Jurassic Island – Primeval Empire

Originaltitel: Extinction (GB 2014)
Regie: Adam Spinks
Drehbuch: Ben Loyd-Holmes u. Adam Spinks
Kamera: Richard Osborne
Schnitt: Logan Holmes
Darsteller: Sarah Mac (Michelle), Ben Loyd-Holmes (Prof. John Howson), Neil Newbon (Rob), Daniel Caren (James), Emma Lillie Lees (Lisa), Simon Burbage (Tim), Dolores Reynals (Maria), Ross O’Hennessey (Jeff), Ernesto Cantu (Carlos), Angela Peters (Lucy) u. a.
Label/Vertrieb: KSM
Erscheinungsdatum: 18.05.2015
EAN: 4260394332279 (DVD)/4260394332286 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 100 min. (Blu-ray: 104 min.)
FSK: 12

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Das geschieht:

Moderatorin Michelle soll für eine Dokumentation den Zoologen Professor Howson und sein Team auf eine Expedition nach Südamerika begleiten. In Dschungel Perus will der Forscher die Folgen der Umweltzerstörung und -veränderung untersuchen sowie nach unbekannten Tierarten fahnden. Begleitet wird Michelle zu ihrem Kummer von Kameramann James, einem tumben, alle weiblichen Gruppenmitglieder anbaggernden und ausschließlich Plump-‚Witze‘ reißenden Plagegeist, der die Linse vor allem auf die beachtliche Oberweite seiner Kollegin hält, die zu allem Überfluss ein Zelt mit ihm teilen muss.

In Peru begleiten die einheimischen Führer Carlos und Maria die Gruppe auffällig ungern in einen verrufenen Teil des Dschungels. Als man wegen einer Autopanne im Wald übernachten muss, versetzen stampfende Schritte und Gebrüll in der Dunkelheit Carlos so sehr in Panik, dass er sich davonmacht. Die widerstrebende Maria lässt sich überreden, die Expedition fortzusetzen.

Also dringt man weiter in die Wildnis vor und lässt sich auch von weiterem Getöse, lautstarkem Schnüffeln und Röhren im Unterholz nicht abschrecken – ein böser Fehler, als die Verursacher sich endlich zeigen: zweibeinige Dinosaurier mit steakmesserlangen Zähnen springen aus dem Urwald! Maria wusste Bescheid, konnte aber dem Honorar nicht widerstehen, weshalb sie als erstes Opfer im Dino-Magen landet.

Das Lager wird zerstört, die Überlebenden stürmen in wilder Flucht durch den Dschungel. Ohne Waffen, Vorräte oder einen Plan beginnt ein Wettlauf auf Leben und Tod, der dadurch erschwert wird, dass die hungrigen Echsen nicht nur schlau sind, sondern als Rudel zusammenarbeiten, um ihre Opfer systematisch und unermüdlich zu hetzen und schließlich einzukreisen …

Bocksprünge der Evolution

Wenigstens einmal streift diese Geschichte die (naturwissenschaftliche) Realität: Es sind keine ‚echten‘ Dinosaurier, die in Südamerika ihr Unwesen treiben. Auf dieser Erde gibt es keine Winkel, die 65 Mio. Jahre unberührt blieben. Es existieren keine Refugien oder Nischen, in denen die Donnerechsen der Vorzeit überleben konnten. Also behaupten die Drehbuchautoren Ben Loyd-Holmes und Adam Spinks alternativ eine Laune der Evolution, die an geeigneter Stätte einen alten, aber für Peru noch tauglichen Bauplan aus dem Bio-Archiv zog und neue, nur dinosaurierähnliche Echsen entstehen ließ. Für die Story ist dieses Detail übrigens unwichtig, und angesichts der maschinengewehrraschen Bockschüsse, die sich das genannte Autorenduo ansonsten leistet, muss die Sorgfalt an dieser Stelle doppelt wundern.

Bevor wir in diesen Sumpf hinabsteigen, soll jedoch das Positive vermerkt werden, mit dem „Jurassic Island“ ungeachtet einer weltweit vor allem ablehnenden Kritik dienen kann. Wie so oft ist es gerade die Konzentration auf eine betont simple Story, die einem ansonsten inhaltsarmen Film zugutekommt: Eine Expeditionsgruppe gerät unter Saurier, wird dezimiert und muss fliehen – Punkt. Es gibt keine Ablenkungen, d. h. keine an den Haaren herbeigezogenen Intrigen, keine aufgesetzte Liebesgeschichte, keine geknechteten Eingeborenen, die man vor ausländischen Bös-Konzernen retten muss.

Die Abwesenheit solchen Beiwerks ist den Freundes des ‚guten‘, gehaltvollen, eine Botschaft transportierenden Films natürlich ein Graus. In der Tat gehört „Jurassic Island“ zu jenen Werken, die man phasenweise verschlafen kann, ohne beim Erwachen den roten Faden verloren zu haben. Nichtsdestotrotz ist die Jagd ein Plot, der immer fesselt, und selbst im 21. Jahrhundert kann sich jeder Zuschauer mit Pechvögeln identifizieren, denen fressgierige Untiere auf den Fersen sind.

Die Kamera als Auge

Dies wird dadurch unterstützt, dass Regisseur Adam Spinks seinen Film als ‚Dokumentation‘ drehte: Wieder einmal wurde angeblich kaum bearbeitetes Filmmaterial notdürftig in die chronologische Reihenfolge gebracht. Die aneinandergereihten, oft sprung- und lückenhaften Bildsequenzen soll das Publikum im Kopf zu einer Geschichte zusammensetzen.

„Found-Footage“-Filme belegen aber auch den Versuch, mit der offensichtlichen Unvollkommenheit des Materials ein geringes Budget zu vertuschen. Da James‘ Kamera-Arm oft zittert oder er sein Arbeitsgerät sogar hinter sich her durch den Dreck schleift, weil ihm ein Saurier in den Hintern beißen will, können Kosten eingespart werden. Weil es unter den beschriebenen Umständen außerdem logisch wirkt, dass man die fiesen Echsen nur schemenhaft oder teilweise sieht (was aufgrund bohrenden Kopfwehs dank ständiger Kamerawackelei verstärkt wird), konnten die entsprechenden Spezialeffekte sparsam und trotzdem erstaunlich überzeugend umgesetzt werden: Die Saurier sind unbehaglich ‚echt‘, wenn sie durch den Wald auf die Kamera losstürmen!

Das sollten sie auch, denn sie entschädigen das Publikum für die viel zu lange Zeit, die man den Protagonisten dabei zusehen muss, wie sie nach Peru reisen, sich kennenlernen, ständig streiten und dabei durch den ‚Urwald‘ stapfen. Dank der ungenügenden Ablenkung dauert es nicht lange, bis sich der Zuschauer wundert: DAS soll ein abgelegener, unwegsamer, undurchdringlicher tropischer Dschungel sein? Tatsächlich sieht es nach einem sommerlich verregneten Mittelgebirgswald auf der Nordhalbkugel unserer Erde aus, durch den sich ein Pfad für mittelmäßig mutige Mountainbiker schlängelt. Der Verdacht trügt nicht, denn „Jurassic Park“ wurde in West-England – genauer in Wales – gedreht! Hin und wieder schnitt Cutter Logan Holmes einen Affen oder ein Krokodil ein und griff dabei wahrscheinlich auf Bilder aus einem englischen Tierpark zurück.

Sie schlagen & sie lieben sich

Kein Wunder, dass sich ein „Lost-World“-Gefühl partout nicht einstellt. Das zuschauerliche Misstrauen wird durch eine ‚Expedition‘ geschürt, die angeblich in einen nie erforschten Waldwinkel vordringt, aber nur brotbeutelgroße Rücksäcke mit sich trägt, aus denen nichtsdestotrotz Zelte, Forschungsinstrumente und Nahrungsmittel gezogen werden.

Allzu weit vom Expeditionsjeep kann man ohnehin nicht entfernt sein; vermutlich ist man in Schlangenlinien durch den Urwald gezogen. Sobald die Saurier ihnen im Genick sitzen, schaffen die Flüchtlinge jedenfalls den Weg – der sie vorher mehrere Marschtage gekostet hat – zurück zum Wagen binnen weniger Stunden. Dabei sind weitere Opfer zu beklagen, doch hält sich das Mitleid in Grenzen: Hätten die allzu abgebrühten Forscher anders als Michelle und James nicht zwei bereits saurierdurchsetzte Nächte einfach durchschlafen oder wären wenigstens James‘ Bitte gefolgt, sich die Spuren der Kreaturen anzuschauen, die in der Dunkelheit um die Zelte wuselten, hätten sie entwischen können.

Ärgerlicher als der daraus resultierende Schwund ist das Ungeschick der Saurier, denen es nicht gelingt, die lästigsten Figuren zuerst zu schnappen. Also bleiben uns Nerd-Feigling Tim, das glatzköpfige Indiana-Jones-Surrogat Professor Howson (gespielt von Drehbuch-Mitautor Loyd-Holmes persönlich!) und vor allem Kamera-James mit dem Homer-Simpson-Hirn viel zu lange erhalten.

Freilich sind sämtliche Charaktere entweder aufdringlich oder überflüssig. Mitleid können sie jedenfalls nie wecken. Dies gilt auch für Michelle, obwohl sie wenigstens einen erfreulichen Anblick bietet, nachdem sie nur im Nachtgewand das Zelt verlassen und nur im knappen Höschen und Tank-Top die Flucht antreten musste. James ist zwar ebenfalls unter Druck, nimmt sich aber trotzdem gern ein wenig Zeit, diesen Anblick für die Nachwelt festzuhalten. Vielleicht liegt es an dieser liebenswerten Hartnäckigkeit, dass Michelle irgendwann weich wird und Gefühle für James entwickelt, statt ihn den verfolgenden Sauriern als Ablenkung vorzuwerfen, wie es das Publikum favorisieren würde. Möglicherweise kommt als Verursacher auch das Drehbuch in Frage, das die Gruppendynamik ebenfalls im „Found-Footage“-Stil – also sprunghaft (s. o.) behandelt.

Schlimmer? Geht immer!

Während Adam Spinks und seine (eher engagierte als fähige) Truppe für die formalen und vor allem für die Inhaltlichen Defizite verantwortlich zeichnen, können ihnen die dreisten Eskapaden des deutschen Labels, das sich ihres Werkes annahm, nicht angehängt werden. Schon der Titel ist eine Ode an den Gott der Plump-Werbung: „Jurassic Island“ soll daran erinnern, dass bald „Jurassic Park IV“ in die Kinos kommen wird. Womöglich lässt sich der eine oder andere (dumme) Käufer fangen, indem man sich an das „JP“-Franchise und den kommenden Blockbuster anhängt? (Dumm sollte besagter Käufer auch deshalb sein, um sich nicht davon irritieren zu lassen, dass Michelle, James & Co. ihre Saurier keineswegs auf einer „Insel“, sondern dort im Binnenland treffen, wo das Meer kaum ferner sein könnte.)

Um auf Nummer Sicher zu gehen, kommt ein bärenstarker Sekundärtitel dazu: „Primeval Empire“! Das „Imperium“ ist abermals ein sinnloses Füllwort. „Primeval“ soll eine Nähe zur auch in Deutschland recht erfolgreichen TV-Serie „Primeval – Rückkehr der Urzeitmonster“ suggerieren, die sich freilich höchstens in den ebenfalls mit der Heckenschere zugeschnittenen Figuren zeigt. Ansonsten legte die Serie in Sachen Bild und Ton die Messlatte dort auf, wohin diese Produktion sich jederzeit vergeblich streckt.

Immerhin kann man dem auf dem deutschen Cover – das übrigens ein im Film niemals auftauchender Gigant-Saurier mit seitlich seltsam eingedrückter Schnauze ziert – zitierten „Horror Channel“ uneingeschränkt zustimmen: Dies ist „Ein wahrhaft schreckliches Abenteuer“! Aber wir haben schon Schlimmeres überstanden!

DVD-Features

Nachdem den Darstellern die Flucht aus Wales gelang, ist es den Produzenten dieses Films offenbar selbst unter Androhung von Gewalt nicht gelungen, sie zur üblichen Lügen-Show – offiziell ‚Interviews‘ in einen Werbespot namens „Making-of“ – zu zwingen. Also gibt es nur den Trailer und eine Bildergalerie sowie eine krude Website zum Film.

Kurzinfo für Ungeduldige: Auf der Suche nach bisher unbekannten Tierarten gerät eine britische Expedition nicht nur in den peruanischen Urwald, sondern auch ins Visier hungriger Neo-Saurier, die erwartungsgemäß die Gruppe stark dezimieren … – Trotz (oder gerade wegen) haarsträubender Dreistigkeiten – gedreht wurde im ‚Dschungel‘ von Wales! – sowie durchweg nervensägender Protagonisten leidlich spannende „Found-Footage“-Pseudo-Dokumentation mit gut getricksten Groß-Echsen: Das Gütesiegel „Denken nicht erforderlich“ wird vergeben.

[md]

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