Der jungen Jay wird ein Fluch übertragen und sie deshalb von einer nur ihr sichtbaren Kreatur verfolgt; sollte diese sie fassen, blüht ihr ein grässlicher Tod. Eine Dauerflucht beginnt, während Jay und ihre Freunde verzweifelt versuchen, den Fluch zu brechen … – Eine alte aber gute Geschichte wird klamaukfrei, klischeearm und spannend erzählt; darüber hinaus formal einfallsstark und gut besetzt unterhält dieses Gruselgarn über die gesamte Länge.

Das geschieht:

In einem Vorort der US-amerikanischen Industriestadt Detroit führt Jay Height ein ereignisarmes Durchschnittsleben. Die junge Frau hängt gern mit ihrer jüngeren Schwester Kelly und den Jugendfreunden Yara und Paul zusammen, wobei dieser Jay schon länger mehr oder weniger heimlich begehrt. Doch Jay ist aktuell mit Hugh zusammen, mit dem sie nun eine erste Liebesnacht verbringt.

Diese endet völlig anders als gedacht: Nach vollzogenem Akt betäubt und fesselt „Hugh“ – der so natürlich gar nicht heißt – Jay und erzählt ihr eine wirre Geschichte: Seit er mit einer anderen Frau geschlafen hat, folgt ihm eine Kreatur, die nur er sehen kann. Sie vermag jede beliebige Körpergestalt anzunehmen, verfügt über gewaltige Kräfte – und bringt ihre Opfer brutal um, sollte sie ihrer habhaft werden.

Verständlicherweise hält Jay Hugh daraufhin für verrückt. Kurz darauf wird sie eines Schlechteren belehrt: Das Wesen folgt wie von Hugh angekündigt nunmehr ihr, denn durch den Sex hat er den Fluch auf sie übertragen. Mehrfach kann Jay dem Dämon nur knapp entkommen. Ihr Leben wird zu einer ständigen Flucht, denn der Verfolger ist unbarmherzig, unermüdlich und spürt sie in jedem Versteck auf.

Ihre zunächst ungläubigen Freunde wollen Jay helfen. Damit bringen sie auch sich in Gefahr, denn die Kreatur duldet nicht, dass man sich ihr in den Weg stellt. In ihrer Verzweiflung kapituliert Jay schließlich und gibt den Fluch ihrerseits weiter: an Greg, der an die Heimsuchung nicht glaubt und die Chance nutzt, zur hübschen Jay ins Bett zu schlüpfen.

Damit ist der Albtraum jedoch keineswegs vorbei: Der von den Freunden aufgespürte „Hugh“ erklärt, dass die Kreatur keineswegs zurück zur Hölle fährt, wenn sie ihre Zielperson erwischt hat. Stattdessen wendet sie sich dem Vorgänger-Opfer zu, das sich fälschlich in Sicherheit fühlte, wie Jay wenig später am eigenen Leib erfährt …

Zu nahe auf den Pelz gerückt

Der Mensch ist zwar ein Gesellschaftstier, benötigt aber als Individuum seinen Freiraum. Wird die unsichtbare aber dennoch existierende Grenze überschritten, stellt sich unweigerlich ein Abwehrreflex ein. Da diese Ablehnung in der Regel ziemlich deutlich ausfällt, fällt eine Wiederholung der Belästigung meist aus – glücklicherweise, da sich die Intensität der ausgelösten Empörung gern lebensgefährlich steigert.

Aus diesem Grund ist „Stalking“ alles andere als ein Kavaliersdelikt. Die Nachstellung dort, wo man aus guten Gründen allein sein möchte, reizt die Nerven und kann sie reißen lassen. Schon ein lebendiger Stalker ist manchmal allerdings schwierig in seine Schranken zu weisen. Wie übel wird es also, wenn der Verfolger nicht von dieser Welt ist, nur das Opfer ihn sehen kann und er sich seinen Weg zwar langsam aber unermüdlich und unter Überwindung jeder Entfernung und jedes Hindernisses bahnt?

Regisseur und Drehbuchautor David Robert Mitchell nennt einen entsprechenden Albtraum seiner Kindheits- und Jugendjahre als Auslöser für eine Geschichte, der er den ebenso simplen wie zutreffenden Titel „It Follows“ gab. „Simpel“ ist das Schlüsselwort, mit der sich dieser Film charakterisieren lässt, obwohl nicht wenige Kritiker dies gänzlich anders sehen und sich begeistert auf angebliche Verweise, Chiffren und Doppeldeutigkeiten stürzten, mit denen Mitchell sein Werk angeblich reichlich würzte.

Blanker Schrecken ohne Filter

Dabei sorgt gerade die Unmittelbarkeit, mit der Mitchell den heraufbeschworenen Schrecken vermittelt, für dessen nachhaltige Wirkung. Dabei erspart der Regisseur sich und uns jede Erklärung für den Spuk. Die Suche nach seinem Ursprung, die aus solchem Wissen destillierten Abwehrtaktiken und die daraus resultierende Szenen entfallen ersatzlos. Weder die vielgeplagte Jay und ihre Freunde noch wir, die Zuschauer, erfahren jemals Näheres. Auf diese Weise kann es zu keiner echten Gegenwehr kommen; das ratlose Umherirren der Freunde und das gnadenlose Scheitern eines Versuches, den Verfolger in einem Schwimmbad in die Falle zu locken, unterstreichen die Aussichtslosigkeit der Lage.

Die Kamera bezieht den Zuschauer ausdrücklich ein. Mitchell nutzt die gesamte Breite des ohnehin üppigen Formats 2,40 : 1. Dabei bleibt die Kamera oft auf Distanz. Sie fährt zurück, zeigt Jay und ihre Freunde auf der Straße, in der Schule, am Strand. Mehrfach dreht sie sich um 360° und zeigt uns die gesamte Umgebung. Wie vor allem Jay überraschen wir uns bald dabei, dass wir diese Panorama-Aufnahmen aufmerksam mustern: Benimmt sich eine der oft weit entfernten, nicht zu identifizierenden Personen auffällig? Nähert sie sich dem Bildvordergrund und damit Jay? Ist es nur ein zufällig dieses Weges kommender Mensch oder der Verfolger in einer neuen Gestalt?

Nicht selten erkennen wir ihn früher als seine Opfer. Die Kamera lässt ihm Zeit genug, sich unbemerkt zu nähern. Doch irgendwann taucht er auf. Die Unerbittlichkeit dieser Wiederholung teilt sich so intensiv mit, dass Verwirrung, Angst und blinde Panik der Betroffenen realistisch wirken und im Zuschauer nicht das Bedürfnis wecken, das Monster anzufeuern, auf dass es das dämliche Pack = seine Opfer möglichst rasch aus dem Geschehen kille. Der Mensch muss abschalten, schlafen. Stattdessen verbringt Jay mehr als eine unruhige Nacht damit, sich einen Standort suchen, von dem aus sie jede Richtung überblicken kann.

Die Welt ist ohnehin ein ungemütlicher Ort

Mitchell bricht mit erfreulich vielen Klischees. So sticht die auch ohne Spuk erschreckende Trostlosigkeit der Kulissen ins Auge. Jay, ihre Familie und ihre Freunde leben in einer Vorstadtsiedlung, die deutliche Zeichen von Verwahrlosung zeigt. Die Häuser sind klein und düster, die Schule ist reif für den Abbruch. An den Straßenrändern stehen immer wieder leerstehende, verfallende Gebäude. Als die Gruppe später die Stadt betritt, scheinen ganze Straßenzüge verlassen zu sein. Harte Kontraste und weitgehend farbentleerte Bilder verstärken den Eindruck einer schroffen, von Rezession und Hoffnungslosigkeit geprägten Realität jenseits des Amerikanischen Traums.

Jay und ihre Freunde passen in diese ausgelaugte Welt. Sie sind alles andere als jene Highschool- oder College-Idioten, die sonst jeden Horrorfilm zu bevölkern scheinen, in denen Jugendliche vom Übernatürlichen gejagt werden. Trotz aller charakterlichen Unterschiede verhalten sich diese jungen Frauen und Männer tatsächlich wie Freunde. Gockeltum und Stutenbissigkeit blendet Mitchell ebenso aus wie genialische Nerds oder strohdumm in jede Sackgasse tappendes Monsterfutter. Sex hat man einfach, ohne ihn hysterisch johlend zum Daseinszweck zu erklären, wie überhaupt Klamauk – die Geißel des aktuellen Mainstream-Filmhorrors – unterbleibt. Diese Jugendlichen sind Menschen – eine Verbindung, die überrascht, weil sie gerade im US-Horror (und nicht nur dort) selten gezogen werden kann.

Obwohl sich unter den Darstellern keine bereits bekannten Namen befinden, treten hier keineswegs Anfänger oder gar Laien vor Mike Gioulakis‘ Kamera. Meist sind diese Schauspieler noch damit beschäftigt, sich ihre Sporen zu verdienen, was bedeutet, dass sie bisher vor allem im Fernsehen sowie in Film-Nebenrollen aufgetreten sind. Da die Story funktioniert, müssen die Darsteller nicht mit mimischen Glanzleistungen aufwarten. Als Gerade-noch-Teenies von nebenan überzeugen sie jedenfalls alle.

Unsichtbar aber doch sehr präsent

Die knappen finanziellen Mittel hat sich Mitchell gut eingeteilt. Es gibt vergleichsweise wenige Spezialeffekte, doch diese sind gut gelungen sowie in die Story integriert. In der Regel geht es darum, die Unsichtbarkeit des Verfolgers darzustellen. Vorbei ist die Zeit, in der scheinbar von Geisterhand bewegte Gegenstände an deutlich sichtbaren Zwirnsfäden schaukelten. Die digitale Gegenwart ermöglicht für wenig Geld sichtlich eindrucksvollere Tricks.

Hinzu kommt klassische Handarbeit. So wurde eine übermenschlich große Inkarnation des Verfolgers einfach von einem deutlich über 2 Meter großen Mann verkörpert. Ansonsten setzt Mitchell erneut auf Ideen. Vielleicht nicht unbedingt logisch aber sehr eindrucksvoll wirkt eine Szene, die den Verfolger als nackten Mann auf dem First des Height-Hauses stehend zeigt: Dieses Wesen lässt sich nicht stoppen! Und noch ein Bonus: Es hält die Klappe und demontiert sich nicht selbst durch düster-alberne Ankündigungen anstehender Übeltaten!

Die Spannung wird geschickt aufgebaut und bleibt präsent, obwohl die Handlung für manches moderne Zuschauerhirn erstaunlich langsam abläuft. Tempo würde dieser Geschichte jedoch nicht gerecht; sie wäre geradezu kontraproduktiv. Eine Lebensgefahr wird keinesfalls dadurch entschärft, dass sie sich buchstäblich im Schritttempo nähert. „It Follows“ sorgt für die spannende Bestätigung. Akustisch unterstreicht dies eine gleichermaßen minimalistische wie effektvolle retromusikalische Untermalung, die an frühe Filme von John Carpenter sowie daran erinnert, dass Ökonomie keine Fessel sein muss, sondern ein Anreiz sein kann.

DVD-Features

– Audiokommentar von Filmkritiker Scott Weinberg
– Interview mit Soundtrack-Komponist Disasterpeace
– Trailer

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It Follows
Originaltitel: It Follows (USA 2014)
Regie u. Drehbuch: David Robert Mitchell
Kamera: Mike Gioulakis
Schnitt: Julio C. Perez IV
Musik: Disasterpeace [= Richard Vreeland]
Darsteller: Maika Monroe (Jaimie „Jay“ Height), Keir Gilchrist (Paul), Olivia Luccardi (Yara), Lili Sepe (Kelly Height),  Daniel Zovatto (Greg Hannigan), Jake Weary (Jeff Redmond/„Hugh“), Bailey Spry (Annie), Debbie Williams (Mrs. Height), Ruby Harris (Mrs. Redmond), Leisa Pulido (Mrs. Hannigan), Ele Bardha (Mr. Height) u. a.
Label: Weltkino
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 27.11.2015
EAN: 0888750970695 (DVD)/0888750970794 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 96 min. (Blu-ray: 100 min.)
FSK: 16

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