Lost Colony

Originaltitel: Wraith of Roanoke (USA 2007)
Regie: Matt Codd
Drehbuch: Rafael Jordan
Kamera: Anton Bakarski
Schnitt: Robin Russell
Musik: John Dickson
Darsteller: Adrian Paul (Ananias Dare), Frida Farrell (Eleanor Dare), Rhett Giles (George Howe), Michael Teh (Manteo), Mari Mascaro (Elizabeth Viccars), Alex McArthur (John White), George Calil (Thomas Stevens), Doug Dearth (Gregory Hemphill), Suzette Kolaga (Emme Merrimoth), Terence H. Winkless (Vater Jacob), Dessi Morales (Wikinger-Hexe) u. a.
Label: MIG Film
Vertrieb: EuroVideo
Erscheinungsdatum: 15.05.2008 (DVD) bzw. 09.12.2010 (Blu-ray)
EAN: 4009750238424 (DVD) bzw. 4009750390887 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Im späten Sommer des Jahres 1587 erreichen Siedler Roanoke Island, die erste englische Kolonie auf nordamerikanischem Boden. Eigentlich sollen dort 15 schon früher eingetroffene Soldaten die Stellung halten. Doch sie sind verschwunden, ihr Anführer hängt tot von einem Balken: Aus Furcht hat er sich umgebracht und nur eine mysteriöse Warnung vor „Seelendieben“ hinterlassen. Obwohl auch Manteo, duldsamer Häuptling eines ansonsten kolonistenfeindlichen Indianerstamms, vor bösen Mächten auf der Insel warnt, setzen die gottesfürchtigen Siedler sich über solchen heidnischen Unfug hinweg. Als Gouverneur John White nach England zurücksegelt, um neue Vorräte zu besorgen, setzt er seinen Schwiegersohn Ananias Dare als Stellvertreter ein.

Der neue Anführer gerät sogleich unter Druck: Im Wald gibt es kein Jagdwild, die Saat will nicht aufgehen. Kurz darauf verlässt ein Wächter nachts seinen Posten und das Fort: Eine fremde Frau hat ihn in den Wald gelockt, wo er übles Ende findet. Weitere Opfer folgen. Eleonor, Dares Gattin, ahnt, was vorgeht. Sie wird von Visionen geplagt, in denen wikingische Seefahrer drei Hexen hinrichten. Dies geschah vor fünfhundert Jahren. Die Hexen blieben zwischen Diesseits und Jenseits gefangen. Sie stärken sich mit den Seelen ihrer Opfer, die dann ebenso untot auf Roanoke Island umherirren und sich den Hexen anschließen müssen.

Aus England ist keine Hilfe zu erwarten. Auch die Indianer wollen mit den Siedlern nicht zu tun haben, seit einige übereifrige Kolonisten ihr Dorf überfielen. Während Nacht für Nacht die Geister das Fort heimsuchen, fahndet Ananias Dare verzweifelt nach einem Ausweg. Manteo gibt ihm den Tipp, nach einer geheim gelegenen Höhle zu suchen. Dort verschnaufen die Hexen nach Feierabend, und dort lässt sich womöglich finden, was ihnen schadet. Aber der Weg ist weit und gefährlich, denn die Geister halten Augen und Klauen weit geöffnet …

Wir waren gewarnt!

Für den im Film-Alltag ein wenig bewanderten Phantastik-Freund ist es nicht immer die erzählte Geschichte, die den Grusel birgt. In diesem Fall kommt der wahre Schrecken sogar aus zwei storyfernen Richtungen, die sich so auf den Punkt bringen lassen: „Sci-Fi-Channel“ und „Adrian Paul“.

Genannter „Sci-Fi-Channel“, gegründet 1992, hat sich 2009 in „Syfy“ umbenannt. Es ändert nichts an der Politik dieses Privatsenders, die Kosten für selbstproduzierte Filme möglichst niedrig zu halten. Das hat zur Folge, dass die Erzeugnisse von „Sci-Fi“ oder „Syfy“ bei erbosten Genre-Fans als formal wie inhaltlich billige Sendeplatzfüller verschrien sind. „Lost Colony“ gehört zwar noch zu den besseren Filmen, füllt jedoch trotzdem jedes mit dem Sender verbundene Vorurteil mit wildem Eigenleben.

Adrian Paul gehört zu jenen Schauspielern, die stets gut beschäftigt sind, ohne sich jemals zu echtem Starruhm aufschwingen zu können. 1992 schien es einmal so weit zu sein, als er Christopher Lambert als „Highlander“ ablöste. Bis 1998 gab er in der gleichnamigen Fernsehserie mit Pferdeschwanz und Stoppelbart einen fürchterlich schmierigen ‚Unsterblichen‘, der in 119 seichten Episoden sein Schwert schwang; es folgten noch zwei Filme der C-Kategorie. Auf diesem Niveau hat sich seine ‚Karriere‘ einpendelt; der Name Adrian Paul signalisiert – ähnlich wie Lance Henriksen, Eric Roberts oder Corbin Bernsen – Filmstoffe, die mit Vorsicht zu genießen sind.

Die Geschichte als Knetmasse

Das Geheimnis von Roanoke beschäftigte und beschäftigt nicht nur Generation von Historikern. Dies ist der Stoff, aus dem (Alb-) Träume gemacht sind, die einen idealen Rohstoff für spannende Storys bilden. Es gibt gerade genug Fakten, die als solide Basis ein Grusel-Garn tragen, das nach Belieben gesponnen werden darf. Warum also keine aus Skandinavien importierten Hexen ihr Unwesen treiben lassen? Die Wikinger waren lange vor den Engländern (oder Columbus) in Nordamerika. Ihre Geschichte ist die Quelle eigener Mythen, die Drehbuchautor Rafael Jordan – sicher ist sicher – mit dem Roanoke-Rätsel verschneidet.

Nicht dies bringt die „Lost Colony“ zu Fall. Lange verzeiht man Jordan seine Einfallsarmut, seine Flucht in Klischees, seinen Hang zur Unlogik, die selbst die Grenzen des Trivialfilms sprengt. Regisseur Matt Codd müht sich wacker, den Schwachsinn wenigstens ansehnlich zu gestalten. Er arbeitet doppelgeleisig nicht nur als Regisseur, sondern auch als Szenenbildner. In dieser Funktion malte er Trick-Hintergründe für Großproduktionen wie „Planet der Affen“ (2001), „Terminator 3“ (2003) oder „Apocalypto“ (2006). Auch „Lost Colony“ profitiert vom Auge des Illustrators. Codd stand ein 2-Mio.-Budget zur Verfügung. Wie so viele sparsame Filmemacher ging er mit seinem Team nach Osteuropa. In Bulgarien gab sein Sparstrumpf die Errichtung eines vollständigen Forts her: eine Großkulisse, die Codd in Länge, Breite und Höhe einzusetzen weiß und deren Mauern geschickt die Außenwelt dort ausschließen, wo ihre ständige Kamerapräsenz zu teuer käme.

Viel Nebel wabert um das Fort und verschleiert kostengünstig angedeutetes Hintergrunddekor. Cobb integriert ihn in die Geschichte und weiß ihn dort zu nutzen. Auch schlechtes Wetter kommt ihm gelegen: Wenn es regnet, tropft es nicht aus Schläuchen, sondern aus Wolken. Und gestorben wird – zumal in einem ab 16 Jahren freigegebenen Film – angemessen horribel, d. h. ausgesprochen blutig.

Mit weicher Birne gegen eine Betonwand

Damit ist die Liste der Erfreulichkeiten abgeschlossen, während die der Verbrechen wider Logik und Verstand gekürzt werden muss, um den Rahmen dieses Textes nicht zu sprengen. Dass „Lost Colony“ kein Meisterwerk des Horror-Genres ist, wird schon in der ersten Filmminute deutlich: Ein Siedler hetzt durch den Wald, um schließlich von einer Geister-Hexe abgeschlachtet zu werden. Welcher Regisseur zeigt und verheizt dadurch sein Monster bereits so früh und völlig unnötig? Wir wissen schon, was die Siedler erst langwierig und (für uns) langweilig in Erfahrung bringen müssen. Aber „Lost Colony“ ist ein TV-Film. Wenn er schließlich im ‚freien‘ US-Fernsehen läuft, wird er nach fünf Minuten zum ersten Mal durch Werbung unterbrochen. Die frühe Enthüllung der Hexe soll den Zuschauer davon überzeugen, diese über sich ergehen zu lassen und bloß nicht umzuschalten.

Eine weitere Sünde ist die widernatürliche Sauberkeit der Schauplätze. Das Fort oder die Indianersiedlung wirken nie gewachsen, sondern lassen sich stets als Kulissen identifizieren, die in die Landschaft gestellt wurden. Generell ist alles unnatürlich sauber und wird gut ausgeleuchtet. Die Darsteller zivilisationsfern am Hungertuch nagender Siedler treten mit perlweißen Zähnen und reiner Haut vor die Kamera. Der Gipfel der Lächerlichkeit wird mit dem Auftritt von Frida Farrell erreicht: Die blonden Locken, das perfekte Make-up und die strahlend weiße Kleidung des schwedischen Ex-Models werden selbst auf dem Wochenbett nicht in Mitleidenschaft gezogen. Dies ist typisch für „Syfy“-Billig-Fernsehen in schlechter „Stargate“-Tradition.

118 Personen zählte die Kolonie Roanoke. Vor der Kamera sieht man höchstens fünfzehn Personen gleichzeitig; Statisten wollen offensichtlich auch in Bulgarien bezahlt werden. In jeder Nacht metzeln die Hexen, was ihre Klauen hergeben. Am nächsten Morgen sind die Toten verschwunden, und vermutlich dieselben Statisten treten in neuer Kleidung ihren Dienst als „weitere Siedler“ an. Dazu tragen sie Feuerwaffen, die es 1587 noch nicht und Helme, die es schon lange nicht mehr gab. Wenigstens können sie den fertigen Film anschauen, ohne sich zu Tode zu schämen. Die glatzköpfig-kugelbäuchigen, schwarz-weiß bemalten ‚Indianer‘-Darsteller dürfen dieses Glück nicht für sich beanspruchen. (Nur Michael Teh bleibt als Manteo in der Rolle des „edlen Wilden“ solcher Mummenschanz erspart: Ein Australier spielt in Bulgarien einen nordamerikanischen Ureinwohner …)

Tod durch Drehbuchautor und Hexen

Wenn das Finale naht, hat die Logik längst die Segel gestrichen. Die Geister-Hexen verabscheuen Wasser, weshalb um das Fort ein Graben gezogen wurde. Dieser ist komplett, aber die Spukwesen springen trotzdem nach Belieben über die Palisaden. Deshalb lässt Ananias einen Graben IM Fort um das Hauptgebäude ziehen – und den können die Hexen erst nicht und dann plötzlich doch überwinden.

Dass Wasser zur Waffe wird, beweist Ananias, als er einen Geist aus seiner Feldflasche besprenkelt und dieser sich unter Fauchen und Klagegeschrei auflöst. Nichtsdestotrotz dringen er und seine Männer weiterhin unverdrossen mit Gewehr und Säbel auf die Hexen ein und wundern sich, dass sie niedergemacht werden. Dabei ist Ananias eigentlich ein Genie: Als er in der Hexenhöhle einen Runenstein findet, kann er die Inschrift binnen Sekunden fließend lesen und übersetzen.

Jetzt regiert vor und hinter der Kamera unangefochten der Schwachsinn. In der letzten Nacht holen die sonst recht geräuschvoll spukenden Hexen sämtliche Frauen und Kinder aus dem eigentlich sicheren Hauptgebäude. Ananias, Eleanor und ihrer Tochter lassen sie weiterschlafen und auch so viele Männer leben, dass diese in der nächsten Szene ein Floß fertigstellen können, auf das die Hexen gelockt und nach Walhalla geschickt werden sollen.

Wenn sie dort ein wenig rücken, sind sicherlich noch einige Plätzchen für die Tricktechniker der „Lost-Colony“-Crew frei. Die CGI-Sequenzen wurden möglicherweise auf einem Handy designt, die fliegenden Hexen sehen wie in Phosphor getränkte und wild geschwenkte Tuchlumpen aus, die ‚lebenden Bäume‘ strecken Krikelkrakel-Tentakel aus, und jeder durch Hexenhiebe getroffene Soldat fällt fix & fertig ‚tot‘ geschminkt vor die Kameralinse.

Die Geschichte hinter der Story

Man glaubt es kaum, aber Autor Rafael Jordan hält sich tatsächlich an die historischen Fakten; es hätte der Story gut getan, wären diese reichlicher eingeflossen. So rätselt der mit diesem Kapitel der US-Geschichte weniger vertraute Zuschauer, wer denn die Pechvögel sind, die in den turbulenten Anfangsminuten ihr Leben lassen müssen. Deshalb hier kurz die Hintergründe:

Im August 1585 wurde auf Roanoke Island die erste englische Kolonie auf nordamerikanischem Boden gegründet. 108 Siedler starteten denkbar schlecht in ihr neues Leben. Admiral Grenville, der sie so abgesetzt hatte, versprach neue Vorräte und segelte zurück nach England. In seiner Abwesenheit warf der Abenteurer Sir Francis Drake im April 1586 vor Roanoke Anker. Er bot den Siedlern an, sie nach England zu bringen, was dankbar angenommen wurde. Als Grenville Roanoke wieder ansteuerte, fand er Fort und Kolonie verlassen vor. Er ließ 15 Männer zurück, die Englands Anspruch auf die Insel sicherstellten: Dies sind die Unglücklichen, die im Film zuerst den Hexen begegnen.

In der Tat waren diese Männer fort, als im Juli 1587 neue Siedler – unter ihnen Ananias Dare und seine schwangere Gattin Eleanor – Roanoke erreichten. Die Geschichte wiederholte sich: Gouverneur John White segelte nach England, um Nachschub zu organisieren. Ein neuer Krieg mit Spanien brach aus, sodass er erst drei Jahre später, im August 1590, nach Roanoke zurückkehrte. Die Kolonie war verlassen, 118 Männer, Frauen und Kinder waren unter Hinterlassung ihrer Habe spurlos verschwunden. Gefunden wurde nur ein Holzpfosten, in den das Wort „Croatoan“ eingeschnitten war. Dies war der Name einer Insel, auf der ein befreundeter Indianerstamm lebte.

Ein Hurrikan vertrieb White, der Croatoan nicht aufsuchen konnte. Ein Mythos war geboren. Vor allem die Spökenkieker erklommen ungeahnte Höhen interpretierenden Schwachsinns: Monster lauern im Wald von Roanoke! Ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum hat sich geöffnet! Außerirdische haben die Kolonisten entführt!

Tatsächlich gibt es Spuren, die darauf hinweisen, dass zumindest einige Siedler ihr Ziel erreichten und von den Indianern aufgenommen wurden. Mehr als ein Jahrhundert nach dem rätselhaften Untergang kamen endlich Reisende nach Croatoan. Sie fanden diverse Ureinwohner, die deutlich europäische Züge trugen. Die ganze Geschichte der verlorenen Roanoke-Kolonie ist bis heute ungeklärt, doch übernatürliche Gründe können wie üblich ausgeschlossen werden. Aus diesem Grund dürfen auch Matt Codd, Rafael Jordan und alle, die sich des „Lost-Colony“-Debakels schuldig machten, darauf hoffen, nur vom Publikum verflucht aber nicht vom Teufel geholt zu werden.

DVD-Features

Wer den Hauptfilm überstanden hat, muss sich vor Extras nicht mehr fürchten; es gibt sie nicht, was aber nicht heißt, dass man generell vor ihnen sicher ist. Man findet (oder meidet) sie im Internet.

[md]

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