Maggie

Originaltitel: Maggie (USA 2014)
Regie: Henry Hobson
Drehbuch: John Scott III
Kamera: Lukas Ettlin
Schnitt: Jane Rizzo
Musik: David Wingo
Darsteller: Arnold Schwarzenegger (Wade Vogel), Abigail Breslin (Maggie Vogel), Joely Richardson (Caroline Vogel), Douglas M. Griffin (Ray), J. D. Evermore (Holt), Rachel Whitman Groves (Bonnie), Jodie Moore (Dr. Vern Kaplan), Bryce Romero (Trent), Raeden Greer (Allie), Aiden Flowers (Bobby Vogel), Carsen Flowers (Molly Vogel) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 28.08.2015
EAN: 4013549069212 (DVD)/4013549056397 (Blu-ray)/4013549069236 (Blu-ray/Steelbook)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 Stereo (Audiokommentar)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 94 min. (Blu-ray: 98 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Die USA werden vom Necroambulist-Virus heimgesucht. Es lässt Pflanzen absterben und hat in landwirtschaftlichen Anbaugebieten schwerste Schäden angerichtet. Nur mit Feuer lässt sich die weitere Ausbreitung eindämmen. Doch der Virus sprang auch auf den Menschen über. Wer infiziert wird, verwandelt sich binnen weniger Tage in einen Zombie, dessen Verstand durch den blinden Hunger auf Fleisch ersetzt wird. Zwar konnte die Regierung die daraus resultierende Seuche eindämmen, doch auf Heilung dürfen die Infizierten nicht hoffen. Stattdessen werden sie in Quarantäne gesteckt und schließlich eingeschläfert.

Im US-Staat Louisiana holt Farmer Wade Vogel seine Tochter Maggie heim. Sie wurde von einem Untoten gebissen und trägt damit den Virus im Blut. Etwa zwei Wochen bleiben, bis sich Maggie endgültig verwandeln wird. In dieser Zeit soll Maggie Abschied von der Familie nehmen – eine nicht nur traurige, sondern auch zunehmend gefährliche Zeit, denn je weiter die Infektion voranschreitet, desto labiler wird Maggie, deren Körper sichtlich verfällt, während in ihr ein Hunger wächst, der sich irgendwann nicht mehr kontrollieren lässt.

Stiefmutter Caroline hat deshalb die beiden jüngeren Kinder Bobby und Molly vorsichtshalber zur Großmutter geschickt. Sie selbst kann die Furcht vor der mutierenden Maggie bald nicht mehr verhehlen. Nur Vater Wade hält unerschütterlich zur Tochter. Er versucht sie zu schützen – nicht gegen die Krankheit, die sich nicht aufhalten lässt, sondern vor einem Staat, der Maggie am liebsten sofort abholen und wegsperren würde: Die Vogel-Farm wird von der örtlichen Polizei überwacht.

Zunehmend verzweifelt muss Wade den Verfall seiner Tochter miterleben. Ihre Ausfälle werden heftiger, der Außendruck stärker. Wade will Maggie nicht hergeben; er musste ihr versprechen, sie selbst zu erlösen, wenn der Moment der Verwandlung kommt …

Irrwege einer anderen Zombie-Geschichte

„Maggie“ gehört zu jenen Filmen, deren Entstehungsgeschichte beinahe interessanter als das wider alle Erwartungen vollendete Werk ist. Fünf Jahre kreiste das Script durch Hollywood und verwandelte sich allmählich in einen Drehbuch-Zombie: ein Wiedergänger, der vergeblich auf Erlösung = Umsetzung zu warten schien, während der Autor zunehmend frustrierter wurde, obwohl er in seinem Brotjob – John Scott III. arbeitet für die NASA und ist verantwortlich für den Betrieb des Röntgenteleskop-Satelliten „Chandra“ – Geduld gelernt hatte.

Doch in den genannten fünf Jahren ereignete sich „The Walking Dead“ – ein TV-Erfolg, der deutlich machte, dass sich harter Horror durchaus mit „family values“ vereinen lässt. Plötzlich suchten Produzenten nach ähnlichen Geschichten. Scotts Mann in Hollywood – Produzent Trevor Kaufman war ein College-Freund – konnte nicht nur Interessenten melden, sondern bekam auch einen ganz dicken Fisch an die Angel: Arnold Schwarzenegger, der nach dem Ende seiner politischen Karriere als Gouverneur von Kalifornien zurück ins Filmgeschäft drängte.

Vor 2000 wäre ein Zombie-Film mit Schwarzenegger automatisch zum Blockbuster-Kandidaten avanciert. 8 Mio. Dollar standen für „Maggie“ zur Verfügung: Dies hätte früher nicht einmal ausgereicht, den Trailer für einen typischen Schwarzenegger-Film zu produzieren. Doch selbst der große Arnold konnte einen Feind nicht ausschalten: das Alter. Zwar ist er für einen Mann des Jahrgangs 1947 gut beieinander, aber die Ära der „Steirischen Eiche“, die eine Tür nur seitwärts passieren und Strolchhälse in Serie knicken konnte, ist definitiv vorüber. Schwarzenegger weiß selbstverständlich, was die Glocke geschlagen hat, und sucht nach Alternativen. In dieser Situation gefiel ihm „Maggie“ – und plötzlich nahm Form an, was bisher in der Produktionshölle schmorte.

Horror & Grauen auf doppelter Ebene

„Maggie“ gehört dank des prominenten Hauptdarstellers zu den Filmen, denen für den Homemovie-Markt ein Kommentar des Regisseurs aufgespielt wurde – heutzutage durchaus keine Selbstverständlichkeit mehr. Freilich ist die relative Üppigkeit der informativen Features (s. u.) auch Zeugnis der Verzweiflung derer, die „Maggie“ zu vermarkten haben: Dies ist ganz und gar KEIN typischer Schwarzenegger-Film. Es gibt keine „Action“, und Arnold räumt die USA nicht im Alleingang von den lästigen Zombies. Stattdessen dominieren Trauer und Machtlosigkeit, was den Hardcore-Fans des Schauspielers offensichtlich schwer bis gar nicht zu vermitteln ist.

Faktisch geht es Regisseur Henry Hobson in seinem Spielfilmdebüt niemals um den Kampf gegen die Zombie-Apokalypse. Die findet in „Maggie“ nicht statt. Grundsätzlich könnte jede beliebige Pandemie toben. Der Untod wurde gewählt, weil er sofort einschlägige Assoziationen weckt und als wahrlich grauenvolle Plage erkannt wird; entsprechende Szenen, die dies den Zuschauern verdeutlichen sollen, konnte sich Hobson deshalb sparen. Nichtsdestotrotz führt er uns die nicht gänzlich zerstörte aber nachhaltig verheerte Alltagswelt, in der Wade Vogel, seine Familie und seine Freunde leben, in einigen Szenen selektiv und eindrucksvoll vor Augen. Diese zeigen eine verödete, fast monochrome, von toter Vegetation, verseuchten und brennenden Feldern, verlassenen Häusern und misstrauischen Patrouillen geprägte Landschaft, in der die Menschen einander wachsam beobachten: Bist du infiziert?

Hier könnte der Auslöser auch die Fortsetzung jener Rezession sein, die in den USA aktuell die traditionelle Mittelschicht zusammenbrechen lässt: So mag die Zukunft aussehen – ohne Zombies! Deshalb ist der Untod abermals ein Katalysator, der in Gang setzt, was den Menschen ebenfalls prägt: die Dominanz der Angst innerhalb der von Gefahr, Tod und Niedergang noch nicht betroffenen Gruppen vor denen, die bereits alles verloren haben und nun so zahlreich auf Hilfe warten, dass Hilfe eindeutig Abstriche von gewohnten Lebensstandards und Freiheiten fordern wird.

Wenn nicht einmal Arnold mehr helfen kann

Die Besetzung der männlichen Hauptrolle mit Arnold Schwarzenegger ist keineswegs dessen verblassenden aber noch immer existierenden Prominentenbonus geschuldet. Hobson erkannte den Vorteil eines Schauspielers, den das Filmpublikum als unüberwindlichen, niemals aufgebenden Kämpfer kennt. Auch Wade Vogel ist ein Baum von einem Mann; einem Zombie, der ihm in einer Tankstelle ans Leder will, bricht er mit bloßen Händen das Genick. Doch gegen den Virus gibt es kein Mittel. Von Anfang an lässt Hobson keinen Zweifel daran, dass Maggie zum Untod verdammt ist. Ein zunehmend hilfloser und schockierter Wade Vogel sucht seine Tochter in überfüllten Krankenhäusern. Dort sieht er die Infizierten im Endstadium, die einerseits noch leben und andererseits bereits verrottet sind: So wird auch Maggie enden.

Wenn selbst Arnold Schwarzenegger verzagt, begreift das Publikum den Ernst der Situation besser. Von Interesse ist nun die Frage nach den Folgen. Eine wundersame Heilung fällt aus. Tatsächlich bleibt nur die Möglichkeit, das Beste aus der kurzen Zeit zu machen, die Maggie als Mensch bleibt. Als dies feststeht, spielt Hobson durch, wie das aussehen und ausgehen könnte.

Überraschungen darf man in dieser Hinsicht nicht erwarten: Die Handlung bleibt ausgesprochen realitätsbezogen, was in diesem Umfeld bedeutet, dass die Geschichte zunehmend düster sowie hässlich wird. Einerseits ist nicht unbedingt Maggie die Ursache. Andererseits geht Hobson nicht den dramaturgisch simplen Weg, sämtliche Fehler und Charakterschwächen auf die Nicht-Vogels zu projizieren. Wade selbst ist nicht nur unbeirrt in seiner Liebe zu Maggie, sondern auch bereit, seine Mitbürger in Gefahr zu bringen, weil es ihm nicht möglich ist, seine Tochter zu töten oder wenigstens isolieren zu lassen. Welche Folgen dies heraufbeschwört, zeigt uns Hobson in einer besonders nachdrücklichen Szene, als Wade mit seinem zum Zombie mutierten Nachbarn und dessen ebenfalls ‚verwandelten‘ Tochter  konfrontiert wird.

Das ebenso traurige wie banale Einzelschicksal

Obwohl das Ende feststeht, findet Hobson für das Finale eine weniger überraschende als ergreifende Auflösung. (Zyniker mögen sie – mit einigem Recht – kitschig finden.) Der Zuschauer kann entscheiden, ob er sich getröstet oder endgültig in den Depressions-Orkus geschleudert fühlt. Bis es soweit ist, ergänzen sich Schwarzenegger und Abigail Breslin in der Rolle der Maggie Vogel erstaunlich gut. Immer wieder liest man Kritiken, in denen Schwarzenegger für sein schauspielerisches Bemühen gelobt aber letztlich doch für gescheitert erklärt wird – ein Urteil, in dem vor allem und ein wenig verächtlich die Ablehnung jener Radau-Filme mitschwingt, mit denen Schwarzenegger weiterhin gleichgesetzt wird. Das ist falsch, denn als Wade Vogel lässt dieser sich durch die Grenzen seines Talentes nicht einengen, sondern setzt es durchaus überzeugend ein: Wade Vogel ist ein weder besonders intelligenter noch extrovertierter, sondern ein primär durchschnittlicher Mann, was Schwarzenegger dank der Unterstützung durch Drehbuch und Regie vermitteln kann.

Abigail Breslin ist trotz ihrer Jugend als Darstellerin bereits eine Veteranin und wie gesagt eine jederzeit glaubwürdige Maggie. Joely Richardson macht erwartungsgemäß das Beste aus ihrer kleinen, wichtigen Rolle als hilfswillige aber überforderte Stiefmutter/Ehefrau. Auch in den Nebenrollen sieht man weniger Schauspieler als Figuren eines in der Regel emotionalen statt sentimentalen Dramas, das die Menschen an den Rand ihrer Menschlichkeit und darüber hinaus führt.

Spezialeffekte und Masken werden sparsam aber sinnvoll eingesetzt. Trotz des knappen Budgets wurde hier hervorragende Arbeit geleistet. Da man sich ursprünglich offenbar Hoffnungen auf einen Kinoeinsatz gemacht hatte (Schwarzenegger!), wurde „Maggie“ anständig eingedeutscht und gesprochen. (Außerhalb einiger Film-Festivals wurde der Film dann doch direkt auf DVD und Blu-ray veröffentlicht.) Ein Meisterwerk ist „Maggie“ deshalb nicht; die Meinungen dürften kontrovers bleiben. Wer jedoch bereit ist, sich auf eine happy-end-freie Geschichte einzulassen, die nicht wegen, sondern mit Arnold Schwarzenegger funktioniert, sollte den Blick riskieren.

DVD-Features

„Maggie“ ist ein Film, über den man nicht nur gern mehr erfahren möchte, sondern dies tatsächlich kann, wofür man den Schwarzenegger-Effekt verantwortlich machen darf. Da sowohl dem Regisseur als auch dem Hauptdarsteller dieser Film sehr an den Herzen liegt, äußern sich Henry Hobson und Arnold Schwarzenegger in ausführlichen Interviews, die jenseits der üblichen gegenseitigen Lobeshymnen Interessante Hintergrund-Infos vermitteln. Dies geht noch einmal ein ganzes Stück tiefer in Hobsons Kommentar, der glücklicherweise deutsch untertitelt wurde.

Unter dem Titel „Making Maggie: Behind The Scenes” gibt es ein bedingt aussagekräftiges „Making-of“, zu dem sich noch der Originaltrailer gesellt.

Zum Film existiert eine (featurefreie) Website.

Kurzinfo für Ungeduldige: Nur wenige Tage bleiben dem gramgebeugten Vater, bis seine bissinfizierte Tochter sich in einen Zombie verwandeln wird. Der Abschied wird für alle Beteiligten qualvoll, Hoffnung gibt es nicht, stattdessen wird die Tochter zunehmend labil – und hungrig … – ‚Horror‘-Film, der kaum die üblichen Zombie-Klischees bedient, sondern das Leid angesichts einer ausweglosen Lage thematisiert: weitgehend unsentimental, sehr düster und in der Hauptrolle ungewöhnlich besetzt: für Zuschauer ohne „Hau-drauf-Arnie!“-Reflex.

[md]

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