Als Untote Kubas Hauptstadt Havanna überrennen, nutzen Lebenskünstler Juan und einige Freunde die Gelegenheit, sich ein wenig Geld als Zombie-Jäger zu verdienen … – Zwar geht der Geschichte rasch die Luft aus, doch das exotische Ambiente, die gut ausgewählten Darsteller und einige nicht nur gelungene, sondern hin und wieder auch respektlose Gags sorgen für meist amüsante Unterhaltung.

Das geschieht:

Ein halbes Jahrhundert nach Fidel Castros glorreicher Revolution ist Kuba zum Armenhaus der Karibik herabgesunken. In der verfallenden Hauptstadt Havanna schlägt sich Schlitzohr Juan wie so viele seiner Mitbürger mit Gelegenheitsjobs und kleinen Gaunereien durch. Mit seinem Kumpel Lazaro lässt er sich durch ein Leben treiben, das ihm trotz aller kubatypischen Katastrophen gut gefällt. Nur dass Tochter Camila ihn als miserablen Vater ablehnt, macht Juan zu schaffen.

Eines beliebigen Tages bricht in Havanna eine Seuche aus, die ihre Opfer in menschenfressende Zombies verwandelt. Binnen kurzer Zeit haben die „Dissidenten“, wie das Regime sie nennt, die Stadt in einen Ort der lebenden Toten verwandelt. Mittendrin sitzen Juan und Lazaro mit einigen Freunden auf dem Flachdach eines bröckeligen Hochhauses gefangen.

Nachdem Juan seine Tochter retten konnte, kommt ihm die Idee, sich als Zombie-Jäger zu verdingen. Man kann ihn und seine Gefährten anheuern, um untote Verwandte zu ‚erlösen‘ oder ein Haus von Zombies zu ‚reinigen‘, was mit Hilfe eines großen Paddels (Juan), einer Harpune (Lazaro) sowie anderer improvisierter aber wirkungsvoller Waffen geschieht.

Leider sind weder Juan noch seine Truppe Geistesriesen. Die meisten Einsätze enden im Chaos; meist liegen am Ende nicht nur die Zombies, sondern auch die Auftraggeber regungslos am Boden. Außerdem beginnen die Untoten allmählich die Oberhand zu gewinnen. Jeglicher offizielle Widerstand bricht zusammen, Anarchie regiert. Es wird höchste Zeit, Havanna zu verlassen. Freilich ist die Gruppe auf der Flucht ebenso ungeschickt wie auf der Jagd. Die Odyssee durch das verwüstete Havanna wird deshalb zum Spießrutenlauf, dessen Ende unheilvoll feststeht: Am Ufer des Golfs von Mexiko werden Juan und seine Freunde anhalten und sich etwas einfallen lassen müssen …

Anderer Ort aber entsprechende Handlung

Schon der Titel ist Programm und kündet von (beinahe) entwaffnender Ehrlichkeit: „Juan of the Dead“ ist  ein Klon der britischen Erfolgs-Komödie „Shaun of the Dead“. Das originale Kino-Plakat kopiert die entsprechende Vorlage ganz offen, die Handlung ist in der Tat deckungsgleich: Eine Gruppe gesellschaftlicher Außenseiter gerät unter Zombies. Statt sich der kollektiven Panik anzuschließen, fahren sie den Nerd-Sektor ihrer ansonsten eher klein geratenen Hirne hoch und versuchen, auf ihre Weise das Beste aus der Situation zu machen. Da sie sich dabei betont trantütig anstellen, wird der Zuschauer zum lachenden Dritten.

Dieses Mal spielt sich das Geschehen nicht in London ab, sondern in Havanna, der Hauptstadt Kubas. Das lässt selbst den von geschichtlichem Vorwissen gänzlich unbeleckten Zeitgenossen aufhorchen, ist doch dieser Inselstaat bisher weder durch Horrorfilme noch durch Komödien bekannt geworden. Der Schrecken ist wie in jeder Diktatur real, und Fidel Castro ist nur komisch, wenn man außerhalb seiner Reichweite leben kann. Üblicherweise sind Diktatoren manisch stolz auf das angeblich Geleistete sowie humorlos, weshalb sie nicht einmal scherzhafte Rüffel dulden, hinter denen sie nicht selten zu Recht (s. u.) echte Kritik argwöhnen.

Betrachten wir „Juan of the Dead“ zunächst als reine Horror-Komödie. Lässt man den Exotik-Faktor einmal beiseite, kommt hinter dem grell und werbewirksam behaupteten „Kultfilm“ eine leidlich gelungene Produktion zum Vorschein, die vor allen in der ersten halben Stunde punkten kann. Die Kulisse Havanna schafft Schauwerte, die zunächst von der Handlung ablenken bzw. sie ersetzen. Dann jedoch beginnt sich abzuzeichnen, dass dieser Film zwar in einer fremdartigen Welt spielt, die Handlung jedoch kaum Überraschungen bietet.

Zombies sind globale Wesen

Die Gags sind bekannt und können höchstens dort für Komik sorgen, wo sie dem Umfeld angepasst wurden. So werden mehrfach Ausschnitte aus Nachrichten-Sendungen des staatlich gelenkten Fernsehens eingeblendet, in denen ein strikt den Regime-Vorgaben folgender Moderator den Zuschauern die Zombies todernst als „von den USA gesteuerte Dissidenten“ verkaufen will. Ähnlich witzig sind Szenen, in denen Untote an historisch relevanten Orten und unter hoch aufragenden, an Castros „revolución“ erinnernden Denkmälern ihr Unwesen treiben.

Ansonsten werden die üblichen Scherze auf Kosten von Zombies durchexerziert. Solange ihr Hirn nicht aus dem Schädel quillt, sind sie praktisch nicht kleinzukriegen, was Juan und seine Kumpane nur aufreizend langsam begreifen. Immerhin sorgt dies für einige hübsche Ekel-Effekte, an denen der Film – obwohl ab 16 Jahren freigegeben – generell erfreulich reich ist.

Leider scheint auch Regisseur und Drehbuchautor Alejandro Brugués sich primär an der Kombination „Shaun of the Dead in Kuba“ zu ergötzen. Das bringt die Handlung über das erste Drittel, doch dann zerfällt sie in eine mehr oder weniger – zunehmend weniger – gelungene Gag-Revue, die einen roten Faden schmerzlich vermissen lässt. Zwar werden weiterhin Zombies abgeschlachtet, aber auch das verliert auf Dauer seinen Unterhaltungswert.

Liebenswerte Loser als Überlebenskünstler

Mit Alexis Díaz de Villegas und Jorge Molina fand Brugués zwei Schauspieler, die ihre Rollen nicht nur mimen, sondern ihnen Leben einhauchen. Juan und Lazaro sind weniger Loser als Überlebenskünstler in einem System, das seinen Bürgern den Wettbewerbsgeist austreiben wollte. Sie repräsentieren das Ergebnis aber keineswegs sozialistische Musterbürger. Die gibt es selten, und inzwischen zollen dem sogar die revolutionären Bunkerköpfe Kubas Tribut.

Stattdessen herrscht allgemeine Gleichgültigkeit: Wenn alles allen gehört und niemand mehr etwas besitzen darf, fühlt sich niemand verantwortlich. So sieht Havanna auch aus – einstige Pracht, die seit 1959 vor sich hin rottet, und sozialistische Einheitsbauten, die ebenfalls zerfallen und zudem an Hässlichkeit schwer zu überbieten sind. Der Mangel ist zum Dauerzustand geworden, und Menschen wie Juan haben sich dem angepasst: Improvisation lautet die Devise. Die Zombie-Apokalypse ist für ihn deshalb keine Katastrophe, sondern nur ein weiterer Knüppel, der ihm zwischen die Beine geworfen wird. Deshalb ist nicht Flucht die erste Reaktion, sondern die Frage, wie sich aus der Untoten-Invasion geldwerter Vorteil schlagen lässt.

Die nächste Generation hat sich dem staatlich verursachten Laissez-faire wie Lazaros Sohn Vladi entweder angeschlossen oder ist wie Juans Tochter Camila ausgebrochen. Auf diese Weise kündigt sich Kubas Zukunft an: Die sozialistische Zuflucht vor dem globalen Kapitalismus bleibt entweder bestehen oder wird zusammenbrechen, was mit dem Verlust der Heimat bezahlt werden muss.

Es gibt also durchaus Untertöne

Da jubelt die Filmkritik, und die strenge Zensur lockert sich: Filme aus sogenannten „Entwicklungsländern“ können mit einem Bonus rechnen. Dies gilt vor allem, wenn sie aus Staaten stammen, in denen Diktatoren einem geknechteten aber nicht zum Schweigen gebrachten Volk die Sporen geben. Gierig fahnden entsprechend gepolte Kritiker nach Respektlosigkeiten, mit denen regimeferne Filmemacher ihrem gerechten Zorn verschlüsselt Ausdruck verleihen: Dies adelt Unterhaltung zur (politischen) Kunst.

Natürlich sind Filme mit entsprechender Sprengkraft rar gesät, denn auch Diktatoren sind selten so dumm, dass sie entsprechende Zweideutigkeiten übersähen. Auf Fidel Castro dürfte dies erst recht nicht zutreffen. Seit er aus Gesundheitsgründen 2006 politisch ins zweite Glied zurückgetreten ist, darf Bruder Raúl als neuer Präsident der Republik Kuba den Unzufriedenen unter den Bürger ein wenig mehr Freiraum gewähren, damit diese Dampf ablassen können und hoffentlich von weitergehenden Protesten Abstand nehmen. In diesem Licht scheint auch „Juan of the Dead“ eine die Handlung unterfütternde Systemkritik zu vermitteln. Sie kommt nicht mit der üblichen Bleischwere daher, sondern im Gewand der Komödie, die seit jeher eine Heimat für offene Worte bietet: Der Hofnarr darf aussprechen, was der Bürger höchstens denken kann.

Also darf auch der Durchschnitts-Zuschauer über gut abgehangene Witze lachen, während der Unterton-Forscher sich an Details delektiert, die ihm die gerade skizzierte Bedeutungsschwere suggerieren: Ein abstürzender Hubschrauber bringt ausgerechnet die Kuppel des Kapitols in der Altstadt von Havanna zur Explosion, ein erbittertes Gefecht mit Zombies tobt auf dem ehrwürdigen „Platz der Revolution“, der im Vorspann buchstäblich auftauchende Untote steckt in der Gefängniskleidung des berüchtigten US-Gefangenenlagers Guantanamo; es steht auf einem Gelände, das – Treppenwitz der Weltgeschichte – die Vereinigten Staaten ausgerechnet vom Erzfeind Kuba gepachtet haben.

Der Teufel steckt im Detail

Freilich wird diese Darstellungsfreiheit (zweifellos geschickt) immer wieder relativiert. Vor allem der Schluss ist ein Manifest: Juan bleibt auf Kuba zurück. Er zählt er die Rückschläge der vergangenen Jahrzehnte auf. Trotzdem kehrt er Kuba = der (sozialistischen) Heimat nicht den Rücken, sondern bleibt und stellt sich den Zombies = den realen Schwierigkeiten. „Ich bin Juan, und alles, was ich will, ist eine Chance“, schleudert er den Untoten trotzig entgegen.

Propaganda kann durchaus leichtfüßig daherkommen; sie funktioniert dann sogar besser. Dass Juan & Co. den Zombies gern an Brennpunkten einer glorreichen Vergangenheit (s. o.) die Schädel spalten, bringt den Zuschauern diese gleichzeitig vor die Augen und ins Gedächtnis. (Realiter durfte Brugués diese Stätten natürlich nicht entweihen; sie wurden den Zombie-Schlachten einmontiert.) Havanna = Kuba mag zerbröckeln, ist aber noch quicklebendig und funktionstüchtig.

Um diesen Film (und seine Botschaft) möglichst erfolgreich in die Welt zu tragen, wurde einiger Aufwand getrieben. „Juan of the Dead“ ist nie die Hinterhof-Bastelei einer Schar enthusiastischer Horrorfans, sondern eine professionelle Produktion. Zwar mögen die CGI-Effekte nicht immer auf höchstem Niveau gelungen sein, in ihrer Mehrzahl wirken sie jedoch überzeugend. Zudem steckt der Regisseur einen beachtlichen Rahmen ab: Die Handlung beschränkt sich keineswegs auf einen Straßenzug. Quadratmetergewaltige Flächen werden mehr als einmal mit ganzen Zombie-Heeren bevölkert. Deren Make-up ist in den Massenszenen verständlicherweise eher oberflächlich aber sorgfältig. Dazwischen tummeln sich detailfroh verwesende Untote, denen gern diverse Körperteile fehlen.

Einfach komisch reicht wohl nicht

Unterm Strich ist „Juan of the Dead“ ein qualitativ unbeständiger aber insgesamt durchschnittlich unterhaltender Film. Unnötigen Schaden nimmt er durch eine Werbung, die sich einerseits aufdringlich an den ungleich gelungeneren „Shaun of the Dead“ anhängt, während sie uns andererseits den Schauplatz Kuba als Brutstätte einer exotischen und schon deshalb besonders gelungenen Horror-Komödie verkaufen will. Das eine ist unnötig und kontraproduktiv, das andere nur dreist: Allein eine ungewöhnliche Umgebung mit entsprechenden Bewohnern lässt Komik nicht komischer wirken, sondern schnell zum Klamauk gerinnen.

Es übertüncht auch nicht die sehr bedingt witzigen Klischees, die Brugués allzu oft bemüht: Schwiegermütter sind Monster, Schwule tuntig und laut, nackte Männer ulkig, und als „running gag“ geht Lazaros Harpune stets dann los, wenn er sie besser gesichert haben sollte. Camila mutiert zur (pummeligen) Lara Croft, ein riesenhafter Muskelprotz fällt stets in Ohnmacht, wenn er Blut sieht, und in einer bizarren Szene taucht ein Schotte (oder Australier?) in Kilt und knielangen Wollstrümpfen auf.

„Juan of the Dead“ ist weder „Kult“ noch zukünftiger „Klassiker“, sondern eine nie geniale aber weitgehend gelungene Horror-Komödie. DAS ist die für die Mehrheit der Zuschauer relevante Information, die hiermit abschließend verkündet wurde.

DVD-Features

Wieder einmal gaukeln die Extras eine Feature-Vielfalt vor, die sich bei näherer Betrachtung in Nichts auflöst. Die einzelnen Beiträge (Proben mit den Schauspielern, Make-Up & Effekte, Dreharbeiten) sind minutenkurz und wenig aussagekräftig, die Interviews wie üblich Erinnerungen an die Dreharbeiten als beste Zeit in den Leben der vor und hinter der Kamera am Film beteiligten Personen. Dazu kommt der ohnehin zu Werbezwecken produzierte Trailer.

Welcher Sinn hinter dem Angebot eines „Mediabooks“ stecken mag, das DVD und Blu-ray im Doppelpack enthält, will sich dem Rezensenten vor allem bei einem Film wie diesem nicht erschließen.

Copyright © 2012/2016 by Michael Drewniok, all rights reserved

Juan of the Dead
Originaltitel: Juan de los Muertos (Kuba/Spanien 2011)
Regie u. Drehbuch: Alejandro Brugués
Kamera: Carles Gusi
Schnitt: Mercedes Cantero
Darsteller: Alexis Díaz de Villegas (Juan), Jorge Molina (Lazaro), Andrea Duro (Camila), Andros Perugorría (Vladi California), Jazz Vilá (La China), Eliecer Ramírez (El Primo), Antonio Dechent (Father Jones), Blanca Rosa Blanco (Sara), Elsa Camp (Yiya), Susana Pous (Lucía) uva.
Label: Pandastorm Pictures
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 25.09.2012
EAN: 4048317375172 (DVD) bzw. 4048317475179 (Blu-ray) bzw. 4048317775170 (Mediabook)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 96 min.)
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)
Titel bei Amazon.de (Mediabook)

Cockneys vs. Zombies

Grabbers

Witching & Bitching

Stolz und Vorteil & Zombies