Infestation
Nur ein toter Käfer ist ein guter Käfer

Originaltitel: Infestation (USA 2009)
Regie u. Drehbuch: Kyle Rankin
Kamera: Thomas E. Ackerman
Schnitt: David Finfer
Musik: Steven Gutheinz
Darsteller: Christopher Marquette (Cooper), Brooke Nevin (Sara), Kinsey Packard (Cindy), E. Quincy Sloan (Hugo), Wesley Thompson (Albert), Ray Wise (Ethan), Linda Park (Leechee), Deborah Geffner (Maureen), Jim Cody Williams (Jed), Bru Muller (Roger), Ismael Carlo (Mann aus Puerto Rico), Diane Gaeta (Proll-Mädchen) u. a.
Label: Capelight Pictures
Vertrieb: Alive AG
Erscheinungsdatum: 19.11.2010 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4042564126907 (Kauf-DVD) bzw. 4042564126914 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)
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Das geschieht:

Riesige Käfer überfallen eine US-Provinzstadt. Die Bürger werden per Ultraschall gelähmt, dann in Kokons eingesponnen und schließlich in das Käfernest geschleppt, wo sich die Königin an ihnen gütlich tut.

Auch Call-Center-Knecht Cooper fällt den Insekten während seiner Kündigung zum Opfer. Er erwacht vor dem Abtransport, bricht aus seinem Kokon und befreit diverse ehemalige Arbeitskollegen. Ratlos sieht man dem käferlichen Treiben auf den ansonsten menschenleeren Straßen zu, bis ein Entschluss gefasst ist: Man wird an den (blinden aber scharfohrigen) Raubtieren zu Fuß vorbei bis zu Coopers Elternhaus schleichen, wo sein Vater, ein autoritärer Ex-Offizier, nicht nur Waffen hortet, sondern auch einen Bunker gebaut hat.

Die Expedition steht unter keinem guten Stern. Dummheit und Streitsucht beschwören mehrfach brenzlige Zwischenfälle herauf. Vor allem die tumbe Wetterfee Cindy verliert die Nerven, nachdem sie entdecken musste, dass sich ihr Bruder in eine sechsbeinige Mischung aus Mensch und Käfer verwandelt hat und sie umbringen will: Durch einen Stich in den Rücken verwandeln die Invasoren ausgewählte Opfer in willenlose Arbeitssklaven.

Natürlich sorgt diese Entdeckung für weiteres Misstrauen: Wer wurde gestochen, verschweigt dies den Gefährten und wird sich von einem Moment zum nächsten in einen mordlüsternen Hybriden verwandeln? Und Cooper verliert die schöne Sara, in die er sich gerade verliebt hat. Sie wird ins Käfernest davongetragen.

Energisch wie bisher nie in seinem Leben macht sich Cooper an die Verfolgung. Mit ihm ziehen sein unwilliger Vater und der geistig behinderte Riese Hugo dorthin, wo die Königin gierig und gut bewacht auf weiteres Futter wartet …

Ein Film ist ein Film ist ein Film …

Ob es eine gute Idee war, den zugegeben strapazierten Titel „Invasion“ gegen den eher medizinischen Begriff „Infestation“ auszutauschen? Die Produzenten blieben in der Namenswahl fest, gingen aber trotzdem auf Nummer Sicher. Während man sich in den USA das immerhin witzige „Prepare for Global Swarming“ (statt „Global Warming“ = globale Erwärmung) als Neugier weckenden Untertitel ausdachte, kommt hierzulande einmal mehr der Zaunpfahl zum Einsatz: „Nur ein toter Käfer ist ein guter Käfer“. Nun ja, das deutsche Cover zeigt ja auch Hauptdarstellerin Brooke Nevin in einem knappen und bauchfreien Top, das sie im Film niemals trägt …

Damit kann der Zuschauer leben, denn endlich wird ihm wieder einmal ein Film präsentiert, bei dem vor und hinter der Kamera trotz gar nicht günstiger Startbedingungen mehr richtig als falsch gemacht wurde. Dazu gehört vor allem die Entscheidung, eine ohnehin krude Story niemals ernst zu nehmen, ohne dies mit der Lizenz zur Verdummung des Publikums gleichzusetzen. „Infestation“ ist deshalb eine Horror-Komödie, die größtenteils funktioniert, auch schwarzen Humor nicht ausklammert und – die Wunder hören gar nicht mehr auf – trotz des geringen Produktionsbudgets handwerklich Überdurchschnittliches bietet.

Nur in wenigen (aber dadurch umso länger und langweiliger wirkenden Szenen) schwächelt Regisseur und Drehbuchautor Kyle Rankin, weil er glaubt, seinen Film durch ‚emotionale Tiefe‘ aufwerten zu müssen. Dabei verfällt er dem Klischee, mit dem er so einfallsreich spielt, wenn er sich auf Situationen und Figuren des Horrorfilms beschränkt.

Einfach ist gut, wenn man konsequent bleibt

Rankin hat begriffen, dass eine gute Geschichte keineswegs kompliziert sein muss. Ein spannender Auftakt, eine gefahrenreicher Marsch von Punkt A bis B, ein spektakuläres Finale: Damit ist der Ablauf beschrieben. Wie Perlen auf eine Schnur reiht Rankin in rasanter Folge Ereignisse auf, die seinen Figuren gruselige Überraschungen und seinem Publikum großen Spaß bereiten. Originell wird er selten, aber Rankin beherrscht die Kunst der unterhaltsamen Variation. Vor allem verrät er das Genre nicht, sondern liefert, was ein Monster-Movie liefern muss: Zwar ist „Infestation“ kein Splatter, doch die Kamera bleibt dran, wenn Käfer und Käfer-Mutanten ihre Opfer mit scharfen Zangen bearbeiten.

Souverän ignoriert Rankin die Flut logischer Fragen, die sein Werk aufwirft, weil Logik nicht Element seines Konzeptes ist: Woher kommen die Käfer? Wie konnte es ihnen gelingen, schlagartig offenbar die ganze Welt zu unterjochen? (Dieser Punkt begründet einen ebenso simplen wie gelungenen Schlussgag, der einerseits deutlich macht, dass die Käfer zwar eine Schlacht aber keineswegs den Krieg verloren haben, während er andererseits eine Fortsetzung andeutet.) Was sind dies überhaupt für ‚Käfer‘, die im Flug wie Moskitos aussehen, ihre Opfer wie Spinnen in Kokons hüllen und wie Ameisen oder Wespen in einem Nest hausen? Wieso sind sie blind, und warum sollte sie dies daran hindern, flüchtende Menschen zu orten? Wenn sie wie Fledermäuse über biologisches Radar verfügen, können sie diese sogar noch besser aufspüren. Wie kann die Käfer-Königin ihre Gegner durch Ultraschall-Gebrüll ausschalten, ohne dabei ihre hellhörigen Untertanen tot umfallen oder vom Himmel stürzen zu lassen?

Die Schrecken des Mittelteils

Einen Fehler konnte Rankin nicht vermeiden, obwohl er sowohl als Autor als auch als Regisseur bereits seit den 1990er Jahren aktiv ist: Er hatte zwar eine gute Idee, und er wusste, wie seine Geschichte ausgehen sollte. Der Zwischenteil bereitete ihm dagegen Schwierigkeiten. Rankin wollte nicht Kampf auf Kampf folgen lassen, sondern auch ‚ruhige‘ Momente schaffen, in denen seine Figuren und die Zuschauer verschnaufen können. Nur: Welche Handlungsalternative bietet man dem Publikum an? Schon angedeutet wurde Rankins Flucht ins Klischee: Cooper ist ein ‚slacker‘, der sich richtungslos durchs Leben treiben lässt; er spricht nicht mit seinem übermächtigen Vater, der ihn für ein Weichei hält. Hausmeister Albert gibt das väterliche Gegenmodell. Die blonde Cindy zeigt ein (nicht wirklich nachvollziehbares) Interesse an Cooper und zieht in einer gänzlich erotikfreien Nachtszene busenblank. (Was dabei zum Vorschein kommt, wirkt nicht grundlos künstlicher und wesentlich gruseliger als jeder Riesenkäfer.) Cooper und Sara necken sich ermüdend lang, obwohl sie doch von Anfang an als Liebespaar felsenfest stehen.

Bla-bla und Gefühlsduselei aus der Retorte schwächen eine Komödien-Struktur, die ohnehin primär auf Bild-Gags basiert. Wenn die Darsteller in ihren Rollen miteinander blödeln, wird es oft zäh. Geistreich klingt anders, während es immer komisch ist, wenn einer Figur plötzlich sechs Beine aus dem Körper platzen und ordentlich Schleim durch die Luft fliegt. (Achtung: Ironie!) Nur der charismatische Ray Wise verfügt über genug Talent und Erfahrung, solche Fadenscheinigkeiten buchstäblich zu überspielen. Seine jüngeren Kollegen können ihm in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen.

Charaktere oder nur Käferfutter?

Die Darsteller sind in ihrer Mehrzahl jung und vom Starruhm gänzlich unbeleckt. Sie drehen viel für das Fernsehen und sind deshalb gewöhnt, schnell und präzise zu arbeiten. Außerdem waren sie bereit, die heimischen USA zu verlassen, um ins exotisch-unheimliche Bulgarien zu reisen: Dort entstand „Infestation“; die erstaunlich authentisch wirkenden Kulissen sind Produkte fabelhafter Handwerker.

Für erinnerungswürdiges Schauspiel lassen Rankins Rollenvorgaben keinen Raum. Zum Klischee kommt die Übertreibung, wenn Coopers Nonkonformismus sich beispielsweise darin manifestieren muss, dass er zum Anzug weiße Turnschuhe trägt. Taffe Heldin, selbstverständlich hübsch (Brooke Nevin), großmäuliger aber liebenswerter und durchaus tapferer Held (Christopher Marquette), dazu diverse mehr oder weniger profiliert gezeichnete (und als Kanonen- bzw. Insektenfutter vorgesehene) Nebenfiguren inklusive der dummen Blondine (Kinsey Packard): Nein, hier bleibt „Infestation“ unter seinen Möglichkeiten. Dies beweist wiederum Ray Wise als energischer Ethan, der quasi im Alleingang die Handlung im letzten Drittel in Gang bringt und schauspielerisch beherrscht.

(Riesen-) Maikäfer, flieg …

Die handwerkliche Qualität – bzw. das Fehler derselben – verrät oft die „Independence“-Filmproduktion, die eben nicht nur frei von den Vorgaben ängstlich profitorientierter Großstudios, sondern auch finanziell unterversorgt ist. Vor allem die Spezialeffekte sorgen hier für unwillkommene Offenbarungen. „Infestation“ schlägt sich wacker. Zwar gab das Budget nicht die hübsch-hässlichen Scheusale aus Mainstream-Blockbustern der „Harry-Potter“-Liga her, doch klug wählte Rankin sich Insekten als Ungetüme: Die lassen sich aufgrund ihres glatten Chitin-Panzers auch digital recht kostengünstig erzeugen und wirken dennoch überzeugend.

Längst nicht veraltet sind auch im 21. Jahrhundert lebensgroße Monster-Modelle, die im eindeutig direkten Zusammenspiel mit den Darstellern die Illusion nachdrücklich unterstützen. Auch der schon erwähnte und reichlich verspritzte Schleim ist ‚echt‘; um die Zensur nicht zu reizen (und auf diese Weise einige grenzwertige Metzeleien vor dem Schnitt zu retten), bluten die Käfer übrigens weiß.

Sollte „Infestation“ sich gut an den Kassen dieser Welt schlagen, könnte es eine Fortsetzung geben. Die Geschichte ist darauf angelegt, denn an losen Enden herrscht kein Mangel. Sollte die unbekümmerte Gleichgültigkeit bezüglich politisch korrekter Unterhaltung weiterhin mit einer Wahrung der beschriebenen Qualitäten korrespondieren, könnte sogar dieser Rezensent seine insectophobe Skepsis überwinden und auf weitere Abenteuer von Cooper, Sara & Hugo hoffen.

DVD-Features

Das Beiwerk zum Hauptfilm ist überschaubar aber interessant. Während man auf den „Original-Kinotrailer“ verzichten kann, wartet das „Making Of“ unter dem Titel „The Creation of Infestation“ mit Hintergrundinformationen auf, die durch einen Audiokommentar von Kyle Rankin vertieft werden. Sogar an eine deutsche Untertitelung dieser Features wurde gedacht.

[md]

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