Hidden 2015
Nach dem Ausbruch einer tödlichen Seuche verstecken sich Vater, Mutter und Tochter in einen alten Schutzbunker. Während unterirdisch der Lagerkoller ausbricht, werden an der Oberfläche die Überlebenden der Krankheit auf das Versteck aufmerksam … – Kammerspiel-Horror der meist ruhigen aber atmosphärisch starken Art; die Auflösung kann überraschen, die Darsteller sind überzeugend: ‚kleiner‘ aber guter = unterhaltsamer Film.

Das geschieht:

301 Tage liegt der Untergang von Kingsville zurück. Die kleine Stadt in den USA wurde von einer Seuche heimgesucht, die ihre Opfer in tollwütige, überstarke Amokläufer verwandelte. Da kein Gegenmittel bekannt war, wurde Kingsville erst vom Militär abgeriegelt und die Stadt anschließend bombardiert: Zum Schutz der US-Bevölkerung sollten alle infizierten Bürger kurzerhand eliminiert werden.

Ray, Claire und ihre kleine Tochter Zoe kamen davon, weil die Mutter sich an einen alten Schutzraum aus der Zeit des Kalten Krieges erinnerte. Er liegt unter einer nun zerstörten Grundschule und ist mit Nahrungsvorräten, Medikamenten u. a. grundsätzlichen Notwendigkeiten ausgerüstet. Das ist lebenswichtig, denn an die Oberfläche trauen sich Eltern und Tochter nicht mehr: Dort gehen die „Atmer“ um, die ihre Anwesenheit durch glühende Augen und rasselnde Lungen verraten und die Überlebenden der Seuche jagen.

Doch gibt es überhaupt noch Überlebende, oder ist die ganze Welt inzwischen menschenleer? Abgeschnitten von allen Informationen hausen Ray, Claire und Zoe in ihrem Versteck und leiden immer stärker unter einem Lagerkoller. Vor allem Zoe begehrt auf; sie hat keine Freunde, hasst die ewige Dunkelheit und die karge Konservenkost, hat Albträume von den „Atmern“ und will raus aus dem Loch, das ihre ‚Heimat‘ darstellt.

Da allmählich die Vorräte zur Neige gehen, rückt der Aufbruch ohnehin näher, obwohl Ray sich sträubt: Er kennt die Allgegenwart der brutalen „Atmer“. Doch als eines Tages ein Feuer im Bunker ausbricht, zieht mit dem Rauch auch Asche an die Oberfläche: Die bisher gut getarnte Luke des Bunkers wird offenbart. Lange dauert es nicht, bis die „Atmer“ diese Spur entdecken. Sie kommen, sie suchen, und schließlich finden sie den Bunker. Nun bricht ein Kampf aus, der allerdings nicht so einseitig ist, wie zumindest wir Zuschauer bisher glaubten …

Schutz = Isolation = Falle

„Hidden“ gehört zu diesen Filmen, an denen sich die Geister scheiden. Die einen loben ein atmosphärisch starkes, auf die Darsteller konzentriertes Kammerspiel, während die anderen eine spannungs- und überraschungsarme Story monieren. Wie so oft liegen beide Parteien sowohl richtig als auch falsch: Die Wirkung dieses Film hängt sehr von der Haltung ab, mit der sich der Zuschauer ihm nähert. Was wie eine Binsenweisheit klingt, füllt sich bei näherer Betrachtung mit Sinn, wobei sich die Waagschale zugunsten derer neigt, die eine zwar gruselige i. S. von erschreckende Geschichte erleben aber die Filmfiguren nicht unbedingt im Sekundentakt von Monstern und Zombies attackiert sehen möchten.

Wobei ein wenig Geduld hilfreich sein könnte: Auch für die Freunde des handfesten Horrors gibt es Futter. Die Brüder Duffer, die „Hidden“ nicht nur inszeniert, sondern auch das Drehbuch geschrieben haben, drehen in der zweiten Filmhälfte energisch an der Tempo-Schraube. Die Entdeckung der Familie durch die „Atmer“ setzt eine Reihe bisher nur andeutender Rückblenden fort, die in der Zeit vor der Katastrophe spielen. Gleichzeitig verlässt die Handlung den Bunker und erlebt sogar eine Reihe durchaus aufwendiger Spezialeffekte.

Allerdings sorgt diese Flucht – so logisch sie vom Drehbuch vorbereitet wurde – für einen gewissen Bruch. Bisher stand das Rätsel im Vordergrund: Was ist geschehen? Was trieb Ray, Claire und Zoe in den Untergrund? Und natürlich: Wer sind die „Atmer“? Die sehen wir erst im letzten Drittel, und sie sorgen für eine Überraschung, die nach dem Willen der Duffer-Brüder die Handlung ‚springen‘ bzw. ‚kippen‘ lassen soll. Ob dies gelingt, muss der Zuschauer selbst entscheiden. Eine hart gesottene Fraktion derselben behauptet zumindest, die Auflösung quasi von Anfang an gekannt zu haben; eine Ansicht, der sich dieser Rezensent – durchaus ebenfalls (dumm-) filmerfahren – nicht bzw. nur teilweise anschließen kann: Der Twist ist nicht wirklich originell, aber er funktioniert.

Munkeln im Dunkeln

„Hidden“ ist ein kostengünstig produzierter (und in Kanada gedrehter) Film. Man registriert es, doch es stört nicht, weil der Löwenanteil des Geschehens in einem überschaubaren Schutzraum spielt. Dort sitzt die kleine Familie nicht nur sicher, sondern auch gefangen und in einer Isolation, die allmählich ihre Spuren hinterlässt. Die Fassade der Hoffnung, die sich die Eltern verordnet haben, bröckelt, denn die Lebensmittelvorräte schwinden, während man keine Ahnung hat, was an der Oberfläche vorgeht: Gibt es überhaupt noch andere Menschen, oder haben die „Atmer“ sie alle gepackt?

Über weite Strecken erleben wir das Geschehen aus der Sicht der jungen Zoe. Auch dies erregte den Zorn vieler Zuschauer: Die Kleine verhalte sich kindisch, plappere zu viel und reagiere in der Krise ängstlich – Argumente, die eine bemerkenswerte Scheuklappensicht offenbaren: Es bestehen keinerlei Zweifel an der Tatsache, dass Zoe ein Kind IST. Als solches verhält sie sich alters- und erfahrungskonform und sticht bemerkenswert positiv gegen die teflonglatten, altklugen, pseudo-coolen US-Retorten-Kids ab, die auch hierzulande auf TV-Sendern wie KiKA oder Nickelodeon ihr Unwesen treiben.

Tatsächlich ist Emily Alyn Lind (geb. 2002) eine gute Schauspielerin in ihrer Rolle. Trotz ihrer Jugend ist die Liste der Filme und TV-Episoden, in denen sie auftrat, wohl nicht grundlos länger als die manches Veteranen. Die Linds – Eltern und Kinder – sind eine Film- und Schauspielerfamilie; so sind auch Emilys jüngere Schwestern bereits vor der Kamera aktiv. Die Rolle der einsamen, ängstlichen Zoe, die zudem älter wird und genug hat von der selbstauflegten Isolationshaft, stellt eindeutig Ansprüche, die Emily Lind erfüllen kann.

Die Sache mit den „Atmern“

Es hat im Film eine lange Tradition, „das Monster“ zunächst bzw. so lange wie möglich im Schatten zu belassen: Was man nicht sehen kann, sondern erahnen muss, erschreckt sogar das Publikum in seiner Sicherheit vor Leinwand oder Bildschirm stärker als der ungefilterte Anblick. Außerdem hilft die Scheu zu verbergen, dass Monster künstlich hergestellt werden müssen. Je nach finanziell möglichem Aufwand kann Schrecken rasch in Heiterkeit umschlagen, wenn unter einer ohnehin dürftigen Maske der menschliche Träger allzu deutlich sichtbar wird. Digitale Sparsamkeit erregt dagegen eher Publikumszorn. Dem Terror-Anspruch des Monsters wird in beiden Fällen ein Ende gemacht.

Wer sich hinter den „Atmern“ verbirgt, muss an dieser Stelle unbedingt verschwiegen werden, um dem Film nicht seines größten Aha-Effekts zu berauben. Salbungsvoll sei nur angedeutet, dass der Mensch bekanntlich des Menschen Wolf, d. h. sein größter Feind ist, gegen den Vampire, Werwölfe, Zombies u. a. klassische Gruselgestalten nicht einmal ansatzweise ankommen.

Entweder die Folgen einer 300-tägigen Maulwurfs-Existenz oder simple Drehbuchlücken erklären diverse Verhaltensauffälligkeiten unserer Figuren. So geistert eine Ratte durch den Bunker, die sich zielgerichtet durch die Konservenbestände nagt. Statt dem lästigen Mitesser entschlossen nachzustellen, lässt man ihn machen, bis er eher zufällig die Aufmerksamkeit des Trios erregt. Die anschließende Jagd nach dem Nagetier gleicht eher einem Amoklauf, in dessen Verlauf der Bunker in Brand gesteckt wird.

Die Folgen allzu langer Einsamkeit

Auch keine Glanzleistung der Autoren: Da gibt es eine x-fach gesicherte, mit Ketten verstärkte Bunkerluke – und einen zweiten Einstieg, den nur ein paar morsche Bretter abdecken. Als die Ketten der Luke bei einer ersten „Atmer“-Attacke bersten, werden sie in der folgenden Kampfpause keineswegs notdürftig neu gespannt. Als es über der Erde wieder losgeht, versammelt sich die Familie unter besagter Luke, um ebenso angstvoll wie tatenlos nach oben zu starren.

Solche (und andere) Bockschüsse sollten nicht überbewertet werden. Nicht nur Emily Lind, sondern auch Alexander Skarsgård und Andrea Riseborough – die bereits 2012 in dem Film „Disconnect“ auftraten – leisten gute Schauspielerarbeit. Die Chemie zwischen den Figuren stimmt, obwohl diese keineswegs durchgängig ein Herz & eine Seele sind. Angesichts des Kammerspiel-Charakters wäre eine nicht harmonisierende Darstellergruppe fatal selbst für einen ‚besseren‘ Film als „Hidden“.

Die Duffer-Brüder konnten sich bei ihrem ersten Langfilm nicht nur vor der Kamera auf ihr Team verlassen. Kameramann Thomas Townend nutzt geschickt die Möglichkeiten, die ihm die unterirdische oder nächtliche Dunkelheit verschafft. Sie lässt Kulissenbeschränkungen verschwinden und sorgt dort für Überraschungen, wo klug gesetzte Lichter nicht immer illustrieren, sondern auch blenden und verwirren können. Der Score (David Julyan) ist nur dort aufdringlich, wo Schreckmomente durch eruptive sforzando-Effekte erzwungen werden sollen.

Auf diese Weise kommt „Hidden“ unterhaltsam über die Runden. Hin und wieder schleicht sich sogar Subtext ein, wenn elementare Emotionen und Verhaltensweisen, die nicht ausschließlich auf die „Atmer“-Krise beschränkt sind, durchgespielt werden. Da Realitätstreue weder die Stärke dieser Geschichte ist noch sein soll, setzt der Epilog – kein Happy End aber versöhnlich – das Tüpfelchen auf das „i“ von „Hidden“.

DVD-Features

„Hidden“ ist eine seltsame Veröffentlichung. Einerseits hat das Label dem Film keinerlei Extras spendiert. Noch merkwürdiger in heutiger Zeit: „Hidden“ scheint nur als DVD erschienen zu sein! Andererseits wurden echte Synchronsprecher engagiert, und die Bildqualität ist beachtlich. Mit dieser Kombination kann man als Zuschauer gut leben.

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Hidden – Die Angst holt dich ein

Originaltitel: Hidden (USA 2015)
Regie u. Drehbuch: The Duffer Brothers (Max u. Ross Duffer)
Kamera: Thomas Townend
Schnitt: Jeffrey M. Werner
Musik: David Julyan
Darsteller: Alexander Skarsgård (Ray), Andrea Riseborough (Claire), Emily Alyn Lind (Zoe), Heather Doerksen (Jillian Neary), William Ainscough (Joey Neary), Steven Elliot (Ted Neary) u. a.
Label/Vertrieb: Warner Home Video
Erscheinungsdatum: 05.11.2015
EAN: 5051890298935 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch für Hörgeschädigte, Dänisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Niederländisch, Schwedisch, Spanisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min.
FSK: 16

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