Jamie Marks Is Dead

Originaltitel: Jamie Marks Is Dead (USA 2014)
Regie u. Drehbuch: Carter Smith (nach dem Roman „One for Sorrow“ von Christopher Barzak)
Kamera: Darren Lew
Schnitt: Eric Nagy
Musik: François-Eudes Chanfrault
Darsteller: Cameron Monaghan (Adam McCormick), Noah Silver (Jamie Marks), Morgan Saylor (Gracie Highsmith), Liv Tyler (Linda McCormick), Ryan Munzert (Aaron McCormick), Judy Greer (Lucy), Madisen Beaty (Frances Wilkinson), Andrew Polk (Mr. Motes) u. a.
Label: Donau Film
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 20.11.2015
EAN: 4260267331194 (DVD)/4260267331217 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Englisch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

In einer (namenlosen) Kleinstadt des US-Staates Ohio findet Gracie, die am Ufer eines Flusses ihrem Hobby – dem Sammeln interessanter Steine – frönt, eine Leiche: Jamie Marks, ohnehin ein Außenseiter, der zu Lebzeiten aufgrund seiner Homosexualität von den Mitschülern besonders grausam gemobbt wurde, ist womöglich einem Mord zum Opfer gefallen.

Außer Gracie grämt sich nur Adam McCormick um Jamie. Als Sportler steht er in der schulischen Hackordnung weit oben. Um seinen Status nicht zu gefährden, ist Adam nie eingeschritten, wenn Jamie wieder einmal gedemütigt wurde. Diese Feigheit bereut er nun bitter. Es treibt ihn an den Fluss und dorthin, wo Jamie starb. Dort lernt Adam Gracie kennen, die sich in ihn verliebt.

Außerdem deckt er Gracies Geheimnis auf: Ihr erscheint der Geist von Jamie Marks! Auch Adam kann ihn sehen – und Jamie ist keineswegs scheu, sondern sofort bereit, Kontakt mit Adam aufzunehmen, den er zu Lebzeiten aus der Ferne heimlich begehrt hat. Das schlechte Gewissen ist stärker als Adams Furcht vor dem Übernatürlichen. Er will Jamie geben, was er zu geben bereit ist: seine Freundschaft. Allerdings hofft Jamie auf mehr: auf Liebe.

Adam beginnt eine Beziehung mit Gracie, die ihn warnt. Sie ahnt, dass Jamie eifersüchtig ist und gefährlich werden kann. Dies bestätigt sich, als Jamie seinen Freund beeindrucken möchte und ihm einen anderen Geist vorstellt: Frances Wilkinson hat ihre Eltern ermordet und sich danach umgebracht. Adam erregt ihren Zorn und wird rachsüchtig von ihr verfolgt. Endlich wird ihm klar, dass ihn seine Nähe zum Jenseits buchstäblich in Teufels Küche bringt, zumal auch Jamie ihn nicht mehr mit Gracie ‚teilen‘ will …

Eine Hölle namens „Jugend“

Es ist nicht leicht, erwachsen zu werden: Was einerseits zu den Binsenweisheiten zählt, kann andererseits kaum bestritten werden. Dies werden vor allem jene Pechvögel bestätigen, die sich auf der ungebutterten Seite des Lebens wiederfinden; Außenseiter wie Jamie Marks, die irgendwie ‚anders‘ und deshalb verdächtig sind. In unserem Fall ist Jamie homosexuell in einem Umfeld, das ‚alternative‘ Lebensentwürfe keineswegs fördert.

Vielleicht wäre Jamie mehr Glück beschieden gewesen, hätte es ihn nicht ausgerechnet in das US-amerikanische Hinterwäldler-Nest verschlagen, dessen Name niemals fällt. Hier sind offensichtlich alle Bürger unglücklich, mürrisch oder aggressiv. Wir sehen ausschließlich hässliche, bereits verfallende Zweckbauten, Industriebrachen, schmutzige Straßen und ungemütliche Wohnbarracken. Die McCormicks gehören eindeutig zur Unterschicht. Ihr ‚Heim‘ ist ärmlich und düster. Das passt ins oben skizzierte Bild einer Stadt, die  keinerlei Lebensfreude ausstrahlt. Folgerichtig haben bereits die Jugendlichen des Ortes jede Hoffnung aufgegeben. Perfektes Beispiel für die daraus resultierende Brutalität und Bitterkeit ist Adams älterer Bruder Aaron, der nicht zufällig meist der Anführer jener Schüler war, die Jamie schurigelten.

Adam gehört dank seines sportlichen Talents zu denen, die in ihrer Schule angesehen sind, statt getreten zu werden. Er schämt sich zwar, weil er durchaus sieht, was Jamie angetan wird, findet jedoch den Mut zum Einschreiten nicht. Generell ist Adam passiv. Er leidet unter der Verachtung seines Bruders und muss sich sogar damit abfinden, dass ausgerechnet die Frau, die seine Mutter betrunken anfuhr und zu einem Leben im Rollstuhl verdammte, sich im Haus der McCormicks einquartiert.

Guter Wille allein löst keine Probleme

Als ihm Jamie als Geist erscheint, glaubt Adam an eine zweite Chance. Er will wiedergutmachen, was er versäumt hat. Daraufhin gerät er vom Regen in die Traufe. Interessanter- und glücklicherweise ist das nicht der Startschuss zu einem horrorfilmtypischen Rache-Szenario. Jamie ist keineswegs daran interessiert, sich an seinen Peinigern zu rächen. Adam soll nicht sein diesseitiger Henkersknecht werden. Stattdessen sucht und sieht Jamie eine andere Chance: Im Leben hat ihn Adam nicht beachtet. Nun kann er dessen schlechtes Gewissen instrumentalisieren.

Adam erkennt durchaus, wie ihm geschieht, und ihm ist nicht wohl dabei. Gegen Jamie, der ihn manipuliert und an sein Schuldbewusstsein appelliert, kommt er freilich lange nicht an. Dabei bringt ihn Jamie in ernste Schwierigkeiten. Adam, der sich mit einem nur ihm sichtbaren Geist einlässt, gerät unfreiwillig in dessen Fahrwasser: Nun rutscht er in die Rolle des Sonderlings.

Für zusätzliche Komplikationen sorgt die aufkeimende Liebe zu Gracie. Sie hat selbst Probleme und erkennt in Adam einen Seelenverwandten. Sie verfügt außerdem über die Entschlossenheit, Jamie, den Geist, aus ihrem Leben zu verbannen: Gracie ist stärker als Adam, der sich auch ihren Launen beugt. Dass er Jamie helfen will, löst nicht das grundsätzliche Problem. Jamie, der Geist, ist nicht Jamie, der Mensch. Adam muss das auf die harte Tour lernen. Immerhin gelingt es ihm, woraufhin er dafür sorgen kann, dass Jamie buchstäblich erlöst wird.

Eine Welt ohne Wärme und Farben

„Jamie Marks Is Dead“ ist ein Film ohne Freude. Dies mag seltsam klingen, aber jeder Zuschauer dürfte dieses Urteil bestätigen. Ungeachtet des halbwegs glücklichen bzw. versöhnlichen Endes ist der Weg dorthin eine echte Herausforderung. Carter Smith, der als Drehbuchautor und Regisseur einen Roman des Schriftstellers Christopher Barzak verfilmte, macht keine Kompromisse. Dazu gehört die Entscheidung, das US-typische „Coming-of-Age“-Drama mit einer Geistergeschichte zu kombinieren, und beides bitterernst zu meinen.

Dies funktioniert, solange man akzeptiert, dass Smith nicht für typische Gruselspannung sorgen will. Jamies geisterhafte Wiederkehr ist symbolisch gemeint; sie steht für die ‚zweite Chance‘, die Adam sich ersehnt. Allerdings weicht Smith selbst das Konzept auf, indem er die Gefahr, die der Kontakt mit dem Jenseits mit sich bringt, nicht auf Jamie zurückführt. Stattdessen taucht ein weiterer Geist auf, der plötzlich ein großes Messer schwingt. Diese Annäherung an den ‚richtigen‘ Horrorfilm stellt einen Bruch dar. Aus dem ernsten, auf Jamie, Adam und Gracie konzentrierten Drama wird klassische Unterhaltung. Wer dies vorzieht und bisher wenig begeistert der scheinbar spannungsarmen Handlung folgte, mag dies begrüßen. Ansonsten muss man diesen Umschwung als Verwässerung betrachten.

Formal ist „Jamie Marks …“ eindrucksvoll. Smith setzt das Wetter, die Landschaft und das Licht höchst wirkungs- bzw. stimmungsvoll ein. Die namenlose Stadt wirkt auch ohne Spuk wie eine Hölle auf Erden. Die Geschichte spielt im Winter, doch Eis und Schnee strahlen hier keinen Zauber aus, sondern spiegeln einfach nur Kälte und Tristesse wider. Dazu passt die Allgegenwart schattiger Farblosigkeit, die durch digitale Entfärbung des Filmmaterials auf die Spitze getrieben wurde.

Das Leben als Last

Die Diskrepanz zwischen Form und Inhalt war schon 2008 ein Hauptkritikpunkt, als Smith 2008 mit dem konventionellen Horrorfilm „The Ruins“ (dt. „Ruinen“) debütierte. Wiederum ist festzustellen, dass Kamera und Filmmusik das Drehbuch in den Schatten stellen. Immerhin hat sich Smith als Regisseur deutlich gesteigert. Für „Jamie Marks Is Dead“ fand er außerdem gute Schauspieler. Cameron Monaghan, Noah Silver und Morgan Saylor sind definitiv keine Hollywood-Teenies, deren Figurenprofile sich in gemimter Dumm- und Geilheit erschöpfen.

Vor Fehlgriffen blieb Smith jedoch nicht gefeit. Ohne Antwort bleibt die Frage, wieso er die nicht nur kleine, sondern auch beliebige Rolle der Linda McCormick ausgerechnet mit Liv Tyler besetzt hat. Steht es um ihre Karriere so schlecht, dass sie solche Rollen übernehmen muss? Die schauspielerische Herausforderung kann sie nicht gelockt haben.

Letztlich liegt es am Zuschauer, der die Botschaft verstehen und annehmen muss, um sie in der zweiten Filmhälfte unter dem offensiver werdenden Horror weiterhin erkennen zu können: Der wahre Schrecken ist nicht Jamies Rückkehr, sondern das Leben, das ihn in den Tod trieb. Im Finale kehrt Smith gerade noch rechtzeitig zur Andeutung zurück. Das zumindest versöhnliche Ende widerspricht der traurigen Geschichte nicht, zumal die Zukunft für Adam und Gracie – man ahnt es nicht nur – kaum rosig aussehen dürfte: Sie kehren in die Welt zurück, die Jamie endlich verlassen durfte. Das ist schwere Kost, die nicht jedem schmecken dürfte sowie keineswegs optimal zubereitet ist. Doch man kann und muss relativieren: „Jamie Marks Is Dead“ ist allemal die bessere Film-Wahl, wenn die Alternativen beispielsweise „Insidious“, „The Conjuring“ oder gar „Annabelle“ heißen!

DVD-Features

Einmal mehr gibt es keine Hintergrundinfos zu einem Film, der sie verdient hätte – und sei es nur, um zu erfahren, was sich Regisseur und Autor Carter Smith dort dachte, wo der Zuschauer ratlos bleibt. Der Trailer ist ein kümmerliches ‚Extra‘. Er passt immerhin zur ‚Qualität‘ einer Synchronfassung, für die offenbar ausschließlich autistische Sprecher angeheuert wurden, die ihre Texte vom Blatt ablesen und dabei mangels empathischer Fähigkeiten notorisch falsch betonen.

Website

Kurzinfo für Ungeduldige: Jamie Marks, den seine Mitschüler brutal mobbten, wird tot aufgefunden. Der sensible Adam macht sich Vorwürfe, woraufhin ihm Jamies Geist erscheint. Adam lässt sich auf dessen ‚Freundschaft‘ ein, was ihn nicht nur isoliert, sondern in Lebensgefahr bringt … – Merkwürdige Mischung aus „ghost story“ und Sozialdrama, dessen schlichter Inhalt durch die eindrucksvolle formale Tristesse und gute Darsteller aufgewertet wird: Wer es realistisch (und SEHR) düster mag, ist hier richtig.

[md]

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