Horsehead
Wach auf, wenn du kannst …

Originaltitel: Fièvre (Frankreich 2014)
Regie: Romain Basset
Drehbuch: Romain Basset u. Karim Chériguène
Kamera: Vincent Vieillard-Baron
Schnitt: Frédéric Pons
Musik: Benjamin Shielden
Darsteller: Lilly-Fleur Pointeaux (Jessica), Catriona MacColl (Catelyn), Murray Head (Jim), Gala Besson (Rose), Fu’ad Aït Aattou (Winston), Vernon Dobtcheff (George), Philippe Nahon (Priester), Joe Sheridan (Doktor), Emmanuel Bonami (Kreatur), Shane Woodward (Jessicas Freund)
Label: Donau Film
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 29.05.2015
EAN: 4260267330937 (DVD)/4260267330951 (Blu-ray)/4260267331026 (Media-Book/3-Disc Collector’s Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 96 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Nur ungern kehrt Jessica in ihr Elternhaus zurück: Stiefvater Jim ist freundlich aber schwach und steht unter dem Pantoffel ihrer Mutter. Catelyn hat die Tochter stets kühl behandelt und ihr nie verraten, wer ihr biologischer Vater ist, weshalb Jessica seit drei Jahren nicht mehr daheim war. Nun ist Großmutter Rose gestorben; im Alter war sie wunderlich und pflegebedürftig geworden, weshalb Catelyn sie zu sich geholt hatte. Doch in einem unbeobachteten Moment ist Rose aus einem Dachfenster gefallen – oder gesprungen, wie Catelyn irgendwann preisgibt.

Seit ihrer Kindheit leidet Jessica an schrecklichen Träumen, in denen eine seltsame Kreatur mit Pferdekopf sie verfolgt. In ihrer Not hat sich Jessica auf das Studium derartiger Schlafbilder spezialisiert. Von einem Fachmann bekam sie den Rat, ihre Träume zu ‚steuern‘, um ihnen auf den Grund zu gehen.

Die erlernten Methoden kommen Jessica gut zupass, denn sobald sie ihr altes Zimmer bezogen hat, suchen sie die Albträume mit nie gekannter Wucht heim. Ihre Vorbereitungen tragen Früchte, Jessica wird in ihren Träumen aktiv. Verfolgt von der Pferde-Kreatur aber beschützt von einem Wolf, irrt sie durch ein Labyrinth realitätsbezogener aber verzerrter Ereignisse. Immer wieder trifft sie bekannte Personen: Rose, ihre Mutter – und Winston, ihren nie gekannten Großvater, der ganz offensichtlich verantwortlich für Geschehnisse ist, über die Rose und vor allem Catelyn stets sorgfältig den Mantel des Schweigens hüllten.

Auch jetzt ist Catelyn nicht gewillt, ihr Schweigen zu brechen. Jessica muss deshalb ihre Traumreisen fortsetzen, denn sie will unbedingt das Familiengeheimnis lüften. Dabei gerät sie zunehmend in Gefahr: Ist sie wach, will die Mutter sie mit traumtötenden Medikamenten vollstopfen. Schläft sie, ist ihr die Kreatur immer härter auf den Fersen. Wie sich zeigt, sind im Schlaf erlittene Verletzungen durchaus real, was Jessica jedoch nicht abhält, zur Wahrheit durchzudringen …

Träume sind manchmal wirklich Schäume

Der Himmel bewahre uns vor nicht nur vor Albträumen, sondern auch vor Filmemachern, die es darauf absehen, die Abgründe der Hölle ‚künstlerisch‘ aufbrechen zu lassen! Bereits die simple, chronologische Darstellung von Ereignissen überfordert so manchen wackeren Drehbuchautor oder Regisseur. Wieviel größer ist das Risiko, sich mit kunstvoll chiffrierten Mysterien erst recht zu verheben? Natürlich hält dies entsprechend beflügelte Zeitgenossen keineswegs ab, sich dorthin zu wagen, wo die Höhenluft in Gipfelnähe zum „Arthouse-Kinos“ gefährlich dünn wird. Auch Romain Basset begab sich mutig auf eine Odyssee dorthin, wo über dem zahlenden Pöbel die strenge Filmkritik thront.

Eines muss vorab wieder einmal festgestellt werden: Für den dämlichen (und sichtlich urdeutschen) Titel „Horsehead“ ist Basset nicht verantwortlich. Im französischen Original heißt sein Film „Fieber“, was dem Inhalt wesentlich gerechter wird: Obwohl es die fiese Pferde-Kreatur sogar auf das Cover geschafft hat, ist sie für die Handlung vergleichsweise nebensächlich. Sie reiht sich in eine lange Kette gleichwertiger Symbolgestalten und bildhafter Verschlüsselungen ein, bietet aber einen Exotik-Faktor, der die monsteraffine Fraktion des Publikums locken könnte. Bis diese bemerkt hat, dass sie geleimt wird, ist das Geld hoffentlich schon in der Produzentenkasse!

Dabei ist die „Horsehead“-Grundidee klassisch und hat sich in unzähligen Geschichten bewährt. Der Traum als Spiegelwelt einer Realität, die mit irrealen Elementen durchsetzt und der Logik nicht verpflichtet ist, bietet ein ideales Spielfeld, der Unterhaltungswert wird durch den Grad der Verfremdung und den dabei an den Tag gelegten Einfallsreichtum bestimmt. Dennoch sind auch für die Traumwelt feste Regeln erforderlich, denen ihre Bewohner gehorchen müssen. Diese Regeln muss sich der Zuschauer zum Teil selbst erschließen, was das Vergnügen steigert. Schnell schlägt der Spaß freilich in Frustration um, wenn sich der Erzähler gar zu geheimnisvoll gibt oder sogar falschspielt. Niemand akzeptiert faule Tricks, wenn sich bereits der Sinn eines Geschehens kaum feststellen lässt.

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“

Dieses alte Sprichwort bewahrt nur dann seinen Sinn, wenn dem Bild tatsächlich eine Bedeutung innewohnt. Im Fall (oder in der Strafsache) „Horsehead“ ist das allzu oft fraglich bzw. eindeutig nicht der Fall, auch wenn die Drehbuchautoren Basset u. Karim Chériguène (im Interview) das Gegenteil behaupten. Vor allem Basset, der den Film auch inszeniert hat, reibt seinem Publikum regelrecht unter die Nase, dass seine Geschichte auf mehreren Bedeutungsebenen erzählt wird.

Das könnte spannend sein, wäre diese Geschichte nicht so simpel. Was Jessica und ihrer Familie zugestoßen ist bzw. von ihr vertuscht wurde, wird selbst dem schläfrig gewordenen Zuschauer recht früh offenbar. Es gibt auch keinen Twist, der diesen Verdacht originell ad absurdum führt. Wie Basset es ausgiebig andeutete, so löst sich das Rätsel auf: in heiße Luft. Das offene Ende mag der Autor/Regisseur als Tribut an Faunus, den römischen Gott der Rätsel, betrachten. Faktisch überzeugt er davon nur jene, die wirklich glauben, dass ihnen ein filmisches Kunststück präsentiert wurde – dies auch oder vielleicht gerade deshalb, weil sie zwar irritiert und gelangweilt sind, das aber voller Furcht, für Dummköpfe gehalten zu werden, nicht auszusprechen wagen.

Basset gehört zu jenen jungen Filmemachern, die von den Horror-Heroen der 1970er und 80er Jahre inspiriert werden. Vor allem die Italiener und hier das Genre „Giallo“ haben es ihm angetan. Dario Argento oder Lucio Fulci drehten gleichermaßen grelle wie kunsthandwerklich ansehnliche Thriller, die unter küchenpsychologischen Vorwänden viel Blut und nackte Haut boten. Die geradezu offensive Präsentation gleichermaßen spekulativer wie spektakulärer Effekte ließen zeitgenössischen Kritikern und Zensoren Schaum vor die Mäuler treten – ein Affront, der diese Filme ihrem meist jugendlichen Publikum noch näher brachten.

Heute sind viele dieser einst verteufelten (Mach-) Werke Horror-Schnee von gestern, über den man eher grinst als sich graust. Nichtsdestotrotz versuchen die Bassets dieser Filmwelt die „Giallo“-Vergangenheit wiederaufleben zu lassen. Nicht ohne Grund spielt Catriona MacColl in „Horsehead“ eine Hauptrolle: Sie gilt als Fulcis Muse und trat in ‚klassischen‘ Grusel-Heulern wie „Paura nella città dei morti viventi“ (1980; dt. wunderschön schräg als „Ein Zombie hing am Glockenseil“), „E tu vivrai nel terrore! L’aldilà“ (1981; dt. „Über dem Jenseits“) oder „Quella villa accanto al cimitero“ (1981; dt. „Das Haus an der Friedhofsmauer“) auf. Doch die Zeit dieser Filme ist abgelaufen; zumindest gilt dies dort, wo man sie nur kopiert – und das ungeschickt. (Nebenbei: Wo spielt diese Geschichte eigentlich? Die Protagonisten heißen „Jessica“, „Catelyn“ oder „Winston“, doch jedes Gesicht, jedes Haus, jedes Möbelstück schreit „Frankreich!“ – und wieso sollte „Horsehead“ nicht in Frankreich spielen? Weil dies die Vermarktung auf dem globalen Filmmarkt einschränkt?)

Zu viel am Äther geschnüffelt?

In dem scheinbar symbolträchtigen, tatsächlich wirren Geschehen mühen sich die Schauspieler redlich aber vergeblich. MacColl hat sich längst freigeschwommen und ihr darstellerisches Talent unter Beweis gestellt. Murray Heads Arbeitsliste liest sich ebenfalls eindrucksvoll. Auch die noch junge Lilly-Fleur Pointeaux ist keineswegs das typische Grusel-Mäuschen. Deshalb ist es schade, sie dabei beobachten zu müssen, wie sie entweder endlos mit ihrer Mutter zankt oder durch trashige Traum-Welten wankt, während ihr eine Schachbrett-Figur in Überlebensgröße ans Leder will.

In einem Feature wird viel mystischer Schaum um diese Pferde-Kreatur geschlagen. Sie wurde von einem berühmten Gemälde inspiriert („Nachtmahr“ von Johann Heinrich Füssli, 1741-1825; explizit zitiert wird die Version von 1802), das Basset schon in den ersten Minuten als Filmszene aufleben lässt. Allerdings gibt es einen bedeutenden Unterschied: Basset blendet ausgerechnet den Nachtmahr, der auf der Brust der gepeinigten Träumerin hockt, vollständig aus bzw. ersetzt ihn durch das fahle Pferd, das durch die Bettvorhänge lugt. Dabei existiert der Nachtmahr auch in Bassets Film – es ist Winston, der seine Enkelin in ihren Träumen heimsucht. Offenbar wollte Basset diese Katze nicht gar zu früh aus dem Sack lassen. Die Füssli-Allegorie läuft dadurch freilich ins Leere bzw. gerinnt zur selbstzweckhaften Spielerei.

Zu den eigenwillig gemeinten aber eher eigensinnig wirkenden Interpretationen und überstrapazierten Allegorien gesellt sich eine aufdringliche Kamera, die symbolträchtig förmlich an Hauptdarstellerin Pointeaux klebt, dabei kräftig schaukelt und auf diese Weise stylish veranschaulichen möchte, dass die fiebernde Jessica auf einem schwankendem psychischen Fundament balanciert. Zumindest das sie plagende Kopfweh teilt sich auf diese Weise hautnah dem Zuschauer mit, der beinahe froh ist, wenn das ‚verstörende‘, den Höhepunkt pseudokünstlerischer Verblasenheit stürmende Finale nach einer Schwarzblende in die Schlusstitel übergeht: Es ist geschafft – und wir haben das Prachtexemplar eines (nicht mehr ganz) neuen Genres – der „Artsploitation“ – kennengelernt! (Das ist – leider – keine Wortschöpfung dieses Rezensenten, sondern der Name eines Labels – und dieser Website -, die sich auf Filme des „Horsehead“-Kalibers spezialisiert hat.)

DVD-Features

Die Extras zur deutschen DVD sind nicht nur inhaltlich, sondern auch insgesamt kümmerlich. Einen gewissen Informationsgehalt weist höchstens die Featurette „Der Pferdekopf“ auf. Hier wird erläutert, was wir in der Pferde-Kreatur sehen sollen. Ansonsten gibt es nur den deutschen und den Original-Trailer sowie einen Teaser zu sehen.

Das verheißungsvolle, aber vom Regisseur weder beabsichtigte noch gerechtfertigte „FSK-18“ Siegel bekam „Horsehead“ übrigens wegen einiger (genau zu diesem Zweck aufgespielten) Werbetrailer für andere Filme des Labels.

Kurzinfo für Ungeduldige: In ihren Träumen gerät Jessica auf die Spur eines düsteren Familiengeheimnisses, doch je näher sie der Lösung kommt, desto heftiger ist man ihr sowohl im Wachzustand als auch im Schlaf auf den Fersen, um sie zu stoppen … – Inhaltlich wie formal krudes, tiefsinnig verblasenes, grässlich langweilendes, weil niemals geheimnisvolles Mystery-Machwerk, das keine Funken sprühen, sondern nur Ascheflocken wehen lässt, bis auch der Zuschauer sich im Schlaf wiegt.

[md]

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