Fünf neugierige Stadteier geraten unter Hinterwäldler, die in ihrer Mitte einen irren Serienkiller hüten … – Wie das wohl ausgehen mag? Um es herauszufinden, muss man dieses C-Movie, das sich inhaltlich und formal mühsam von einem „Backwood“-Klischee zum nächsten schleppt und unter strengem Ausschluss schauspielerischen Talents heruntergekurbelt wurde, nicht einmal anschauen: kein Rat, sondern eine Warnung, die beherzigt werden sollte!

Das geschieht:

Student James will einen Schriftsteller interviewen, der tief in den Wäldern von Madison County, US-Staat Alabama, haust. David Randall hat dort einen Bestseller über die örtliche Hillbilly-Legende Damien Ewell geschrieben: Schrecklich entstellt und mit enormem Leerstand im Hirnstübchen soll dieser seit vielen Jahren in den Hügeln sein Unwesen treiben und mindestens 33 Menschen grausam ermordet haben.

Kumpel Will begleitet James als Fotograf. Brooke und Jenna, dumm aber proper, hoffen auf ein heiteres und womöglich amouröses Wochenende auf dem Land. Leider ist auch Kyle, Brookes mürrischer Bruder, an Bord, der keine Ahnung hat, dass sein Beschützer-Instinkt bei Brooke ins Leere greift, die längst mit Will zusammen ist.

Der Stopp an einem Diner macht dem Quintett klar, dass die Bewohner von Madison County es Autor Randall überaus übel nehmen, als kriminelles, inzüchtig degeneriertes Lumpenpack dargestellt worden zu sein; dies gilt umso mehr, als es zutrifft. Zu allem Überfluss geistert Damien, der trotz seiner tadelnswerten Angewohnheiten ein beliebtes Mitglied der Gemeinde ist, tatsächlich mit Messer und Axt durch den Wald. Aktuell trägt er einen schändlich miserabel präparierten Schweinskopf auf dem Kopf, schmuddelige Drillich-Latzhosen und einen löchrigen Wollpullover voller verdächtiger Flecken.

Unsere fünf notorisch ahnungslosen Fremdlinge steuern Randalls einsame Hütte an, die sie leer finden, worauf sie sich suchend im Wald zerstreuen. Damien hat Glück: Obwohl er bei seinen Streifzügen wie ein Schwein vor sich hin zu quieken pflegt, sind seine neuen Opfer durch Zank, Dummheit und periodisch auftretende Hörschwäche so abgelenkt, dass er unbemerkt heran wanken und sie niedermetzeln kann. Zwar trifft ihn zwischendurch so mancher Schaufel- oder Klingenhieb, doch so etwas macht einen Hillbilly-Mutanten bekanntlich nur noch wütender, was die aktuelle Überlebensrate in Madison County weiter drückt …

Hurra! Wir drehen einen Horrorfilm!

Nur: Warum tun wir es, wenn wir keine Ahnung davon haben, wie man so etwas macht? (Nicht nur) in seinem Blog wütet Regisseur und Drehbuchautor Eric England gegen jene, die sein Meisterwerk mit Negativ-Kritik reich bedenken, weil sie es nicht verstehen, neidisch auf ihn oder überhaupt Ignoranten und Trolle sind oder – noch heimtückischer – „Madison County“ totschweigen, weshalb sich der verdiente Millionenerfolg nicht einstellen will.

England beschwört sein potenzielles, ihm durch dunkle Mächte vorenthaltenes Publikum: „This movie DESERVES to be seen by the biggest audience possible. If not just for the pure passion behind the filmmaking … but because of the AMAZING work put into this film by every single filmmaker and actor on the crew!“ Was er damit meint, bleibt denen unklar, die Englands Sirenengesang erlagen und sich „Madison County“ tatsächlich angesehen haben. Wo waren denn diese talentierten, engagierten Leute, als die Kamera lief? Wir sehen ausschließlich Stümper, die Eifer höchstens dort an den Tag legen, wo es gilt, uns Frei- und Lebenszeit zu stehlen.

Enthusiasmus kann ein gescheitertes Projekt nur bedingt entschuldigen. England muss sich der Kritik offen stellen, weil er offensichtlich von den Qualitäten seines Films überzeugt ist. Man darf ihm wohl eine gerütteltes Maß an Betriebsblindheit unterstellen: Wie bei Ed Wood jr. oder Ti West läuft vor seinem inneren Auge ein eigener, anderer und vor allem besserer Film ab, der dem entspricht, was „Madison County“ werden sollte – eine puristische Beschwörung des US-„Backwood-Horrors“ in seiner großen Zeit, die in den 1960er Jahren begann, in den 1970ern mit „Texas Chainsaw Massacre“ einen Höhepunkt erreichte und in den 1980er allmählich auszulaufen bzw. sich zu wiederholen begann; die Zensur sägte weltweit mit an dem Ast, an dem das Genre schließlich hing (ohne freilich je gänzlich sein Leben auszuhauchen).

In der Kürze liegt hier keine Würze

England schwebte ein düsterer, rauer, ‚dreckiger‘ Splatter vor, der nicht durch Humor verwässert werden sollte: Horror wie früher halt, der aufgrund seiner handgemachten Schlitzereien von historisch bewanderten Gore-Fans kultisch verehrt wird. Auch England listet einschlägige Klassiker auf; außer „TCM“ fallen Titelnamen wie „Two Thousand Maniacs“ (1964), „The Hills Have Eyes“ (1977; „Hügel der blutigen Augen“) oder „Mother’s Day“ (1980; „Muttertag“). Seine Reverenz erweist er den Vorbildern, indem er sich jene Elemente und Szenen herauspickt, die ihm am besten gefielen, um sie dann zu kopieren, so gut dies ohne ein echtes Budget möglich ist.

Für 70.000 Dollar wurde „Madison County“ laut „IMDb.com” realisiert, was 18 Drehtage dauerte. Sowohl den Geld- als auch den Zeitmangel sieht man dem Ergebnis zwar an, doch beides ließe sich verschmerzen oder ignorieren, stünde dem nur ein Mehrwert in Gestalt einer spannenden Story, gorigen Schnetzeleien oder ansehnlichen Darstellern entgegen. Dem ist jedoch keine Sekunde so, was u. a. einen Film bedingt, der gerade 72 Minuten läuft – dann folgt ein sechsminütiger Abspann in Super-Zeitlupe – und doch ewig zu dauern scheint.

England hatte einen Traum und eine vage Vorstellung von der Umsetzung. Bis zu einem richtigen Drehbuch ist beides nie gediehen, weshalb das schüttere Handlungsgerüst nicht einmal über die genannte Laufzeit trägt. Eigentlich ist nach spätestens einer Stunde alles erzählt. Da solche Kurzfilme auf dem Filmmarkt keine begehrte Ware darstellen, flanscht England einfach eine Coda an, die mit der eigentlichen Handlung nichts mehr zu tun hat – sogar das Monster mit dem Schweinekopf taucht nicht mehr auf –, sondern ein weiteres Opfer zu Tode kommen lässt, was sich erneut end- und sinnlos hinzieht.

Hinter dem Wald hausen die Hinterwäldler

Eric England drehte „Madison County“ quasi vor der eigenen Haustür. In den einsamen Hinterwald, den er mit finsterem Gesindel bevölkert, nahm ihn früher der Opa zum Angeln mit. Nie gelingt es England, den diversen Schauplätzen bedrohliche Schauwerte abzuringen: Es ist eine landschaftlich schöne Gegend, in der es angeblich mörderisch umgeht. Wirklich einsam ist es nicht, die Sonne scheint, die Wälder sind grün und licht, und dass hier und da eine windschiefe Hütte steht, unterstreicht den höchstens pittoresken Eindruck. Hier könnte man seinen Urlaub verbringen.

Auch verderbte Hinterwäldler sucht man vergebens. Zwar fahren sämtliche Bewohner von Madison County alte Pickup-Trucks und tragen Baseball-Kappen, Flanellhemden und Kinnbärte, doch die Inzucht steht ihnen eben nicht in die Gesichter geschrieben. Wen wundert’s, musste England doch auf Einheimische als Statisten zurückgreifen, die er deshalb nicht als genetisch entartetes Deppen-Kollektiv darstellen konnte.

Wie in dieses Umfeld ein angeblich mythischer Super-Killer wie Damien integriert ist, bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage, wieso sich die Bewohner von Madison County von den Ewells – apropos: „Ewell“ = „evil“! Genial, nicht wahr? – auf den Nasen herumtanzen lassen. Oder verbirgt sich hinter Damiens Wüten ein geheimes aber nützliches Regierungsprogramm, das der Ausrottung allzu dämlichen Jungvolkes dient? Dann verdient Damien einen Orden, denn er leistet gute Arbeit; zu tadeln bliebe höchstens, dass er nicht alle Hohlköpfe erwischt, die arrogant über Madison County herfallen.

Stadtvolk ohne Hirnaktivität

Man darf nicht davon ausgehen, dass England seine fünf ‚Studenten‘ absichtlich so unsympathisch zeichnete, bis man ihren Tod kaum erwarten kann. Dennoch geschieht genau das, woran die Darsteller viel Mitschuld tragen: Schauspielerischer Einsatz war in dem Honorar, das England zahlen konnte, offensichtlich nicht inbegriffen. Klischees mussten dieses Loch stopfen. Also sind die beiden Damen hübsch, geil und zickig, die Jungs stramm, geil und bohnenstrohdumm, was durch knielange Pluderhosen, haarige O-Beine und Pottschnitt-Frisuren auf die Spitze getrieben wird.

Einen gewissen Außenseiter-Status genießt Ace Marrero, der den Stinkstiefel Kyle mit seinem endlos langen Pferdegesicht kongenial verkörpert. Ansonsten agiert er freilich genauso hölzern wie die anderen Delinquenten, die das Schicksal in diesen Film verschlug. Eine besondere Erwähnung verdient noch Adrienne Harrell, die das Schauspielen offenbar erst im Rentenalter für sich entdeckt hat. Sie offenbart weder Talent noch Erfahrung, kann aber mit einem Teint punkten, der an einen allzu intensiv gerösteten Bratapfel erinnert: Für solche Visagen bietet der Billig-Horror nach wie vor einen sicheren Anlaufhafen!

Unter Damiens Schweinemaske steckt „Chromeskull“ Nick Principe, der sich immerhin damit herausreden kann, mimikfrei auftreten zu müssen. Als „Leatherfaces“ kleiner Bruder macht er einen mickrigen Eindruck, was dadurch verstärkt wird, dass Damien ausschließlich im hellen Tageslicht auftritt: Nächtliche Dreharbeiten waren finanziell nicht möglich. Damien sieht daher viel zu deutlich eher lächerlich als erschreckend aus. Meist überrascht er seine Opfer beim Pinkeln, denn Männlein wie Weiblein leiden unter akuter Blasenschwäche und sind ständig auf der Suche nach einem deckenden Baum, hinter dem dann Damien lauert.

Hauptsache irgendwie tot

Nicht immer gelingt die mörderische Überraschung. (Einmal muss Damien sogar ewig über einen Waldweg Brooke und Jenna hinterher schlurfen; gut, dass sie kein einziges Mal hinter sich blicken, sondern mit Greinen und Stolpern beschäftigt sind!) Dann bekommt auch Damien ordentlich auf den Schweinerüssel. Dummerweise nimmt sich niemand die Zeit, so lange auf ihn einzuschlagen oder -stechen, bis er garantiert mausetot und ungefährlich ist. Kein Wunder, dass Damien jedes Mal wieder aufsteht und seine Attacken fortsetzt!

Er arbeitet dabei am liebsten mit einer Holzfäller-Axt und einem Messer, das erschütternd winzig wirkt. Ohnehin waren im Produktionsbudget Splatter-Effekte eher theoretisch vorgesehen. Sporadisch fließt Blut, doch mit wahrem „Backwood“-Horror haben diese Sticheleien nichts zu tun. Auf diese Weise hat England auch jene anspruchslose Klientel vergrätzt, die auf Kulissenaufwand und Darstellertalent verzichten kann, solange nur detailfreudig gemordet wird und wenigstens einmal Silikontitten ins Bild geraten. (Zumindest diesen Posten konnte England von seiner Klischee-Liste abhaken, da er zwei Damen fand, die sich für 15 Sekunden Film-Ruhm oben ohne in einem kalten Wasserloch wälzen wollten.)

Bevor das Grauen endlich ein Ende bzw. das Schicksal ein Einsehen hat, erreicht das Zuschauerhirn eine besorgniserregende Betriebstemperatur. Sie ist hoch genug, um den Namen „Eric England“ in die Hirnwand einzuschmelzen. Der Meister aus Alabama ließ sich durch die unfreundliche Aufnahme von „Madison County“ keineswegs von weiteren filmischen Schandtaten abhalten. Er hat gleich eine ganze Serie weiterer Projekte am Start, sodass es wichtig weil der Gesundheit zuträglich ist, sich seinen Namen zu merken!

DVD-Features

Falls jemand lernen möchte, wie man Schottersteine zu Diamanten schönredet, lausche er (oder sie) dem Audiokommentar mit Eric England, Produzent Daniel F. Dunn und Darsteller Ace Marrero.

Sie können immerhin reden, was die deutschen Synchronsprecher nicht von sich behaupten dürften. Hoffentlich haben sie inzwischen wieder ein Tonstudio gefunden, das noch Pornofilme eindeutscht, damit sie uns zukünftig nicht mehr durch ihre Anwesenheit bei akustischer Abwesenheit beglücken!

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Madison County
Originaltitel: Madison County (USA 2011)
Regie/Drehbuch: Eric England
Kamera: David Starks
Schnitt: Levi Blue
Musik: Igor Nemirovsky
Darsteller: Colley Bailey (James), Matt Mercer (Will), Ace Marrero (Kyle), Joanna Sotomura (Brooke), Natalie Scheetz (Jenna), Nick Principe (Damien Ewell), Dayton Knoll (David Randall), Adrienne Harrell (Erma), Katie Stegeman (Kristen), Marshall Yates (Hillbilly mit Messer) u. a.
Label: Galileo Medien AG
Vertrieb: Al!ve AG
Erscheinungsdatum: 08.02.2013
EAN: 8717903485057 (DVD)/8717903485064 (Blu-ray)/8717903485071 (Blu-ray/3D)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 78 min. (Blu-ray: 81 min.)
FSK: 18

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