Jack the Reaper – Jahrmarkt des Grauens

Originaltitel: Jack the Reaper (USA 2011)
Regie u. Drehbuch: Kimberly Seilhamer
Kamera: Reinhart Peschke
Schnitt: Waldemar Centeno
Musik: Deeji Mincey u. Boris Zelkin
Darsteller: Jay Gillespie (Shawn), Tyler Wolfe (Steven), Alexandra Holder (Jesse), Hope Jaymes (Sommer), Andrew Olson (Brian/„Casper“), Richardson Chery (Andre), Jemal Draco (Tyler), Grace Jiyoung Park (Trudy), Christopher Raff (Harold), Amber Zion (Maya), David Beeler (Mr. Smith), Douglas Tait (Railroad Jack), Tony Todd (Mr. Steele), Sally Kirkland (Großmutter) u. a.
Label/Vertrieb: dtp entertainment
Erscheinungsdatum: 26.01.2012
EAN: 4051238007039 (DVD)/4051238007046 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 18 (Achtung: Hauptfilm eigentlich FSK 16!)

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Das geschieht:

An einem Sonntag belädt Mr. Smith, leidgeprüfter Lehrer an der kalifornischen Charon High School, einen Bus mit Schülern, die aufgrund diverser Behinderungen und Verhaltensstörungen oder einfach, weil sie faul und dumm sind, eine wichtige Prüfung in den Sand der Mohawe-Wüste gesetzt haben, die gleich hinter dem Ortsschild beginnt.

Zur Strafe müssen die Übeltäter ein Museum besichtigen, das über die Geschichte der Eisenbahn informiert. Der gruselige Führer Mr. Steele kann die Aufmerksamkeit der mürrischen Gruppe mit spannenden Anekdoten über Eisenbahnunfälle und ihre schaurigen Folgen auf sich ziehen. Außerdem erzählt er von „Railroad Jack“, einem Bahnarbeiter, in den einst ein Dämon fuhr. Er übernahm Jacks Liebe zur Eisenbahn sowie seine Spitzhacke, die seitdem zum Einsatz kommt, wenn Jack wieder einmal ein Blutrausch überkommt.

Wie das Schicksal (nicht nur aber vor allem) im Doppel-Dumm-Kino spielt, hat es Jack heuer auf unsere respektlosen Schüler abgesehen. Er stellt sich dem heimfahrenden Bus in den Weg, worauf der erschrockene Fahrer das Steuer mit den üblichen Folgen verreißt: Unfall, kollektive Bewusstlosigkeit, Erwachen, Orientierungslosigkeit und Streit. Der Bus steckt im Straßengraben fest, Fahrer und Mr. Smith sind verschwunden.

Da nicht allzu weit entfernt die Lichter eines Jahrmarktes locken, begibt sich die Gruppe auf der Suche nach Hilfe dorthin. Obwohl sämtliche Attraktionen in Betrieb sind, ist das Gelände menschenleer. Also folgt man seinem (und ihrem) Spieltrieb, fährt Karussell, Riesenrad oder Geisterbahn. Genauso hat es Railroad Jack, der Herr dieses Jahrmarktes, geplant. Als sich seine ‚Gäste‘ weitläufig über das Gelände verstreut haben, schultert  er die Hacke und begibt sich auf die Jagd. Es dauert seine Zeit, bis die begriffsstutzigen Opfer bemerken, dass ihre Zahl stetig abnimmt. Dann lässt Jack jede Zurückhaltung fahren und schwingt sein Werkzeug offen, was den Panik-Pegel schlagartig ansteigen lässt …

Keine Idee, kein Geld, trotzdem ein Film

Ex-Marine Kimberly Seilhamer erklärte Hollywood (bzw. ihrem Publikum) bereits um die Jahrtausendwende den Krieg. Zunächst schrieb sie Drehbücher, von denen zwei verfilmt wurden. Die Ergebnisse wurden kaum („The Keyman“, 2002) bzw. mit Zorn und Spott („Inside Irvin“, 2004) zur Kenntnis genommen. Nach einer längeren Auszeit beschloss Seilhamer, ihren nächsten Film nicht nur zu schreiben, sondern auch zu inszenieren. Auf diese Weise bewahrheitete sich wieder einmal die alte Weisheit, nach der Talentarmut und Ideenlosigkeit addiert dem Zuschauer nicht einfach doppeltes Ungemach bescheren. Stattdessen erhebt diese Mischung Publikumsqual mindestens ins Quadrat.

13 Tage sollen die Dreharbeiten gedauert haben – eine beachtlich kurze Zeit, zumal zwischendurch ein heißer (aber nicht heftig genug blasender) Wind die Jahrmarkt-Kulissen über die Mohawe-Wüste verteilte. Die dabei eingebüßte Zeit holte man offensichtlich ein, indem man den Dreh beschleunigte und beispielsweise auf die Wiederholung auch jener Szenen verzichtete, die schauspielerischen Einsatz erfordert hätten. Zahlreich waren diese sicher nicht. Dennoch müssen die Darsteller fragen, ob ihr Mindest-Honorar das Risiko wert war, zukünftig mit diesem Machwerk in Verbindung gebracht zu werden.

Schreiben, bis es für 90 Film-Minuten reicht

Die Mehrzahl der hoffnungsvollen aber talentleeren Filmemacher landet im Horrorfilm. Es scheint ja so einfach, Leute nicht nur zu erschrecken, sondern ihnen gleichzeitig das Geld aus den Taschen zu ziehen. Blut muss spritzen – möglichst viel und möglichst hoch. Eine Story schlängelt sich notdürftig zwischen diverse Morde und andere Übeltaten herum. Darsteller sind primär Kanonenfutter für den jeweiligen Strolch, der in der Regel mechanisch mordet, obwohl er seinem persönlichen Fetisch huldigt.

Die Rechnung kann aufgehen, wenn vor und hinter der Kamera ordentlich Gas gegeben wird. So erfreut das Remake von „Evil Dead“ (2013) sogar die Hüter des Horror-Grals. (Gemeint ist das Original von 1982.) An einen Film wie diesen dachte Autorin und Regisseurin Seilhamer vielleicht. In der Realität wurde daraus „Jack the Reaper“: ein trübsinniger Mischmasch, der seine Vorlagen – vor allem „Jeepers Creepers“ (2001) und „Reeker“ (2005) – meist nicht einmal variiert, sondern plump nachahmt.

Bis Railroad Jack endlich die Hacke in die Hand nimmt, vergehen endlose weil handlungsarme Viertelstunden. Zur Abwechslung vergreift sich Seilhamer an „The Breakfast Club“ (1985; „Der Frühstücksclub“), wenn sie in einer unerhört breit ausgewalzten Einleitung die in unser Drama involvierten Figuren am Bus eintreffen lässt. Wir wissen anschließend, dass Jesses Daddy die Finger nicht bei sich behalten kann, Shawn just seine Freundin geschwängert hat, Albino Brian der Sandsack der High-School-Bullys und Maya stumm ist. Dummerweise sind diese Informationen für das Geschehen absolut unerheblich. Aus den traurigen Vorgeschichten der Schüler schlägt Seilhamer keinerlei Nutzen. Wieso vergeudet sie also unsere Zeit damit? Faktisch lassen sich diese Figuren auf die üblichen Klischees reduzieren: Football-Macho, schwarzer Kumpel, reiche Zicke, armes Mäuschen, rothaariger Besen, Fettsack, Freak, Getto-Großmaul.

Ein „Star“ für fünf Minuten

Um etwas zu lernen, fährt Lehrer Smith mit seinen Schäfchen in ein Eisenbahn-Museum. Dies tut er wohl nur, weil Seilhamer dort drehen kann, was das Budget schont. Der Kulisse entspringt die Figur „Railroad Jack“, deren Genese eher schräg als dämonisch wirkt. Hätte Seilhamer eine gastfreundliche Fabrik für Rohre gefunden, wäre Jack womöglich Klempner und würde mit einer Rohrzange zuschlagen.

Im genannten Museum arbeitet ausgerechnet Mr. Steele, vor dem jeder Tourist die Flucht ergreifen würde. Tony Todd gibt wieder einmal die maliziöse Unke, die theatralisch vor drohender Gefahr warnt, sich dabei jedoch so kryptisch äußert, dass niemand ihn versteht. Todd ist seit „Final Destination“ 1, 2 und 5 oder „Hatchet“ 1 und 2 auf diese Rolle quasi abonniert. Für Seilhamer ist dies von Vorteil, denn sie hat weiter keine Funktion für Todd, der außerdem vermutlich zu teuer war, um für mehr als fünf Filmminuten angeheuert zu werden. Immerhin reichte es für eine prominente Nennung auf dem Plakat; bevor Tony Todd sich für Trash verdingen musste, war er immerhin der „Candyman“ – bis 1999 sogar dreimal.

Die Darsteller der ‚Schüler‘ entsprechen zwar altersmäßig ihren Rollenklischees – vor allem Football-As Steven ist so strohdumm, dass man ihm zutraut, mit ca. 30 Jahren noch die High-School-Bank zu drücken –, sind aber ansonsten nicht nur deshalb übel angeschmiert, weil Jack sie niedermetzelt. Falls sie über schauspielerisches Talent verfügen, sparen sie es sorgfältig für lohnendere Projekte auf. Für „Jack the Reaper“ bleiben Schmiere und Hysterie. Vor allem Richardson Chery degeneriert so reibungslos vom gutmütigen Muskelpaket zum kreischend hüpfenden Angsthasen, dass man sich für ihn fremdschämt. Ihm in Sachen Non-Acting besonders hart auf den Fersen sind Tyler Wolfe und Jemal Draco.

Bösewicht auf Schienen

Möglicherweise hoffte Kimberly Seilhamer, mit Railroad Jack einen Kult-Schlitzer geschaffen zu haben, den sie in vielen Fortsetzungen lukrativ wieder auf ihr Publikum loslassen könnte. Daraus wird (hoffentlich) nichts, da dieses Jack jedes einschlägige Potenzial vermissen lässt. Er sieht aus wie eine in weißliche Gummibinden gewickelte Mumie, starrt durch augenlose Höhlen und entblößt schwarzes Zahnwerk hinter einem hämischen Grinsen. Jack spricht nicht, sondern faucht höchstens. Da er bärenstark, unverwundbar und unsterblich ist, fallen die ohnehin zaghaften Raufereien mit seinen Opfern einseitig aus. Am Ende fällt immer die Hacke.

Was freilich im Off geschieht: „Jack the Reaper“ ist ein Slasher ohne Splatter. Wer sich wundert, dass dieser Film hierzulande erst ab 18 Jahren freigegeben wurde: Dies ist einmal mehr ein Rosstäuscher-Trick des Labels! Tatsächlich erhielt „Jack the Reaper“ in Deutschland das „FSK-16“-Siegel und ist selbst dafür noch recht zahm. Um die Blutarmut zu verschleiern, spielte das Label den Trailer für einen FSK-18-Film auf – und schon musste und konnte die knallrote, kundenlockende Marke auf DVD- und Blu-ray-Cover gedruckt werden.

Die bittere Wahrheit sieht anders aus: Meist rennen unsere Schüler kreuz und quer über das Jahrmarkt-Gelände. Schließlich war die Kulisse teuer, weshalb Seilhamer sie oft und gern aber plausibelfrei ins Bild rückt. (Nebenbei: Wieso baut ein Finsterbold, der „Railroad“ Jack genannt wird, einen Rummelplatz als Falle auf? Läge ihm ein Eisenbahndepot nicht näher am schwarzen Herzen?)

Ein Ende ohne Schrecken (oder Sinn)

Während es auf dem Jahrmarkt hoch her geht, hockt Jesse im havarierten Bus: Sie hatte nicht mitgehen wollen. Jack vergisst sie nicht und nimmt sich die Zeit, Jesse dort zwischen seinen Morden zu belästigen, indem er durch die Scheiben glotzt und sich lüstern die Lippen leckt.

Erst später wird deutlich, dass Seilhamer sich hier an der Vorbereitung eines Finaltwists übte. Der ist erwartungsgemäß nicht wirklich überraschend, weil Seilhamer zuvor mehrfach eine Dämonenfrau aus dem Off über ihre hässliche Sippe erzählen ließ. Nur so vermag uns Seilhamer nahezubringen, dass Jack kein irrer Killer, sondern ein böser Geist ist.

Am Ende kehrt die Handlung aus dem Zwischenreich in die ‚Realität‘ zurück. Der Bus hatte einen ‚normalen‘ Unfall. Wer von den Sanitätern gerettet werden kann, erwacht, die Pechvögel erliegen ihren Verletzungen, die ihnen auf einer anderen Existenzebene Jack beigebracht hat. Das letzte Wort hat Mr. Steele, der in der Zeitung von dem Unglück liest und sich freut, korrekt prophezeit zu haben. Darüber entgeht ihm der Sturm der Entrüstung, der in einer anderen Dimension aufkommt: Sobald die Schlusstitel einsetzen, beginnen die Zuschauer zu toben, die zwar nicht ihr Leben, aber doch kostbare anderthalb Stunden davon sinn- weil unterhaltungslos eingebüßt haben.

DVD-Features

Dass „Jack the Reaper“ in jeder Hinsicht ein Billigprodukt ist, das entsprechend lieblos auf den Markt geworfen wird, unterstreicht neben der bescheidenen Bildqualität auch die ‚Synchronisation‘, für die grundlos selbstbewusste ‚Sprecher‘ ihre Dialoge wahlweise tonlos oder nölend vom Blatt ablasen.

Die ‚Extras‘ beschränken sich auf den Original-Trailer und eine Bildergalerie.

Kurzinfo für Ungeduldige: Eine Busladung fauler und dummer Schüler wird durch einen Unfall in eine Art Zwischenhölle geschleudert, wo sie ein augenloser Unhold mit der Spitzhacke über das Gelände eines Jahrmarktes jagt … – Billiger, nicht nur dreist, sondern auch schlecht abgekupferter „Jeepers-Creepers“-Klon ohne Stimmung oder wenigstens gelungene Slasher-Effekte, dafür mit Darstellern der besonders ärgerlichen Art: Humbug.

[md]

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