echte Synchronsprecher engagiert. Untertitel gibt es nicht, auch auf Features muss der Zuschauer verzichten.

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Havenhurst – Evil Lives Here
Originaltitel: Havenhurst (USA 2016)
Regie: Andrew C. Erin
Drehbuch: Andrew C. Erin u. Daniel Farrands
Kamera: Thomas Hencz
Schnitt: Todd Zelin
Musik: tomandandy (= Tom Hajdu u. Andy Milburn)
Darsteller: Julie Benz (Jackie), Belle Shouse (Sarah), Fionnula Flanagan (Eleanor Mudgett), Danielle Harris (Danielle Hampton), Josh Stamberg (Tim), Toby Huss (Wayne), Dendrie Taylor (Tammy), Douglas Tait (Jed), Matt Lasky (Ezra), Jennifer Blanc-Biehn (Paula) u. a.
Label/Vertrieb: Lighthouse Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 18.05.2018
EAN: 4250128400350 (DVD)/4250128400374 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 80 min. (Blu-ray: 81 min.)
FSK: 18

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