Scott und Penny wollen eigentlich eine Natur-Dokumentation drehen, stoßen in der Wüste jedoch auf den mysteriösen Künstler Mr. Jones, den sie heimlich ausspionieren und dabei nebenbei das kosmische Gleichgewicht aushebeln … – Was als Mystery-Mockumentary startet, entwickelt sich zum schwer erträglichen Pendant eines LSD-Trips mit unbefriedigender Auflösung: als Versuch ehrenwert, in der Umsetzung missraten.

Das geschieht:

Aussteiger Scott will sich als Dokumentarfilmer verwirklichen. Er konnte Gattin Penny überreden, ihren Job als Fotografin aufzugeben. Nun begleitet sie Scott in die Wildnis des kalifornischen Berglandes, wo er ein kleines, fernab jeglicher Zivilisation gelegenes Haus mieten konnte. Ruhe und Einsamkeit bringen Scott rasch zu der Erkenntnis, dass er einen Fehler begangen hat. Tatsächlich weiß er nicht, welche Dokumentation er eigentlich drehen will. Es dauert nicht lange, bis Penny ihm auf die Schliche kommt. Streit bricht aus, und Scott flüchtet deprimiert in den Bergwald.

Dort stößt er auf eine bizarre, menschengroße Totemfigur aus Holz, Knochen und anderen organischen Materialien, die ihn schwer beeindruckt. Scott holt Penny, die das seltsame Objekt identifiziert: Dies ist eine der berühmten „Vogelscheuchen“, mit denen der Künstler „Mr. Jones“ vor Jahren die Kunstszene erschüttert hat! Niemand hat den menschenscheuen Künstler jemals getroffen oder gar gesehen, niemand wusste, wo er sich verborgen hält.

Nun hat Scott das Thema seines Films, und die begeisterte Penny ist an seiner Seite, als sie Mr. Jones zu beobachten beginnen. Er bewohnt ein baufälliges Haus, in das unser neugieriges Paar sogleich eindringt. Im Keller finden die beiden weitere Vogelscheuchen und eine Schacht, der in die Tiefe führt. Doch Mr. Jones kehrt heim, weshalb Scott und Penny den Vorstoß in die Unterwelt verschieben.

Der nächste Versuch ist erfolgreicher. Scott stößt auf eine unterirdische Kultstätte und raubt eine der kleineren ‚Vogelscheuchen‘. Damit setzt er eine Kettenreaktion in Gang, denn Mr. Jones hält Wache an einem jener Portale, die unsere Realität vor der chaotischen Traumwelt schützen. Nun hat Scott das Schloss zerbrochen, und grässliche Kreaturen dringen in die Welt ein. Verzweifelt suchen Scott und Penny nach einem Ausweg, doch sie sind Gefangene einer Nacht, die nicht enden will …

Die Kunst und die Wirklichkeit

Nur wenigen Künstlern gelingt es, ausschließlich über ihr Werk Ruhm und Anerkennung bzw. wenigstens Prominenz zu gewinnen. Sie müssen auch als Person Interesse erregen, d. h. mindestens tot und möglichst traurig gelebt und dramatisch zu Tode gekommen, verrückt gewesen sowie anonym geblieben sein; eine Kombination dieser drei Möglichkeiten sichert die ultimative Aufmerksamkeit. Sie enthebt den Künstler zudem der Verpflichtung, seinen Status durch die regelmäßige Vorlage neuer Werke zu rechtfertigen. Tragische Persönlichkeiten haben ohnehin nicht die Muße, sich im Atelier abzurackern.

Was die Konsequenzen solchen Handelns angeht, wirkt „Mr. Jones“ erstaunlich überzeugend. Einmal verlässt Scott die kalifornische Einsamkeit, um in New York über Mr. Jones zu recherchieren. Er trifft sich u. a. mit einem Galeristen, einem Kunsthistoriker und einem Journalisten, die das Spektrum jener Personen abdecken, die den modernen Kunstrummel – unabhängig von der Kunst selbst – in Gang halten. Sie dreschen alle viel Stroh, um vor allem die eigene Sachkenntnis unter Beweis zu stellen, haben aber keine Ahnung, wer Mr. Jones ist und welche Motive ihn treiben. Nur ein geistig gestörter Mann, der ‚seine‘ Vogelscheuche zerstört hat, ist ein gutes Stück in Mr. Jones‘ Welt eingedrungen. An dieser Stelle der Handlung versteht ihn der Zuschauer ebenso wenig wie Scott, der deshalb später einen verhängnisvollen Fehler begeht.

Dass ein Mann wie Mr. Jones deshalb allein in der Wildnis lebt, weil er es will, kommt weder Scott noch Penny jemals in den Sinn. Zumindest ignorieren sie entsprechende Fragen, denn sie sehen Mr. Jones ganz im Sinn des modernen Medienzeitalters als Sensation, die es für Geld und Popularität auszubeuten gilt. Sie lassen sich nicht durch gesetzliche oder moralische Grenzen beirren, brechen in Jones‘ Haus ein, stehlen seine ‚Kunst‘, beobachten und filmen ihn heimlich aus der Entfernung.

Verhängnisvoller Irrtum mit schlimmen Folgen

Bis zu diesem Zeitpunkt scheint Regisseur und Drehbuchautor Karl Mueller einen typischen Horror-Thriller zu erzählen: Ein Jedermann und eine Jedefrau geraten an einen maskierten und psychopathischen Buhmann, der jeden Stein in ‚seinem‘ Revier kennt und zur Hetzjagd mit Heimvorteil auf die Eindringlinge bläst, die er anschließend möglichst blutig zu Tode schindet.

In Anbetracht der tatsächlichen Handlung wären vermutlich sogar diese Klischees vorzuziehen. Sogar die Tatsache, dass Müller „Mr. Jones“ im „Found-Footage“-Stil gedreht hat, ist weniger ärgerlich als das Durcheinander, zu dem das letzte Filmdrittel zerfasert. Müller ist etwas Neues eingefallen: Scott hält eine Kamera, die nicht nur an der Vorderseite, sondern auch hinten eine Linse aufweist. Sie zeichnet nicht nur auf, was er sieht, sondern auch, was im Hintergrund vorgeht. Deshalb zeigen diese Bilder Scotts Gesicht (oder Pennys, wenn sie die Kamera übernimmt).

Nur ein Spielverderber stellt wahrscheinlich die Frage, wieso Mueller nicht gänzlich auf die subjektive Kamera verzichtet und einen ‚normalen‘ Film dreht, der die Darsteller vor der Linse zeigt. Möglicherweise überwog hier der Stolz auf eine technische Neuerung, die man so noch nicht verwendet hatte. Jetzt weiß man immerhin, dass man auf diese Innovation zukünftig getrost verzichten kann.

Im zweiten Handlungsdrittel schlägt die Handlungsintention um. Mr. Jones ist beileibe kein debiler Serienkiller, sondern übt eine Wächterfunktion aus. Die Idee als solche ist gut, was kaum wundert, ist sie doch nicht auf Muellers Mist gewachsen. Schon immer fragten sich Menschen, ob das, was wir als Realität verstehen, tatsächlich die einzige Dimension dieser Welt darstellt. Existieren ‚daneben‘ noch andere Welten, die wir nicht wahrnehmen können? Lassen sich diese Welten durch Tore oder Portale betreten? Gibt es Leben in diesen fremden Dimensionen? Sind uns ihre Bewohner feindlich gesonnen?

Das Konzept paralleler Welten

Zumindest in der populären Kultur ist letzteres der Normalzustand, da Böswilligkeit bekanntlich interessanter als Freundlichkeit ist. Schriftsteller haben das Konzept ‚paralleler‘ Welten schon früh ausgiebig und einfallsreich ausgereizt. Algernon Blackwood, Jean Ray oder H. P. Lovecraft sind drei willkürlich herausgegriffene Autoren, die es mit enormem Erfolg zum ‚Leben‘ erwecken konnten.

In ihrer Riege spielt Karl Mueller definitiv nicht. Es liegt dieses Mal nicht an einem Budget, das es verhindert, die Traumwesen zu zeigen. Auch die Großmeister der geschriebenen Mystik haben sich in dieser Hinsicht zurückgehalten: Der Traumwelt bekommt es nicht, wenn sie ins helle Licht der Realität gezerrt wird. So ist es Mueller nicht anzukreiden, dass er sich darauf beschränkt, unsichtbar bleibende aber unheimliche Geräusche verursachende Kreaturen durch die Nacht geistern zu lassen. Dazu kommt ein spezieller Score, der die zunehmende Orientierungslosigkeit der Protagonisten unterstreichen soll (was freilich nicht funktioniert).

Nichtsdestotrotz sollte auch eine Traumwelt Regeln gehorchen. Wer dies wie Mueller ignoriert, beschwört kein kreatives Chaos, sondern nur krautrübiges Durcheinander und (zu-) schauerliches Kopfweh herauf. Verzweifelt versuchen wir, dem surrealen Geschehen in den letzten 15 höchst turbulenten Minuten einen Sinn abzuringen. Es gelingt nur, wenn man sich auf die grundsätzliche Prämisse zurückzieht: Die Traumwelt wird auch deshalb beobachtet und bewacht, weil sie das Menschenhirn nicht begreifen kann und sich in ihr verliert. Mueller bemüht sich, die Gefahr zu verdeutlichen, indem er die Handlung immer wieder bricht, dieselben Szenen aus unterschiedlichen Perspektiven präsentiert, Scott und Penny vervielfacht und verfremdet auftreten lässt. Doch die Rechnung geht nicht auf. Statt die kollektive Fantasie des Publikums anzuregen, treibt Mueller sie lautstark in die Flucht.

Gewollt, gekonnt und trotzdem gescheitert

Dabei ist „Mr. Jones“ weder formal noch schauspielerisch die im Low-Budget-Bereich so häufige Enttäuschung. Mit Mathew Rudenberg hat Mueller einen ideenstarken Kameramann angeheuert, der vor allem die morbiden „Vogelscheuchen“ beunruhigend in Szene zu setzen vermag. Auch die in Dunkelheit spielenden Szenen sind gleichermaßen düster wie gut ausgeleuchtet: Was der Zuschauer nach Muellers Willen erblicken soll, lässt ihn Rudenberg wunschgemäß sehen.

Die „Vogelscheuchen“ sind so eindrucksvoll geraten, dass man sie keineswegs im eigenen Garten oder gar im Haus dulden möchte. Da von ihrer Ausstrahlung viel abhängt, kann der Film in dieser Hinsicht eine verstörende Wirkung entfalten. Auch mit seinen beiden Hauptdarstellern hat es Mueller gut getroffen. Jon Foster und Sarah Jones tragen die Handlung fast allein; bis auf den erwähnten Ausflug nach New York beschränkt sich das Geschehen auf jenen Berg, der die beiden Häuser trägt.

Obwohl die Gegend malerisch verlassen wirkt, entstand „Mr. Jones“ auf einer für Film- und TV-Aufnahmen optimierten „Film-Ranch“, die keine 60 km von Los Angeles entfernt liegt. Auch ein ‚Bergwerk‘ gibt es auf dem Gelände, das Mueller für die Untertage-Aufnahme in den Kavernen unter Mr. Jones‘ Haus nutzte. Die Ansehnlichkeit des Films lässt das inhaltliche Scheitern umso deutlich durchscheinen. „Mr. Jones“ ist interessant genug, um Erwartungen zu wecken. Sie werden enttäuscht, was sich erst recht im Urteil niederschlägt: Dieser Film ist nicht schlecht. Gesehen haben muss man nicht. Wem das zu diffus klingt, sei versichert, dass sich dieser Rezensent damit deckungsgleich auf einer Linie mit Karl Mueller bewegt …

DVD-Features

„Mr. Jones“ muss ohne Extras auskommen; es gibt nur einen Trailer sowie die obligatorische Werbung für andere Filme des Labels.

Abschließend sei die Frage gestellt, wieso für die deutsche Fassung ein derartig beliebiges Cover gewählt wurde. Die US-Version zeigt eine der imposanten „Vogelscheuchen“ und tut gut daran.

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Mr. Jones – Wenn du ihn siehst … Lauf!
Originaltitel: Mr. Jones (USA 2013)
Regie u. Drehbuch: Karl Mueller
Kamera: Mathew Rudenberg
Schnitt: Saul Herckis
Musik: Herwig Maurer
Darsteller: Jon Foster (Scott), Sarah Jones (Penny), Mark Steger (Mr. Jones), Faran Tahir (Anthropologe), Stanley B. Herman (Journalist), Ethan Sawyer (gestörter Interviewpartner), Jordan Byrne (Peter Cavagnaro), David Clennon (Kurator) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 29.08.2014
EAN: 0888430826397 (DVD)/0888430826496 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 84 min. (Blu-ray: 87 min.)
FSK: 16

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