Katie Bird – Die Geburt eines Monsters

Originaltitel: KatieBird – *Certifiable Crazy Person (USA 2005)
Regie, Drehbuch, Schnitt: John Paul Ritter
Kamera: Josh Fong
Musik: Daniel Iannantuono
Darsteller: Helene Udy (KatieBird Wilkins), Lee Perkins (Merl „Daddy“ Wilkins), Todd Gordon (Dr. Richardson), Taylor M. Dooley (KatieBird als Teenager), Jun Hee Lee (Kevin), Fay Gauthier (KatieBirds Mutter) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot-Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 06.12.2007 (DVD bzw. DVD/Special Edition)
EAN: 4048317351312 (DVD) bzw. 4048317751310 (DVD/Special Edition)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 71 min. (ungekürzte Fassung: 96 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

KatieBird Wilkins entstammt einer langen Reihe soziopathischer Serienkiller. Väterlich überwacht „Daddy“ Merl das Heranwachsen seiner Tochter, nachdem seine Gattin sich in den Freitod flüchtete. Schon früh rühren sich in KatieBird gewisse Gelüste. Anders als Merl, der ein reiner Foltermörder ist, entwickelt sich seine Tochter zur Sadistin mit ausgeprägtem Hang zum Masochismus, den der Vater verständnislos und sogar ein wenig erschrocken zur Kenntnis nimmt.

Als Kevin, KatieBirds erste Liebe, seine Tochter betrügt, ist für Merl die Zeit gekommen, den Nachwuchs ins Familiengewerbe einzuweihen. Kevin landet in seiner zur Folterkammer umgebauten Werkstatt, und KatieBird lernt die Freuden des Quälens und Mordens kennen. In den nächsten Jahren töten Vater und Tochter traulich Seite an Seite. Das stille Glück endet, als Merl sich beim Angriff auf den Psychiater Dr. Richardson verschätzt und dieser ihm den Schädel einschlägt.

KatieBird ist verzweifelt und sucht einen neuen Daddy. Da Richardson ein Wüstling ist, fällt es ihr leicht, ihn sich hörig zu machen. Richardson will in dieser Beziehung der Bestimmende sein. Damit erregt er KatieBirds Zorn, und wie Richardson schnell begreifen muss, ist es außerordentlich gefährlich, KatieBird wütend zu machen …

Eine (leider) notwendige Einleitung

„Katie Bird“ ist ein Film, der zumindest hierzulande von der Kritik rüde gezaust wurde. Das liegt zum einen an objektiv feststellbaren, weiter unten zu besprechenden Mängeln, zum anderen bzw. vor allem jedoch an der grotesken Rumpffassung, mit der das deutsche Publikum konfrontiert wird: Nach Ansicht der „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK), die in Deutschland (irgendwie …) die Zensur ersetzt hat, bietet die originale „Katie Bird“ ein Feuerwerk gewaltverherrlichender Szenen. Zwar orientierte sich Regisseur und Drehbuchautor John Paul Ritter an einem Konzept, das nicht die intendierte Publikums-Verrohung im Stil eines „torture porn“ anstrebt. Dies zu erkennen war die FSK allerdings nicht in der Lage oder willens. Die Konsequenz: „Katie Bird“, der im Original 96 min. dauert, wurde um 25 min. (!) gekürzt. Es steht außer Frage, dass 71 min. keine Grundlage für eine adäquate Rezension bieten können.

Mit dem Ergebnis muss der deutsche Zuschauer sich immerhin nicht abfinden. Im deutschsprachigen Ausland ist „Katie Bird“ ungeschnitten erhältlich. Diese Rezension basiert auf der 96-minütigen Fassung, die immerhin angeschaut und besprochen werden darf. Nach deutschen Recht bzw. der AGB dieser Website folgend werden im Datenteil jedoch vorsichtshalber ausschließlich Vertriebsfirma und EAN der deutschen Stummel-Version genannt. (Wer in Deutschland Horrorfilme liebt oder über sie schreibt, erlernt solche FSK-erzeugte Schizophrenie rasch. Der durch Erfahrung klug und zornig gewordene Film-Fan weiß ohnehin, wie Abhilfe zu schaffen ist …)

Serienmörder: Real-Phänomen und Schreckgestalt

Während Hannibal Lecter im deutschen Kino, auf DVD und Blu-ray sowie im Fernsehen sadistisch und einfallsreich metzeln darf, enden KatieBird Wilkins mörderische Eskapaden im Giftschrank der FSK. Wer die Filme „Hannibal“ und „Katie Bird“ in ihren vollständigen Fassungen kennt, kann darüber lediglich ratlos den Kopf schütteln. Aus nur der FSK ersichtlichen Gründen ist der eine spannend und der andere gefährlich. Dabei repräsentiert Lecter ungeniert die charismatisch und erotisch dämonisierte Seite eines Phänomens, dem sich John Paul Ritter mit „Katie Bird“ nüchtern und ohne falsche Faszination nähert.

Der Serienkiller ist heute eine feste Größe der populären Unterhaltung. Geniale Mörder bereiten ihren Opfern ausgetüftelte Lebensenden und spielen Katz & Maus mit ihren Verfolgern. Abseits der spielverderbenden Realität und damit in gefahrfreier Entfernung genießen Zuschauer und Leser Blut & Spiele. Unappetitlich und ein Fall für die FSK ist dies offenbar erst, sobald die Ebene der Fiktion brüchig wird. Ritter versucht, ‚seine‘ Serienkiller ernsthaft zu charakterisieren. Dies gelingt ihm so gut, dass die Mehrheit des Publikum unangenehm berührt wird, sich ärgert und in die Sicherheit bewährter Vorurteile flüchtet: „Katie Bird“ wird zum perversen, kranken Machwerk, das verboten gehört.

Harter Job für experimentierfreudige Darsteller

Leider ist die Figurenzeichnung der einzige Aspekt, der Ritter gut – beunruhigend gut – gelingt. Merv und KatieBird Wilkins sind so banal böse aber auf ihre Art spießig, dass einem die Sinnlosigkeit ihrer Taten erst recht zu Bewusstsein kommt. In „Katie Bird“ gibt es keine düstere Killer-Glorie. Ritter hat klar erfasst, dass Serienmord glanzloser Schrecken ist. Ihm ist es gelungen, für seinen Film Schauspieler zu engagieren, die nicht nur risikobereit, sondern auch fähig waren, dieses Konzept zu erfassen und es erschreckend überzeugend mit Leben zu füllen.

Dabei wirkt Lee Perkins als trügerisch stiller, wortkarger und emotionsarmer „Daddy“ trotz seines lächerlichen Hütchens intensiver als Helene Udy und Taylor M. Dooley als gegenwärtige bzw. jugendliche KatieBird (die von insgesamt drei Schauspielerinnen dargestellt wird). Udy und Dooley sehen sich nicht nur ähnlich. Sie verschmelzen so plausibel zur Figur KatieBird Wilkins, dass dem Zuschauer lange oder womöglich gar nicht klar wird, hier zwei Darsteller zu beobachten. KatieBird ist ebenso blutrünstig wie ihr Vater, dabei aber in ihrem zwanghaften und krankhaften Liebesbedürfnis deutlich weniger selbstkontrolliert. Wenn KatieBird ihr Opfer in der Falle hat, verwandelt sie sich in ein Ungeheuer, das zur Befriedigung seines Triebes zusätzlich das eigene Blut fließen lässt.

Fatalerweise arbeitet Ritter zu dokumentarisch: Falls er mit seiner filmischen Analyse richtig liegt, besitzt die Geburt eines wahnsinnigen Monsters keinen besonderen Unterhaltungswert. Die Freude am Foltern und Töten bleibt auf Merl und KatieBird beschränkt. Anders als Hannibal Lecter, der sich stets verhält, als spiele er den Killer für ein unsichtbares Publikum, scheren sich Vater und Tochter nicht um den Eindruck, den sie hinterlassen. Sie lassen das Blut spritzen und sind trotzdem langweilige Zeitgenossen: Vielleicht ist dies das eigentliche Geheimnis, wieso so viele Serienkiller unbemerkt bleiben.

Kopfschmerz-Kino und Ohrenfolter

Um dies zu verbergen bzw. ‚künstlerisch‘ auszugleichen, bemüht sich Ritter, „Katie Bird“ sowohl optisch als auch akustisch möglichst mainstreamfern zu gestalten. Im „24“-Stil zerspringt das Bild immer wieder in zwei, drei oder vier Bereiche, die ein und dieselbe Szene aus zwei, drei oder vier Perspektiven zeigen oder das Geschehen in zwei, drei oder vier Handlungsstränge zerlegen. Diese „splitscreen“ zerfällt dabei nicht in stabile Bilder; die Rahmen verändern Form und Größe oder bewegen sich seitlich oder nach oben.

Werden Augen und Hirn bereits auf diese Weise stark gefordert, intensiviert Ritter den Verfremdungseffekt noch, indem er jedes Bild stark bearbeitet. Kontraste und Farben werden verstärkt oder abgeschwächt. Tiefe Schatten wechseln mit grell überbelichteten Szenen. Dazu komponierte Daniel Iannantuono einen an Gehör und Nerven zerrenden Soundtrack, der übersteuerten Heavy-Metal-Rock und ‚normale‘ Musik möglichst atonal mischt.

Ritter versucht sich offenbar als Oliver Stone („Natural Born Killers“) und David Lynch („Wild at Heart“) in Personalunion. Dabei übertreibt er es maßlos und konterkariert, was er eigentlich aufzeigen möchte. Um es zu wiederholen: Um die explizite Darstellung von Folter und Mord geht es ihm nicht! Faktisch finden die meisten Gewaltszenen im Off statt. Die FSK reagierte primär auf einige tatsächlich in Großaufnahme gezogene Zähne allergisch. Dabei gehen Merl und KatieBird normalerweise noch sehr viel rabiater zu Werke, aber hier beschränkt sich Ritter auf Andeutungen, die ihm freilich so gut gelingen, dass im Kopf des Zuschauers entsprechende Bilder entstehen. Sie dürften wesentlich authentischer ausfallen als die Spezialeffekte, die mangels eines üppigen Budgets qualitativ und quantitativ bescheiden bleiben.

Warum einfach, wenn’s auch umständlich geht?

Letztlich hat sich Ritter selbst ein Bein gestellt. Vor allem sein formaler Ehrgeiz verdirbt eine gute Grundidee. Aber auch als Drehbuchautor steht sich Ritter selbst im Weg. Kunstvoll wider die Chronologie will er seine Geschichte erzählen. Es gibt eine in der Gegenwart spielende Rahmenhandlung, die immer wieder durch Rückblenden unterbrochen wird. Die sehr simple Story veredelt dies nicht. Es kann auch deutliche Längen nicht verbergen. Schenkt man Ritter Glauben, dann reden Soziopathen viel und morden selten. Merl ergeht sich gern in jenen ermüdenden Pseudo-Weisheiten, die einen Sinn hinter seinen Taten suggerieren sollen. Dabei straft gerade er seine Worte Lügen: Er tötet, weil er nur so etwas empfinden kann. KatieBird ist in ihrem finalen Resümee selbstkritischer; allerdings zieht sie daraus den (nur) sie beruhigenden Schluss, weitermachen zu können, weil sie nun einmal ist, wer und wie sie ist.

Die FSK bringt den gestrauchelten Ritter hierzulande endgültig zum Sturz. Sie lässt ihm und seinem Film keine Chance. Der ahnungslose Zuschauer fühlt sich durch eine sinnentstellten Film-Ruine betrogen, der Hackfleisch witternde Gorehound hält „Katie Bird“ fälschlich für eine Splatter-Perle. Beide sind sie enttäuscht, aber beiden fehlt die vollständige Basis für ein korrektes Urteil: John Paul Ritter ist gescheitert, aber er ist nicht uninteressant gescheitert.

DVD-Features

Der deutschen Rumpffassung wurden diverse Extras aufgespielt. Während der informative Audiokommentar nur bei Sichtung der Originalversion sinnvoll ist, können ein „Making Of“ („Movies NOT Excuses”) und ein Interview mit John Paul Ritter immerhin Eindrücke von der Entstehung dieses Films vermitteln. Hinzu kommen zwei Trailer.

Im Internet gibt es eine Website mit vielen Features.

[md]

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