Livid – Das Blut der Ballerinas

Originaltitel: Livide (Frankreich 2011)
Regie u. Drehbuch: Alexandre Bustillo u. Julien Maury
Kamera: Laurent Barès
Schnitt: Baxter
Musik: Raphaël Gesqua
Darsteller: Chloé Coulloud (Lucie), Félix Moati (William), Jérémy Kapone (Ben), Catherine Jacob (Madame Wilson), Marie-Claude Pietragalla (Deborah Jessel), Chloé Marcq (Anna), Loïc Berthezene (Lucies Vater), Serge Cabon (Williams Vater), Béatrice Dalle (Lucies Mutter)
Label/Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 10.05.2012
EAN: 4041658225274 (DVD) bzw. 4041658295277 (Blu-ray) bzw. 4041658275279 (Blu-ray 3D u. 2D)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch) u. Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

In einer kleinen Hafenstadt an der französischen Bretagne-Küste beginnt die junge Lucie eine Ausbildung als Altenpflegerin bei der in ihrem Job ausgebrannten Madame Wilson. Schon am ersten Tag begleitet Lucie diese in das einsam auf der Heide gelegene Haus der ehemaligen Ballerina und Ballett-Lehrerin Deborah Jessel, die seit vielen Jahren im Koma dahindämmert. In ihrem Haus habe sie irgendwo einen Schatz versteckt, erfährt Lucie von ihrer schwatzhaften Chefin – eine Geschichte, die sie abends ihrem Freund, dem Fischer und Kleinkriminellen William, erzählt.

Der hasst die Plackerei auf See und plant umgehend einen Einbruch in das Jessel-Haus. Da Lucie gerade erfahren musste, dass ihr verwitweter Vater nach dem Selbstmord der Mutter eine neue Beziehung eingegangen ist, will sie ausziehen. Das kostet, und so stimmt Lucie widerwillig Williams Plan zu. Dritter im Bunde ist der hirnfurchenflache Ben, der aber einen Wagen besitzt.

Wie William sehr richtig feststellt, ist es eigentlich zu einfach, bei Nacht in das Haus einzudringen, dessen Türen und Fenster ansonsten von massiven Stahlblenden geschützt werden. Innen beginnt das Trio mit der Suche, stößt dabei jedoch nicht auf Wertsachen, sondern in einem verschlossenen Raum auf die sauber ausgestopfte Leiche von Anna, Deborahs Tochter, die vor vielen Jahren einem Unfall bzw. dem Zorn der Mutter zum Opfer fiel.

Die ist zumindest des Nachts keineswegs komatös, sondern sehr lebendig – und hungrig, denn Deborah Jessel ist ein Vampir! Als sie erkennt, dass ihr Geheimnis entdeckt wurde, ist sie erst recht entschlossen, ihre ‚Gäste‘ nicht mehr entkommen zu lassen. Auf allen Etagen des riesigen Hauses bricht ein Kampf auf Leben und vor allem Tod aus, der an Intensität zunimmt, nachdem sich weitere Vampire ins Getümmel stürzen …

Es war einmal … eine tanzende Vampirin

Ehrgeiz ist wichtig und vor allem dort eine feine Sache, wo der in seinem Sinn getriebene Aufwand das entsprechende Ergebnis zeitigt. Auf der anderen Seite ist die Gefahr, mit solidem Durchschnittshandwerk zu scheitern, deutlich geringer als das Risiko, sich mit einem ehrgeizigen Projekt zu verheben. „Livid“ ist der Beweis für diese Theorie.

Jederzeit offensichtlich ist das Bemühen des Regie- und Drehbuch-Duos Alexandre Bustillo/Julien Maury, mit „Livid“ deutlich mehr als den üblichen Gruselfilm abzuliefern. Schon die Exposition verrät den Willen zum mystisch Verrätselten: Am Meeresstrand turnt eine Krabbe über das Leichengesicht eines oder einer Ertrunkenen. Dann geht es mit einer völlig anderen Geschichte weiter, doch Vorsicht: Zumindest der Arthouse-Zuschauer speichert solche Episoden ab, denn sie könnten irgendwann wichtig werden. In der Tat gibt es wohl eine Verbindung zum Finale, das auf diese Weise mehr sein könnte als das Ende eines Films, zu dem seinen ratlosen Schöpfern keine echte oder wenigstens logische Auflösung einfallen wollte.

Ein Gruselfilm im Geiste der Brüder Grimm, deren gesammelte Märchen bekanntlich vor horrorfilmkompatiblen Gräueln förmlich überquellen und den Kopfmenschen durch ihren tiefen Symbolgehalt erfreuen: Dies ist das Fundament, auf dem „Livid“ eher wackelt als steht. Falls es ein Rezept gibt, dass den Märchen ihre dauerhafte Wirkung bescherte, haben Bustillo & Maury es nicht gefunden.

Blass im Geschehen, blutig im Detail

Unsere Geschichte beginnt recht vielversprechend, obwohl europäisch unaufgeregt, könnte man sagen. Sie spielt im späten Herbst und ist entsprechend farblos; es wird früh dunkel, und ständig ist es feucht. Selbstverständlich ist das Wetter gleichzeitig eine Metapher für den Seelenzustand unserer Hauptfigur, denn Lucie ist eine unglückliche junge Frau ohne Perspektiven. Eine lange Einleitung macht uns vertraut mit ihrer Welt, die in der Tat trostlos ist.

Ihrem Freund und dessen Kumpel geht es ähnlich, nur dass die Drehbuchautoren hier keine Lust mehr zur differenzierten Figurenzeichnung gehabt zu haben scheinen. Sie änderten nicht einmal die Namen der beiden männlichen Rollen: „Livid“  sollte ursprünglich in England spielen, wo ein „William“ und ein „Ben“ sicherlich heimischer geklungen hätten als an der französischen Atlantikküste. Ansonsten ist William ein Loser und Ben ein Trottel; so hart muss das Urteil ausfallen, wenn man sie handeln sieht und reden hört. Lucie muss schon sehr verzweifelt (oder ähnlich taubhirnig) sein, um sich mit diesen Nulpen einzulassen!

Oder liegt es daran, dass William und Ben ohnehin nur durchhalten müssen, bis sie ihrem eigentlichen Filmzweck als Vampirfutter zugeführt werden können? Als sich die Handlung ins Haus der alten Jessel verlagert, nimmt „Livid“ eine völlig neue Richtung. Aus einem Drama wird ein waschechter Horrorfilm. Bustillo & Maury mögen es bestreiten, aber sie bedienen sich eindeutig ausgewiesener Genre-Situationen und -Klischees. Man könnte ihnen höchstens zugutehalten, dass sie sich dabei immerhin an Dario Argento oder Guillermo del Toro orientieren.

Vampir mit mechanischem Innenleben

Das Schauermärchen von der Vampir-Frau (= Hexe), die modernen Hänsels & Gretels auflauert, ist von Argento. Vampir-Tochter Anna erinnert mit ihrem zahnradersetzten Rückgrat an den ähnlich am ‚Leben‘ gehaltenen Nazi-Schergen Kroenen aus del Toros „Hellboy“ (2004). Das einerseits heruntergekommene und andererseits mit präparierten Tieren und Fotos vollgestopfte Haus – und hier vor allem das ‚Spielzimmer‘ mit der bizarren Teegesellschaft aus lebensgroßen und verkleideten Tieren – ist eine weitere Hommage an die verehrten, indes nie wirklich erreichten Vorbilder.

Hätten sie insgesamt beim Zitat bleiben sollen? Am deutlichsten scheitern Bustillo & Maury mit dem Versuch, den Vampir quasi neu zu erfinden. Sie ergänzen die einschlägigen Blutsauger-Regeln und Requisiten nicht, sondern produzieren ausschließlich Möchtegern-Geheimnisse. Welche unsichtbare Macht hebt Anna in die Lüfte, als sie das Haus bei Tageslicht verlässt? Wieso schwebt das Haus des Nachts in den Wolken, wo es von rauchigen Kreaturen umkreist wird? Immerhin erfahren wir, wieso Deborah Jahrzehnte wartet, bevor sie ausgerechnet Lucie als Körperersatz für die halbgelähmte Anna rekrutiert: Lucie hat zwei unterschiedlich gefärbte Augen, von denen eines als ‚Einfallstor‘ für fremde Seelen tauglich ist.

Für solche Momente von Logik ist man dankbar, denn Bustillo & Maury machen sich selten die Mühe, das Geschehen zu erden. In ihren Augen ist es völlig im Sinn der Geschichte, dass Pechvogel Ben durch einen Spiegel ‚fällt‘ und in ein Sezier/Präparier-Zimmer ‚teleportiert‘ wird, wie es sich kein verrückter Wissenschaftler grässlicher wünschen könnte. Ebenso beiläufig tauchen drei weitere Tutu-Vampire auf, die den tumben Ben filetieren, bevor sie spurlos aus dem Geschehen verschwinden.

Die böse Hexe wird in Stücke gerissen

Es schließt sich eine Orgie des Metzelns und Blutsaugens an, die jedem beliebigen Splatter entstammen könnte. Als Höhepunkt wird die Ober-Vampirin buchstäblich in Stücke gerissen, nachdem sie allen anderen Mordmethoden unverwüstlich getrotzt hatte. Anschließend sind wieder Märchen & Mythentümelei angesagt: Lucie und Anna zieht es ans Meer, wo sich die eine von der Klippe stürzt und davon schwebt, während die andere zurückbleibt, um mit der Polizei das Verschwinden mehrerer Mitbürger zu klären. (Letzeres ist nur eine Vermutung des Rezensenten.)

Den Darstellern kann man grundsätzlich keine Vorwürfe machen. Sie leisten ihren Job, so gut sie das Drehbuch dabei unterstützt. Wie bereits erwähnt, konzentrieren sich Bustillo & Maury primär auf Chloé Coulloud als Lucie, die in ihrer Rolle als graue Maus in der Alltagsfalle überzeugender wirkt denn als Beute der Vampire. Félix Moati (William) und Jérémy Kapone (Ben) müssen als eindimensionale Pappkameraden ihr kurzes Filmleben fristen. Absolut rätselhaft weil sinnlos bleibt ein Sekundenauftritt von Béatrice Dalle als Geist von Lucies Mutter; die Schauspielerin war den Regisseuren wohl einen Gefallen schuldig, den diese vier Jahre nach ihrem Spielfilm-Erstling „Inside“ – in dem Dalle eine Hauptrolle spielte – einforderten.

Formal ist „Livide“ ansehnlich, sogar stimmungsvoll, was über die inhaltlichen Schwächen ansatzweise hinwegtröstet. Die Story zerfällt allzu sehr in Einzelteile, die nicht zusammenpassen. Zu realistisch und zu abgehoben; zu hintergründig und zu plakativ; zu ernsthaft und zu albern: Das nötige Gleichgewicht fehlt, nur selten wird deutlich, was Bustillo & Maury sich gedacht haben mögen. Die Balance geht stets schnell wieder verloren.

Das verquaste Finale gibt diesem Film, dessen Originaltitel („livide“ = „blass“) nachträglich wie ein unheilvolles Vorzeichen wirkt, den Rest: Der Zuschauer soll offenbar nach dem Willen der Regisseure/Autoren nach einem tiefen Sinn hinter dem seltsamen Geschehen suchen. Da diese Absicht mehr als deutlich wird, geht auch diese Rechnung nicht auf. Bustillo & Maury haben versucht, Konventionen zu sprengen bzw. neu zu interpretieren, was anzuerkennen ist. Gescheitert sind sie trotzdem.

DVD-Features

„Livid“ gehört zu denjenigen Filmen, die neugierig auf einen begleitenden Filmkommentar oder ein „Making of“ machen. (Gibt es wider Erwarten eine Erklärung für die krude Finalszene?) Stattdessen gibt es nur den Trailer zum Hauptfilm.

Übrigens dient das FSK-Siegel wieder einmal der Plump-Werbung: „Livid“ ist als Film ab 16 Jahre freigegeben, was die Freunde des härteren Horrors womöglich vom Kauf abschreckt. Deshalb wurden einige Trailer für andere Filme aufgespielt, in denen es handfester zur Sache geht, und flugs hieß es verheißungsvoll „FSK: 18“.

[md]

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