Nine Dead

Originaltitel: Nine Dead (USA 2008/10)
Regie: Chris Shadley
Drehbuch: Patrick Wehe Mahoney
Kamera: Mark Vargo
Schnitt: Sean Findley
Musik: Danny Lux
Darsteller: Melissa Joan Hart (Kelley), William Lee Scott (Jackson), James C. Victor (Eddie), Marc Macaulay (Vater Francis), Lucille Soong (Mrs. Chan), Chip Bent (Sully), Edrick Browne (Leon), Lawrence Turner (Coogan), John Cates (Christian), John Terry (Kidnapper), Daniel Baldwin (Detective Seager) u. a.
Label/Vertrieb: Schröder Media
Erscheinungsdatum: 23.09.2010 (Kauf-DVD u. Blu-Ray)
EAN: 9120027344862 (Kauf-DVD) bzw. 9120027344855 (Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Was haben eine Staatsanwältin, ein Cop, ein Nachtclub-Besitzer/Kredithai, ein Kleindarsteller, ein Pfarrer, ein Pädophiler, eine Ladenbesitzerin, ein Dieb und ein Versicherungsprüfer gemeinsam? Diese Frage wird für neun Personen überlebenswichtig, als sie entführt werden und sich in einem schwer gesicherten Raum an Stahlstangen gefesselt wiederfinden. Ihr maskierter Kidnapper will von ihnen wissen, wieso er sie in seine Gewalt gebracht hat. Bis die Lösung gefunden wurde, wird er alle zehn Minuten den Raum betreten und eines seiner Opfer erschießen. Wird das Rätsel gelöst, will der Mann die Überlebenden freilassen und sich der Polizei stellen.

Widerstand ist zwecklos, Verhandlungen gibt es nicht. Dass es der Vermummte ernst meint, wissen die Gefangenen, als die ersten zehn Minuten verstrichen sind und der Kleindarsteller Christian mit einer Kugel im Schädel endet. Verzweifelt stellen sich die Überlebenden der Herausforderung. Sehr richtig vermuten sie ein Unrecht, das sie ihrem Entführer angetan haben. Sie müssen einander ihre intimsten Geheimnisse offenbaren, denn alle haben sie Leichen im Keller.

Doch sie kennen sich nicht und misstrauen einander; die Ladenbesitzerin Mrs. Chan spricht nicht einmal ihre Sprache. Wie sollen sie unter diesen Umständen die Lösung finden? Dennoch entdecken die Gefangenen allmählich den roten Faden, der ihre Schicksale verknüpft. Aber ihre Zeit läuft ab, und die Zahl derer, die sich beraten können, nimmt stetig ab …

Klon-Fabrik Hollywood

Über jeden auch nur halbwegs originellen oder besser: erfolgreichen Plot fallen in Hollywood die Kopisten her. Sie destillieren die Vorlage, wringen die erfolgreichsten Elemente heraus und verschneiden sie mit eigenen Ideen, bis sie vor Plagiatsklagen sicher sind. Die dabei entstehenden ‚Variationen‘ teilen eine hauptsächliche Eigenschaft: Sie sind billiger als das Original – und dies in jeder Hinsicht.

Serienkiller mit (selbst gestelltem) moralischem Auftrag sind angesagt, seit Jigsaw die Säge anwarf, um jene zu strafen, die das Geschenk des Lebens nicht zu würdigen wissen. Viele Soziopathen folgten seinem Beispiel. Meist zeichneten sie sich durch das angestrengte Bemühen aus, noch grausiger und ekliger als ihr Meister zu metzeln. Das Feigenblatt der ‚Lehre‘, die dem blutigen Treiben angeblich innewohnt, fiel dabei endgültig.

Regisseur Chris Shadley und Drehbuchautor Patrick Wehe Mahoney gingen in die andere Richtung – dies einerseits freiwillig und andererseits notgedrungen. Überzeugende Schlachtereien kosten Geld, und das war denkbar knapp bei dieser Produktion. Die Handlung von „Nine Dead“ spiegelt jedoch wider, dass nie das mannigfaltige Sterben möglichst vieler Darsteller das Fundament der Geschichte bilden sollte.

Kleine Ursachen führen zu großer Wirkung

Das Töten sorgt für den notwendigen Stressdruck, der allein die neun Gefangenen in die Lage versetzt, sich einerseits zusammenzuraufen und andererseits ein Rätsel zu lösen, ohne dass ihnen Hinweise gegeben werden. Die Ausgangssituation ist simpel aber spannend: ein Raum, neun Menschen, das Rätsel und die Uhr. Alle zehn Minuten öffnet sich die Zellentür, und der Mörder tritt ein.

Ein solcher Plot ist Segen und Fluch zugleich. Wird er inhaltlich und formal gut umgesetzt, entsteht trotz der Abwesenheit plakativer Action und offensichtlichen Horrors Höchstspannung. Der Mensch ist ein anpassungsfähiges Wesen, das in der Krise zu erstaunlichen körperlichen und geistigen Leistungen fähig ist. Hier agieren die Figuren buchstäblich mit einer gefesselten Hand. Sie können sich nur auf die Interaktion ihrer Gehirne verlassen. Wie es wider alle Wahrscheinlichkeit aber überzeugend so weit kommt, sorgt für das gelungene Unterhaltungselement von „Nine Dead“.

Natürlich ist das Rätsel nicht alltagstauglich. Das Drehbuch bleibt ein reines Planspiel, das trotz aller Seitenwege, Sackgassen und Verzögerungen sorgfältig auf ein Finale zugeschnitten ist, in dessen Verlauf das Geheimnis gelüftet wird. Realiter wäre es mehr als unwahrscheinlich, das Mosaik aus den wenigen Steinchen zusammenzusetzen, die Autor Mahoney ins Spiel bringt. Allerdings gelingt es Regisseur Shadley die meiste Zeit, seine Zuschauer diese ernüchternde Tatsache vergessen zu lassen.

Die glorreichen Neun (eigentlich Zehn)

Kaum jemals verlässt die Kamera das Gefängnis. Kurze Rückblenden verdeutlichen Ereignisse, die für das gegenwärtige Rätsel relevant sind. Sie weichen das Konzept auf und wirken wie lustlos vom Regisseur in Szene gesetzt, weil die Produzenten sie für notwendig hielten, um einem konzentrationsschwachen Publikum wenigstens hin und wieder bewegte Bilder zu bieten.

Viel wichtiger sind Shadley die Mitglieder seiner glücklich zusammengestellten Darstellerriege. „Nine Dead“ versammelt wieder einmal Routiniers des US-Kinos und Fernsehens, die primär in Nebenrollen ebenso unauffällig wie unverzichtbar zum Gelingen eines Films oder einer TV-Episode beitragen. Hier werden sie gefordert, denn die Handlung findet fast ausschließlich in ihren Gesichtern statt und wird durch Dialoge untermauert.

Bezüglich der Überzeugungskraft lassen sich dennoch Unterschiede feststellen. Glanzleistungen liefern sicherlich Lawrence Turner als gleichermaßen widerwärtiger wie mutiger Kinderschänder Coogan oder Chip Bent als Mistkerl mit Format ab. John Terry leistet, obwohl die meiste Zeit unter einer Gummimaske verborgen, gute Arbeit als Ausrichter eines Todesspiels, das ihm mehrfach entgleitet, weil er kein genialer und charismatischer Übermensch, sondern ein alltäglicher, vor Zorn und Verzweiflung irrsinnig gewordener Zeitgenosse ist.

Auch „Nine Dead“ hat seinen ‚Star‘, und der heißt Melissa Joan Hart. Ihr schanzt der Drehbuchautor wichtige Szenen zu, die gleichzeitig den Schlusstwist vorbereiten. Leider ist Hart zwar seit ihrer Jugend sehr medienpräsent, doch eine richtig gute Schauspielerin ist sie nicht. Man merkt ihr an, wie sehr sie sich anstrengt, es dabei übertreibt und den Ton nicht trifft. (In der deutschen Fassung wird sie unverdient durch eine Synchronsprecherin torpediert, deren tonlose aber schrille Stimme – klingt paradox, ist aber leider möglich – dem Zuschauer Wut und Kopfschmerzen bereitet. Harts Originalstimme ist melodisch und ausdrucksstark, wie der glücklicherweise der DVD ebenfalls aufgespielte O-Ton belegt.) Dies unterläuft den übrigen Darstellern nicht, obwohl ihre Rollen weniger profiliert ausgearbeitet sind und sich oft an Klischees orientieren.

Der lange Weg zur Veröffentlichung

„Nine Dead“ ist ein Film mit einer nicht unkomplizierten Entstehungsgeschichte. Geplant war er u. a. als Vehikel, das neuen Schwung in die dahin dümpelnde Karriere der Hauptdarstellerin Melissa Joan Hart bringen sollte. Seit dem Ende ihrer Erfolgsserie „Sabrina, the Teenage Witch“ (1996-2003) schlägt sie sich in Nebenrollen durch, nimmt an obskuren TV-Shows wie „Dancing with the Stars“ teil oder lässt ihre Hochzeitsvorbereitungen von Reality-Show-Kameras begleiten.

Hinter den Kulissen von „Nine Dead“ agierte Mutter Paula Hart, die seit vielen Jahren produziert, was ihre Tochter über die TV-Gemeinde bringt. Schon im Sommer 2008 entstanden, fand sich jedoch lange niemand, der „Nine Dead“ in den Verleih oder zur Sendung bringen wollte. Dies geschah erst zwei Jahre später.

Wie aus dem „Making of“ hervorgeht, ging Chris Shadley mit großem Enthusiasmus zu Werke. Obwohl „Nine Dead“ sein erster Film als Regisseur war, ist er u. a. als Produktions- und Regie-Assistent bereits seit Jahren im Filmgeschäft aktiv. Handwerklich hat er deshalb sein Debütwerk fest im Griff, auch wenn er natürlich kein Blut aus einem Stein pressen kann: „Nine Dead“ ist von der Story vorgegeben ein ‚statischer‘ Film. Wohl auch deshalb versuchen sich Drehbuchautor und Regisseur an einem Finaltwist, der ihrer Geschichte einen spektakulären und erinnerungswürdigen Schwenk geben soll. Dieser Trick ist vor allem im Horror-Genre beliebt, wo er aufgrund der enormen Bestandsdichte untalentierter Gruselfilmbolde besonders häufig misslingt. Hier wird dieser Twist sorgfältig vorbereitet, sodass er sich schlüssig aus dem ergibt, was uns Shadley zuvor wie nebenbei gezeigt hatte. Dass der Aha-Effekt sich dennoch in Grenzen hält, liegt einmal mehr an Melissa Joan Hart, die einfach nicht böse wirkt, so sehr sich auch bemüht. Insofern bleibt „Nine Dead“ trotz solider Unterhaltungswerte Dutzendware. Allerdings hat sicherlich jeder Zuschauer seine Zeit schon schlimmer vergeudet als mit einem Film wie diesem …

DVD-Features

Der Blick hinter die Kulissen von „Nine Dead“ fällt so bescheiden aus, wie es dem Budget dieses Films entspricht. 18 Minuten sitzen diverse Darsteller in karger Garderobenkulisse und schwärmen über ihre Rollen, das tolle Drehbuch, den engagierten Regisseur und die besten Kollegen aller Zeiten. (Ein Rätsel dabei: Wieso darf Daniel Baldwin ausgiebig in diesen Chor einstimmen, obwohl sich sein ‚Auftritt‘ auf etwa fünf Sekunden beschränkt?) Zwischendurch gibt es Impressionen vom Drehalltag, der ein wenig ehrlicher die kargen Kulissen, die Improvisationen vor Ort und generell die Guerilla-Atmosphäre zeigt, in der „Nine Dead“ entstand.

Dieses Feature wurde auch ins Internet und dort auf die Website zum Film gestellt.

[md]

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