Heartless

Originaltitel: Heartless (GB 2009)
Regie/Drehbuch: Philip Ridley
Kamera: Matt Gray
Schnitt: Chris Gill u. Paul Knight
Musik: David Julyan
Darsteller: Jim Sturgess (Jamie Morgan), Clémence Poésy (Tia), Noel Clarke (A. J.), Luke Treadaway (Lee Morgan), Justin Salinger (Raymond Morgan), Fraser Ayres (Vinnie), Ruth Sheen (Marion Morgan), Nikita Mistry (Belle), Timothy Spall (George Morgan), Connie Hyde (Linda), Nadia Theaker (Charlie), Joseph Mawle (Mister B), Eddie Marsan (Weapons Man), Jack Gordon (Jeeko), John MacMillan (She), Ross McCart (Jamie als Kind) u. a.
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 07.01.2011
EAN: 0886977360299 (DVD) bzw. 0886977378195 (Blu-ray) bzw. 0886978064691 (DVD-Steelbook)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 109 min. (Blu-ray: 114 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Durch ein riesiges Feuermal im Gesicht und auf der Schulter zum Außenseiter gestempelt, fristet Jamie ein einsames Leben in einem düsteren Viertel von London. Mit dem Bruder betreibt er einen kleinen Fotoladen und wohnt noch bei seiner Mutter. Psychische Probleme isolieren Jamie zusätzlich; er träumt von einem ‚normalen‘ Leben mit eigener Familie und streift mit seinem Fotoapparat durch die nächtliche Stadt. Dort entdeckt er, dass schlangenköpfige, als Ghettokids getarnte Dämonen die Straßen unsicher machen. Sie überfallen ahnungslose Passanten, verbrennen sie oder reißen sie in Stücke.

Eines Nachts wird auch Jamies Mutter von den Kreaturen getötet. Als Hintermann gibt sich „Mister B“ zu erkennen, womöglich der Teufel selbst, der die Welt ins Chaos stürzen will. Er rekrutiert Jamie mit dem Angebot, das Feuermal verschwinden zu lassen. Jamie schließt den Pakt – und hat sich Satan ausgeliefert, der ihn zwar nicht nur ‚heilt‘, sondern ihn auch die hübsche Tia kennenlernen und lieben lässt, ihm aber auch seinen „Waffenmeister“ schickt, der ihn über seinen ersten Auftrag informiert: Jamie soll den nächtlichen Terror anfachen und auf grausame Weise morden. Weigert er sich, wird Bs Zorn grauenhaft sein.

Den beschwört er trotz schließlich begangener Mordtat herauf, als er dem Kind-Geist Belle gestattet, sich bei ihm niederzulassen. Bs Rache ist angemessen, d. h. teuflisch heimtückisch: Als nächstes Opfer setzt er Tia fest. Damit treibt er Jamie ein Stück zu weit in die Enge. Dieser beginnt den Pakt zu hinterfragen und entdeckt dabei Bs Achillesferse. Ihn auf diese Weise zu treffen, fordert B allerdings erst recht heraus. Für Jamie beginnt ein Höllentrip, denn B, König der Lüge, wird Jamie den Sieg möglichst bitter machen …

Kunst des Horrors – Horror als Kunst

Möchte man als Filmemacher zum Liebling der strengen Kritikerschaft aufsteigen, ist es ratsam, sich nach einem möglichst wenig erfolgreichen, primär ‚künstlerischen‘ Erstlingswerk, das vom ignoranten Pöbel verschmäht und nur von wenigen Eingeweihten gebührend zur Kenntnis genommen wurde, erst einmal in schöpferisches Schweigen zu versenken. Weitere Filme lasse man erst nach jahrelanger Pause folgen, in der man sich mit filmfremden Projekten beschäftige.

Philip Ridley hat befolgt, was schon Stanley Kubrick oder Terrence Malick in den Olymp aufsteigen ließ; als echter Renaissancemensch schreibt er außerdem seine Drehbücher selbst, ist ein begabter Musiker und kann sogar singen; so bringt er uns das Titelstück „Heartless“ persönlich zu Gehör. Bevor er diesen Film realisierte, verordnete er sich eine 14-jährige Drehpause, innerhalb derer er Kinderbücher und Theaterstücke schrieb sowie mehrere Gemälde- und Foto-Ausstellungen mit eigenen Werken beschickte.

Nach „The Reflecting Skin” (1990; dt. „Schrei in der Stille“) und „The Passion of Darkly Noon“ (1995; dt. „Die Passion des Darkly Noon“) waren die Erwartungen aus der Ecke der Kunstfilm-Kritiker entsprechend hoch, als Ridley 2009 „Heartless“ präsentierte. Auch dieses Mal waren sie des Lobes voll, während der ‚normale‘, eher auf Film als Unterhaltung gepolte Zuschauer verwirrt zurückblieb – recht so, denn er hat in besagter Ecke nichts verloren; für ihn u. a. Dummköpfe wurde der Mainstream erfunden!

Welt oder Hirn aus den Fugen?

Ist die moderne Zivilisation bereits in der Auflösung begriffen? Hat die Apokalypse schleichend eingesetzt bzw. ist so weit fortgeschritten, dass Satan seine Schergen kaum verhüllt auf die Straße schicken kann? Oder findet dieser Blick auf die Realität nur in Jamies zerrüttetem Hirn statt?

Wie es sich für Kunst gehört, überlässt Regisseur und Drehbuchautor Ridley dem Zuschauer die Entscheidung. Seine Geschichte erzählt er so, dass sie auf beiden Ebenen funktioniert. Angesichts der etwas missglückten, vielleicht auch nur kitschigen Finales meint der Skeptiker die Nase vorn zu haben: Jamie ist verrückt und bildet sich nur ein, was ihn zu irrationalen Taten treibt.

Entsprechende Hinweise streut Ridley in reicher Zahl ein. Schon die Liebe der marodierenden Dämonen zum Molotow-Cocktail oder Mister Bs Obsession für das Feuer deuten auf einen Jamie hin, der seine persönlichen Probleme nach außen projiziert bzw. sie Gestalt annehmen lässt. Einer beiläufigen Bemerkung seines Bruders lässt sich entnehmen, dass Jamie in gar nicht allzu ferner Vergangenheit ernsthafte psychische Schwierigkeiten hatte.

Auf der anderen Seite mag der Teufel tatsächlich umgehen. Bevor wir Jamie kennenlernen, ‚fliegt‘ die Kamera über ein geradezu mystisches London, das trotz nächtlicher Stunde überirdisch leuchtet und strahlt. Später sehen wir selbst Ruinen, verkrautetes Ödland oder beschmierte Wände perfekt ausgeleuchtet; die Orte verwandeln sich in magische Stätten. Cendrillon House, das einsam stehende, heruntergekommene Hochhaus, in dem anscheinend nur Mister B haust, verweist im Namen auf das Märchen „Cinderella“, in Deutschland „Aschenputtel“: Genau das ist Jamie, der hier Hilfe sucht, um sein Geburtsmal loszuwerden, das er als Geburtsmakel empfindet.

Der schwere Weg zum eigenen Ich

„Magie“ ist durchaus kein ausschließlich positiv besetztes Wort. Ridleys London ist zweifellos ein verzauberter Ort mit entsprechenden Bewohnern, doch es ist gefährlich dort. Die nackte Realität ist ebenso riskant. Mister B mag der Teufel sein, aber „She“ ist als psychopathischer Bandenführer mit künstlicher Klauenhand keineswegs weniger tödlich. Ridley lässt sich Zeit; wir lernen Jamies Stadt und ihre seltsamen Winkel gut kennen und finden uns doch nicht mehr zurecht, als die Handlung surreale Züge gewinnt.

Realität und Dimension X finden wechselweise zusammen und trennen sich wieder, aber nur Jamie scheint diese Überlappungen zu bemerken, falls sie denn – siehe oben – überhaupt existieren. Sie mögen sich auf Jamies Hirn beschränken und seinem sehnlichen Wunsch entspringen, ‚normal‘ zu sein. Doch was meint er damit? Ridley stellt immer wieder klar, dass Jamie das geliebte Kind einer liebevollen Familie ist. Zwar wird er gehänselt, doch wer ihn kennt, schätzt ihn und behandelt ihn völlig normal. Seinen Außenseiterstatus schafft sich Jamie vor allem selbst.

Diesen Teufelskreis muss er durchbrechen. Es gelingt ihm schließlich, auch wenn er dafür einen hohen Preis zahlen muss. Hier weicht Ridley sein Konzept auf. „Heartless“ wurde bisher von einem düsteren Grundton bestimmt, dem sich die Optik des Films adäquat unterordnete. Nun endet es als Erlösung, die als solche Klischees gehorcht, denen Ridley bisher souverän auszuweichen wusste. Vielleicht wünschte er sich selbst ein Happy-End?

Menschen und Monster

„Heartless“ ist ein Film, der auf Schauspieler angewiesen ist, die der Dualität der Handlung Rechnung tragen können. Ridley hat beim Casting sowohl eine glückliche Hand als auch Glück gehabt und tatsächlich gefunden, wen oder was er suchte. Vor allem Jim Sturgess füllt die Hauptrolle in einer Weise aus, die ihn als Realperson völlig dahinter verschwinden lässt.

Jamie ist darüber hinaus eine perfekte Identifikationsfigur. Dies wird wichtig, als er sich von seinem „Guter-aber-armer-Junge“-Image plötzlich löst und zum widerstrebenden aber erbarmungslosen Mörder wird: Unter der Kapuze, die Jamie so gern schützend über seinen Kopf zieht, steckt auch ein gar nicht sympathischer Zeitgenosse, der sich à la „Taxi Driver“ illegal eine Pistole besorgt, für seine ‚Heilung‘ den Tod seiner Mutter akzeptiert sowie über Leichen geht.

Als liebenswerte aber letztlich ebenfalls doppelgesichtige Tia macht Clémence Poésy deutlich, wie das Leben aussieht, das Jamie sich erträumt. Wie tragisch diese Liebesgeschichte ist, zeigt uns Ridley, als er nicht nur andeutet, dass Jamies Feuermal wohl niemals wirklich verschwunden ist und Tia ihn so liebt, wie er ist.

Als Beelzebub „Mister B“ lässt Joseph Mawle die Zuschauer schaudern. Ohne unter ‚teuflischem‘ Make-up begraben zu werden, präsentiert er einen furchteinflößenden Fürsten der Finsternis & des Chaos‘. Mister B ist durch und durch Lügner. Die Regeln des Paktes verändert er nach Belieben. Sich an ihn zu wenden heißt sich ihm unterwerfen. Ein in seiner kurzen Nebenrolle großartiger Eddie Marsan schüttelt sich als Bs eisig beflissener Handlanger „Weapons Man“ wieder einmal vor Lachen, als sich Jamie naiv bei ihm beschwert, übers Ohr gehauen worden zu sein: So ist er, der Teufel, er kann gar nicht anders.

Die Schrecken werden deutlich

Obwohl „Heartless“ nicht einmal ansatzweise in die „Splatter“-Schublade passt, gibt es einige ungemein harte, brutale, blutige Szenen. Sie gehören in diese Geschichte, sorgen für Ekel und Schrecken dort, wo dies angebracht ist. Dem netten Jamie schnittfrei quasi dabei über die Schulter zu schauen, wie er einem hilflosen Stricher das Herz aus dem lebendigen Leib schneidet, ist harter Tobak und soll es sein.

Ähnlich wirksam ist die eine Szene, in der Mister B sämtliche Nonchalance fahren, seine Maske fallenlässt und sein wahres Wesen offenbart. Gemeint ist damit keineswegs die CGI-unterstützte Verwandlung in einen grauslichen Hollywood-Teufel, sondern eine ungezügelt zur Schau gestellte Grausamkeit, die wesentlich stärker beeindruckt.

Diesen intensiven, gelungenen Szenen stehen seltsam fahrige, die Illusion eher zerstörende als unterstützende Effekte entgegen. Zu nennen sind hier in erster Linie die schlangenköpfigen Feuerteufel, die richtig beängstigend nur als Graffiti wirken.

Die Antwort auf die Frage, ob „Heartless“ ein „Meisterwerk“ ist, sei denen überlassen, die solche Kategorisierungen lieben. Nüchtern betrachtet bietet Ridley ein raffiniertes Vexierspiel, das als Real-Drama ebenso funktioniert wie als Mystery-Thriller. Dies macht „Heartless“ schlicht und einfach zu einem guten Film. Angesichts des Humbugs, der vor allem das Genre Horror für uns bereithält, ist dies ein echtes, ehrliches Qualitätsmerkmal.

DVD-Features

„Features“ sind ein Synonym für „Glücksspiel“: In der Regel verliert dabei zumindest diejenige Fraktion des Publikums, die tatsächlich hinter die Kulissen eines Films schauen möchte. Viel zu verlockend ist die Möglichkeit, Werbung als Information zu verpacken. Dabei gehen angebliche ‚Spezialisten‘ zwar in der Regel denkbar plump und dämlich vor, doch unverdrossen wird weiterhin wortreicher Müll auf blanke oder blaue Scheiben gebrannt.

„Heartless“ bildet in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Zwar wird auch hier kräftig der Darsteller vor oder der Regisseur hinter der Kamera gelobt, aber man hat zumindest den Eindruck, dies könne ehrlich gemeint sein. Insgesamt 26 min. äußern sich Philip Ridley und Jim Sturgess (lang) sowie Noel Clarke, Eddie Marsan, Clémence Poésy und Joseph Mawle (kurz) über Dreharbeiten und Film.

Informativer (wenn auch nicht frei von Schwurbel) ist erwartungsgemäß Philip Ridleys Audiokommentar. Wenig aussagekräftig muss eine nur knapp sechsminütige „B-Roll“ bleiben, die über die Entstehung der Spezialeffekte Auskunft gibt. Ein seltsames Extra ist der dreieinhalbminütige Blick auf ein Publikum, das den Film „Heartless“ anschaut und darauf reagiert. Was soll der Zuschauer daraus lernen? Da bereitet die Betrachtung zweier Musikvideos wesentlich mehr Vergnügen. Die im Film gespielten Lieder „The Other Me“ und „Heartless“ wurden in eigene kleine Filme verwandelt.

Website zum Film

[md]

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