Im südkoreanischen Bergland terrorisiert ein gigantisches Wildschwein die Bewohner eines Dorfes; die Jagd auf den Keiler ist schlecht organisiert, sodass die Bestie den Spieß rasch umdreht … – Actionreiche Mischung aus Horror und Komödie, wobei das asiatische Humorverständnis dem Europäer meist fremd bleibt; die Kamera liefert stimmungsvolle Bilder, aber der Film ist zu lang, die Story fast plagiiert und die Tricks sind mittelmäßig: keine Kino-Perle aus Asien, sondern nur Filmroutine mal etwas anders.

Das geschieht:

Sammae-ri ist ein Dorf im gebirgigen Hinterland Südkoreas. Die Bewohner leben von der Landwirtschaft. Im Laufe der Zeit haben sie ihre Felder ständig vergrößert. Die Wildnis wurde kultiviert, die Tiere flüchteten oder wurden von Wilderern ausgerottet. Geblieben sind nur die wilden Schweine, denen sich auch die Jäger nur vorsichtig nähern. Die zähen Borstenviecher leiden Hunger, weshalb sie sich angewöhnt haben, Gräber aufzubrechen und Leichen zu fressen. Ein besonders gewaltiger Keiler fällt neuerdings auch Menschen an; Choon, die Enkelin des ehemaligen Jägers Cheon, wird sein erstes Opfer

Für den geschäftstüchtigen Bürgermeister von Sammae-ri ist diese Schweinerei eine Katastrophe. Er hat mit dem Geschäftsmann Kwak einen Deal eingefädelt; sie wollen Großstädtern Grundbesitzanteile verkaufen. Eine große Gruppe anlagewilliger Kunden ist schon angereist. Auf gar keinen Fall sollen sie merken, was in den Bergen vorgeht. Heimlich heuert man deshalb den berühmten Jäger Baek Man-bae an, der bald ein totes Wildschwein aus dem Wald zieht.

Doch der erfahrene Cheon weiß, dass Baek das falsche Schwein erwischt hat. Als das wahre Untier wenig später das Dorf attackiert und ein Blutbad anrichtet, will Cheon ihm allein nachstellen. Baek leistet Abbitte und schließt sich dem alten Jäger ebenso an wie der gerade aus der Hauptstadt Seoul nach Sammae-ri versetzte Polizist Kim, sein Kollege Detective Shin sowie die Ökologie-Studentin Byeon. Sie wagen sich in das Bergreich des Keilers, der dort jeden Winkel kennt und abwartet, bevor er aus dem Hinterhalt zuschlägt und aus Jägern Gejagte werden, denn der Keiler ist nicht nur riesig und schier unverwundbar, sondern auch schlau und fest entschlossen, keinen Gegner entkommen zu lassen …

Ein Schwein: nicht weiß aber trotzdem eine Bestie

Diese Überschrift findet nur schleierhaft, der „Keiler“ noch nicht gesehen hat. Selbst der in der Filmhistorie wenig bewanderte Zuschauer merkt schnell, dass die Handlung in weiten Passagen quasi deckungsgleich mit dem Klassiker „Der weiße Hai“ abläuft. Da gibt es u. a. eine Szene, in der Jäger Cheon – der im „Keiler“ die Rolle des knurrigen Hai-Killers Quint übernimmt – in einem Lagerschuppen den Magen des angeblichen Kannibalen-Schweins aufschlitzt, um zwischen allerlei Abfall und Halbverdautem nach Überresten gefressener Menschen zu suchen. Der erfahrene Zuschauer wird viele andere Parallelen entdecken. Darüber hinaus hat sich Drehbuchautor und Regisseur Shin Jung-won tüchtig aus jenem Fach der Klischee-Kiste bedient, das für den Tier-Horrorfilm vorgesehen ist. Shin arbeitet – Achtung: Ironie! – mustergültig ab, was unzählige Vorgänger bereits durchexerziert haben.

Zwei Stunden Laufzeit sind ungewöhnlich lang für einen Horrorfilm. Zumindest der ‚westliche‘ Zuschauer denkt so, der schnellen Grusel mit flinken Schnitten gewöhnt ist. Shin Jung-won lässt sich Zeit. Abschweifungen und Ellipsen sind im asiatischen Kino nicht ungewöhnlich. Also wird die eigentliche Handlung von Ereignissträngen begleitet, die für das Geschehen kaum oder gar nicht erheblich sind und oft irgendwann im Nichts auslaufen. So beginnt die Geschichte mit einer Einleitung, die Kim als Verkehrspolizisten in Seoul zeigt. Das dient der Charakterisierung der Hauptfigur, die sich indes filmisch wesentlich kürzer fassen ließe. Auch das Dorf Sammae-ri und seine Bürger werden ausführlich vorgestellt. Der Keiler hat inzwischen frei. Sein Auftritt wird sorgfältig vorbereitet. Erst sehen wir nur seine Spuren, dann ahnen wir ihn in der Dunkelheit oder blicken durch seine Augen.

Das Schwein im Menschen

„Keiler“ will wie die meisten Tier-Horrorfilme auch Allegorie sein. Das mörderische Schwein ist deshalb das Produkt eines Menschen, der seine Umwelt ausbeutet, bis dies gegen ihn zurückschlägt. Das ökologische Sahnehäubchen ist auch im Horror- Genre nicht mehr ganz frisch, aber es lässt sich dem Filmprodukt schnell und kostengünstig aufsetzen.

Hätte der Keiler seinen ursprünglichen Lebensraum behalten können, wäre er nie kannibalisch auffällig geworden. Für seinen Riesenwuchs und seine Unerschrockenheit findet Shin eine bizarre aber genrekonforme ‚Begründung‘: Der Keiler gehört einer Schweinerasse an, die von den Japanern – die Korea während des II. Weltkriegs besetzt hielten und dort unzählige Verbrechen verübten – gezielt gezüchtet wurde. Dazu kommt eine alte Sage ins Spiel: Der Keiler treibt dort sein Unwesen, wo vor vielen Jahren ein mörderischer Sektenführer gewaltsam zu Tode kam, dessen Geist womöglich in das Untier fuhr.

Dass der Keiler ungestört töten kann, verdankt er auch der Profitgier seiner Gegner. Hier repräsentieren der Bürgermeister und Geschäftsmann Kwak aus der Stadt die unheilige Allianz von Politik und Wirtschaft. In Gestalt des unfähigen und rückgratlosen Polizeichefs ist die Exekutive Teil des Komplotts, das ein systematisches Vorgehen gegen die  Gefahr verhindert. Aber auch die Dorfbewohner selbst verweigern sich. Sie denken ausschließlich an sich und ihre Ernte. Die ungeliebte und gern kritisierte Polizei soll sie vor dem Keiler schützen.

Schwein de luxe

Taugt ein Schwein als Film-Ungeheuer? Eindeutig ja, denn diese Tiere sind auch ohne filmische Übertreibung kräftig, recht groß, dabei flink, ziemlich intelligent und im Notfall ausgesprochen angriffslustig. Unter dem Rüssel sitzen vor allem beim männlichen Schwein eindrucksvolle Zähne, die fürchterliche Wunden reißen können. Wo wilde oder verwilderte Schweine leben, halten kluge Menschen tunlichst Abstand. Zwei Jahre vor „Highlander“ drehte Regisseur Russell Mulcahy 1984 den Film „Razorback“, der ein bösartiges Schwein im australischen Outback wüten ließ. Schon dieses Ungetüm demonstrierte eindrucksvoll den Unterschied zwischen dem gemütlichen Schnitzel-Quieker und einem echten Wildschwein.

Seit 1984 hat die Tricktechnik erstaunliche Fortschritte gemacht. Längst ist es möglich, ein pferdegroßes Schwein digital ins ‚Leben‘ zu rufen. Ein Gesamtbudget von 5,4 Mio. Dollar reicht indes nicht für Spitzeneffekte aus. Folgerichtig wirkt der Keiler nicht besonders lebensecht, wenn er sich endlich in voller Hässlichkeit zeigt. Er bewegt sich wie eine mit Gelee gefüllte, sehr struppige Socke. Zudem wurde ihm ein Schweinskopf mit ‚teuflischen‘ Gesichtszügen aufgesetzt. Was die Fratze des Bösen widerspiegeln soll, wirkt wie eine Halloween-Maske.

Schweinerei statt Schauspielkunst

„Keiler“ ist kein ‚reiner‘ Horrorfilm, sondern eine schwarze Komödie. Schon der originale Filmtitel deutet es an: „Chaw“ bedeutet übersetzt „gut durchgekaut“. Dass beide Genres problemfrei miteinander funktionieren, belegen gelungene Produktionen wie „Shaun of the Dead“. Aber während die Attacke eines tobsüchtigen Schweins problemlos weltweit für Gänsehaut sorgen könnte, wird Humor in verschiedenen Kulturkreisen offensichtlich unterschiedlich definiert. Ohnehin ist das asiatische Schauspiel aus westlicher Sicht eine seltsam verdrehte Kunst. Im Vordergrund steht nicht das möglichst realitätsnahe Spiel, das in der Handlung aufgeht. Stattdessen werden Emotionen unerhört überzeichnet dargeboten. Den westlichen Zuschauer reißt solches Overacting immer wieder aus der Geschichte. Zu den besonders unrühmlichen Beispielen gehören in „Keiler“ die Auftritte des cholerischen Polizeichefs und seiner debilen Untergebenen, die wie seelengewanderte Keystone-Cops aus dem US-Stummfilm agieren: übertrieben, albern, peinlich. Schon der generell gelungene Horrorfilm „Gwoemul“ (2006, ‚dt.‘ „The Host“), der dem phantastischen Kino aus Südkorea im Westen viele Türen öffnete, litt unter diesem Manko.

Die Übertreibung macht sich in „Keiler“ besonders ärgerlich dort bemerkbar, wo die Handlung wirklich komisch ist: Shin weiß sehr wohl, was schwarzer Humor ist, weshalb doppelt schade wirkt, dass dies durch den Inszenierungsstil torpediert wird. Mancher Einfall ist für sich betrachtet genial, weil er unerwartet und lakonisch präsentiert wird. Kims senile Mutter ist stets für einen misslichen Auftritt gut; der strenge Detective Shin ist ein Kleptomane; wenn der alte Cheon die Konstruktion einer Bärenfalle schildert, begleitet eine animierte Konstruktionszeichnung seinen Vortrag; eine aufwendig unter Einbeziehung grandioser Landschaftsschaftsaufnahmen gestaltete Begräbnisszene entpuppt sich als Trauerfeier für einen Hund. Im Schlussbild verzieht ein winziges und putziges Wildschwein-Ferkel seine Miene mit minimaler, als solche kaum zu registrierender CGI-Unterstützung zu einer ‚dämonischen‘ Fratze – glänzender kann man die obligatorische Andeutung einer Fortsetzung nicht parodieren!

Den Spagat zwischen den beiden Kino-Kulturen weiß Shin Jung-won nicht zu meistern. „Keiler“ ist in Südkorea erfolgreich gelaufen. Hierzulande versucht die Werbung auf der schon abgeflachten Asia-Horror-Welle zu reiten. Ein moderner Klassiker ist „Keiler“ nicht; dazu sind die (längst nicht in ihrer Gesamtheit aufgelisteten) Eigenheiten und Fehler zu ausgeprägt. Man darf zwar vom asiatischen Kino nicht kategorisch originäre Geschichten verlangen. Shin treibt es jedoch ein ganzes Stück zu weit mit der Plünderung erfolgreicher Vorbilder. „Keiler“ ist Kino der B-Kategorie – mit diversen Schlenkern in den Trash-Bereich. Kann man das (sowie die lieblos-monotone Synchronisation) ertragen, hat die zweistündige Schweinehatz durchaus ihre unterhaltsamen Momente.

DVD-Features

Sparsam wurden dem Hauptfilm einige Extras beigefügt. Da gibt es wie üblich den Originaltrailer, hinzu kommen einige Interviews mit Darstellern und dem Regisseur. Diese bedienen sich ihrer koreanischen Muttersprache, aber erfreulicherweise wurden ihre Worte deutsch untertitelt. Anders als ihre westlichen Kollegen haben die asiatischen Filmschaffenden die Alibi-Funktion des „Making-of“ als verkappte Werbung noch nicht verinnerlicht – sie bemühen sich, auf Fragen nach der Intention ihrer Rollen ehrlich und informativ Antwort zu geben.

Ein drittes Feature zeigt interessante aber willkürlich und unkommentiert bleibende Impressionen von den Dreharbeiten. „Chaw“ entstand nicht ausschließlich in Südkorea. Für zwei Monate reisten Darsteller und Regisseur nach Kalifornien. Dort nutzte man nicht nur die US-amerikanische Tricktechnik, sondern drehte auch viele der Jagdszenen, in die später per Green-Screen das böse Schwein integriert wurde.

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Keiler – Der Menschenfresser
Originaltitel: Chaw (Südkorea 2009)
Regie u. Drehbuch: Shin Jung-won
Kamera: Kim Yong-chul
Schnitt: Choi Jai-keun
Musik: Kim Jun-seong
Darsteller: Eom Tae-woong (Kim Kang-so), Jang Hang-seon (Cheon Il-man), Yoon Jae-moon (Baek Man-bae), Jeong Yu-mi (Byeon Soo-ryeon), Heo Yeon-hwa (Mi-yeong), Park Hyeok-kwon (Detektive Shin Hyeong-sa), Lee Sang-hee (Polizeichef), Jeong Yoon-min (Polizist Park), Kim Gi-cheong (Bürgermeister), Jo Moon-ee (Kwak), Park Hye-jin (Kims Mutter), Ko Seo-hee (Schamanin), Ha Yoo-i (Choon-hwa) uva.
Label/Vertrieb: Ascot-Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 10.12.2009
EAN: 7613059800984 (Leih- bzw. Kauf-DVD), 7613059400986 (Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby DTS 5.1 (Deutsch), Digital 5.1 (Deutsch, Koreanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 117 min. (Blu-ray: 122 min.)
FSK: 16

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