Lovely Molly – Das Gesicht des Bösen

Originaltitel: Lovely Molly (USA 2011)
Regie: Eduardo Sánchez
Drehbuch: Eduardo Sánchez u. Jamie Nash
Kamera: John W. Rutland
Schnitt: Eduardo Sánchez u. Andrew Vona
Musik: Tortoise
Darsteller: Gretchen Lodge (Molly Reynolds), Johnny Lewis (Tim Reynolds), Alexandra Holden (Hannah), Field Blauvelt (Pastor Bobby), Kevin Murray (Hensley), Ken Arnold (Samuels), Lauren Lakis (Lauren), Greg Cool (Ben Palmer) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 26.07.2013
EAN: 0887654440099 (DVD)/0887654440198 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 96 min. (Blu-ray: 100 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Molly hat geheiratet. Fernfahrer Tim Reynolds liebt sie wirklich und weiß um ihre dunkle Vergangenheit: Molly ist psychisch instabil, neigt in der Krise zum Drogenmissbrauch und hat bereits einen langen Sanatoriums-Aufenthalt hinter sich. Doch nur Schwester Hannah, gleichzeitig Mollys beste Freundin, kennt die wahre Ursache ihrer Seelennot: Nach dem Krankheitstod der Mutter hatte der alleinerziehende Vater Ben Palmer die Finger und andere Körperteile nicht bei sich lassen können. Irgendwann fand man ihn mit einem Schraubendreher im Herzen; die örtliche Polizei, die viel zu oft aber stets vergeblich im alten Dublin-Haus der Palmers nach dem Rechten hatte sehen müssen, befand auf Unfall und schloss schleunigst die Akten.

Da das Geld knapp ist, müssen Molly und Tim ins Dublin House einziehen. Es liegt abseits im Wald, und Tim ist beruflich oft tagelang unterwegs. Molly hat die Macht der Erinnerungen unterschätzt, die sie immer wieder blitzartig überfallen, nachdem sie viele Jahre verdrängt und scheinbar vergessen hatte, was ihr in diesem Haus angetan wurde.

Molly entdeckt eine geheime unterirdische Kammer, im Haus poltert es, unsichtbare Fäuste trommeln gegen die Türen, eine geisterhafte Stimme singt das alte Volkslied „Lovely Molly“. Zunehmend verzweifelt und durch den Unglauben Tims zusätzlich verunsichert, beginnt Molly wieder Drogen zu spritzen, was ihre Psycho erst recht zerrüttet. Sie glaubt an die Wiederkehr des Vaters, der sie weiterhin missbrauchen will. Mit einer Kamera beginnt Molly festzuhalten, was sie verfolgt. Dabei driftet sie weiter in den Wahnsinn ab und wird gefährlich; eines Abends verbeißt sie sich in Tims Gesicht und reißt ihm beinahe die Lippen ab.

Molly glaubt sich vom Geist ihres Vaters besessen. Eine neuerliche Einweisung scheint unabwendbar. Doch die Ereignisse spitzen sich zu. Molly folgt den Befehlen ihres Peinigers und beginnt eine breite Blutspur in und um Dublin House zu legen …

Vergangen aber nicht vergessen

Das klassische Geisterhaus ist so etwas wie eine Batterie. Sie speichert Schatten des Geschehens, das sich einst in seinen Mauern abspielte. Dabei lautet die allgemeine Auffassung, dass es primär negative Emotionen sind, die sich erhalten. Wer glücklich stirbt, hat keinen Grund, auf Erden zu verharren, sondern zieht weiter. Geister sind unglücklich, sie bleiben, wo sie als Menschen ihr Ende fanden, und spuken dort entweder ratlos oder rachsüchtig herum, denn gar nicht selten waren sie bösartige Zeitgenossen, die der Tod keineswegs friedlicher stimmte. Stattdessen nutzen sie ihre Macht, unsichtbar zu kommen und zu gehen und jene zu plagen, die ihnen in der Nacht ausgeliefert sind.

„Lovely Molly“ passt exakt in dieses Schema. Geist und Opfer kennen sich sogar – es ist der tote Vater, der die Tochter peinigt. Das hat er schon zu Lebzeiten getan und Molly damit ein lebenslanges Trauma aufgeladen. Tatsächlich ist es möglich, dass es im Dublin House gar nicht spukt, sondern Molly sich ihre Heimsuchung einbildet: Nachdem sie die Erinnerung an das erlittene Grauen bisher verdrängen konnte, kehrt sie es nach der ‚Heimkehr‘ durch die Hintertür des Hirns zurück.

Die Folgen sind auch ohne Geisterbefall verheerend. Wie ein Wasserkessel, der unter zu großen Druck gesetzt wurde, ohne ein Ventil zu besitzen, explodiert Molly. Die dabei entstehende Energie ist zerstörerisch. Sie richtet sich gegen Molly selbst, erfasst aber auch die Menschen in ihrer Umgebung. Wenn Molly Pastor Bobby nicht erotisch, sondern aggressiv verführt, verhält sie sich unwillkürlich wie ihr Vater.

Die Spirale ins Verderben

Regisseur und Drehbuch-Mitautor Eduardo Sánchez hält seine Geschichte über die gesamte Distanz geschickt in der Waage: Spukt es wirklich? An einschlägigen Ereignissen fehlt es nicht, doch stimmen sie mit der Realität überein? Selbst als Molly kurz vor Schluss nackt in den Wald und in die sich einladend öffnenden Arme einer diffus sichtbar werdenden, pferdeköpfigen Gestalt taumelt, ‚sehen‘ wir diese vielleicht nur durch ihre Augen.

Der Sturz in den Abgrund ist ebenso spannend wie quälend. Sánchez inszeniert ihn straff und ohne Abweichungen. Ein Entkommen ist für den Zuschauer ebenso wie für Molly unmöglich. Glücklicherweise fand Sánchez in Gretchen Lodge eine Schauspielerin, die der Herausforderung gewachsen ist, praktisch jederzeit im Mittelpunkt zu stehen. Für Lodge war „Lovely Molly“ der erste Film und eine Feuertaufe, die sie mit Auszeichnung bestanden hat – dies buchstäblich, denn für ihre Leistung wurde sie mit verschiedenen Preisen und Nominierungen bedacht.

Lodge gibt alles, was auch – ungewöhnlich im US-Kino – die mehrfache, sogar totale Nacktheit einschließt. Molly wird von ihrem Spuk jeglichen Schutzes, jeglicher Deckung beraubt. Die nackte Molly zeigt Sánchez stets in fahlem, grauem Licht, das sie wie einen Zombie wirken lässt, der gerade aus der Friedhofserde gekrochen ist.

Zum Gefühl des Ausgeliefertseins trägt die zunehmende Isolierung bei. Niemand glaubt Molly, dass ein Geist hinter ihr her ist. Was im Horrorfilm oft ärgert, weil Nichterkennen oft mit Begriffsstutzigkeit gleichgesetzt wird, wirkt hier jederzeit überzeugend. Die eigene Geschichte wird Molly zum Verhängnis und kostet sie jede Glaubwürdigkeit.

Der Preis des Mitleids

Dabei ist Molly wie gesagt nicht von den üblichen Schwachköpfen umgeben. Ihre Schwester weiß sehr gut, was der Jüngeren zu schaffen macht. Wahrscheinlich weiß auch Tim Bescheid. Doch sie können Molly nur bis zu einem gewissen Punkt verständnisvoll entgegenkommen. Dahinter wird es auch für sie gefährlich, denn Molly wird gewalttätig, je weiter ihr Wahnsinn fortschreitet.

Oder handelt es sich doch um Besessenheit? Schleichend lässt Sánchez den Zuschauer begreifen, dass sich Molly durchaus nicht alles einbildet. Gatte Tim, Schwester Hannah, Pastor Bobby: Sie alle schleppen eigene, düstere Geheimnisse mit sich herum und tragen Mitschuld an Hannahs geistigen Verfall.

Auch diese Rollen konnte Sánchez mit weitgehend unbekannten aber talentierten Schauspielern besetzen. Für Johnny Lewis wurde Tim Reynolds eine seiner letzten Rollen; nach einem Motorradunfall im Oktober 2011 blieben schwere Kopfverletzungen unerkannt. Lewis Benehmen wurde immer irrationaler. Am 26. September 2012 tötete er erst seine Vermieterin und brachte sich anschließend selbst um; bis zu seinem 29. Geburtstag fehlte noch ein Monat. Lewis‘ Schicksal wirkt wie eine bizarre Kopie des Schicksals, das Molly Reynolds ereilte.

Die andere Interpretation

Zwar überlässt es Sánchez seinem Publikum zu entscheiden, ob Mollys Wahrnehmung gestört ist oder es tatsächlich spukt. Er selbst vertritt in diesem Punkt freilich eine dezidierte Meinung, die er ausdrücklich vertritt, obwohl er sich damit gegen die Mehrheit der ihm gewogenen Kritikerschaft stellt. Diese zieht den Psycho-Thriller dem Horror eindeutig vor und stellt die Andeutung höher als die Eindeutigkeit.

Nichtsdestotrotz stellt Sánchez eindeutig fest: Dublin House ist ein lupenreines Spukhaus! Hier geht es um, und vor Molly hat der Spuk in zweieinhalb Jahrhunderten schon viele Bewohner erwischt – Ben Palmer eingeschlossen, der nicht aus eigenem Antrieb zum Kinderschänder wurde.

Erst im Rahmen dieser Vorgeschichte werden bestimmte Elemente überhaupt verständlich. Dies betrifft vor allem die geheime Kammer mit den Pferdekopf-Ornament: Es verweist auf Orobas, einen der Prinzen der Hölle, der Pferdegestalt besitzt, sich aber in einen Mann verwandeln kann. Orobas ist der Motor, der das Grauen von Dublin House in Gang hält und halten wird, denn ein – selten genug, dass so etwas gelingt! – schockierende Finaltwist deutet nicht nur an, dass ein nächstes Opfer bereits ins Pferdeauge gefasst wurde.

So ist „Lovely Molly“ das erfreuliche Beispiel eines Grusel-Thrillers, dem alles gelingt. Die Story ist nicht nur spannend, sondern wird entsprechend umgesetzt, die Schauspieler sind fabelhaft, und selbst die Spezialeffekte lassen nicht erkennen, dass Eduardo Sánchez nur 1 Mio. Dollar für seinen Film zur Verfügung stand. „Lovely Molly“ mag nach Hollywood-Standards ein ‚kleiner‘ Film sein. Gleichzeitig bietet dieser Film größeres Kino als so mancher Blockbuster!

DVD-Features

Zwar dauern die Featurettes insgesamt keine 30 Minuten, doch sie stellen einen echten Mehrwert dar. Regisseur Sánchez stellt unter Beweis, dass er seit „Blair-Witch-Project“-Tagen nicht verlernt hat, einen Mythos zu fördern, indem er ihn pseudo-dokumentarisch unterfüttert. Statt des üblichen „Making of“ oder der als Interview verkappten Werbung drehte Sánchez einige kleine aber feine Filme, die den Hauptfilm nicht nur erläutern, sondern ihn ergänzen. Diverse Nebendarsteller treten in ihren Rollen vor die Kamera und unterstreichen die ‚Authentizität‘ der Geschichte vom Geisterhaus, das nicht nur die Reynolds, sondern vor ihnen schon viele andere Bewohner ins Verderben stürzte.

Die Featurettes „Weg in den Wahnsinn“, „Geister der Vergangenheit“, „Dämonische Kräfte“ und „Was ist Real?“ können in beliebiger Reihenfolge angesehen werden. Sie geben die grundsätzlichen Informationen trotzdem wider. Der eher dem Arthouse zuneigende Kritiker sollte sie übrigens meiden: Wer Mollys Erlebnisse als seelischen Zusammenbruch interpretiert, dürfte enttäuscht sein, wenn Sánchez nun Dublin House in ein echtes Geisterhaus verwandelt, das Ende des 18. Jahrhunderts vom geistig zerrütteten, dem Okkulten verfallenen Colonel James Collins errichtet wurde. Immer wieder kam es in dem Haus zu seltsamen, erschreckenden und grausigen Vorkommnissen, die auch ein Heer ratloser Ghostbuster nur zur Kenntnis nehmen aber nicht erklären konnte.

Kurzinfo für Ungeduldige: Die durch eine trostlose Kindheit traumatisierte Molly verfällt in ihrem ehemaligen Elternhaus zusehends dem Wahnsinn – oder trifft zu, was sie behauptet, und ein böser Dämon sitzt ihr im Nacken …? – Erstaunlich, was Regisseur/Autor Sánchez aus dem Horror-Uralt-Thema Besessenheit herausholt. Die Hauptdarstellerin ist phänomenal, die Story spannend und im guten Sinn schrecklich. Kamera und Musik tragen ihren Teil zu diesem wirklich gruseligen Garn bei!

[md]

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