How to Catch a MonsterEin (allzu) enthusiastischer Filmemacher gerät an einen Mann, der nicht nur die Existenz echter ‚Monster‘ behauptet, sondern auch deren Schlupfwinkel kennt; dortige Nachforschungen erregen den Zorn der Kreaturen, die sich nachdrücklich gegen die Störenfriede wenden … – Pseudo-Doku im Found-Footage-Stil, die ungeachtet der liebevollen Machart weder originell noch spannend ist: ein (Tunnel-) Rohrkrepierer.

Das geschieht:

Adam Green und Will Barratt leiten das von ihnen in Südkalifornien gegründete Filmstudio ArleScope Pictures. Vor allem Green, der diverse recht erfolgreiche Horrorfilme geschrieben und inszeniert hat, ist ein heimlicher Anhänger jenes Glaubens, nach dem Fabelwesen bzw. „Monster“ tatsächlich existieren. Während sein Kollege und Freund Will eher skeptisch ist und bleibt, reagiert Adam deshalb begeistert, als ihm ein ehemaliger Polizist umfangreiches Material zukommen lässt, das auf eine tief unter der Erde verborgene ‚Stadt‘ hindeutet, in der sich „Monster“ aller Art eine Heimat geschaffen haben.

William Dekker ist den Wesen seit vielen Jahren auf der Spur. Er hat zahllose Hinweise auf ihr unterirdisches Reich gesammelt, das er „The Marrow“ nennt. Dorthin flüchten angeblich Menschen, die aufgrund genetischer Defekte grotesk entstellt sind und die Aufmerksamkeit der ‚Normalen‘ scheuen. Allerdings haben sie den Kontakt zur Außenwelt nicht vollständig abgebrochen. Über gut getarnte Gänge können sie „The Marrow“ verlassen, wobei sie vor allem die tarnende Nacht nutzen.

Dekker hat eines dieser Schlupflöcher entdeckt. Da er seine ‚Forschungen‘ endlich für die bisher skeptische Öffentlichkeit dokumentiert wissen will, hat er sich an Adam Green gewandt. Von Will Barratt eher unwillig begleitet und von den übrigen Mitarbeitern des Studios spöttisch beobachtet, lässt sich Adam von Dekker umgarnen. Eine erste Nachtwache im Monster-Wald bleibt erfolglos, doch wenig später gelingt zufällig die Aufnahme einer in der Tat fremdartigen Kreatur.

Adam hat Blut geleckt. Nicht einmal die Entdeckung, dass Dekker ihn belogen hat und ausnutzen will, kann ihn ernsthaft abschrecken. Stattdessen geht er in die Offensive, lässt Dekker außen vor und beginnt den „Monstern“ wesentlich aggressiver auf die Leiber zu rücken. Der ‚Erfolg‘ lässt nicht lange auf sich warten: Die Bewohner von „The Marrow“ leiten Maßnahmen ein, den Störenfrieden ein für alle Mal das Handwerk zu legen …

Angst & Faszination: Emotionen im Widerspruch

Der Mensch liebt Monster: Dies gilt zumindest für die Bewohner der Gegenwart, die „Monster“ deutlich anders definieren als ihre Ahnen. Diese lebten bis hoch ins 19. Jahrhundert in einer Welt, die von ‚echten‘ Monstern bewohnt war. Ohne elementares naturwissenschaftliches Wissen und geprägt von einer geistigen Grundhaltung, die eine Existenz von Hexen, Vampiren, Geistern und eben Monstern ausdrücklich bejahte, blieb es der Aufklärung vorbehalten, allmählich mit diesem Irrglauben aufzuräumen.

Die Angst verwandelte sich paradoxerweise in eine Sehnsucht, als den Monstern endgültig der Garaus gemacht war: Allzu rational war der Alltag geworden. Zumindest in den Nischen der Realwelt bzw. dort, wo sie ihnen keinen Schaden zufügen konnten, hätten die Menschen gern das eine oder andere Fabelwesen oder Monster gesehen. Dies geschieht in den Fluten des Loch Ness, auf den Gipfeln des Himalayas („Yeti“), in den Wäldern Kanadas („Bigfoot“) und an 1001 anderen unwirtlichen Orten unseres Planeten.

Privatfernsehen und Internet sorgten für eine neue Blüte. Zuvor waren selbsternannte ‚Forscher‘ auf klassische Vertriebswege für ihre ‚sensationellen‘ Erkenntnisse angewiesen. Vernunft, Skepsis u. a. Filter hatten entsprechende ‚Erkenntnisse‘ in die Grauzone selbst gegründeter Verlage getrieben. Doch die moderne Medienwelt bot sowohl ernsthaft von ihren Monstertheorien überzeugten Zeitgenossen als auch den unvermeidlichen Spökenkiekern & Spinnern eine Bühne, vor der ein oft allzu aufmerksames Publikum hockt.

Primär das Internet wurde zum Tummelplatz für ‚Spezialisten‘, denen man keineswegs immer persönlich begegnen möchte. Auf der Jagd nach Quoten schließen private TV-Sender Bündnisse mit solchen ‚Fachleuten‘, die nicht selten auf ein kopfstarkes Publikum = Jünger zählen dürfen. Sie eint ein Misstrauen, das sich gegen die etablierte Wissenschaft richtet, deren Vertreter auf eindeutige Beweise pochen, statt mit verwackelten, unscharfen, falsch belichteten Fotos, mit Gips ausgegossenen Fußspuren oder den todernsten Schwüren tatsächlichen Begegnungen vorliebzunehmen.

„Jedem Narren gefällt seine Kappe“

Dieses Sprichwort passt gut zu der von Adam Green erzählten Geschichte. „Digging Up the Marrow“ – was sich als „den Dingen auf den Grund gehen“ übersetzen lässt – ist ein Projekt, das fünf Jahre bis zur vollendeten Umsetzung benötigte. Anders als sein Alter Ego achtete der ‚echte‘ Adam Green darauf, sich nicht von seiner Idee vereinnahmen zu lassen. Das tatsächlich (seit 1998) existierende Filmstudio ArleScope Pictures litt jedenfalls nicht, während „How to Catch a Monster“ – so der dämliche ‚deutsche‘ Titel – allmählich Gestalt annahm.

Der Film ist gleichermaßen liebevolle Hommage und grobe Selbstvermarktung. Green plante ihn als „Mockumentary“, also als Pseudo-Dokumentation, die inhaltlich wie formal jenen Beiträgen gleicht, die beispielsweise der „National Geographic Channel“ sich schamlos ‚wissenschaftlich‘ nennt. Dass er die Geschichte in der eigenen Firma und im (scheinbar) privaten Leben verankert, sollt ihre scheinbare Glaubwürdigkeit unterstreichen. Um zumindest die Spinner darauf hinzuweisen, dass hier kein wahres Garn gesponnen wird, besetzte Green die Rolle des Monsterjägers Dekker mit Ray Wise, einem Schauspieler, der so bekannt ist, dass der fiktive Charakter dieser Geschichte (hoffentlich) sofort deutlich wird.

Ansonsten übernahmen Green und einige Arbeitskollegen die übrigen Rollen. Hinzu kam in einer kleinen Rolle Gattin Rileah Vanderbilt (von der Green noch während der Dreharbeiten geschieden wurde). Die offensichtliche Unfähigkeit ‚überzeugenden‘ Mimens förderte den ‚dokumentarischen‘ Charakter, da sich der medienungeschulte Mensch vor der Kamera steif und gezwungen benimmt. Green steigert die Überzeugungskraft des Geschehens, indem er Regisseure wie Tom Holland, Mick Garris und Don Coscarelli, Darsteller wie Tony Todd und Kane Hodder oder den „Troma“-Trash-Produzenten Lloyd Kaufman vor die Kamera treten und über Monster referieren läddz. Zusätzlich ist der Film gespickt mit „Ostereiern“ – visuellen Gags und Einschüben -, die der Zuschauer erst bei einer zweiten oder gar dritten Sichtung bemerkt.

Monster im Loch

Während das Beiwerk stimmt, kann der Plot leider keine Begeisterung erzeugen. Allzu eng bleibt Green dem Doku-Stil verhaftet. Die meiste Film-Zeit vergeht darüber, dass wir Green mit Kollegen über die Glaubwürdigkeit der vorgelegten Filmschnipsel streiten oder mit dem zögerlichen Dekker diskutieren sehen, der ‚seine‘ Monster nicht in Unruhe versetzen will und Filmarbeiten am Tunnel in die geheime Stadt verbietet. Rollenkonform stellt Ray Wise einen gleichermaßen publicitysüchtigen wie verschroben auf Geheimhaltung erpichten Sonderling dar, der nicht begreifen kann oder will, dass sich eine Filmdokumentation keineswegs mit seinen mickrigen ‚Beweisen‘ zufriedengeben kann und wird. Ein Veteran wie Ray Wise meistert die Rolle des ebenso verstörten wie undurchsichtigen Dekker selbstverständlich meisterhaft. Glücklicherweise spielt ihm Green als Drehbuchautor entsprechende Bälle zu.

Natürlich läuft es darauf hinaus, dass Adam und Will den lästigen Mahner irgendwann außen vorlassen und sich selbst am Loch zu schaffen machen. Erst jetzt kommt der Horror zum Tragen, der dem Thema bisher nur theoretisch innewohnte. Für „Digging Up the Marrow“ arbeitete Green mit dem Künstler Alex Pardee zusammen, der die Idee einer unterirdischen Monster-Stadt entwickelt und zeichnerisch umgesetzt hatte. Pardee versuchte dabei, seine ‚Monster‘ gleichermaßen erschreckend wie mitleiderregend zu gestalten; es sind keine bösartigen Wesen, sondern Außenseiter, die sich in die ‚normale‘ Welt nicht integrieren möchten oder können. Sie schaffen sich eine eigene Heimat, in der sie unter sich und ungestört bleiben.

Das gelingt ihnen im Rahmen dieses Films viel zu gut. Selbst wenn unsere Helden in Loch-Nähe hocken, geschieht das, was angeblich geschieht, in tiefer Dunkelheit. Das mag der Realität entsprechen, ist auf die Dauer jedoch langweilig, zumal allzu lange keine anderen Ereignisse für Spannungsausgleich sorgen. Als sich die Bewohner von „The Marrow“ endlich offenbaren, geschieht dies im Rahmen allseits bekannter Handlungskonsequenzen. In den raren Momenten, in denen die eine oder andere Kreatur deutlicher sichtbar wird, ist man beinahe froh darüber: Green ist angeblich ein Anhänger ‚klassischer‘ Spezialeffekte; so ließ er sein bisher erfolgreichstes Schreckgespenst, den Sumpf-Killer Victor Crowley („Hatchet“ I-III) möglichst CGI-frei meucheln und zerstückeln. In „Digging Up the Marrow“ sollten die Monster ebenfalls ‚echt‘ und lebensgroß sein. Aufgrund des minimalen Budgets wirken sie stattdessen billig.

Die Liebe zum Schrecken

Einige Rätsel finden keine Auflösung, weshalb im Publikum Unzufriedenheit aufkommt. Besser gelang die Antwort auf die Frage, wieso Adam seine Monsterjagd schließlich aufgibt: Man hat ihm eine Warnung zukommen lassen, die nur ein Idiot ignorieren würde.

Die im Rahmen von „Digging Up the Marrow“ gemachten Erfahrungen in Sachen unterhaltsamer ‚Dokumentation‘ kamen Green spätestens zugute, als er 2015 „Adam Green’s Scary Sleepover“ aus der Taufe hob: Ein (Als-ob-) Prominenter wird ins ArleScope-Studio eingeladen, wo Gastgeber Green im Rahmen einer Pyjama-Party versucht, die geheimsten Ängste seines Gegenübers zu enthüllen. Da die Welt ist, wie sie ist, ging dieses bahnbrechende Projekt bereits in die zweite Staffel …

Dagegen ist die Hoffnung nicht vergebens, dass eine Fortsetzung der „Marrow“-Mär ausbleiben wird. Offensichtlich hat das Zielpublikum die subjektive Wackel-Kamera ebenso satt wie den Pseudo-Dokumentarstil. Der Erfolg von „How to Catch a Monster“ hielt sich jedenfalls in engen Grenzen. Kritiker und Zuschauer waren sich in diesem Punkt einig, und da es in den Kassen außerdem eher klimperte als klirrte, dürften die Monster von „The Marrow“ zukünftig die erwünschte Ungestörtheit genießen.

DVD-Features

Obwohl „Digging Up the Marrow“ trotz der vermeintlichen Spontan-Bilder auf einem Drehbuch basiert und deshalb nicht improvisiert wurde, spielte Adam Green während der mehrjährigen Entstehungszeit mit dem Stoff. Diverse Szenen entstanden, die nicht in den endlich fertiggestellten Film geschnitten wurden. Fünf davon sind in einem halbstündigen Feature gesammelt.

Interessant ist aufgrund der Entstehungsgeschichte dieses Films das „Making of“ „Monsters of the Marrows“, das ebenfalls eine halbe Stunde läuft. Die Erläuterungen der Beteiligten spiegeln die Intentionen, die sie mit ihrem Werk verbanden, tragischerweise deutlicher wider als das Ergebnis.

Abgerundet werden die Extras mit dem obligatorischen (englischen und deutschen) Trailer.

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Originaltitel: Digging Up the Marrow (USA 2015)
Regie u. Drehbuch: Adam Green
Kamera: Will Barratt
Schnitt: Josh Ethier
Musik: Bear McCreary
Darsteller: Ray Wise (William Dekker), Adam Green, Will Barratt, Rileah Vanderbilt, Josh Etier, Sarah Elbert, Kane Hodder, Alex Pardee (sie selbst), Tom Holland, Mick Garris, Don Coscarelli, Lloyd Kaufman, Tony Todd (sie selbst; Interviewpartner) u. a.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 11.02.2016
EAN: 4041658150842 (DVD)/ 4041658180849 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 (Extras)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 88 min.)
FSK: 16

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