Infini

Originaltitel: Infini (Australien 2015)
Regie u. Drehbuch: Shane Abbess
Kamera: Carl Robertson
Schnitt: Adrian Rostirolla
Musik: Brian Cachia
Darsteller: Daniel MacPherson (Whit Carmichael), Grace Huang (Claire Grenich), Luke Hemsworth (Charlie Kent), Bren Foster (Morgan Jacklar), Luke Ford (Chester Huntington), Dwaine Stevenson (Rex Mannings), Louisa Mignone (Philipa Boxen), Tess Haubrich (Lisa Carmichael), Harry Pavlidis (Harris Menzies), Kevin Copeland (Seet Johanson), Andy Rodoreda (Sefton Norick), Richard Huggett (Montoli) u. a.
Label: Capelight Pictures
Vertrieb: Alive AG
Erscheinungsdatum: 16.10.2015
EAN: 4042564157314 (DVD)/4042564157321 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,66 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 106 min. (Blu-ray: 111 min.)
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)


Das geschieht:

Im 23. Jahrhundert hat der Mensch Kolonien und Basen überall dort im Weltraum gegründet, wo außerirdische Bodenschätze locken. Die „O. I. Infini“ ist eine von vielen Stationen, auf denen nach wertvollen Ressourcen geschürft wird. Als der Kontakt mit der Erde abbricht, schickt man Spezialisten hinaus in den Raum, die nach dem Rechten sehen soll.

Die erwartete Rückmeldung bleibt aus. Deshalb wird nun ein Rettungsteam in Marsch gesetzt, das militärisch verstärkt ist, denn fern der Erde wird man auf sich gestellt sein. In der Tat ist Vorsicht geboten: Die „Infini“-Station ist ein Schlacht- und Leichenhaus. Überall finden die Retter Leichen, die zum Teil grotesk verstümmelt sind.

Wider Erwarten entdeckt man trotzdem einen Überlebenden: Whit Carmichael gehörte zu den Spezialisten, die zur „Infini“ kamen. Er musste erleben, wie nicht nur die Stationsbesatzung, sondern auch seine Begleitung den Verstand verloren und mordend übereinander herfielen. Carmichael hat sich in einen separaten Steuerraum geflüchtet, den Tobenden die Luftversorgung abgedreht und auf Rettung gewartet.

Er will nur noch zurück auf die Erde, wo Gattin Lisa schwanger auf ihn wartet. Deshalb verschweigt Carmichael seinen Rettern wichtige Informationen: Auf „Infini“ geht ein außerirdisches Kollektivwesen um, das wie ein Virus fremde Lebensformen befällt und unter seine Kontrolle bringt. Meist dauert es nur Minuten, bis das Opfer ein geistiger Sklave seines Wirtes geworden ist. Carmichael gehört zu denen, die zum Teil immun sind. Zwar spürt er die ‚Infektion‘ genau, ignoriert sie aber und nimmt in Kauf, dass er die Kreatur auf die Erde einschleppen würde.

Seine Retter haben weniger Glück. Auch sie beginnen Amok zu laufen. Carmichael muss versuchen, ihren Attacken zu entgehen, bis die Rückkehr zur Erde ansteht. Die Zeit wird mörderisch lang, zumal das Wesen auch in ihm ständig an Stärke gewinnt …

Form statt Inhalt

Wenn einem Regisseur nichts Eigenständiges einfällt, nennt er sein Werk eine „Hommage“: Es fällt dem Betrachter leicht, sarkastisch zu sein, denn ist ein solcher Film objektiv ein Rohrkrepierer, dann fügt sich für den Verursacher zum Schaden der Spott, hat er doch gleich doppelt versagt.

So schlimm ist es Shane Abbess nicht ergangen, obwohl er für „Infini“, seinen zweiten Spielfilm, nicht unbedingt den erhofften Zuspruch erhielt. Zu unbarmherzig verlangte das Publikum eine originelle oder wenigstens interessante Handlung, während Abbess Retro-Optik und Botschaft wichtiger waren.

Dummerweise unterliegt erstere einer Geschmacksentscheidung, während letztere im Fall „Infini“ beim besten Willen kaum eine Stufe über kaltem Kaffee rangiert. Daran lässt sich nicht deuteln, obwohl Abbess beinahe zwei Stunden darauf verwendet, uns emotional aufzurütteln. Da er dabei nur (immerhin) hübsch verpackte Klischees aneinanderreiht, hält sich der Erfolg in Grenzen.

Bleiben wir aber noch ein wenig bei der Hommage. Sie lässt sich vor allem den Kulissen ansehen. „Infini“ ist ein Science-Fiction-Film, der mit Minimal-Budget entstehen musste. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen, doch die Geldnot erzwang nichtsdestotrotz Kompromisse, die immer wieder ins Auge stechen. (Man beachte nur die ‚Hightech‘-Waffen, die wie aus Pappe gebastelt aussehen.)

Die Zukunft ist – schmutzig

Gedreht wurde vor allem im Inneren eines aufgegebenen Kraftwerks in Sydney. Die dort noch stehenden Apparaturen wurden ein wenig futuristisch aufgepeppt, wobei Abbess klug genug war, es nicht zu übertreiben: „Infini“ erinnert hier an die Kino-SF der 1980er Jahre, die sich vom klinisch-sterilen NASA-Look, wie ihn beispielsweise Stanley Kubrick mit „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) förmlich zelebrierte (und dem 2009 Duncan Jones in „Moon“ seine Referenz erwies), zu lösen begann. In früher Vollendung des Effekts führte uns Ridley Scott in „Alien“ (1979) einen Weltraum-Alltag vor, der die Arbeit der Zukunft als fortschrittsresistente Tätigkeit fixierte: Diese Raumschiffe und Planetenbasen waren heruntergekommen, schmutzig und düster, weil auf den Profit und nicht die Bequemlichkeit derer ausgerichtet, die dort schufteten. (Noch drastischer inszenierte Peter Hyams diese hässliche Zukunft zwei Jahre später in „Outland – Planet der Verdammten“.)

Also ließ Abbess besagtes Kraftwerk mit zusätzlichem Müll und Dreck zur „O. I. Infini“ aufrüsten. Die dadurch entstandenen Kulissen, ihre Unübersichtlichkeit und klaustrophobische Enge, kommen außerdem der Story entgegen: „Infini“ ist ein Film, der in den Tiefen des Raumes spielt, dabei jedoch Raumschiff-Reisen und Blicke ins All vollständig ausspart. Dies geschieht einerseits aus notwendiger Sparsamkeit, ist andererseits jedoch ein Stilmittel, mit dem der Zuschauer quasi gemeinsam mit den Protagonisten an Bord der „Infini“ isoliert wird. Dort sind Monochrom-Monitore aus einer beinahe noch analogen PC-Steinzeit sowie Software, die per Binär- und ASCII-Code bedient wird, im Einsatz – auch dies eine Erinnerung an die (filmische) Vergangenheit der Zukunft.

Das eigentliche Geschehen spielt sich auf zwei Ebenen ab. Zum einen gilt es, in der labyrinthischen Anlage den verrückt und mörderisch umhertobenden Mitmenschen zu entgehen. Kameramann Robertson nutzt die kleinen, verwinkelten Räumlichkeiten geschickt, um ohne Überstrapazierung des typischen „Buh!“-Effekts den Schrecken unmittelbar vor oder hinter den Darstellern auftauchen zu lassen. Die Kamera bleibt notgedrungen nahe ‚am Mann‘ (oder an der Frau), was dies sowohl verstärkt als auch logisch wirken lässt.

Kämpfe im eigenen Hirn

Die zweite Ebene ist in den Hirnen der Protagonisten zu lokalisieren, wobei Whit Carmichael im Zentrum steht: Er ist in der Lage, dem außerirdischen Parasiten Widerstand zu leisten, ohne ihm jedoch völlig zu widerstehen. Immer wieder gaukelt ihm das zunehmend entfremdete Gehirn Erlebnisse vor, die sich als irreal herausstellen. In den kürzer werdenden ‚klaren‘ Phasen muss sich Carmichael der Angriffe seiner zunehmend besessenen ‚Retter‘ erwehren. „Infini“ wandelt hier auf den Spuren von Paul W. S. Anderson, der bereits 1997 mit „Event Horizon – Am Rande des Universums“ eine Weltraum-Expedition als Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn präsentierte.

Der Vergleich mit diesem Film ist auch deshalb nützlich, weil Abbess in gewisser Weise ebenso wie Anderson scheitert: Die Darstellung einer Realität, die sich aufzulösen beginnt, um in einer schrecklichen neuen Welt zu münden, ist vor den Augen des zuschauenden Publikums, das davon nicht betroffen ist, eine echte Herausforderung. Abbess gelingt es hin und wieder, diesbezüglich Glaubwürdigkeit zu erzeugen, d. h. seine Zuschauer gemeinsam mit Carmichael aufs Glatteis zu führen.

Freilich greift Abbess auch gern auf alte Tricks zurück, was er in seinem behaupteten Bemühen, die SF-Klassiker der jüngeren Vergangenheit zu zitieren, sogar betont. Da gut gefilmte Action im Grunde immer funktioniert, kann „Infini“ auch in diesen Passagen unterhalten. Leider schleichen sich zwischenzeitlich immer wieder Leerlaufphasen ein, in denen geredet, mit Gefühlen gerungen, sich sentimental erinnert wird. Um solche Emotionen glaubhaft zu vermitteln, bedarf es offensichtlich entweder eines besseren Drehbuchs oder einer Schauspielerschar, die sich nicht gar so offensichtlich anstrengen, um geängstigt, gestresst oder irrsinnig zu wirken.

Blutspritzer & Tränendrüse

Handlungsunnötige Abschweifungen sorgen für Längen. So könnte der gesamte Prolog problemlos unter den Tisch fallen. Abbess führt hier umständlich in die Thematik des „Slipstream“-Sprungs ein: Man reißt das Raum-Zeit-Kontinuum auf und schafft transdimensionale Portale, die weit voneinander entfernte Orte – hier die Erde mit „O. I. Infini“ – verbinden. Allerdings wurden wir darüber bereits durch einige eingeblendete Schriftzeilen informiert und sind deshalb im Bilde. Für das weitere Geschehen spielt diese Form des kosmischen Reisens ohnehin keinerlei Rolle mehr.

Ähnlich unnötig ausgespielt sind jene Szenen, die Carmichael daheim mit Gattin Lisa zeigen. Babybauch und Angstvisionen kommen zum Einsatz, um Carmichaels Erdgebundenheit zu betonen: reine Routine schon jenseits der Grenze zum Klischee, was durch spätere Rückblenden unfreiwillig unterstrichen wird.

Abbess bemüht sich, die Emotionalität seiner Figuren – auch die übrigen Mitglieder des Rettungsteams legen entsprechende Ausbrüche an den Tag – als Matrix darzustellen, die der nicht unbedingt ‚bösen‘, sondern eher fremden ET-Intelligenz letztlich ermöglicht, die Menschen zu verstehen. Das versöhnliche Ende wirkt ein wenig herbeigezwungen, was wiederum typisch ist für diesen Film, der weder gut noch wirklich schlecht ist und sich im Gedächtnis des Zuschauerhirns wie ein Eiswürfel in einem beiseite gestellten Sommerdrink auflösen dürfte.

DVD-Features

Man mag es kaum glauben, aber „Infini“ könnte noch deutlich länger sein: Die Extras enthalten mehr als zwanzig Minuten gedrehter Szenen – darunter eine alternative Anfangssequenz -, die es nicht in die Endfassung geschafft haben. Dies war in jedem Fall eine richtige Entscheidung und hätte auf weitere Szenen ausgeweitet werden sollen.

Kurzinfo für Ungeduldige: Im 23. Jahrhundert landet eine Rettungsexpedition auf einem fernen Planeten und wird dort nicht nur vom einzigen Überlebenden, sondern auch von einer fremden, unfreundlichen Macht erwartet, woraufhin ein Kampf jeder gegen jeden & gegen die Invasion des eigenen Hirns ausbricht … – Trotz Minimal-Budgets optisch einfallsreich gestalteter SF-Thriller, der seine Story formal im Stil der 1980er Jahre erzählt: mehr Retro als Wiedergeburt aber trotzdem leidlich spannend.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)