High Lane – Schau nicht nach unten!

Originaltitel: Vertige (Frankreich 2009)
Regie: Abel Ferry
Drehbuch: Johanne Bernard u. Louis-Paul Desanges
Kamera: Nicolas Massart
Schnitt: Soline Guyonneau
Musik: Jean-Pierre Taieb
Darsteller: Fanny Valette (Chloé), Johan Libéreau (Loïc), Raphaël Lenglet (Guillaume), Nicolas Giraud (Fred), Maud Wyler (Karine), Justin Blanckaert (Anton)
Label/Vertrieb: Koch Media Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 25.06.2010 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4020628956349 (Kauf-DVD) bzw. 4020628950965 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS-HD Master Audio 5.1 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min. (Blu-ray: 86 min.)
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)

Das geschieht:

Eigentlich sollte es eine abenteuerliche Gebirgswanderung für alte Schulfreunde werden, die drei junge Männer und zwei Frauen aus Frankreich ins sommerliche Kroatien führt. Doch der höhenängstliche Loïc ist nur wegen seiner neuen Freundin Chloé dabei, und Anführer Fred hat ‚vergessen‘, dass Chloé Guillaumes große Liebe war und ist, die er im Verlauf dieses Ausflugs für sich zurückgewinnen möchte.

Der anvisierte Bergpfad wurde geschlossen, was der leichtsinnige Fred wissentlich ignoriert. Die Strafe folgt rasch, als marode Fels-Sicherungen versagen und Karine nur um Haaresbreite den Einsturz einer Hängebrücke überlebt. Nun sind die fünf Wanderer im Gebirge gestrandet; den einzigen Rückweg ins sichere Tal bietet eine noch weit entfernte Seilrutsche.

Das Wetter verschlechtert sich, Nebel zieht auf, die Nacht bricht herein. Streit beginnt die Gruppe zu schwächen; vor allem dem ohnehin eifersüchtigen Loïc gehen die Nerven durch, nachdem er und Guillaume beinahe abgestürzt sind. Als Fred nach einem sicheren Pfad sucht, gerät er in eine Bärenfalle, deren Zähne sich tief in sein Bein graben. Die entsetzte Karine holt die Gefährten zur Hilfe, doch als sie die Unglücksstelle erreichen, ist Fred verschwunden.

Die Ausflügler sind in das Revier von Anton geraten. Als Kind von perversen Kroaten entführt, konnte er seine Peiniger später umbringen. Allerdings ist Anton verrückt geworden. Wer seinem Unterschlupf zu nahe kommt, sieht sich gemeinen Fallen und letztlich Anton persönlich ausgeliefert. Auch unsere Pechvögel enden in seiner mit Messern, Ketten und grausigen ‚Trophäen‘ gespickten Hütte. Nur wenn sie die Zivilisation abstreifen und sich auf Antons Niveau hinablassen, haben die Überlebenden eine – kleine – Überlebenschance. Als sie dies begreifen, beginnt ein erbarmungsloser Kampf unter modernen Höhlenmenschen …

„Wrong Turn“ à la française

Man lernt ja gern dazu: Hillbillys gibt es also nicht nur im Appalachen-Gebirge des US-Staates Alabama, sondern auch in Europa. Degenerierte, von der Jagd auf Waldtiere (und Menschen) lebende oder besser: vegetierende Hinterwäldler sind hier im ehemaligen Ostblock Südosteuropas zu orten. Schon 2006 sprach Regisseur Christopher Smith mit „Severance“ diese Barbarei an, die in einer von jahrzehntelanger kommunistischer Willkür und Bürgerkrieg geprägten und von der zivilisierten Welt abgeschnittenen Region blühen konnte aber totgeschwiegen wurde, sodass heute Touristen aus dem Westen ahnungslos in solche Pesthöllen der Inzucht, der Gewalt und des Kannibalismus‘ geraten können …

So jedenfalls lässt sich jenes Weltbild deuten, das nun auch Abel Ferry in seinem ersten Langfilm durch neue Details ergänzt. Der politisch korrekte Zeitgenosse wird den Missbrauch Kroatiens als Schauplatz eines europäischen „Backwood“-Horrorfilms verdammen, aber solches Engagement wäre zu viel des Guten: „High Lane“ wird der kroatischen Tourismus-Branche definitiv keine finanziellen Einbußen bescheren.

Dies verhindert schon der unfreiwillige Humor, der sich in einem bierernst gemeinten Drehbuch eingenistet hat. Ferry trägt selbst die Schuld daran, dass der Kritiker dessen ‚Sinn‘ hinterfragt; er weist immer wieder auf einen Kontext hin, der dem Geschehen Bedeutung verleihe. Den versucht man deshalb zu erkennen, was jedoch misslingt, denn „High Lane“ ist nichts als gut gefilmte Unterhaltung mit einem unterdurchschnittlichen Plot.

Von der großen Vision zur schnöden Realität

Dass „High Lane“ beim Zuschauer nicht sofort wieder in Vergessenheit gerät, verdankt dieser Film dem einzigen guten Einfall seines Regisseurs: Nicht nur Geldmangel, sondern auch der Wunsch nach authentischen Bildern veranlasste Ferry, seine Darsteller tatsächlich in lotrecht aufragende Felswände zu treiben. Die vor allem in der ersten Filmhälfte dominierenden Bilder winziger Menschen, die an fadendünnen Seilen über gähnenden Abgründen baumeln, sind nicht das Produkt perfekter Tricktechnik, sondern echt: Spezialeffekte kamen primär dort zum Einsatz, wo nachträglich lästige Häuser und andere Bauwerke zu tilgen waren, die den Eindruck öder Verlassenheit störten.

Als „Cliffhanger“-Remake kann „High Lane“ fesseln, denn die von einer Kamera, die den Schauspielern hautnah in die Felsen folgte, eingefangenen Bilder lassen sogar in der Sicherheit vor dem Bildschirm Höhenangst und Handschweiß ausbrechen. Da „High Lane“ mit dem Bildformat 2,35 : 1 prunkt, entfallen seitliche Grenzen, die eine sorgfältig vorbereitete Kulisse andeuten könnten: Die Kamera beweist stolz, dass vor Ort gedreht wurde.

Labile Gruppendynamik und gefährliche Umgebung: Mit diesen beiden Aspekten hätte sich Ferry begnügen sollen. Aber er wollte auf Nummer Sicher gehen. In der zweiten Filmhälfte nimmt „High Lane“ einen „Wrong Turn“ in Richtung Grob-Horror. Alte und ausgelaugte Klischees wie Dunkelheit mit Dunkelheit, Flucht im strömenden Regen, die vor Fäulnis und Verkommenheit starrende Mord-Hütte oder der grinsend das Messer wetzende Strolch kommen keinen Augenblick gegen den Schwindel an, den schroffe Berge und tiefe Schluchten erzeugen.

Alles in Hand- aber wenig Kopfarbeit

Wieder stellt sich Ferry selbst ein Bein. Er ist so betriebsblind geworden, dass er nicht den tumben Schlagetot Anton, sondern eine tragische Gestalt sieht, die aufgrund traumatischer Kindheitserlebnisse vertierte. Mit ein bisschen Verständnis oder Liebe, so deutet es der Regisseur zumindest im „Making Of“ an, bekäme Anton seine Probleme wieder in den Griff.

Nachdem er die Köpfe früherer Opfer in Antons Hüttenkeller baumeln sah, fällt es dem Zuschauer schwer, Ferry in diesem Punkt zu folgen. Dieser fabuliert weiter, ernennt Anton und die ihm im Finale entgegentretende Chloé zu „Spiegelbildern“, die sich im Kampf auf Leben & Tod in einem seelischen Niemandsland treffen, um anschließend wieder auseinanderzudriften.

Die erwähnte Gruppendynamik entspricht erneut sattsam bekannten Klischees und wird den Darstellern flüchtig aufgeprägt. Höhenangst ist das einzige Gefühl, das jederzeit glaubhaft vermittelt wird; wen wundert’s, wenn beispielsweise buchstäblich unter Maud Wylers Füßen eine ohnehin wenig vertrauenswürdige Brücke zum Einsturz gebracht wird, sodass die Schauspielerin nur noch an ihrer Sicherheitsleine über einer Schlucht baumelt?

Auch das Drehbuch fördert gerade in kritischen Momenten ein fragwürdiges Verhalten der Figuren. Wo steckt der Sinn in Freds Entscheidung, einen von der Bergwacht gesperrten Gebirgspfad zu durchsteigen? Warum wirft Loïc, der sich Anton unbemerkt nähern konnte, diesem nur einen Stein an den Kopf und läuft davon, statt ihm kräftig eines mit dem Knüppel überzuziehen? Wie blöd muss Chloé sein, den im Finalkampf verletzten aber definitiv nicht toten Anton einfach liegenzulassen? Glaubt sie wirklich, er werde sie nunmehr in Frieden lassen? Solche Unlogik zieht sich durch das gesamte Geschehen und sorgt für zusätzliches zuschauerliches Stirnrunzeln.

Nüchtern betrachtet endet „High Lane“ wie jeder Film-Horror dieser Qualitätsstufe: Die Überlebende rauft mit dem Monster, das ‚tot‘ liegenbleibt und in einer Finalcoda wieder hinter einem Busch hervorspringt. Wundern wir uns also nicht, wenn Anton irgendwann erneut sein Unwesen treibt – in den kroatischen Bergen und in der Videothek!

DVD-Features

Während „High Lane“ als Film nur durchschnittliche Unterhaltung bietet, verdienen die Features uneingeschränktes Lob. Sie sind nicht nur zahlreich, sondern auch informationsreich. So stellt das „Making Of“ keine plumpe Fortsetzung der Film-Werbung dar, sondern bietet tatsächlich echte Einblicke in den Alltag einer schwierigen Filmproduktion. Nur 35 Drehtage und wenig Geld standen dem ehrgeizigen Abel Ferry zur Verfügung, was angesichts des Konzeptes, das ausgedehnte Dreharbeiten in schwindelnden Höhen vorsah, mehr als gewagt war.

In der Tat entwickelte sich die Arbeit zu einem Abenteuer. Vor allem das Wetter wurde zum Problem: „High Lane“ spielt im Sommer, entstand aber im Oktober, was die dünn bekleideten Darsteller auf harte Proben stellte; die Kamera hält fest, als die zitternden, mit eiskaltem ‚Regenwasser‘ getränkten Schauspieler während eines schier unendlichen Nachtdrehs die Nerven verlieren und sich im Garderobenbus verbarrikadieren.

Durch Stress und Kälte ließ man sich vor und hinter der Kamera nicht dauerhaft aus der Ruhe bringen. Es entwickelte sich eine Mischung aus Teamgeist und Söldnermentalität. Die gesammelten Outtakes zeigen Darsteller, die auf tückischem Untergrund ins Stolpern geraten und in ernsten Szenen immer wieder von Lachanfällen geschüttelt werden. Dieses Dampfablassen kann man ihnen nachfühlen, wenn man sieht, wie der Regisseur seine Schauspieler im nächsten Moment über einen 200 Meter tiefen Abgrund hängt …

Abel Ferry macht nie einen Hehl aus den Sorgen eines mächtig unter Druck stehenden Jung-Regisseurs. Ob im „Making Of“ oder im Audiokommentar – er spricht über unerwartete Zwischenfälle, persönliche Krisen, meuternde Darsteller oder die Frustration, wenn Drehplan und Budget einen guten Einfall verhindern.

Zusätzliche Featurettes („Ein Killer werden“, „Die Wolfsfalle“, „Der Pfahl“) enthüllen diverse Spezialeffekte oder zeigen, wie privat eher friedfertige Darsteller so trainiert werden, dass sie vor der Kamera zu gnadenlosen Kampfmaschinen mutieren („Der Kampf ums Überleben“).

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)