Weiterhin sitzt Familie Lambert ein Geist im Nacken. Er folgt ihnen ins Haus der Oma, wo er sich nächtlich lautstark bemüht, auf eine wesentlich kaliberstärkere Bedrohung aus dem Jenseits aufmerksam zu machen … – Das gelingt natürlich nur bedingt, weshalb im großen Finale nicht nur im parallel im Diesseits und Jenseits, sondern auch auf verschiedenen Zeitebenen gerauft wird: Horror ohne Grusel, der durch Action und Getöse ersetzt wird und sich nie originell gen Teil 3 schleppt.

Das geschieht:

Im Lambert-Clan besitzen ausnahmsweise die Männer das Zweite Gesicht. Schon Vater Josh hat vor Jahren unabsichtlich ein Fenster ins Jenseits aufgestoßen und damit die Aufmerksamkeit unangenehmer Kreaturen erregt, die nach einem Körper gieren, den sie übernehmen können, um so ins Leben zurückzukehren. 1986 konnten die Spiritisten Elise und Carl dem einen Riegel vorschieben. Drei Jahrzehnte später geriet Sohn Dalton in ähnliche Schwierigkeiten. Ein Dämon mit roter Fratze hatte ihn sogar in sein düsteres Zwischenreich verschleppt, doch Vater Josh war ihm gefolgt und hatte seinen Spross dem Finsterling entreißen können.

Dem Dämon konnte Josh entwischen. Allerdings hatte ihm ein weiterer Spuk-Schurke aufgelauert. Der Geist eines Serienkillers ist in seinen Körper geschlüpft: Parker Crane wurde einst von seiner irren Mutter misshandelt und hasst alle Frauen, was sich im Tod nicht geändert hat. Während der echte Josh – nun selbst ein Geist – im Zwischenreich festsitzt und verzweifelt versucht, Gattin Renai und Mutter Lorraine auf seine Notlage aufmerksam zu machen, nistet sich der Wechselbalg bei den Lamberts ein und schmiedet mörderische Pläne.

Elise könnte helfen, doch der hat der Dämon den Hals umgedreht. Carl lebt noch und eilt herbei, als Lorraine ihn ruft: Josh und seine Familie wohnen jetzt in ihrem Haus, doch der Spuk ist ihnen gefolgt. Er bekommt sogar Verstärkung, denn auch Parkers tote aber weiterhin böse Mutter ist wieder da und sitzt dem Filius im Nacken. Zu allem Überfluss beginnt der besessene Josh-Körper zu verfallen: Crane kann ihn nur für sich erhalten, wenn er nicht nur Dalton, sondern auch die anderen Lamberts ermordet.

Die merken bald, dass mit Josh etwas nicht stimmt. Carl sucht Verstärkung und zieht nicht nur die hirnlahmen Ghostbuster Specs und Tucker, sondern auch die tote Elise zu Rate. Parallel rückt man dem Gegner sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zu ‚Leibe‘, und als das nicht genügt, wechselt man zusätzlich die Zeitebene …

Der Fluch des Erfolgs

2004 drehte James Wan nach einem Drehbuch seines Freundes Leigh Whannell den Psycho-Horrorfilm „Saw“. Sechs Fortsetzung und viele hundert Millionen Dollar später gilt Wan als Lichtgestalt des modernen Horrorfilms, dem er auch nach „Saw“ treugeblieben ist. Den Splatter hat er dabei hinter sich gelassen. Wan widmet sich der traditionellen Geistergeschichte, die er allerdings eher genreuntypisch weil turbulent zu erzählen pflegt. Schon in „Insidious“ – 2011 ebenfalls mit Whannell realisiert – ging es gegen Mitternacht hoch her, was Wan mit „Conjuring“ 2012 noch zu toppen wusste.

Da „Insidious“ einerseits sehr kostengünstig produziert werden konnte und andererseits sagenhafte Erträge an den Kassen dieser Welt einfuhr, war eine Fortsetzung schnell beschlossene Sache. Unbedingt sollten Wan und Whannell wieder mit ins Boot, denn aus Hollywood-Produzentensicht ist ein Erfolg sicherer, wenn dessen Verursacher die Fortsetzung stemmen. Wan und Whannell hatten eigentlich genug neue Ideen und reagierten zurückhaltend. Mit viel Geld konnten die Produzenten das Duo jedoch überzeugen.

„Dreht uns einen Film wie „Insidious‘“, dürfte die Vorgabe folgerichtig gelautet haben. Konkret war damit gemeint: Ändert nichts an dem, was uns Einnahmen in Höhe von 100 Mio. Dollar beschert hat! Genauso haben Wan und Whannell „Insidious – Chapter 2“ umgesetzt: als leichte Variante des Vorgängers, dessen Geschichte sie ansonsten einfach noch einmal erzählen. Hilfreich waren die Darsteller, die sämtlich wieder antraten und hölzern dort anschlossen, wo sie zwei Jahre zuvor ebenso aufgehört hatten.

Moderner Spuk kommt mit Donnergetöse

Nichtsdestotrotz ist es wichtig, „Insidious“ gesehen zu haben. Zwar gibt es zu Beginn einige Rückblenden, doch die werden mit neuen Handlungselementen verschränkt: Whannell erweitert den ursprünglichen Plot. Nunmehr werden die Lamberts schon seit Jahrzehnten heimgesucht. Das war uns bisher unbekannt, zumal es in Teil 1 keine Rolle gespielt hatte.

Doch was soll man von einer Story halten, die den eigentlichen Bösewicht durch Abwesenheit glänzen lässt, stattdessen einen Geist zweiter Ordnung in das Zentrum rückt und diesem seine untote Mutter zur Seite stellt? Norman Bates ist wieder da, und er verkleidet sich immer noch gern! Das könnte als Hommage gemeint sind, ist aber wohl bitterernst gemeint, wenn man die auch sonst aus allen möglichen Vorlagen hastig zusammengeklau(b)te Handlung verfolgt.

Hysterie und Lautstärke beschreiben das ‚Konzept‘ wohl am anschaulichsten. Damit von selbst rückende Möbel, klimpernde Klaviere und losplärrende Kinderspielzeuge ein wenig unheimlicher wirken, wechselt Regisseur Wan den Schauplatz. Oma Lambert haust in einem Altbau, der auch ohne Geister wie ein Spukhaus wirkt. Dieses Umfeld füllen Wan und Whannell nun mit entsprechenden Effekten, die wir Zuschauer sämtlich kennen und die uns nur deshalb zusammenzucken lassen, weil die Musik abrupt und lautstark anschwillt, um das Nahen einer jenseitigen Bosheit zu signalisieren. Das alles wirkt nicht angenehm „oldschool“, sondern nur altbacken.

Kreuz & quer, hin & her

Hektik ist Trumpf. Hin und wieder werden einige hastige Worte der ‚Erklärung‘ gewechselt, bevor sich die Darstellerriege neu aufteilt. Oma Lorraine klinkt sich mit den Geisterjägern aus, um in einem aufgegebenen Krankenhaus, das ihr einst als Arbeitsstelle diente, nach Hinweisen auf die Heimsuchung zu fahnden. Das wird im alten Crane-Haus fortgesetzt, was zumindest die Freunde geisterhafter Kulissen erfreut: In den USA werden alte Häuser offenbar nie ausgeräumt. Stattdessen lässt man das Interieur malerisch verrotten und einstauben.

Dafür kann die Produktion an anderer Stelle sparen. Das Zwischenreich ist beispielsweise ein nachtschwarzer, leerer Ort, den unsere Helden mehrfach im Licht einer elektrischen Camping-Laterne durchwandern. Geisterhaft in diese Welt gespiegelt stehen die Häuser, in denen die Lamberts bespukt werden. Ansonsten irren – da ohne Licht – diverse Gespenster durch die Finsternis, die man aber durch lautes Geschrei und Anrempeln in die Flucht schlagen kann.

Auch sonst legen Wan und Whannell ihren Geistern und Dämonen erstaunliche Einschränkungen auf. So können sie offensichtlich nicht durch Wände schweben oder Türen selbst öffnen, sondern müssen warten, bis ein Lambert oder ein Geisterjäger dies tun. Das bietet außerdem die Gelegenheit, diesen umgehend ins Gesicht zu springen. Darüber hinaus sind die Kreaturen der Finsternis umständlich. Sie laufen durch das Haus, statt zu tun, weshalb sie eigentlich erschienen sind. Als ein Geist endlich das jüngste Kind am Wickel hat, schleppt er es nicht einfach ins Schattenreich. Stattdessen wird der kleine Wicht aus der Wiege gehoben und auf den Boden gesetzt, um so der Mutter einen tüchtigen Schrecken einzujagen. Der Geist verschwindet und biegt sich vermutlich einige Ecken weiter vor Lachen über den gelungenen Spuk.

Familie im Geisterstress

Solche Faxen funktionieren, weil vor allem die weiblichen Lamberts nur bedingt nervlich belastbar sind. Schon leises Quäken durchs Babyfon veranlasst Renai, panisch die Treppe hinauf zu preschen, um dem übernatürlichen Kinderdieb in die Beine zu grätschen. Logik ist überhaupt keine besonders ausgeprägte Eigenschaft in dieser kleinen Welt, in der Geister brüllen und mit Großmöbeln werfen, ohne dass die Nachbarn jemals etwas bemerken.

Schon in Teil 1 waren die Lamberts keine Familie, die Mitgefühl wecken konnte. Vielleicht ist das die Erklärung dafür, dass sie von dämlichen Dämonen gepiesackt werden. Die Darsteller sind im Spinnennetz eines Drehbuchs gefangen, das sich für die Heimsuchung stärker interessiert als für ihre Opfer. Das schließt die Geisterjäger – vier an der Zahl dieses Mal – mit ein.

Bis zumindest der ältere Zuschauer, der sie noch kennt, Barbara Hershey als Lorraine Lambert identifiziert, vergeht eine ganze Weile. Die Zeit war zu ihr weniger grausam als die Schönheitschirurgen, denen sie sich ausgeliefert hat. Lin Shayne hat dieses Problem nicht, was ihrer Gesichtsmuskulatur erstaunliche Verrenkungen ermöglicht, die offenbar heftige Gefühlsaufwallungen darstellen sollen.

Patrick Wilson sieht als Josh Lambert aus wie Kevin Bacons jüngerer Bruder. Mit glatt zurückgekämmtem Haar bei gewaltigen Geheimratsecken versucht er, dämonische Besessen- und Zerrissenheit auszustrahlen. Damit vermag er jedoch nicht einmal den haferflockenhirnigen Carl, geschweige denn den Zuschauer zu täuschen.

Da man in einem Gruselfilm zwischendurch gern herzhaft lacht, wirken Angus Sampson und Drehbuchautor Leigh Whannell persönlich wieder als Ghostbuster Tucker und Specs mit. Sie sollen lustig sein, weil sie stets weiße Hemden tragen, sich wie ein (viel zu) lange verheiratetes Paar benehmen und in der Krise garantiert Mist bauen, zu spät auf der Bildfläche erscheinen oder sonstige abgedroschene Gags abarbeiten.

Hat das anvisierte Publikum den lauen Braten früh genug gerochen und das zweite „Insidious“-Kapitel mit Verachtung gestraft? Von wegen: Teil 2 hat sogar 150 Mio. Dollar eingespielt. James Wan hatte wohl Grund zur Zuversicht. Den Trailer für „Kapitel 3“ hat er dem zweiten Teil jedenfalls als Epilog angehängt. Schon 2015 dürfen (bzw. müssen) wir mit der Rückkehr des rotfratzigen Dämons (s. o.) rechnen!

DVD-Features

Um ein wenig Leben in die üblichen Feature-Routinen zu bringen, wechseln sich Aufnahmen von den Dreharbeiten, Blicke hinter die Kamera und Interviews mit der Geschwindigkeit eines Stroboskops ab; der Vorteil solcher Schnipselei liegt darin, dass der davon verursachte Kopfschmerz den Zuschauer von dem üblichen Geschwätz ablenkt. Immerhin lernen wir, dass die Krankenhaus-Szenen im aufgelassenen „Linda Vista Community Hospital“ entstanden. Da es in Los Angeles und damit hollywoodnah gelegen ist, geben sich dort Film- und Fernsehteams die Klinke in die Hände, seit es 1991 seine Pforten schloss.

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Insidious – Chapter 2
Originaltitel: Insidious – Chapter 2 (USA 2013)
Regie: James Wan
Drehbuch: Leigh Whannell
Kamera: John R. Leonetti
Schnitt: Kirk M. Morri
Musik: Joseph Bishara
Darsteller: Patrick Wilson (Josh Lambert), Rose Byrne (Renai Lambert), Barbara Hershey (Lorraine Lambert), Ty Simpkins (Dalton), Andrew Astor (Foster), Steve Coulter (Carl), Leigh Whannell (Specs), Angus Sampson (Tucker), Lin Shaye (Elise Rainier), Jocelin Donahue (Lorraine 1986), Garrett Ryan (Josh 1986), Hank Harris (Carl 1986), Lindsay Seim (Elise 1986), Tom Fitzpatrick (Parker Crane), Danielle Bisutti (Parker Cranes Mutter), Tyler Griffin (junger Parker) uva.
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 20.02.2014
EAN: 4030521733602 (DVD)/4030521733626 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Französisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch, Holländisch, Französisch, Arabisch, Englisch für Hörgeschädigte
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 101 min. (Blu-ray: 106 min.)
FSK: 16

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Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang

Insidious: The Last Key

Annabelle

Lights Out