hexensabbat-1976-2016Fotomodell Alison mietet verdächtig günstig eine schöne Wohnung, in der es nächtlich mächtig umgeht: Das Haus steht an der Pforte zur Hölle, deren Bewohner ins Freie drängen; ausgerechnet Alison soll sie in ihren Schranken weisen … – Von der Kritik kräftig verrissener Horrorklassiker, der seine B-Movie-Story mit Starbesetzung, ausgezeichneter Kamera und beachtlichen Spezialeffekten unterhaltsam in sein groteskes Finale trägt: So einen seltsamen Film sieht man selten!

Das geschieht:

Anwalt Michael Lerman drängt seine Geliebte, das schöne Fotomodell Alison Parker, zur Ehe. Die psychisch labile Frau fühlt sich bedrängt und sucht ihren Freiraum, indem sie sich eine eigene Wohnung im New Yorker Stadtteil Brooklyn mietet. Das alte aber schöne Haus steht ein wenig abseits, und die Miete ist erstaunlich niedrig für eine Wohnung dieser Größe.

Michael ist wenig begeistert, übt sich aber in Geduld. Ohnehin lässt Alisons Begeisterung stark nach, als sie ihre aufdringlichen Nachbarn kennenlernt. Während sie den kauzigen Charlie Chazen recht nett findet, bieten ihr die Lesben Gerda und Sandra einen Empfang, der Alison wutschnaubend zur Hausverwalterin eilen lässt. Doch die Beschwerde geht ins Leere, denn Miss Logan versichert Alison glaubhaft, dass außer ihr nur der alte, blinde Pater Halliran in dem Haus wohnt.

Die nächtlichen Umtriebe in den tatsächlich leerstehenden Wohnungen greifen Alisons Nervenkostüm sichtlich an. Mehrfach fällt sie vor der Kamera in Ohnmacht. Der Arzt verschreibt Pillen, die Alisons Benommenheit verstärken. In einer besonders grässlichen Nacht erscheint ihr der Geist des verstorbenen Vaters, den sie mit einem Fleischmesser niedersticht. Die Polizei findet weder eine Leiche noch Blutspuren. Dennoch interessiert sich Detective Gatz für den Fall: Er ist davon überzeugt, dass Michael Lerman vor Jahren seine Ehefrau umgebracht hat und nun Alison in den Tod treiben will.

Doch Michael ist nicht nur unschuldig, sondern ernsthaft entschlossen, Alison zu helfen. Er beauftragt einen Detektiv, der die Geschichte des Hauses recherchieren soll, und kommt einer bizarren Mission der katholischen Kirche auf die Spur: Das Haus steht an der Pforte zur Hölle, die seit Jahrtausenden ein auserwählter Wächter bewachen muss. Pater Halliran ist alt, und Alison soll ihn ablösen, was nicht nur Michael, sondern auch der Teufel unbedingt verhindern will …

Hollywood: Bedrängnis und Gegenattacke

Die späten 1960er und 1970er Jahre waren für Hollywood eine schwierige Zeit des Umbruchs. Das seit Jahrzehnten etablierte Star-Kino war zum Auslaufmodell geworden, man orientierte sich an den Erfolgen der Vergangenheit und produzierte schwerfällige Flops in Serie. Zwar hatte man das eigentliche Zielpublikum nie aus dem Blick verloren, und die Jugend liebte das Kino nach wie vor. Doch inhaltlich wie formal forderte sie Neuerungen. Das bedingte auf der einen Seite ein „New Hollywood“, das auf ein politisch und künstlerisch innovatives Kino setzte.

Produzenten, die nicht so weit gehen wollten, versuchten, den alten Wein in neue Schläuche zu füllen: Sie erzählten weiterhin realitätsferne Geschichten, peppten diese aber mit nackten Busen, Gewalttätigkeiten und Spezialeffekten auf. Da man nicht wusste, wie weit man gehen konnte oder musste, entstanden in diesen Jahre einige Filme, die sich den üblichen Schubladen entziehen. Die Mischung aus Alt und Neu führte zu Übertreibungen und Entgleisungen, die das heutige Kino in der Regel vermissen lässt.

Horrorfilme wurden seit jeher gedreht. Lange waren es möglichst kostengünstige Streifen, die höchstens versehentlich künstlerische Werte boten. Mit Filmen wie „Rosemary’s Baby“ (1968), „Der Exorzist“ (1973) oder „Das Omen“ (1976) testete Hollywood den Markt für B-Movies, die auf Blockbuster-Niveau produziert wurden: Schauspieler, Kameramänner, Komponisten, Trickspezialisten mit zum Teil jahrzehntelanger Erfahrung arbeiteten für Filme, in die viel Geld investiert wurde.

Der Erfolg bestätigte jene, die weiterhin auf Schauwerte statt Inhalte setzten. Selbstverständlich zogen die erfolgreichen Unterhaltungsfilme eine Unzahl ähnlich gestrickter Streifen nach, die gern übernahmen, was sich als einträglich erwiesen hatte. Viele sind zu Recht in Vergessenheit geraten. Manche sind dagegen ein Wiedersehen wert und für manche Überraschung gut.

Teufel ohne Feigenblatt

Wer Michael Winners (1935-2013) Oeuvre kannte, wusste schon 1977, dass „Hexensabbat“ keinen subtilen Grusel präsentieren würde. Winner hatte 1974 mit „Death Wish“ (dt. „Ein Mann sieht rot“) einerseits einen Kassenknüller inszeniert, der andererseits seiner Zeit deutlich voraus war. Was damals durch die Vehemenz erschreckte, mit der Selbstjustiz propagiert wurde, erstaunt heute durch ein betulich wirkendes Handlungstempo und hat auch keine Armee mordlustiger Vigilanten produziert, wie es von aufgeregten Moralaposteln und ‚Fachleuten‘ angekündigt wurde. Die Zeit ist über den Skandal hinweggegangen. Wie üblich hängt die Zensur hinterher; die ungekürzte Fassung von „Ein Mann sieht rot“ steht hierzulande noch heute auf dem Index.

Bis 2009 teilte auch „Hexensabbat“ dieses Schicksal. Hier entzündete sich der Zorn der Scherenschwinger vor allem an zwei Aspekten. So zeigt Winner gleich mehrfach nackte (aber hässliche) Frauen sowie einen dürren, alten, nackten Mann, die alle gemeinsam sogar eine ‚Orgie‘ feiern. (Man muss dieses Wort in Anführungsstriche setzen.) Außerdem gibt es eine drastische Masturbations-Szene mit Beverley d’Angelo (der späteren Ellen Griswold), die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Für die selbsternannten Schutzengel moralischer Werte war das Maß voll, als Winner die Horden der Hölle dadurch verkörpern ließ, indem er auf Jahrmärkten „Freaks“ anheuerte: Männer und Frauen ohne Beine, mit Vogelköpfen, entstellt durch Hauttumore und -wucherungen wie der Elefantenmensch, über und über tätowiert, zwergwüchsig oder fettleibig. Dies wurde durch Masken und Prothesen ergänzt und verstärkt. Winner, kein netter aber ein belesener und erstaunlich feinsinniger Mensch – in seinen letzten Lebensjahren war er ein bekannter Gastronomie-Kritiker -, dachte dabei an die symbolstarken Höllendämonen und Fabelwesen des Malers Hieronymus Bosch (um 1450-1516). Seine Kritiker brandmarkten ihn als Unhold, der arme Kreaturen demütigte und missbrauchte. (Dass Menschen auf diese Weise ihren Lebensunterhalt verdienen und verdienen mussten, änderte sich dadurch übrigens nicht.)

Eine nicht gerade neue Geschichte

Richtig lagen dagegen jene Kritiker, denen die Story ziemlich bekannt vorkam. Jeffrey Konvitz, Autor der Romanvorlage und zusammen mit Winner auch Autor des Drehbuchs, ging auf Nummer Sicher und fügte zusammen, was sich just als blockbustertauglich erwiesen hatte. Alison Parker erinnert an Rosemary (nur ohne Baby), der auch die unheimlichen Mietmieter bekannt vorgekommen wären. Ein Exorzist tritt nicht auf, doch die Kirche bzw. der Vatikan gibt sich wiederum als verschwiegener Hort uralten Geheimwissens.

Der Vorwurf bleibt freilich kraftlos, weil auch mit Kritikerlob überhäufte Filme nicht unbedingt originelle Storys bieten. Winner bringt seine Geschichte gut über die Runden, wobei er sich viel Zeit dabei lässt: 1977 definierte man „Filmtempo“ anders als heute. Langeweile kommt trotzdem nicht auf. „Hexensabbat“ ist ein alter Film, der sich gut gehalten hat. Ohne einen Overkill zeitgenössischer Mätzchen wie Reißschwenks, Filter oder Jump Cuts entfällt ein Kriterium, das Filme altern lässt. Was einst als uninspirierte Kameraarbeit verdammt wurde, lässt sich heute anschauen.

Stattdessen fallen sorgfältige und aufwändige Bildkompositionen auf. Hinzu kommen schöne Licht- und Schatteneffekte. Selbst „Hexensabbat“-Hasser müssen zugeben, dass die Szene, in der Alison nachts auf ihren (toten) Vater trifft, für nachhaltigen Gruselschrecken sorgt. Das liegt auch am überzeugenden Make-up der spukenden Leiche. Spezialeffekte sind in „Hexensabbat“ nicht so selten, wie man vermuten würde; sie sind in der Regel so gut geraten, dass man sie als solche oft noch heute nicht wahrnimmt. Wen wundert’s wenn beispielsweise für die gemalten Hintergrundkulissen ein Profi wie Albert Whitlock (1915-1999) zuständig war, der viele Jahrzehnte für Alfred Hitchcock arbeitete sowie Filme wie „20000 Meilen unter dem Meer“ (1954), „Erdbeben“ (1974) oder „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) zeichnerisch betreute.

Who’s Who der Filmgeschichte

Dass „Hexensabbat“ nicht wie oft behauptet zum Bodensatz der Filmgeschichte gehört, belegt auch eine Darstellerliste, die einem Querschnitt bekannter US-Darsteller seit 1945 gleichkommt. Dabei beschränken sich viele Ausnahmeschauspieler wie Martin Balsam (1919-1996), José Ferrer (1912-1992), Ava Gardner (1922-1990) oder John Carradine (1906-1988) auf bessere Statistenrollen. Auch Eli Wallach (1915-2014), Arthur Kennedy (1914-1990) oder Burgess Meredith (1907-1997) treten nur kurz vor die Kamera, ringen ihren Mini-Rollen aber nachhaltige Darstellungen ab. Vor allem Wallach liefert ein Kabinettstück in seiner Rolle, die für das Geschehen kaum von Relevanz ist und irgendwann einfach aus der Handlung verschwindet. Meredith ist ähnlich eindrucksvoll als liebenswert verschrobener Tattergreis, der ohne Maskentricks zum bitterbösen Teufel mutiert.

Noch nicht reif war 1977 die Zeit für Jungmimen wie Christopher Walken oder Jeff Goldblum. Sie sprechen nur wenige Worte und hinterlassen keinen Eindruck in ihren Ergänzungsrollen als Polizist bzw. Fotograf. In winzigen Szenen erkennt der Filmfreund Nana Visitor („Star Trek – Deep Space Nine“) und Tom Berenger; einmal schmuggelt sich sogar Richard Dreyfuss („Der weiße Hai“) ins Bild.

Die beiden Hauptdarsteller waren 1977 keine Filmstars. (Sie wurden es nie.) Auch das hilft dem Film heute. Man sieht keine bekannten Gesichter, sondern zwei junge Leute, die in mysteriöse Ereignisse verwickelt werden. Christina Raines ist vor allem (wirklich) hübsch, wirkt aber in dramatischen Szenen überfordert. Trotzdem trägt sie ihre Rolle. Ähnliches gelingt Chris Sarandon, obwohl er durch eine grausige Fönfrisur und einen Porno-Schnurbart gehandicapt ist. Seine Figur profitiert zusätzlich von ihrer Zwielichtigkeit. Bis zuletzt lassen uns Konvitz und Winner geschickt im Unklaren darüber, ob Michael Lerman ein Guter oder ein Böser ist.

Letztlich bietet „Hexensabbat“ nicht nur anderthalb Stunden solide Unterhaltung, sondern erteilt uns außerdem eine Lektion: Filmkritiken sind nicht in Stein gehauen. Andere Zeiten bedingen ein neues Meinungsumfeld, das eine Neuwertung erfordert. In diesem Fall fällt das Urteil zugunsten des einst Verurteilten aus.

DVD-Features

2009 wurde „Hexensabbat“ 2009 vom Index gestrichen und konnte deshalb auch in Deutschland veröffentlicht werden. Der Film musste allerdings neu geprüft werden, was mit Kosten verbunden ist: Die Zensur – es gibt sie hierzulande zwar nicht, aber sie wird durch andere Instrumente ersetzt – lässt sich ihre für das Volkswohl segensreiche Tätigkeit von denen, die sie kastriert, bezahlen.

Da sich das Publikumsinteresse an einem Film von 1977 in Grenzen hält, verzichtete man lange auf eine deutsche Veröffentlichung. „Hexensabbat“ erschien stattdessen in Österreich, wo der Film nie indiziert war und in Deutschland erworben werden kann. Erst Ende 2016 kam doch diese deutsche Veröffentlichung.

Bild und Ton können sich buchstäblich sehen bzw. hören lassen. Die Features sind dagegen bis auf eine Ausnahme der Rede nicht wert: Michael Winner spricht persönlich einen Audiokommentar! Der bietet zumindest dem englischsprachigen Filmfreund – eine Übersetzung oder Untertitel gibt es nicht – relevante Hintergrundinformationen, während zwei kurze, selbstablaufende Galerien (Aushangfotos und Szenenbilder), der Trailer oder dürftige Filmografien diverser Darsteller (Christopher Walken, Christina Raines, Burgess Meredith, John Carradine, Michael Winner, Chris Sarandon, Ava Gardner) kaum Mehrwert bieten. Hübsch: Regisseur Winner spricht eine kurze Einleitung, bevor der Film beginnt.

Copyright © 2014/2016 by Michael Drewniok, all rights reserved

Hexensabbat
Originaltitel: The Sentinel (USA 1977)
Regie: Michael Winner
Drehbuch: Jeffrey Konvitz u. Michael Winner (nach einem Roman von Jeffrey Konvitz)
Kamera: Richard C. Kratina
Schnitt: Bernard Gribble u. Terence Rawlings
Musik: Gil Mellé
Darsteller: Cristina Raines (Alison Parker), Chris Sarandon (Michael Lerman), Deborah Raffin (Jennifer), Ava Gardner (Miss Logan), Hank Garrett (James Brenner), Arthur Kennedy (Monsignor Franchino), Burgess Meredith (Charles Chazen), Eli Wallach (Detective Gatz), Christopher Walken (Detective Rizzo), Sylvia Miles (Gerda Engstrom), Beverly D’Angelo (Sandra), John Carradine (Father Halliran), José Ferrer (Kardinal), Jerry Orbach (Regisseur), Martin Balsam (Prof. Ruzinsky), Jeff Goldblum (Jack), Nana Visitor [als Nana Tucker], Tom Berenger (junges Paar) u. a.
Label: NSM Records
Vertrieb: Alive AG
Erscheinungsdatum: 25.11.2016
EAN: 9007150062811 (DVD)/9007150071080 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: DTS-HD Master Audio 2.0 Stereo (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Allisons Haus

The Lords of Salem

Witching & Bitching

Paranormal Activity – Die Gezeichneten