Ein genialer aber skrupelarmer Wissenschaftler findet einen Weg, Menschen unsichtbar werden zu lassen. Er wählt sich selbst als Objekt, der Versuch gelingt, doch es gibt Nebenwirkungen, die den Pionier in einen Mörder verwandeln … – Der alte Traum vom folgenlosen Voyeurismus wird zeitgemäß, trickeffektstark und spannend in Szene gesetzt: Popcorn-Kino auf hohem handwerklichen Niveau und weiterhin sehenswert.

Das geschieht:

Dr. Sebastian Caine, ein arroganter aber genialer Wissenschaftler, forscht im Auftrag der US-Army. Tief unter der Erdoberfläche arbeiten er und sein Team in einem ultramodernen Großraumlabor an einem streng geheimen Projekt: Menschen sollen unsichtbar gemacht und wieder zum Vorschein gebracht werden! Ersteres funktioniert bereits gut und wurde an allerlei Getier ausprobiert. Letzteres ist noch mit gewissen Schwierigkeiten verbunden und führte bisher stets dazu, dass sich das unglückliche Versuchskaninchen (bzw. die -ratte, der -hund oder der -gorilla) in unappetitlichem Blut- und Gekröseschleim auflöste.

Plötzlich durchzuckt Dr. Caine der Blitz der Erkenntnis. Auf dem Monitor seines Notebooks schiebt er ein paar Moleküle hin und her, und siehe da: Das virtuelle Rematerialisierungsmodell signalisiert Stabilität und gutes Gelingen! Also trommelt Caine seine Mitstreiter zusammen und begibt sich schleunigst ins Labor. Das Experiment gelingt, der Jubel ist groß, doch Caine denkt weiter. Er hat nicht vor, sich ‚sein‘ Projekt vom Militär nehmen zu lassen. So verschweigt er den Durchbruch, um einen letzten Versuch durchzuführen: Ein Mensch soll verschwinden und wieder auftauchen – und das soll natürlich er selbst sein!

Es gelingt, und es folgen die üblichen Späße, die ein Unsichtbarer mit seinen Mitmenschen treiben kann. Die Rückverwandlung schlägt allerdings fehl. Caine bleibt unsichtbar, und allmählich erkennen seine Mitarbeiter, dass er wunderlich, dann jähzornig und schließlich größenwahnsinnig zu werden beginnt. Caine verlässt das Labor und genießt seine Macht, indem er unsichtbar eine junge Frau terrorisiert, auf die er schon lange ein Auge geworfen hat.

Caines wichtigste Mitarbeiter, seine Ex-Freundin Linda und ihr Kollege und neuer Lebensgefährte Matt ergreifen die Flucht nach vorn und informieren ihrem medizinischen Verbindungsmann zur Army. Der will das Projekt auffliegen lassen, doch Caine, der heimlich dem Gespräch gelauscht hat, sorgt dafür, dass sein Geheimnis geheimbleibt. Inzwischen endgültig dem Irrsinn verfallen, verwandelt er das Labor in eine riesige Falle und beginnt mit der Jagd auf seine ehemaligen Kollegen …

Stellvertretende Verdammnis für einen Film

„Hollow Man“ gehört nicht gerade zu den Lieblingen der Filmkritik. Es ist schon paradox: Zuvor wurde Regisseur Paul Verhoeven beinahe gebetsmühlenartig ein Hang zu exzessiver Gewalt und menschenverachtendem Zynismus vorgeworfen. Nun zügelt er sich, doch das ist seinen Widersachern auch nicht Recht. Halbherzig und allzu stromlinienförmig sei seine Mär vom größenwahnsinnigen Unsichtbaren ausgefallen, klagten und höhnten sie, und natürlich stieß die dankbare Presse ins selbe Horn.

Wäre das geschehen, hieße der Regisseur nicht Verhoeven? Das ist eine interessante Frage, auf die eine Antwort schwerfällt. Schaut man sich „Hollow Man“ ohne übersteigerte Erwartungshaltung an, erwartet das Publikum eine kleine und angenehme Überraschung – ein geradliniges, sorgfältig inszeniertes, anständig gespieltes und mit wunderbaren Special Effects ausgestattetes B-Movie: nicht mehr aber auch kein Jota weniger.

Der arme Paul Verhoeven musste für den Ruf als enfant terrible zahlen, den er sich in vielen Jahren aufgebaut hatte, sobald er diesen Pfad verließ. Auf sein Konto gehen moderne Genre-Klassiker wie „Robocop“, „Total Recall“ und „Starship Troopers“; Filmliebhaber und ältere Semester erinnern sich auch an seine niederländische Frühzeit und den heute so wohl nicht mehr zu drehenden „Türkische Früchte“ (1973).

„Teuer“ = „kindisch“: Hollywood geht auf Nummer Sicher

In Sachen Gewalt hat Verhoeven mit seinen Filmen zweifellos neue Bestmarken gesetzt. Darüber gerät – besonders für die nach Zensur und Verbot schreiende Kritikerfraktion – leicht in den Hintergrund, dass Verhoeven ein vorzüglicher Geschichtenerzähler ist, der die Gewalt zwar manchmal aus purer Lust an der Provokation und selbstzweckhaft beschwört, sie ansonsten aber streng in den Dienst der Handlung stellt.

Wie konnte er die Standards, die er selbst in Sachen Gewalt definiert hatte, noch übertreffen? Anno 2000 hatte ein „Robocop“ wohl kaum eine Chance, das Licht des Kinoprojektors zu erblicken. Provokation und unbekümmerter Anarchismus wurden Todesurteile für eine moderne Big Budget-Produktion. Auch „Hollow Man“ war ein sehr teurer Film, der sich amortisieren musste – koste es, was es wolle.

Über Bord gingen dabei Elemente, die sich ungünstig auf die Altersfreigabe auswirkten. Beispielsweise klagten deutsche Verleiher und Kinobesitzer laut darüber, dass „Hollow Man“ erst ab 16 nicht ab 12 oder gar 6 Jahren freigegeben wurde. Die Jugendlichen sind es bekanntlich, die nach Ansicht teuer bezahlter ‚Fachleute‘ das Gros der Kinobesucher stellen. Dass auch ältere Zuschauer ihren Spaß am Popcorn-Kino haben können, wenn es nicht halbherzig, sondern entschlossen in Szene gesetzt wird, scheint für diese Marketing-Strategen ohne Bedeutung zu sein.

Ein Fest für das Auge

Verhoeven hatte zudem noch ‚Bewährung‘: Sein teurer, kompromissloser „Starship Troopers“ war an der Kasse nicht so erfolgreich, wie er hätte sein müssen, um seinem Regisseur volle künstlerische Freiheit zu gewährleisten. Auch das „Showgirls“-Desaster von 1995 war bei jenen Produzenten, die zwar über keine Kreativität aber Geld verfügten, nicht in Vergessenheit geraten!

Unabhängig davon ist „Hollow Man“ ein Film, der weniger Mord und Totschlag, sondern Science Fiction, kirmeshafte Schauwerte und Spannung in den Vordergrund stellt. Wieso Verhoeven dies als Nachteil angekreidet wurde, ist rätselhaft. Mit „Hollow Man“ ist er keineswegs zimperlich geworden. Blut und Eingeweide spielen auch dieses Mal wieder ein gewichtige, aber eben nicht die Hauptrolle. Die einfach strukturierte, aber solide Geschichte und vor allem die wunderbaren Spezialeffekte, die voll in den Dienst der Handlung gestellt werden, sind dafür mehr als eine Entschädigung.

Laufmaschen im Story-Gewebe

Natürlich gibt es Schwachpunkte. Der Story scheint manchmal selbst das Unsichtbarkeits-Serum injiziert worden zu sein; sie weist gewaltige Löcher auf. Da ist vor allem die alte Streitfrage, wie denn jemand, dessen Körper samt Augäpfel unsichtbar geworden ist, überhaupt etwas sehen kann. Zwar gibt sich „Hollow Man“ erstaunlich ‚wissenschaftlich‘. Dennoch drückte sich Verhoeven lieber um eine Antwort. Sein Dr. Caine ist zunächst ein wenig lichtempfindlich, weil die Lider seine Augen nicht schützen, aber selbst dieses logische Feigenblatt fällt im weiteren Verlauf; da wird es oft ziemlich hell, aber das stört den Unsichtbaren nicht mehr.

Die große -Rematerialisierung wird an einem ausgewachsenen Gorillaweibchen versucht, das bereits seit längerer Zeit unsichtbar in seinem Käfig schmachtet. Wieso Dr. Caine nicht einen Hamster oder einen Hasen oder ein anderes, etwas harmloseres Lebewesen wählt, sondern einen monsterhaften Riesenaffen, der zudem unter Beweis gestellt hat, dass die Unsichtbarkeit gefährliche Fehlzündungen in den Hirnsynapsen hervorruft, entzieht sich nicht nur der Kenntnis dieses Rezensenten. Wahrscheinlich sieht es auf der Leinwand einfach eindrucksvoller aus, wenn ein unsichtbarer Gorilla heulend und kreischend seine Gestalt zurückgewinnt.

Weiter: Wer glaubt, dass sich Caine mit seiner dilettantischen Latexmaske unerkannt unter seine Mitmenschen mischen könnte? Und denkt er wirklich, er könne untertauchen, indem er sein Labor zerstört und seine Mitarbeiter (= Mitwisser) ausschaltet? Zu allem Überfluss ist es selbst für einen Unsichtbaren in der Welt von Heute ziemlich schwierig nicht aufzufallen. Wer das nicht glauben mag, stelle sich vor, was ein nackter Mensch – die Kleidung wird ja nicht unsichtbar – in einer modernen Großstadt ausrichten kann.

Diktat des Effekts

Der Plot selbst gibt ebenfalls zu berechtigter Kritik Anlass. Obwohl tüchtig modernisiert, folgt er dem ersten und wohl auch besten, weil zu diesem Zeitpunkt noch originellen Thriller um einen Unbekannten: James Whales‘ „The Invisible Man“ (1933; dt. „Der Unsichtbare“); ein Film, den H. G. Wells (1866-1946), der geistige Vater des „Unsichtbaren“, persönlich in Augenschein nehmen konnte. Siehe da: Wie eigentlich alle zeitgenössischen und späteren Kinobesucher beeindruckten auch ihn vor allem die verblüffenden Tricks.

Welche Alternativen gäbe es? Um es zu wiederholen: Die Möglichkeiten eines unsichtbaren Menschen sind eingeschränkt. Für kurze Zeit mag er Verwirrung und Unheil stiften, aber im Zeitalter der Infrarotbrille, der Lichtschranke und des Wärmesensors hat er auf lange Sicht keine Chance; in unseren Breiten wird ihn spätestens der Winter zur Strecke bringen; Verhoeven lässt Caine nicht ohne Grund erst wahnsinnig werden und dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit in seinem unterirdischen Labor sein Unwesen treiben! (Eine Alternative wäre die komödiantische Variante der Geschichte. Auch das ist versucht worden, u. a. 1993 von John Carpenters in „Jagd auf einen Unsichtbaren“, doch wieviel Unterhaltungswert kann ein Film bieten, in dem der unsägliche Chevy Chase die Hauptrolle spielt?)

Die Schauspieler haben es nicht leicht. Besonders Kevin Bacon musste sich tüchtig ins Zeug legen in diesem Film, in dem die Spezialeffekte die Hauptrolle spielen. Es spricht für sein Talent, dass es ihm, der die meiste Zeit nicht einmal ein Spiegelbild besitzt, gelingt, seiner Figur Konturen zu verleihen. Die übrigen Darsteller sind dagegen auswechselbar. Das schließt auch Elisabeth Shue, die weibliche Hauptrolle, ein. Sie muss zwar keineswegs das hilflose Weibchen spielen, kann aber dennoch keine besonderen Spuren hinterlassen. Traurig ist das Wiedersehen mit dem Veteranen William Devane (z. B. Alfred Hitchcocks „Familiengrab“ oder „Marathon Man“), der hier eine bessere Statistenrolle übernehmen musste.

Dadurch ändert sich nichts am Fazit: “Hollow Man” ist ein simpel gestrickter, handwerklich und darstellerisch solider, zwar wenig inspirierter aber durch überragende Schauwerten aufgewerteter Thriller, der zwei Stunden blendend zu unterhalten weiß. Der „Director’s Cut“ bietet – obwohl oder gerade weil unter Werbe-Getöse auf den Markt gebracht – keinen echten Mehrwert. Verhoeven legte keinen Wert auf das nachträglich (wieder) in den Film integrierte Material. Dies gilt vor allem für jene Szene, in der Caine unsichtbar eine schöne Nachbarin überfällt und vergewaltigt. Offensichtlich ist Paul Verhoeven nicht jener Gewalt-Freak, zu den ihn seine Gegner erheben wollen.

Features

Die Extras belegen durch Laufzeit und Vielfalt, dass diese DVD bereits vor einigen Jahren veröffentlicht wurde; heute werden Features oft durch als Interviews oder Making-ofs getarnte Werbung ‚ersetzt‘ oder fehlen gänzlich. „Hollow Man“ prunkt mit insgesamt einstündigem Zusatzmaterial, das ausgiebige und informative Blicke vor allem hinter die Kulissen der Spezialeffekt-Hexer ermöglicht.

Obwohl „Hollow Man“ nicht so viel Geld einspielte, wie es sich das Studio erhofft hatte, blieb genug im Topf, um 2006 eine Direct-to-Video-‚Fortsetzung‘ zu drehen. „Hollow Man 2“ präsentierte einen (zu seinem Glück) meist leinwandunsichtbaren Christian Slater in einer immerhin handwerklich soliden Schmalspur-Produktion, deren Drehbuch keinerlei Lob fand.

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Hollow Man – Unsichtbare Gefahr
Originaltitel: Hollow Man – Director’s Cut (USA 2000)
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Andrew W. Marlowe (sehr frei nach H. G. Wells)
Kamera: Jost Vacano
Schnitt: Mark Goldblatt, Ron Vignone (Director’s Cut)
Musik: Jerry Goldsmith
Darsteller: Kevin Bacon (Dr. Sebastian Caine), Elisabeth Shue (Linda), Josh Brolin (Dr. Matthew Kensington), Kim Dickens (Sarah Kennedy), Greg Grunberg (Carter Abbey), Joey Slotnick (Frank Chase), Mary Randle (Janice Walton), William Devane (Dr. Arthur Kramer), Rhona Mitra (schöne Frau) u. a.
Label/Vertrieb: Sony Pictures
Erscheinungsdatum: 05.04.2001 (DVD)/06.12.2007 (Blu-ray)
EAN: 4030521290853 (DVD)/4030521710399 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Italienisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Italienisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 114 min. (Blu-ray: 119 min.)
FSK: 16

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