Jersey Devil

Originaltitel: The Barrens (USA 2011)
Regie/Drehbuch: Darren Lynn Bousman
Kamera: Joseph White
Schnitt: Erin Deck
Musik: Bobby Johnston
Darsteller: Stephen Moyer (Richard Vineyard), Mia Kirshner (Cynthia Vineyard), Allie MacDonald (Sadie Vineyard), Peter DaCunha (Danny Vineyard), Shawn Ashmore (Dale), Erik Knudsen (Ryan), Athena Karkanis (Erica), Max Topplin (Zach), Demore Barnes (Deputy Ranger), Naomi Snieckus (Monica), J. LaRose (Ranger Bob), David Keeley (Sheriff Winters), Marty Adams (Peter Luther) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 07.12.2012
EAN: 4013549043885 (DVD)/4013549040983 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1.85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 93 min. (Blu-ray: 97 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Richard Vineyard hat nach dem Tod seiner Frau wieder geheiratet. Während Sohn Danny Stiefmutter Cynthia ins Herz zu schließen beginnt, kann Tochter Sadie die ‚neue Frau‘ nicht leiden. Um die junge Familie miteinander zu versöhnen, plant Richard eine Campingtour in die Pine Barrons; hier hat er früher mit seinem Vater schöne Tage verbracht. Da Richard aktuell die Asche des inzwischen verstorbenen Vaters in den Barrons verstreuen will, beugt sich sogar Sadie seinem Entschluss, obwohl sie wie jeder 16-jährige Teenager die Wildnis hasst.

Die Pine Barrons sind ein riesiges Waldgebiet in der Küstenregion des US-Staates New Jersey. Obwohl es seit Jahrhunderten besiedelt ist, hat es seine Ursprünglichkeit bewahren können. Zu den zahllosen Legenden über die Barrons gehört die Geschichte vom „Jersey Devil“, eine angeblich vier Jahrhunderten dem Teufel geborene, geflügelte Kreatur, die in den Wäldern haust und unvorsichtige Wanderer frisst. Der Tourismus liebt diese Legende, die zusätzlich gruselfreudige Besucher lockt. Richard ist weniger begeistert; er meint den Teufel als Kind einmal gesehen zu haben, weshalb er ungern hört, was ihm ein Ranger anvertraut: Ein Bär soll in den Barrons umgehen. Gerade habe er zwei Touristen umgebracht. Vorsicht ist also geboten.

Die Familienzusammenführung steht unter keinem günstigen Stern. Vor allem Sadie treibt sich lieber mit gleichaltrigen Campern männlichen Geschlechts herum. Außerdem hat Richard der Familie verschwiegen, dass er vor einigen Tagen vom schaumschnauzigen Familienhund gebissen wurde. Die Wunde hat sich entzündet, Richard fiebert. Sobald die Familie sich tief im Wald einen neuen Zeltplatz gesucht hat, beginnt er sich zunehmend irrationaler zu benehmen und vor dem Teufel zu warnen. Als aufgeschlitzte Leichen im Unterholz gefunden werden, stellt sich Cynthia die Frage, wie verrückt und gefährlich Richard wirklich geworden ist …

Der Fluch des frühen Erfolgs

2005 bekam Darren Lynn Bousman nach dem Abschluss eines Filmstudiums seine Chance und nutzte sie: Weil James Wan, Autor und Regisseur des Sensations-Erfolgs „Saw“ (2004), die obligatorische Fortsetzung nicht mehr selbst inszenieren wollte, sprang er in die Bresche. „Saw II“ wurde sein Spielfilm-Debüt. Es stabilisierte das junge Franchise, und Bousman führte auch in den nächsten beiden „Saw“-Episoden Regie.

Seitdem ist sein Name untrennbar und womöglich auf ewig mit einer der erfolgreichsten Horrorfilm-Serie aller Zeiten verbunden. Darüber hinaus ist Bousman ein ehrgeiziger und fleißiger Filmemacher, der den frühen Ruhm nutzt, um inzwischen außerhalb des „Saw“-Dunstkreises eigene Werke zu realisieren. Das Interesse des Genre-Publikums ist ihm gewiss, was Segen und Fluch gleichzeitig sein könnte: Bisher ist es Bousman nicht (mehr) gelungen, seinem Ruf als Hoffnung des modernen Horrorfilms gerecht zu werden. „Repo! The Generic Opera“ (2008) war vor allem ein schräger Insider-Witz, das Remake des Kult-Slashers „Mother’s Day“ (2010) unentschuldbar zahm, und „11-11-11 – Das Tor zur Hölle“ ein verworrenes, pseudo-religiöses Ärgernis.

Auch „Jersey Devil“ kann diese Folge nur halbgarer Gruselfilme nicht beenden. Einmal mehr zeigt sich, dass Bousman, der Regisseur, dem gleichnamigen Drehbuchautor eindeutig überlegen ist. Mit offensichtlichem Ehrgeiz und dem Willen, etwas Großes zu schaffen, stürzte sich Bousman in sein Projekt. Herausgekommen ist bei nüchterner Betrachtung – die sich automatisch einstellt, je länger man der Handlung von „Jersey Devil“ folgt – reiner Durchschnitts-Horror.

Spagat mit zu weit gespreizten Beinen

Zum grundsätzlichen Problem wird ein Drehbuch, das sich (absichtlich) lange nicht entscheiden kann. Da haben wir einerseits den Schauplatz: die Pine Barrons, in denen angeblich eine fledermausartige Kreatur umgeht. Hierher kommen die Vineyards, deren Oberhaupt wahrscheinlich von einem tollwütigen Hund gebissen wurde. Aus dieser Konstellation resultieren drei mögliche Handlungsstränge: 1.) Der Jersey Devil existiert. 2.) Richard halluziniert in zunehmendem Wahnsinn vom Jersey Devil. 3.) Richard halluziniert, und unabhängig davon existiert der Jersey Devil.

Bousman kann sich lange nicht entscheiden bzw. will mit zwei Plots in einem Film auf Nummer Sicher gehen. Das Ergebnis ist weder Fisch noch Fleisch, zumal der horrorfilmerfahrene Zuschauer recht bald ahnt, dass Bousman auf einen ‚realen‘ Teufel nicht verzichten wird, denn er widmet sich den Schwierigkeiten der Familie Vineyard ebenso ausführlich wie der Historie des Teufels. Während am Lagerfeuer die Geschichte seiner ‚Geburt‘ erzählt wird, sehen wir entsprechende Filmszenen.

Auf diese Weise schwankt das Geschehen zwischen Drama und Horror, wird aber beidem nicht gerecht. Zurück bleibt ein unzufriedenes Publikum, das im letzten Viertel mit einem allzu abrupten Bruch der bisher favorisierten Handlung sowie einem Klischee-Finale inklusive kitschiger Beschwörung bisher erfolgreich mit Füßen getretener „family values“ im Angesicht des Todes konfrontiert wird.

Eine schreckliche, nette Familie

Vater, Stiefmutter, rebellische Teenager-Tochter, kindergartentauglicher Kronprinz: Wer glaubt, Bousman werde die daraus resultierenden Verwicklungen wenigstens variieren, wird schnell eines Schlechteren belehrt. Die Vineyards sind eine Hollywood-Familie nach Schema F. Das beginnt mit dem einsam gefällten Schluss des Oberhauptes, seine Familie in einen verregneten Wald zu verschleppen, in den niemand ihn freiwillig begleiten würde. Als Alibi und moralische Keule trägt Richard im Rucksack die Urne mit Opas Asche, die er dort verstreuen will, wo man einst gemeinsam gezeltet und dabei familiär wertvolle Gespräche geführt hat.

Da Richard just an dieser Stelle einst der Jersey Devil erschien und ihm Todesangst einjagte, fragt sich der Zuschauer, wieso er seine Lieben exakt an diesen Ort bringt. Solche Drehbuchschwächen sind so häufig, dass sie sich nicht mit Richards Tollwut-Fantasien erklären lassen (die übrigens pünktlich erst nach der Ankunft in den Barrens ausbrechen). Nunmehr muss sich ein schauspielerisch deutlich überforderter Stephen Moyer abmühen, zwischen Irrsinn und Vernunft zu schwanken, damit er seine Sippe abwechselnd erschrecken und retten kann.

Ohne eigenes Profil arbeitet Mia Kirshner routiniert die Rolle der guten Stiefmutter ab. Wie der Zufall spielt, ist sie Krankenschwester, offenbar aber keine Leuchte in ihrem Job. Mit dem geliebten Richard schläft sie jedenfalls nicht in einem Bett; wie sonst könnte er viele Tage eine klaffende, nässende Wunde in seinem Arm vor ihr verbergen? Allie MacDonald mimt im Knappst-Röckchen und mit waschbärschwarz umschminkten Augen die rollige Jung-Zicke, die magnetisch jedem Testosteron-Hauch folgt. Peter DaCunha schaut als Küken Danny schon vor Ankunft in den Barrens chronisch besorgt in die Welt, deren Feindseligkeit Bousman mit ausgelaugten Tricks – u. a. schafft es ein vom Teufel zerschlitzter Hirsch gerade noch, den Vineyards blutend vor den Wagen zu torkeln – ‚andeutet‘.

Die Wiege des Teufels

Die Pine Barrons sind prinzipiell der ideale Schauplatz für eine Gruselgeschichte, die sich um halbvergessene Mythen rankt. Der Wald erstreckt sich urwüchsig und wipfeldicht über ein Gebiet, in dem man sich problemfrei verirren und umkommen kann, wenn man die ausgewiesenen Pfade verlässt. New Jersey ist in dieser Region immer ländlich geblieben; das ohnehin harte Leben wurde vor allem in der Vergangenheit durch die Nähe zum potenziell gefährlichen Wald geprägt. Extremes Wetter, unwegsames Terrain und natürlich unfreundliche Großtiere wie Bären, Pumas oder Wölfe stellten reale Bedrohungen ein. Hinzu kam eine Atmosphäre misstrauischen Aberglaubens. Geister und Teufel boten keinen Anlass für Gruselgeschichten am abendlichen Lagerfeuer, sondern wurden als existent vorausgesetzt.

So gibt es die Legende vom „Jersey Devil“ tatsächlich. Bousman baut sie in ihren verschiedenen Varianten in die Handlung ein. Auch die Gestalt orientiert sich an den Überlieferungen. Der Teufel ist eine seltsame Kreatur: zweifüßig, geflügelt und mit einem Pferdeschädel, der indes mit scharfen Zähnen besetzt ist.

Eine Frage kann auch Bousman nicht beantworten: Falls es der Teufel ist, der das beschriebene Wesen ‚beseelt‘, wieso beschränkt er sich darauf, vier Jahrhunderte durch das Dickicht zu stolpern und Wandersleute anzufallen? Interessant ist auch dies: Der Teufel murkst seit Jahr & Tag Touristen ab; wie sonst hätte ihn beispielsweise der junge Richard zu Gesicht bekommen können? Trotzdem strömen die Camper in den Wald. Die Tourismus-Branche muss in New Jersey eine gute Lobby haben, wenn sie tödliche Zwischenfälle stets einem marodierenden Bären in die Tatzen schieben kann.

Der Teufel im Detail

Viel Geld stand Bousman nicht zur Verfügung. So mussten die Campingplatz-Szenen an nur einem Tag abgedreht werden, weshalb sie wirken, als seien sie in einem x-beliebigen Tannenwäldchen entstanden. Von der natürlichen oder archaischen Bedrohlichkeit, die Bousman den Barrens unterstellt, ist nur in wenigen, von Kunstnebel durchwaberten Szenen etwas zu spüren.

Tricktechnisch ist der Jersey Devil übrigens keine Offenbarung. Die Kreatur ist eine lebensgroße, animatronisch eher schlecht als recht bewegte Figur, die offenbar über einen kleinen Bagger gestülpt wurde; mehr als das Hin- und Herwerfen des Schädels und ein bisschen Flügelwackeln ist jedenfalls nicht drin. Manchmal soll digitale Unterstützung teuflische Beweglichkeit suggerieren. Die mindere Qualität auch dieser Effekte kann dies nicht leisten. Sie werden zum Nagel im Sarg eines Films, der mit zu großem Ehrgeiz seine kleine Geschichte erzählen will und sie unter Hollywoods Küchen-Psychologie, müdem Buh!-Schrecken und einem mechanischen Alt-Monster aus den 1980er Jahren begräbt.

DVD-Features

Die traurigen ‚Extras‘ beschränken sich auf den originalen bzw. deutschen Trailer. Dabei hätte sich der Zuschauer über Hintergrund-Infos zum „Jersey Devil“-Phänomen sicherlich gefreut.

Man sollte übrigens nicht wie üblich abschalten, wenn die Schlusstitel zu laufen beginnen. Ist die endlose Parade von Namen geschafft, wird „Jersey Devil“ zur eigenen Fortsetzung. Um der Dramatik willen kappte Bousman ein bereits gedrehtes Ende, das die überlebende Sadie zeigt, die mit einigen Einheimischen schwer bewaffnet auf einen Rachefeldzug in die Barrens zieht. Das ist erst recht unlogisch und deutet hoffentlich nicht „Jersey Devil II“ an!

[md]

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