Insidious 3

Statt mit ihrer tragisch verstorbenen Mutter Kontakt aufzunehmen, gerät Okkult-Laie Quinn an einen fiesen Geist, der seine neue Spielgefährtin nicht mehr aus den Klauen lässt; Medium Elise soll helfen … – Ohne echten Bezug zu den beiden Vorgänger-Filmen setzt „Insidious 3“ abermals auf bekannte Spuk-Story-Elemente (und Gesichter); bedingt spannend, oft unlogisch, im Finale kitschig aber erstaunlicherweise trotzdem besser als Teil 1 und 2.

Das geschieht:

Vor anderthalb Jahren ist Quinn Brenners Mutter gestorben. Die junge Fast-Frau trauert heftig, zumal Vater Sean die Existenz seiner Frau verdrängt, den Kummer der Tochter ignoriert und sie stattdessen als Mutter-Ersatz für den anstrengenden jüngeren Bruder Alex verpflichten will. Deshalb zieht es Quinn zum lokal leidlich bekannten Medium Elise Rainier, um Lillith Brenner aus dem Jenseits zu locken. Elise hat sich nach dem Selbstmord ihres Gatten im Vorjahr allerdings aus dem Geschäft zurückgezogen. Dass ein von ihr in das „Ewigreich“ zurückgetriebener böser Geist ihr erzürnt nach dem Leben trachtet, sobald sich Elise in Trance versetzt, bestärkte sie in ihrem Entschluss.

Enttäuscht versucht Quinn selbst die Kontaktaufnahme. Scheinbar scheitert sie, doch tatsächlich weckt sie das Interesse des toten aber weiterhin widerlichen „Mannes, der nicht atmen kann“. Der hat das alte Haus, in dem die Brenners leben, vor Jahrzehnten als Sadist und Serienkiller heimgesucht und wurde dafür mit einem langweiligen Nachleben gestraft, das er nun durch das Piesacken der (vermutlich noch) jungfräulichen Quinn aufwerten will.

Die hat sich bei einem Unfall inzwischen beide Beine gebrochen und ist deshalb den Attacken ihres Widersachers hilflos ausgeliefert. Selbstverständlich ist Vater Sean zunächst nicht bereit, an eine Heimsuchung von ‚drüben‘ zu glauben. So kann der Unhold – dessen Nahen sich dank seines Schnaufens durch eine Atemmaske ankündigt – Quinn weiterhin zusetzen.

Selbst Sean muss schließlich erkennen, dass es in der Wohnung umgeht. Da Elise ihre Hilfe weiterhin verweigert, heuert er die beiden Internet-Ghostbuster Tucker und Specs an, die sich allerdings als Blender entpuppen, die der Geist problemlos ausschalten kann. Als alles verloren scheint, erscheint Elise auf der Bildfläche. Das schlechte Gewissen zwingt sie, sich ins Gefecht um Quinns Leben zu stürzen …

Auf der (Schleim-) Spur des eigenen Erfolgs

Halten wir einleitend fest: Es hätte deutlich schlimmer kommen können. Dass „Insidious 3“ kein Sequel, sondern ein Prequel wurde, ist einerseits überraschend, während es andererseits zumindest nachträglich erklärt werden kann: Trotz des offenen „Insidious-2“-Finales, das nach Ansicht von „Insidious“-Fans – die gibt es tatsächlich! – eine Fortsetzung förmlich fordert, setzte sich offenbar die Erkenntnis durch, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

Mit „so“ ist die Geschichte der Familie Lambert gemeint, die in den beiden ersten „Insidious“-Filmen von einem Dämon geplagt wurden, der leicht als Death Mauls dümmerer Bruder durchgehen könnte. Auch in „Chapter 3“ zeigt er sich, dient dabei aber nur dem Zweck, den Seriencharakter zu unterstreichen und Teil 1 ‚vorzubereiten‘. (Zur Chronologie: „Chapter 3“ spielt 2007, „Chapter 1“ und „Chapter 2“ setzen das Geschehen 2010 fort.) Die Lamberts und besagter Dämon waren keine besonderen Sympathie- oder Spannungsträger, wobei dieses Urteil ausdrücklich subjektiv ist: Den meisten Zuschauern gefiel der gebremste „Insidious“-Horror, der angeblich subtil und auf jeden Fall splatterfrei die Illusion eines ‚besseren‘ Grusels erzeugte.

Auch Teil 3 straft das nach Ansicht (nicht nur) dieses Rezensenten im Salventakt als Lüge. Echte Spannung in Gestalt origineller oder wenigstens überraschender Drehbuch-Einfälle bleibt generell außen vor. Erschrecken soll per Geisterbahn-Modus erzwungen werden. Also darf sich der Zuschauer immer dann, wenn ein/e Darsteller/in in eine dunkle Ecke späht, darauf verlassen, dass im nächsten Moment eine hässliche Fratze genau hinter ihm oder ihr erscheint. Sollte dies das Publikum noch nicht aufschreien lassen, dröhnt parallel dazu die Musik los – eine Manipulation, die ebenso funktioniert wie ob ihrer Abgeschmackheit ärgert.

Das Böse in geordneten Jenseits-Bahnen

Ein großes Übel der „Insidious“-Serie sind jene Pausen, in denen endlos geredet bzw. ‚erklärt‘ wird. Das Jenseits gerinnt darüber platt zu einer Art Zwischen-Dimension, die hier immerhin zwei Abteilungen besitzt. Die Geister der Verstorbenen kommen in einen „hellen“ Bereich und warten dort auf ihren Abtransport zur Wolke Nr. Sieben; wir erfahren keine Details, denn Drehbuchautor und Regisseur Leigh Wannell konzentriert sich lieber auf die „dunkle“ und vorgeblich interessantere Ecke des „Ewigreiches“. Hierher verschlägt es einerseits die Seelen menschlicher Zeitgenossen, die zu Lebzeiten richtig fies gewesen sind. Andererseits hausen hier laut Elise Rainier seit jeher Dämonen, die auf die Gelegenheit lauern, in die Menschenwelt zu wechseln, da diese ihnen bessere Möglichkeiten bietet, Böses zu tun. Dazu bedarf es eines Menschenkörpers, den hier die zarte Quinn liefern soll.

So simpel wie die Ausgangssituation ist die ‚Entwicklung‘. Das Geschehen konzentriert sich auf die Machenschaften des „Mannes, der nicht atmen kann“. (Warum sollte er? Er ist doch tot. Außerdem hört man ihn sehr wohl atmen – und zwar laut!) Er dürfte kein Dämon sein, sodass Elise ihre eigene Definition Lügen straft, sondern einer der weiter oben erwähnten Mensch-Mieslinge. Letztlich ist es ohnehin gleichgültig, denn die Gegenmaßnahmen bleiben identisch: Jemand muss ins „Ewigreich“ wechseln, um den Strolch dort leibhaftig in die Mangel zu nehmen.

Bei dieser Gelegenheit wird klar, wieso sich Geister und Dämonen dort langweilen: Das „Ewigreich“ ist vor allem eine stockdüstere, neblige Ebene, weshalb Elise sich im Licht einer batteriebetriebenen Laterne – die freundlicherweise bereitsteht – ihren Weg suchen muss. Spukhäuser besitzen eine Art materiellen Schatten in diesem Jenseits. Sie können betreten werden, was mutigen Besuchern die Chance bietet, den hier beheimateten Geistern/Dämonen entgegenzutreten. Werden diese hier überwunden, haben sie im Diesseits ausgespielt. Erwischt es dagegen den Geisterjäger, ist dieser auch in der Realwelt tot.

Eine unwichtige Vorgeschichte

Elise stellt dies in „Insidious“, Teil 1, fest, denn dort gelingt der „Braut in Schwarz“, was in „Chapter 3“ noch mit einem ordentlichen Arschtritt quittiert wird: Sie dreht Elise den Hals um! Das versucht sie auch hier, weshalb alle Zuschauer hoffentlich die ersten beiden Teile kennen, da sie sich sonst verwirrt fragen, wer diese „Braut“ eigentlich ist und was sie mit der hier erzählten Geschichte zu tun hat.

Gar nichts, weshalb Whannell auf diese Zutat hätte verzichten können. Ohnehin weist „Chapter 3“ nur lose Verbindungen zu den ‚Fortsetzungen‘ auf. Tatsächlich funktioniert die Geschichte ohne entsprechende Bezüge sogar besser. Faktisch wird eine beliebige „ghost story“ erzählt. Selbst auf Elisa Rainier könnte sie problemlos verzichten, was allerdings schade wäre, da Lin Shaye, die dieses Mal ins Zentrum der Darstellerriege rückt, solide schauspielerische Arbeit leistet.

Dies trifft auf die Knallchargen Tucker & Specs einmal mehr nicht zu. Auf sie wollte (oder durfte) Whannell nicht verzichten, da sich ein großer Teil des Publikums ihrer klamaukigen Kasperaden erfreute und eine weitere „Insidious“-Folge ohne stumpfe Witzeleien womöglich gemieden hätte. (Um ganz sicher zu gehen, dass möglichst alle lachen, kommt Tucker alias Angus Sampson dieses Mal mit einer Irokesenbürste auf dem Kahlschädel daher.) Außerdem kam Regisseur/Autor Whannell so zu einem Gastauftritt, denn er spielte und spielt den Specs selbst.

Wir schreien, weinen & umarmen uns

Während die Spuk-Eskapaden trotz der weiter oben beklagten Tricks ganz gut funktionieren und für mittelmäßige Unterhaltung sorgen, versagt Whannell, sobald er der Handlung zwischenmenschliche Tiefe geben möchte. Die Brenners sollen als trauerbedingt dysfunktionale Gruppe eingeführt werden, um später in der Krise umgehend wieder zum US-amerikanischen Lügenbild der unüberwindlichen Familie zu verschmelzen. Die Konflikte sind aufgesetzt und viel zu harmlos, um für Betroffenheit zu sorgen; das wiederum ist besser so, weil dafür später ohnehin keine Zeit bleibt.

Dafür wird es zunehmend kitschig, denn a) taucht schließlich doch Mutter Lillith als strahlenweiß gekleideter, hilfreicher Engel auf, der b) von einer schwarzen Alzheimer-Seherin (TV-Veteranin Phyllis Applegate in einer überflüssigen Nebenrolle) unterstützt wird. Selbst die traurige Elise bekommt ein Zeichen vom toten Gatten, während man sich im nun spukfreien Brenner-Heim umarmt und herzt. (Dass der Geist kurz zuvor die von ihm besessene Quinn gezwungen hat, knochenknirschend auf ihren gebrochenen Beinen herumzuspringen, gerät schmerzfrei in Vergessenheit.)

Die ‚Moral‘ ist Whannell leider wichtiger als die Geistergeschichte. Deren Auflösung ist konventionell und ideenarm umgesetzt und erfolgt viel zu rasch: Viel zu bieten hat der angeblich so ‚böse‘ = mächtige „Mann, der nicht atmen kann“, eigentlich nicht. Er taugt eher als Schrecken für brave Teenies, zu denen die hübsche aber nur oberflächlich rebellische Quinn eindeutig zählt. Welchen Narren ihr Peiniger ausgerechnet an diesem Schulmädchen gefressen hat, die immer nett und lieb ist, bleibt eines der ungelösten Geheimnisse dieses Films.

Das dürfte nicht zu/das Ende sein!

Wer ist überhaupt dieser schnaufende Geist? Warum trägt er eine Atemmaske? Wir erfahren es nicht. Auch sonst bleiben trotz der lautstarken Turbulenzen, die von solchen Löchern ablenken sollen, viele Fragen. Wenn der Geist auch außerhalb der Wohnung spuken kann, wieso schnappt er sich Quinn nicht gleich im Krankenhaus? Antwort: Die Brenner-Wohnung ist ein interessanterer Schauplatz. (Neue Frage: Wie kann sich ein kleiner Handwerker wie Sean Brenner so eine riesige Wohnung leisten?)

Warum tut sich Elise im Finale mit den Nulpen Tucker & Specs zusammen, die ihre völlige Nutzlosigkeit zuvor ausgiebig unter Beweis gestellt haben? (Weil sie ein Auto haben?) Wieso lösen sich Tucker & Specs nicht stattdessen irgendwann in Luft auf? Das hätten sie mit umständlich eingeführten aber offensichtlich handlungsunwichtigen Figuren wie Quinn-Freundin Maggie, Bruder Alex oder Jung-Nachbar Hector gemein, nachdem sie (uns) viel zu viel Handlungszeit gestohlen haben.

So könnte man ausgiebig weiterschimpfen. Es hätte freilich keinen Sinn, denn für Hollywood zählt nur dieser Fakt: Budget für „Insidious 3“ – 10 Mio. Dollar, Einspielergebnis weltweit – 113 Mio. Dollar. Man kann mit der Simpel-Rezeptur für solchen Harmlos-Horror offenbar nichts falsch machen. Deshalb wird man sich hüten es zu ändern, was zu dieser abschließenden (und rhetorischen) Frage führt: Wird es ein „Insidious 4“ geben? Die Antwort lautet nicht „ja!“, sondern „wann?“, denn diese Franchise-Kuh sowie ein genügsames Publikum geben noch viel zu viel Milch, um ungemolken zu bleiben!

DVD-Features

Einmal mehr werden die Zuschauer der DVD-Version mit Feature-Magerkost abgespeist. Aufgespielt wurde nur die „Ursprunggeschichte: Das Making of von Chapter 3“. Es dauert wenig mehr als 18 Minuten und tröstet das DVD-Publikum: Wenn schon das „Making of“ eine in dieser Dreistigkeit selten gesehene Übung in werberelevant wechselseitigem Bauchpinseln & Arschkriechen ist, kann man auf die weiteren ‚Info ‘-Extras der Blu-ray problemlos verzichten!

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Insidious: Chapter 3
Originaltitel: Insidious: Chapter 3 (USA 2015)
Regie u. Drehbuch: Leigh Whannell
Kamera: Brian Pearson
Schnitt: Timothy Alverson
Musik: Joseph Bishara
Darsteller: Lin Shaye (Elise Rainier), Dermot Mulroney (Sean Brenner), Stefanie Scott (Quinn Brenner), Angus Sampson (Tucker), Leigh Whannell (Specs), Hayley Kiyoko (Maggie), Tate Berney (Alex Brenner), Michael Reid MacKay (Geist mit Atemmaske), Tom Gallop (Dr. Henderson), Steve Coulter (Carl), Phyllis Applegate (Grace), Ashton Moio (Hector), Ele Keats (Lillith Brenner), Tom Fitzpatrick (Braut in Schwarz) u. a.
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 12.11.2015
EAN: 4030521741188 (DVD)/4030521741201 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch,
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 93 min. (Blu-ray: 97 min.)
FSK: 16

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