Late Phases

Originaltitel: Late Phases (USA 2014)
Regie: Adrián García Bogliano
Drehbuch: Eric Stolze
Kamera: Ernesto Herrera
Schnitt: Aaron Crozier
Musik: Wojciech Golczewski
Darsteller: Nick Damici (Ambrose McKinley), Ethan Embry (Will), Lance Guest (James Griffin), Tina Louise (Clarissa), Rutanya Alda (Gloria Baker), Caitlin O’Heaney (Emma), Erin Cummings (Anne), Tom Noonan (Vater Roger Smith), Larry Fessenden (O’Brien), Al Sapienza (Bennet), Bernardo Cubria (Officer Lang), Karen Lynn Gorney (Delores), Karron Graves (Victoria Kaye) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 09.06.2015
EAN: 4250899930810 (DVD)/4250899930827 (Blu-ray)/4250899930841 (Blu-ray/Steelbook)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 96 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Ambrose McKinley ist buchstäblich am Ende: Nach dem Tod seiner Gattin zieht der noch rüstige aber blinde Mann in die Seniorensiedlung Crescent Bay ein. Als Veteran der US-Army bleibt Ambrose immerhin das Altersheim erspart. Nichtsdestotrotz ist er verbittert. Im Vietnamkrieg hat Ambrose Schreckliches erlebt und getan. Seine Blindheit ist eine Folge dieser Erlebnisse, die er nie verarbeitet hat. Deshalb hat sich Ambrose seiner Familie entfremdet, obwohl Sohn Will sich weiterhin bemüht, den Kontakt aufrechtzuerhalten.

In Crescent Bay benötigt Ambrose nur Stunden, um die übrigen Bewohner gegen sich aufzubringen. Schon in der ersten Nacht wird im Nachbarhaus eingebrochen. Mieterin Delores stirbt einen grausamen Tod; auch Ambroses Blindenhund Shadow wird in Stücke gerissen. Die Polizei vermutet die Attacke eines Pumas oder Bären; der Wald ist nahe, und immer wieder verschwinden in Crescent Bay Hunde spurlos.

Ambrose hegt einen Verdacht, den er lieber für sich behält: In der Siedlung treibt ein Werwolf sein Unwesen, der bei jedem Vollmond zuschlägt! Bis zur nächsten Attacke bleiben Ambrose knapp 30 Tage. In dieser Zeit will er den Werwolf unter den Bewohnern von Crescent Bay erkennen und ihn vorsichtig in sein Haus locken, das er möglichst unauffällig in eine Falle verwandelt.

Ein zentrales Ereignis stellt in Crescent Bay die sonntägliche Messe von Vater Roger Smith dar, weshalb sich der wenig religiöse Ambrose dort blicken lässt. Heimlich kontaktiert er einen Waffenschmied, der ihm Silberkugeln anfertigt. Dennoch wird der Werwolf – zwischen den Vollmonden in der Tat ein seriöses Mitglied der kleinen Gemeinde – auf Ambrose aufmerksam. Eine erste Attacke bei Tageslicht kann der Veteran abwehren. Nun wissen beide – der Werwolf und sein blinder Jäger – voneinander. Jetzt treffen sie beide Vorbereitungen, denn den nächsten Vollmond soll und wird einer von ihnen nicht überleben …

Der hohle Traum von den „Goldenen Jahren“

Schon der Blick auf die Crew hinter der Kamera dürfte zumindest den Hardcore-Horrorfan stutzen lassen: Ein Spanier dreht seinen ersten Film in den USA, den Kameramann bringt er von daheim mit, und die Filmmusik stammt von einem polnischen Komponisten. „Late Phases“ ist in der Tat ungeachtet der US-Herkunft ein ‚europäischer‘ Film, was ihm allerdings gut zu Gesicht steht: Dies ist kein Streifen für ein Popkorn-Publikum. Stattdessen erzählt Regisseur Adrián García Bogliano eine Geschichte auf zwei Handlungsebenen, wobei er versucht, dem Horror das Porträt eines Mannes am Ende seines Lebens gegenüberzustellen.

Dies gelingt ihm, doch es wird auch die zentrale Schwäche des Konzepts: Für Bogliano ist der Werwolf-Aspekt keineswegs ein erzählerisches Dekor. Ungeachtet der Kraft, mit der die Geschichte von Ambrose McKinley erzählt wird, drängt der Werwolf spätestens in der zweiten Filmhälfte in das Geschehen. Zu diesem Zeitpunkt interessiert zumindest den nicht gar zu horrorgeeichten Zuschauer das Schicksal des Menschen McKinley wesentlich stärker als das die Werwolf-Jagd.

Selbst Bogliano und sein Drehbuchautor Eric Stolze schienen sich nicht wirklich entscheiden zu können. Die große Finalkonfrontation zwischen Ambrose und seinem übernatürlichen Gegner lässt an splattriger Deutlichkeit durchaus nichts zu wünschen übrig. Dennoch wirkt der Kampf schlecht choreografiert und wird von Zufällen dominiert. Man merkt zu deutlich, dass Bogliano auch und gerade diesem letzten Gefecht eine doppelte Bedeutung zumisst, auf die bereits der Filmtitel hinweist: „Late Phases“, d. h. „Spätphasen“, spielt zum einen auf den alten Ambrose McKinley an, der selbst anspricht, dass er in Crescent Bay nicht leben soll, sondern sterben wird. Andererseits erinnert der Titel an den Höhepunkt des Mond-Monats – den Vollmond, der Werwölfe zwingt, aus ihrer Menschenhaut zu fahren.

Der traurige, blinde, stolze Mann

Nick Damici besitzt keinen bekannten Namen, geschweige denn ist er ein „Filmstar“. Er arbeitet relativ selten als Schauspieler, sein Gesicht dürfte nur wenigen Zuschauern bekannt sein. Mit Talent hat diese Zurückhaltung nichts zu tun: Damici benötigt nur wenige Filmminuten, um Ambrose McKinley zu werden. Vor allem im kostengünstig produzierten Horrorfilm ist darstellerische Präsenz weder üblich noch erforderlich. Schon deshalb wird klar, dass „Late Phases“ mehr bieten soll als die übliche Hatz von Werwolf und Jäger. Tatsächlich ist Damici so gut in seiner Rolle, dass wir den Werwolf bald gar nicht mehr vermissen, obwohl Bogliano ihn erstaunlich früh sowie gut sichtbar erscheinen lässt.

Ambrose ist ein bärbeißiger Zeitgenosse mit weichem Herzen. Zwar ist er blind, erkennt aber mit untrüglicher Sicherheit die Verlogenheit der ‚Prominenz‘ von Crescent Bay und legt sich prompt mit ihr an. Einen Freund findet er zielstrebig im Pfarrer, der froh ist, endlich jemanden von seiner kriminellen Jugend erzählen zu können. Zwei verstörte aber gleichgesinnte Menschen haben sich nicht gesucht aber gefunden. Umso spannender ist es, dass Ambrose den gut getarnten Werwolf lange in Vater Roger vermutet, dem er sich einerseits öffnet und den er anderseits ausforscht.

Für die Handlung ebenfalls von großer Bedeutung ist das labile Verhältnis zwischen Vater Ambrose und Sohn Will. Bogliano gibt ihm breiten Raum, was abermals den Horrorfreund kaum begeistern dürfte. ‚Erwachsene“ Zuschauer denken da vermutlich (bzw. hoffentlich) anders, zumal Bogliano diese Konfrontationen zwar dramatisch aber niemals übertrieben inszeniert.

Die überforderte Bestie

Wiederum recht früh lüftet Bogliano das Geheimnis um die Identität des Werwolfes. Sein Darsteller soll hier ungenannt bleiben und muss deshalb anonym gerühmt werden, denn in seiner Rolle stellt er ein dunkles Spiegelbild dar: Der Werwolf hadert wie Ambrose mit seinem Leben, denn er ist keineswegs gern eine Bestie, die allmonatlich auf Menschenjagd geht bzw. gehen muss: Es gibt keine Kontrolle des Todestriebs, auch wenn der Werwolf jedes Mittel versucht, um seinem Schicksal zu entgehen.

Letztlich stehen sich zwei Menschen am jeweiligen Ende ihres Lebensweges gegenüber. Diese Konfrontation erfolgt freilich ohne Melodramatik, sondern auf der Ebene Soldat gegen Bestie. Niemand verlangt Gnade, niemand gewährt sie. Es ist klar, dass einer auf der Strecke bleiben wird. Für Ambrose ist dies die einmalige Chance, würdevoll so abzutreten, wie er es als Soldat möchte. Der Werwolf will weder entlarvt werden noch sterben. Er bleibt sich als Bestie ebenfalls treu bis zuletzt.

Das klug und überzeugend eingeleitete Finale leidet indes darunter, dass es als reiner Kampf auf Leben und Tod inszeniert wird (obwohl Bogliano das Rätsel eines monströs großen Grabkreuzes auf überraschende Weise löst). Problematisch ist außerdem die Darstellung des Werwolfes. Bogliano entschied sich, ihn ‚klassisch‘ vor die Kameralinse zu bringen. Nur in Akzenten kamen CGI-Effekte zum Einsatz, ansonsten dominierte traditionelle Animatronik, die durch ‚Kostüme‘ und Spezial-Make-up ergänzt wurde. Die Verwandlung vom Menschen in den Werwolf belegt, dass dieses Verfahren weiterhin seine Daseinsberechtigung besitzt; wird es wie hier fachmännisch umgesetzt, ist die Präsenz der Kreatur zudem viel unmittelbarer, was auch die gleichzeitig agierenden Schauspieler unterstützt.

Freilich ist der Mensch kein Wolf; die Bewegungseleganz des Raubtiers kann kein Darsteller imitieren. Daran hat sich grundsätzlich nichts geändert, seit Lon Chaney, jr., 1941 erstmals als „The Wolf Man“ (dt. „Der Wolfmensch“) eher über die Leinwand torkelte als tollte. Das Werwolf-Kostüm mag noch so aufwändig sein: Die Schwerfälligkeit des Darstellers lässt seine Künstlichkeit jederzeit auffliegen. Noch Anthony Hopkins sah im „Wolfman“-Remake von 2010 aus wie ein dicker, zähnefletschender Teddybär.

Das Kamel und das Nadelöhr

Unterm Strich gehört „Late Phases“ zu jenen Filmen, die in ihren Details besser gefallen als in deren Summe. Noch einmal sei angemerkt, dass die Werwolf-Geschichte nicht wirklich zur intensiven Figurenzeichnung passt. Obwohl Bogliano dafür Sorge trägt, dass die Bestie nie aus der Handlung verschwindet, gerät sie dem Zuschauer aus den Augen und schließlich aus dem Sinn. Irgendwann schließt sich diese Schere plötzlich, und es beginnt ein recht beliebiger Horrorfilm.

Ungeachtet dessen ist die Hintergründigkeit eine Wohltat. Das Durchschnittsalter der Darsteller dürfte die 50-Jahre-Grenze überschreiten. „Late Phases“ ist auch ein Film, der die Frage nach der Würde des Alters stellt: Nicht nur Ambrose wird von seiner Familie, die ihn längst ausgegrenzt hat, in Crescent Bay ‚entsorgt‘. Sämtliche Bewohner sind mehr oder weniger dort gestrandet. Das Aufsichtspersonal oder die Polizei nehmen sie nicht ernst und meiden sie, denn für sie ist das Alter eine ansteckende Krankheit.

Dass Ambrose als Vietnam-Veteran diesem System entgegentritt, ist faktisch unnötig. Natürlich ist es hilfreich, einen nicht nur alten, sondern auch wehrhaften Mann gegen einen Werwolf antreten zu lassen. Wäre er nicht blind, könnte die Kreatur sehr wahrscheinlich keinen weiteren Monat ihr Unwesen treiben. Nichtsdestotrotz ist „Vietnam“ zu einem Klischee geronnen und liegt als Auslöser von Ambroses Trauma zu lange zurück, um einem Publikum jüngeren Alters geläufig zu sein. So bleibt „Late Phases“ ein ‚durchschnittlicher‘ Film, der deutlich mehr verspricht, als er schließlich zu halten vermag – dies immerhin auf einem Qualitäts- und Unterhaltungs-Niveau, das den üblichen „Direct-to-Video“- und TV-Eintopf hinter sich lässt.

DVD-Features

Den Hauptfilm ergänzt eine ordentliche Ausstattung. So gibt es einen Audiokommentar mit Adrian García Bogliano (leider nicht untertitelt), der mit vielen Informationen dienen kann und u. a. erzählt, dass er ursprünglich keinen Werwolf-Film drehen wollte, sich dann jedoch durch die Hintergrundstory überzeugen ließ.

In einem viertelstündigen „Making of“ loben Regisseur Bogliano sowie die Produzenten Larry Fessenden – der im Film die Rolle des Grabsteinverkäufers O’Brien spielt – und Brent Kunkle einander und das entstandene Werk, wie es längst ‚Sinn‘ solcher Interviews geworden ist.

„Early Phases – Werewolf Diaries FX” ist ein halbstündiger und interessanter Beitrag über Konzept und (tricktechnische) Umsetzung des Werwolfes. Der deutsche und der originale Trailer runden die Extras ab.

Kurzinfo für Ungeduldige: Ein blinder, verbitterter Kriegsveteran trifft in einer Seniorensiedlung auf einen Werwolf, dem er den letzten Kampf seines Lebens ansagt … Der Horror kommt hier auf zwei Ebenen – als Porträt eines ‚aussortierten‘ Mannes, dem sein Gebrechen ebenso heftig zusetzt wie der Fluch dem Werwolf, der buchstäblich nicht aus seiner Haut kann: kein Meisterwerk, aber solide inszeniert und mit ausgezeichneten Darstellern besetzt.

[md]

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