Hell – Gefangene des Jenseits

Originaltitel: Narok (Thailand 2005)
Regie: Tanit Jitnukul, Sathit Praditsarn u. Teekayu Thamnitayakul
Drehbuch: Marisa Mallikamarl
Kamera: Tanai Nimchareonpong u. Kriangsak Sukkaphun
Schnitt: Surasak Pranken u. Sukro Wesalee
Darsteller: Wuttinan Maikan (Art), Nathawan Woravit (Ja), Baworanrit Chantasakda (Lae), Punyapon Dhajsonk (Chot), Sittichai Laungesalee (Aon), Arkom Peedrakul (Onkel Tao), Dollaya Polthipattayakul (Kim)
Label: Legend Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 02.10.2006 (DVD-Steelbook) bzw. 15.09.2011 (Single-DVD)
EAN: 0828768620694 (DVD-Steelbook) bzw. 4009750202869 (Single-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Thailändisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 90 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Sieben mieslaunige Dokumentarfilmer machen sich in ihrem Kleinbus auf, um irgendwo in der thailändischen Provinz einen unwichtigen ‚Skandal‘ für den TV-Boulevard ‚aufzudecken‘. Die kaltherzige und schwangere Ja wurde gerade vom Kindsvater Chot mit der naiven Produktionsassistentin Kim betrogen, Fahrer Aon ist ein notorischer Lügenbold, Tao, Ältester der Gruppe, ein Säufer, der seine Familie vernachlässigt und schlägt, der junge Lae ein Tunichtgut. Der freundliche Art bemüht sich, das Team miteinander zu versöhnen – ein Vorhaben, das sein abruptes Ende findet, als ein schwerer Bus den Van rammt.

In der realen Welt landen die sieben Gefährten schwerverletzt und komatös in einem Krankenhaus, wo die Ärzte um ihre Leben kämpfen. Unterdessen erwachen ihre Seelen in der Vorhölle, wo der Teufel sie schon erwartet, ihnen die lange Liste ihrer Sünden vorlesen und sie zwecks Folterung auf diverse Unterhöllen verteilen lässt.

Auf seine harsche Art vertuscht der Teufel, dass im kosmischen Gefüge etwas schiefgelaufen ist: Höchstens vier der sieben Neuankömmlinge sind echte Höllenhunde, während Art, Ja und Aon eigentlich zurück auf die Erde gehören. Art kommt dem Teufel auf die Schliche und beschließt, aus der Hölle auszubrechen. Da er ein guter Mensch ist, befreit er zuvor seine bereits tüchtig von dickbäuchigen Dämonen malträtierten Freunde.

Wütend schickt der Teufel seinen besten ‚Mann‘ und dessen Schergen den Flüchtlingen hinterher. Die haben sich inzwischen verirrt und geraten erst recht in finstere höllische Gefilde. Zudem schwächt Streit die Gruppe. Schließlich läuft den Gefährten die Zeit davon: Sollte die Flucht nicht bald gelingen, müssen sie tatsächlich auf ewig in der Hölle schmachten …

Die Hölle kann sehr irdisch sein

1960 entfesselte der japanische Regisseur Nobuo Nakagawa (1905-1984) schon einmal die Dämonen der Hölle. „Jigoku“ (dt. „Jigoku – Das Tor zur Hölle“) gilt trotz (oder gerade wegen) seiner schwierigen Entstehungsgeschichte als Klassiker des asiatischen Phantastik-Kinos. Knapp fünf Jahrzehnte später stritt der thailändische Fließband-Filmemacher Tanit Jitnukul zumindest nicht ab, mit „Narok“ ein Remake schaffen zu wollen.

Tritt man so weit zurück, dass nicht nur die Details, sondern auch grobe Strukturen zu verschwimmen beginnen, mögen gewisse Parallelen zwischen „Jigoku“ und „Narok“ erkennbar werden. Beide Filme spielen passagenweise in der buddhistischen Hölle, deren unglückliche ‚Gäste‘ wie im christlichen Gegenstück tüchtig gepiesackt werden. Diese Hölle setzt sich aus acht Kreisen – Dante Alighieris christliches Inferno hat einen Kreis mehr – zusammen, in denen der jeweils verdammte Pechvogel genau festgesetzte Qualen erleiden muss. Der achte Kreis ist den schlimmsten Sündern vorbehalten, die hier bis in alle Ewigkeit besonders einfallsreich geschunden werden.

Was bei Nakagawa begründet sowie atmosphärisch und durchaus beklemmend in Szene gesetzt wurde, verkommt in der Neufassung zum grellen, dummen, lächerlichen Comic im Stil der berüchtigten Cartoon-Tracts des brachialfundamentalistischen Feuer-&-Schwefel-Geiferers Jack T. Chick. Man kann sowohl dem Regisseur als auch dem Drehbuchautor höchstens unterstellen, ihr Höllenspektakel als Komödie angelegt zu haben; dem Rezensenten fehlt das spezifische religiöse Hintergrundwissen, um dies entscheiden zu können.

Teufeleien in schlammiger Kiesgrube

Allerdings ist es schier unmöglich, einem Film wie „Hell“ Substanz oder ernsthafte Zwischentöne zu unterstellen. Sieht sich wirklich nur der westliche Zuschauer fassungslos einem Machwerk ausgeliefert, das den Begriff „Trash“ auf eine nie gekannte Ebene bringt?

Hier kann rein gar nichts überzeugen. Ein Drehbuch existierte wohl nur als Skizze, ein Budget hat es offenbar nicht gegeben. Deshalb muss man sich die Hölle primär denken; sie wird mit Klein-Kulissen angedeutet, die ihren Ursprung – Kinderbibel einerseits, Geisterbahn andererseits – nie verhehlen können. Die meisten Höllenkreise stellen sich als aufgelassene Kiesgruben dar, in denen eher rustikale als wirkungsvolle Folterinstrumente stehen, an denen übellaunige Dämonen Marterdienst nach Vorschrift schieben. Von der ewigen Plackerei, die es bedeutet, Sündern brodelnde Lava in die Schlünder zu gießen, sie mit Sägen zu zerlegen oder ihnen die Därme aus dem Leib zu reißen – was mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt ist – sind sie wohl mehr als ein wenig abgestumpft. Wie sonst ist es zu erklären, dass ihnen unsere sieben Neuankömmlinge nicht nur einmal problemlos entwischen?

Es gibt außerdem eine Art Aufenthaltsraum, in denen fertiggebüßte Sünder auf ihre Wiedergeburt warten. Diese findet statt, indem sie in einen miserabel getricksten CGI-Wirbel steigen, der sie nach ‚oben‘ in ihr neues Dasein trägt. Nicht weit davon entfernt liegt der Thronsaal des knallrot gestrichenen Chef-Teufels, der dort Sünder selektiert sowie bei Bedarf seinen höllischen Heerscharen – etwa 10 graugrüne Dämonen der besonders erschröcklichen Art – strafend aussendet. Besondere Kenntnisse benötigt man auch für diesen Job offenkundig nicht: Als unsere Flüchtlinge die genannten Dämonen nahen sehen, verstecken sie sich unter einer – Brücke, die einfach irgendwo im Wald steht. Dort nachzusehen fällt ihren Verfolgern nicht ein.

Müssen Sünder klug sein?

Flucht ist unter den geschilderten Umständen also möglich. Leider sind unsere sieben armen Seelen mindestens ebenso dämlich wie die ihnen zugewiesenen Dämonen. Wieder einmal beißt sich die asiatische Art der Darstellung gewaltig mit der westlichen Beurteilung von Schauspiel. Folglich müssen wir siebenfaches Grimassieren & Greinen ertragen, bis das Maß einfach voll ist. Allein Lae dabei beobachten zu müssen, wie er ein Titten-Magazin findet und sich beim Betrachten schwitzend & grinsend die Lefzen leckt – buchstäblich! – tötet die Bereitschaft, sich auf „Hell“ einzulassen, mindestens ebenso gründlich wie eine Synchronisation, die jeden Darsteller nicht sprechen, sondern tonlos belfern lässt.

Die Siebenzahl der Sünder scheint ein Zaunpfahlwink auf die offenbar auch in Asien bekannten 7 Todsünden zu sein. Falls dem so ist, dürfen wir froh sein, im Westen zu leben: Im fernen Osten scheint sogar der Genuss von Dosenbier direkt in die Hölle zu führen. Wieder muss man wohl die Darstellung vor allem als Symbol begreifen: Die Schauspieler deuten eher an, statt in ihren Rollen aufzugehen. (Eine ähnliche Distanz lässt auch der verantwortliche Filmmusiker feststellen, der den Score durch trommelfellreizendes Synthie-Gedudel ersetzt.)

Hölle, wo ist dein Stachel?

Die erstaunliche Ärmlichkeit des Höllen-Inventars wurde bereits angedeutet. Dort ist die Zeit irgendwo zwischen Eisenzeit und Mittelalter stehengeblieben, was denjenigen Sündern, die der Verdammnis im 21. Jahrhundert anheimfallen, zu allem Überfluss einen gehörigen Kulturschock versetzt. Gefoltert wird unter Ausschluss von Technik ausschließlich in Handarbeit. Die dafür erforderlichen Instrumente mussten die Dämonen vermutlich selbst bauen.

Auch sonst ist ihr Job hart. Sie martern im Schichtdienst. Zwischen zwei Folterungen hängen sie ihre Opfer entweder an einen Haken oder ignorieren sie, weshalb diese laut jammernd oder zombiestill durch ihre Hölle wanken und dort jedermann im Weg stehen. Generell hat der Teufel sein Reich schlecht im Griff. So kann es geschehen, dass dem graugrünen Rollkommando der Zugriff auf unsere Flüchtlinge verwehrt bleibt, weil plötzlich schlammbeschmierte ‚Geister‘ aus ihren Erdhöhlen springen und sie verprügeln.

Statt dies für die Fortsetzung der Flucht zu nutzen, bleiben die Flüchtlinge vor Ort, um nacheinander über ihre sündhaften Existenzen zu räsonieren, sich anklagend an die Brustkörbe zu klopfen und Besserung zu geloben. Dies geschieht mit einem Pathos, das Fremdschämen geradezu herbei zwingt.

Logik-Lecks & Kasperle-Theater

Dieses Gefühl stellt sich übrigens auch ein, wenn man die ‚Spezialeffekte‘ (besser nicht) betrachtet. Wie üblich wird eine höllisch rote Umgebungsfärbung simuliert, indem der Kamera eine entsprechend eingefärbte Linse vorgeschraubt wird. Nichtsdestotrotz gibt es sogar grüne weil waldbestandene Höllenwinkel – oder hat der Kameramann besagte Farblinse vergessen?

Wacklige Pappe und zittrige CGIs zeichnen die Monumentalbauten der Hölle aus. Im Sonderangebot gab’s offenbar billige Wirbel (s. o.), die sich daher überall in den Höllenhimmel schrauben. (In der Tat: Diese Hölle hat einen Himmel!) Die Folter-Dämonen tragen Lumpen und Blechspieße von der Asia-Kino-Resterampe, der knallrote Chef-Teufel hat dort eine Art Samurai-Rüstung ergattert.

Wenn überhaupt Geld in dieses Trauerspiel floss, dann steckt es in den Folterszenen. Die lassen an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig, sind dabei jedoch so übertrieben geraten, dass nicht einmal die manisch nach „Gewaltverherrlichung“ fahndende deutsche Zensur anbeißen wollte: „Hell“ ist ab 16 Jahren freigegeben, wodurch immerhin unsere ganz jungen Mitbürger vor anderthalb Stunden einer unverschämten Zumutung bewahrt bleiben.

DVD-Features

Um der Frechheit des Hauptfilms die Krone aufzusetzen, gibt es diverse – sogar deutsch untertitelte! – ‚Interviews‘ mit verschiedenen Haupt- und Mitverantwortlichen, die man über einen ganz anderen und deutlich besseren Film befragt zu haben scheint. Der Zuschauer lernt daraus, dass man das Lügen im Dienst der Werbung auch in Thailand beherrscht.

Ein siebenminütiger Blick hinter die Kulissen bringt keinerlei nützliches Mehrwissen. Weil noch ein bisschen Platz auf der DVD war, spielte man nicht nur den deutschen, sondern auch den originalen Trailer sowie zwei TV-Spots auf. Erst dann hat das Elend endlich ein Ende.

[md]

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