KM 31 – Der Tod wartet bei Kilometer 31

Originaltitel: Kilómetro 31 (Mexiko 2007)
Regie: Rigoberto Castañeda
Drehbuch: Rigoberto Castañeda u. Ricardo Álvarez Canales
Kamera: Alejandro Martínez
Schnitt: Alberto de Toro
Musik: Carles Cases
Darsteller: Iliana Fox (Ágata Hameran/Catalina Hameran), Adrià Collado (Nuño), Raúl Méndez (Omar), Carlos Aragón (Ugalde), Luisa Huertas (alte Frau), Fernando Becerril (Doktor), Mikel Mateos (Nino), Marcela Pezet (Geist), Claudette Maillé (Mutter), Andrea González (Catalina als Kind), Adriana González (Ágata als Kind) u. a.
Erstausgabe:
Label/Vertrieb: e-m-s New Media AG
Erscheinungsdatum: 22.05.2008
EAN: 4020974164788 (DVD)
Neuausgabe:
Label: 3L Film
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 24.06.2010 (DVD)
EAN: 4049834003227 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 101 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Nach einem heftigen Streit mit ihrer Zwillingsschwester schenkt Ágata Hameran dem Verkehr auf der Landstraße außerhalb von Mexiko-Stadt nicht die gebührende Aufmerksamkeit, weshalb sie anscheinend ein Kind überfährt, dass ihr auf der Höhe des Kilometersteins 31 vor den Wagen springt. Als die entsetzte Ágata sich ihrem Opfer nähert, entpuppt sich dieses als Gespenst. Die junge Frau wird auf der Flucht von einem Lastwagen überrollt und so schwer verletzt, dass sie ins Koma sinkt.

Schuldbewusst wacht Schwester Catalina an ihrem Bett, wo sie bald telepathische Notschreie vernimmt: Ágata ist zwischen den Welten im Reich der Geister gefangen, wo sie von dem Kind und vor allem von dessen Geistermutter malträtiert wird. Catalina schwört Hilfe und macht sich – zunächst eher unwillig unterstützt von Nuño, einem Freund, und Omar, Ágatas Lebensgefährten – auf Ursachensuche an der Unfallstelle. Dort lernt das Trio den Polizisten Ugalde kennen, der privat und heimlich schon seit Jahren dem Geheimnis von Kilometer 31 nachspürt: Hier kommen immer wieder Menschen und vor allem junge Frauen zu Tode.

Nähere Auskunft kann indes erst eine alte Frau geben, die in einem Haus unweit des Kilometersteins haust. Sie erzählt Catalina die Legende von La Llorona, der weinenden Frau, die einst von ihrem Geliebten verraten wurde und sich daraufhin mit dem gemeinsamen Kind in den Fluss Mixcoac stürzte. Der ist inzwischen zur Kloake heruntergekommen und wurde mit jener unfallträchtigen Landstraße überbaut, die auch Ágata zum Verhängnis wurde.

Catalina, Nuño und Omar nehmen den Kampf um Ágatas Seele auf. Sie glauben inzwischen daran, dass bei Kilometer 31 die Frau und ihr Kind spuken, irren sich allerdings in der Annahme, dass diese dort Erlösung suchen, und begreifen zu spät, dass das Geister-Duo stattdessen jene, die ihm begegnen, in den Tod locken will …

Andere Länder, ähnliche Geister

Diese Welt ist groß und bunt. Was einerseits banal klingt, birgt andererseits ungeahnte Möglichkeiten, von denen auch der Filmfreund profitiert. In unserem Fall ist es die Tatsache, dass es Geister bzw. den Glauben an Seelen, die nach dem Tode umgehen, in sämtlichen Kulturkreisen gab und gibt. Überall auf dem Globus erzählen sich die Menschen entsprechende Geschichten, da das ‚echte‘ Grauen inzwischen weitgehend der Freude an der schaurigen Unterhaltung gewichen ist.

Das Kino greift solche lokal verwurzelten Stoffe seit jeher auf. Lange wurden diese Filme eher regional bekannt – dort nämlich, wo man den mehr oder weniger chiffrierten Subtext verstand. Der mit der Folklore nicht vertraute Zuschauer bleibt ratlos oder interpretiert die Basisstory als Klischee. So ist es auch „KM 31“ ergangen, dessen Plot von vielen Kritikern, die von der La-Llorona-Legende nichts wussten, als simple Kopie der „Ju-on“-Filme abgetan wurde.

Doch faktisch interpretiert Rigoberto Castañeda eine alte mexikanische, womöglich bereits in der aztekischen Vorgeschichte bekannte Sage neu. Formal mag er sich am Phantastik-Kino der Gegenwart orientieren, inhaltlich geht er eigene Wege, die man freilich kennen sollte, um in den vollen Genuss dieser seltsamen, tragischen und spannenden Geschichte zu kommen.

Geister als Gefangene ihrer kleinen Welt

Wenn Menschenseelen nicht umgehend in Himmel oder Hölle auf- bzw. absteigen, sondern quasi zwischen den Welten umgehen müssen, fußt dies in der Regel auf einem üblen Fehlverhalten zu Lebzeiten. Nicht nur aber vor allem im Christentum bekommen jene, die auf eine entsprechende Zwangslage mit Mord oder Selbstmord reagierten, noch nachträglich einen strafenden Tritt in den ektoplasmatischen Hintern. Die wütende Mutter, die ihren Sohn und sich selbst tötete, erfüllt sogar beide Voraussetzungen.

Natürlich gehen mitfühlende Zeitgenossen davon aus, dass solche unglücklichen Geister erlöst werden wollen. Meist funktioniert dies, wenn man ihre Gebeine findet und religionskonform bestattet. Hier ist es komplizierter: Die Befreiung der Seelen erfordert ein freiwilliges Menschenopfer – ein weiterer Verweis auf die aztekische Herkunft der La-Llorana-Legende.

Als zusätzliche Schwierigkeit darf mit Dankbarkeit nicht gerechnet werden. Die Geister-Mutter ist im Zustand des Zorns gestorben. Da sie ohnehin zeitunabhängig spukt, hat sich dieser Gemütszustand unverfälscht erhalten. Der gehorsame Sohn arbeitet der Mutter zu, wenn sie sich blindlings an denen rächt, die leben. Dies schließt auch jene ein, die helfen wollen, wie Catalina und ihre Freunde leidvoll erfahren.

Schließlich ist es nachträglich schwierig, die Geschichte einer von der Welt längst vergessenen Rache zu rekonstruieren. Deshalb dauert es, bis die Geisterjäger erkennen, dass Mutter und Sohn immer noch an einem Fluss spuken, der sich faktisch in einen Abwasserkanal verwandelt hat. Dort spielt sich ein Finale ab, das keineswegs den genreüblichen Konventionen folgt, sondern sowohl tragisch als auch mit einem tatsächlich unerwarteten Schlusstwist endet.

Konfrontation mit dem Irrationalen

Regisseur und Drehbuchautor Castañeda kann mit seinem ersten langen Spielfilm zufrieden sein. In Mexiko galt dies auch für seine Produzenten, denn dort, wo das Publikum die folkloristischen Anspielungen begriff, spielte „KM 31“ gutes Geld ein.

Da Castañeda sich formal an die Regeln des modernen Kinos hielt, funktionierte „KM 31“ zumindest als Geistergeschichte auch in der übrigen Filmwelt. In der Tat gehen Form und Inhalt eine harmonische Verbindung ein. Selbst sattsam bekannte Spukstätten wie der Ort des Todes, das Spukhaus oder die unterirdische Brutstätte des Bösen sind Teil des Geschehens und ihm jederzeit integriert.

Obwohl Castañeda mit einem knappen Budget auskommen musste, sieht man dies seinem Film niemals an. Die wenigen aufwändigen Spezialeffekte sind sauber realisiert und ebenfalls nie vordergründiger Effekt. Sie stehen im Dienst der Handlung und sind gerade deshalb wirkungsstark. Ist es erforderlich, geht Castañeda keineswegs zimperlich vor. Der Bodycount ist erstaunlich und schließt die Hauptdarsteller ausdrücklich ein.

Menschen irren, Geister verzeihen nicht

Außerhalb des Hollywood-Kinos sind „Stars“ selten. „KM 31“ ist eine mexikanische Produktion. Über die Prominenz der Schauspieler weiß der hiesige Zuschauer nichts. Der Handlung kommt dies nur zugute: Die Darsteller wirken jederzeit überzeugend. Vor allem Iliana Fox geht in ihrer schwierigen Rolle auf. Dies betrifft nicht die Doppelrolle als Zwilling; als Ágata liegt Fox meist in ihrem Krankenhausbett.

Doch abermals arbeitet Castañeda mit Subtext. Nachdem La Llorana viele Jahrzehnte eher beiläufig bei Kilometer 31 ihrem tödlichen Job nachging, eröffnet ihr die Heimsuchung eines Zwillingspaares plötzlich ungeahnte Möglichkeiten. Zwillinge mögen biologisch erklärbar sein. Für ihre Zeitgenossen ist es faszinierend, dass zwei Menschen quasi identisch sind. Deshalb wird Zwillingen eine besondere, wissenschaftlich nicht fassbare Verbindung nachgesagt, die Castañeda in „KM 31“ immer wieder aufgreift. Catalina ‚hört‘ die gedanklichen Hilferufe ihre Schwester, und über Ágatha kann La Llorana in die Realität eindringen.

Hart auf die Probe gestellt werden Catalinas und Ágathas Freunde/Gefährten Nuño und Omar, die sich schon in krisenarmen Zeiten herzlich wenig ausstehen können. Erneut arbeitet Castañeda subtil mit lokalen Chiffren: Für Omar ist Nuño, der aus Spanien eingewandert ist, jemand, der sich für ‚besser‘ hält als der ‚gewöhnliche‘ Mexikaner. La Llorana stammte ebenfalls aus Mexiko, ihr treuloser Geliebter aus Spanien – kein Wunder, dass diese Geschichte für Nuño eine besonders böse ausgeht.

Geisterspuk ist eine ernste Sache

Castañeda zieht alle Register, um seiner Spukstory die nötige Unheimlichkeit zu verleihen. Das geht selbstverständlich mit dem üblichen Einsatz der Nebelmaschine einher, setzt sich aber geschickt in einer Farbgebung fort, die durch den technischen Entzug ‚lebhafter‘ Grün-, Rot- oder Blautöne besonders trostlose Schauplätze schafft. Hinzu kommt eine unterschwellig wirkende, aufwändige Arbeit mit Schärfen und Unschärfen, durch die sich dem Zuschauer die Unsicherheit der Figuren im möglichen oder eingebildeten Angesicht der Heimsuchung mitteilt.

Die Tricks meiden wie schon angesprochen das Plakative, auch wenn digitale Technik durchaus oft zum Einsatz kommt. In erster Linie soll sie unterstützen, nicht die Fantasie ersetzen bzw. aushebeln. Zu kritisieren sind deshalb höchstens einige allzu dick aufgetragene CGI-Effekte in der finalen Konfrontation mit der malerisch verrotteten Geisterfrau.

Das sind die sprichwörtlich gewordenen Peanuts in einem kleinen aber feinen Film, der viel verspricht und fast alles hält. Wann kann der Horrorfilm-Freund so etwas schon fast voller Inbrunst sagen? Rigoberto Castañeda hörte und vernahm den Ruf aus Hollywood. Dort inszenierte er 2008 den sträflich unterschätzten Mystery-Thriller „Blackout“ und schuf – zurück in Mexiko – die kurzlebige TV-Serie „Terminales“. Seitdem sah und hörte man nichts mehr von Castañeda, was sich hoffentlich bald ändern wird!

Anmerkung

Auch ein Rezensent bezieht seine Weisheiten bekanntlich nicht ausschließlich aus selbst erworbenem Wissen. Er steht auch auf den Schultern von (Fach-) Leuten mit oft klügeren Köpfen, die er gern zu Rate zieht. Da diese Besprechung von „KM 31“ viele Hintergrundinformationen nicht nur aus einer besonderen Quelle schöpft, sondern der Rezensent durch diese sogar erst aufmerksam und neugierig wurde, sei ausdrücklich auf diesen Text verwiesen:

BARRY MURNANE: Globale Gespenster. Rigoberto Castañedas „Kilometro 31“ (2007) und das Unheimliche in der Glokalisierung Mexikos, in: JÖRG VAN BEBBER (Hg.), Dawn of an Evil Millennium. Horror/Kultur im neuen Jahrtausend, Darmstadt : Büchner-Verlag 2011, S. 345-350

Diese voluminöse Sammlung einschlägiger Aufsätze ist eine wahre Fundgrube für jene Phantastik-Freunde, die den Unterhaltungswert von Horrorfilmen nicht nur nach dem Gehalt von Blut & Titten messen, sondern auch an der (Trivial-) Kultur hinter dem Genre interessiert sind, auch wenn sich die oft aus dem universitären Umfeld stammenden Autoren bemühen, selbst einfache Dinge möglichst kompliziert auszudrücken. Hier eine typische Stilblüte aus dem „KM-31“-Beitrag: „Die Gespenster bilden auf inhaltlicher Ebene nach, was die Globalisierung strukturell voraussetzt. Das Lokale wird von den Spuren globaler Kulturartefakte heimgesucht, während die lokale Tradition die globale Kultur selbst stört.“ Alles klar?

DVD-Features

Das Bonusmaterial ist schmal, wird aber von einem ca. 23-minütigen „Making of“ dominiert, das sich nicht nur in Werbe-Geschwafel erschöpft, sondern tatsächlich Informationen transportiert. Zu den obligatorischen Interviews kommen Aufnahmen von den Dreharbeiten sowie Blicke in die Filmwerkstätten.

Weiterhin aufgespielt wurden der Trailer, einige TV-Spots sowie eine Galerie mit 48 Bildern aus dem und zum Film.

[md]

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