Julia’s Eyes

Originaltitel: Los ojos de Julia (Spanien 2010)
Regie: Guillem Morales
Drehbuch: Guillem Morales u. Oriol Paulo
Kamera: Óscar Faura
Schnitt: Joan Manel Vilaseca
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Belén Rueda (Julia/Sara), Lluís Homar (Isaac), Pablo Derqui (Iván), Drancesc Orella (Inspector Dimas), Joan Dalmau (Créspulo), Daniel Grao (Dr. Román), Clara Segura (Mina), Boris Ruiz (Blasco), Andrea Hermosa (Lía), Julia Gutiérrez Caba (Senora Soledad) u. a.
Label/Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 05.07.2011 (DVD/Blu-ray)
EAN: 4006680058900 (DVD) bzw. 4006680058917 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 112 min. (Blu-ray: 117 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Bei einem ihrer seltenen Besuche findet Julia ihre Zwillingsschwester Sara erhängt im Keller. Sara litt unter einer Degenerationskrankheit, die sie ihr Augenlicht kostete. Offenbar hat sie dies nicht verkraftet und sich in einem depressiven Anfall umgebracht. Julia, die ebenfalls unter der Krankheit leidet, die bei ihr noch nicht so weit fortgeschritten ist, will nicht an diese von der Polizei und Isaac, ihrem besorgten Gatten, vertretene Theorie glauben; sie fürchtet insgeheim, wie ihre Schwester zu enden, sollte auch sie erblinden.

Deshalb durchsucht Julia die Hinterlassenschaften der Schwester und findet Hinweise auf eine kürzlich unternommene Reise. Von Isaac widerwillig begleitet, setzt sie sich auf Saras Spur und entdeckt, dass diese mit einem Mann zusammen war, an dessen Gesicht oder Gestalt sich seltsamerweise niemand erinnern kann. Ein alter Mann warnt vor den „Schatten“, die so unauffällig geworden sind, dass sie von ihren Mitmenschen nicht mehr wahrgenommen werden und quasi unsichtbar auch gegen das Gesetz verstoßen können.

Saras „Schatten“ wird auf Julia aufmerksam und beginnt sie zu verfolgen. Die Polizei glaubt ihr nicht, und Isaac vermutet eine Täuschung: Durch den Schock beginnt Julia rapide zu erblinden. Auf ihre Augen kann sie sich kaum noch verlassen, und dann steht sie allein da: Auch Isaac baumelt tot in Saras Keller. Die Polizei ermittelt, dass er seit Monaten ein Verhältnis mit Sara unterhielt, und hält Isaac für ihren Reisebegleiter. Jetzt soll er aus Scham und Liebeskummer Selbstmord begangen haben.

Die verzweifelte Julia unterzieht sich einer Hornhauttransplantation, um wieder sehen und ihre Nachforschungen fortsetzen zu können. Auf diese Gelegenheit hat der „Schatten“ gewartet. Die blinde und mit der Blindheit nicht vertraute Julia ist ein ideales Opfer, an das sich der irrsinnige aber schlaue Täter ebenso geschickt wie heimtückisch heranmachen kann …

Licht, Schatten und Dunkelheit

Fast zwei Stunden ist „Julia’s Eyes“ – wer denkt sich bloß immer diese blöden, nichtssagenden denglischen ‚Titel‘ aus? – lang, was einer Filmgeschichte ziemlich viel Raum gibt. In der Tat hätte dieser eine halbe Stunde weniger vermutlich gut getan, denn es wäre nicht die Zeit gewesen, die Handlung quasi zu verdoppeln: Aus einer Mystery-Story wird ein Psycho-Thriller, und das Ergebnis gereicht weder dem einen noch dem anderen Genre und erst recht nicht dem Zuschauer zum Vorteil.

Es ist ein altes bzw. grundsätzliches Problem, dass seine Auflösung einem Rätsel selten gerecht werden kann. Der Weg ist in diesem Fall oft interessanter das Ziel. Stellt sich der Erzähler freilich zu geschickt an, baut er eine Erwartungshaltung auf, die ihn in eine Sackgasse führt. Wie dies aussieht, führt uns Guillem Morales zumindest als Drehbuchautor unfreiwillig vor.

„Julia’s Eyes“ ist in der ersten Hälfte ein Film, dessen Beteiligte vor und hinter der Kamera alles richtig machen. Die Story ist nicht originell, aber sie folgt bewährten Mustern, wird interessant variiert und formal eindrucksvoll umgesetzt. Dass Julia im Laufe ihrer Suche schleichend das Augenlicht verliert, ist ein Haken, an dem der Zuschauer fest hängt: Wie kann sie trotzdem die Spur halten? Die oft subjektive Kamera lässt uns durch Julias schwache Augen in eine farblose, nur noch teilweise sichtbare und bedrohlich gewordene Welt mit ineinander verschwimmenden Details blicken. Morales holt die Leine behutsam ein und lenkt uns in eine Richtung, in die wir ihm gern folgen.

Die in den Schatten leben

„Julia’s Eyes“ ist ein vom mexikanisch-spanischen Regisseur Guillermo del Toro produzierter Film, was im Vorspann gebührend herausgestellt wird: Schließlich ist dies der Mann, der „Hellboy 1 und 2“ oder „Pans Labyrinth“ drehte, während Guillem Morales vermutlich niemand kennt. Die Hand des Meisters wird in gewissen Bildkompositionen deutlich. Vor allem dunkel und drohend in verwegenen Winkeln aufragende Gebäude, der Keller-Irrgarten des alten Hausmeisters oder die bizarre Szene, in der vier blinde Frauen die lauschende Julia ‚wittern‘, erinnern an del Toro. Sie helfen dabei, uns in die Irre und in eine Welt zu führen, in der aus der Realität gefallene Menschen buchstäblich ein Schattendasein fristen.

Dieses Konzept einer seltsamen und potenziell gefährlichen Parallelgesellschaft sorgt für Spannung, zumal es für die Handlung entsprechend eingesetzt wird. In den Tiefen der ohnehin oft in Halbdunkelheit gehaltenen Räume scheint ständig eine unsichtbare Präsenz zu lauern. Manchmal tritt sie gewalttätig in den Vordergrund und sorgt für wohligen Schrecken. Die ‚sehende‘ Welt – hier verkörpert durch Isaac und die Polizei – nimmt sie nicht wahr. Nur Außenseiter wie der Hausmeister oder blinde Menschen, deren übrigen Sinne schärfer arbeiten, ‚durchschauen‘ die Tarnung – und geraten dadurch in Lebensgefahr.

Der Irre vom Dienst übernimmt

Plötzlich verlässt Morales den eingeschlagenen Pfad. Er reißt an der Leine, um im Bild zu bleiben, und zerrt den Zuschauer in gänzlich unerwartete Gewässer. Um dafür Zustimmung zu ernten, müsste die ‚neue‘ Handlung interessanter als die Schattenjagd sein. Leider ist dies nicht der Fall. Der „Schatten“ entpuppt sich als schlauer Stalker.

Als dies deutlich wird, bricht die Spannungskurve ab. Morales bemüht sich nicht ungeschickt um eine Neuorientierung. Das ungleiche Duell zwischen Julia und ihrem Peiniger ist sauber in Szene gesetzt. Es ist nur niemals so faszinierend wie die Heimsuchung durch ein Schattenwesen. Was stattdessen beginnt, ist der tausendfach gesehene Kampf zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘, wobei Julia ihre körperliche Unterlegenheit durch Intelligenz und Tricks wettzumachen sucht. Letztlich landet sie trotzdem bei grober Gewalt, wobei sich die Zeit bis zum Finale spürbar zieht.

Auch die Logik ist nunmehr nur noch marginal anwesend. Vor allem die absurde, jeglicher Wahrscheinlichkeit spottende Beziehung zwischen dem Stalker und Julias Nachbarin versetzt der Handlung einen Schlag unter die Gürtellinie. Und dass grelles Blitzlicht eher blendet als die Orientierung in stockdunklen Räumen zu ermöglichen, weiß der Zuschauer spätestens dann, wenn er vor Leinwand oder Bildschirm dort die Augen schließen muss, wo dem Meuchel-Schurken angeblich heim zum Hals seines Opfers geleuchtet wird.

Das Spiel um Liebe & Lüge

Für die rettende Klammer um die beiden schlecht zueinanderpassenden Filmhälften sorgt das Schauspiel von Belén Rueda. Schon in „El orfanato“ (2007, dt. „Das Waisenhaus“), einer früheren, ungleich besseren Del-Toro-Produktion, hatte sie glänzen und der Handlung eine besondere Intensität verleihen können. Dieses Mal tritt sie sogar in einer Doppelrolle vor die Kamera.

Als Julia ist Rueda jederzeit präsent, in ihrer Rolle gleichzeitig verletzlich und wehrhaft. Sie vermag den Schrecken der verzögerten Erblindung ebenso deutlich zu machen wie die Frustration einer intelligenten und empfindsamen Frau, der man keinen Glauben schenken will. Hartnäckig geht Julia ihren Weg und räumt dabei Hindernisse aus dem Weg: nie Superfrau aber immer überzeugend in ihrem Durchsetzungsvermögen.

Die anderen Figuren können da nicht mithalten, was nicht an den Schauspielern, sondern an einem Drehbuch liegt, das ihnen nicht annähernd so viel Raum gibt wie Julia. Lluís Homar als Gatte Isaac muss primär Liebe und Besorgnis an den Tag legen. Der böse Stalker (dessen Identität an dieser Stelle verschwiegen wird) schlägt sich wacker, kann aber die typischen Grenzen des ebenso wahnsinnigen wie schlauen Fanatikers nicht sprengen. Damit geht es ihm noch deutlich besser als dem bemitleidenswerten Drancesc Orella, der als Inspector Dimas nichts als Tumbheit mimen muss: Hier ist eine Figur eindeutig dümmer, als die Polizei erlauben würde.

Handwerk schlägt Kunst

Unterm Strich sorgt die Handlung in der ersten Hälfte für das Gelingen, während anschließend Hauptdarstellerin Rueda wie Atlas den Film allein schultern muss. Unterstützt wird sie weiterhin von Kameramann Óscar Faura, während Guillem Morales eindeutig die Puste ausgeht. „Julia’s Eyes“ ist ein Film, der deutlich mehr verspricht, als er halten kann. Die Enttäuschung ist groß und beeinflusst das Urteil: Mittelmaß bleibt, was viel mehr hätte werden können und müssen.

Eine besondere Erwähnung verdient allerdings die Bild- und Tonqualität dieses Films, der nicht nur im Kino, sondern auch auf dem heimischen Bildschirm einen Augen- und Ohrenschmaus bietet. Was Kameramann Faura einfiel – es ist wie schon erwähnt beachtlich –, findet seinen Weg auf den DVD-Silberling; dem Rezensenten bleibt darüber hinaus nur die Frage, was erst die Blu-ray dem Zuschauer in dieser Hinsicht bieten mag!

DVD-Features

Zu Trailer und „Making-of“ wurden Interviews mit Guillem Morales, Belén Rueda, Lluis Homar und Guillermo del Torro aufgespielt.

[md]

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