Eine kleine Gruppe durch Uneinigkeit geschwächter Männer und Frauen gerät in die Gewalt des „Reekers“, der sie ins Reich des Todes verschleppen will … – Weniger Fortsetzung als Remake, weshalb der zweite „Reeker“-Film die bekannte Story einfach noch einmal präsentiert, die dieses Mal indes bereits bekannt ist und deshalb vertieft und ‚erläutert‘ wird, was ihr nicht gut bekommt. Der ordentlich produzierte und mit guten Schauspielern besetzte Streifen unterhält aber er überrascht nicht mehr.

Das geschieht:

Alex, Binky und Carlos sind drei Loser, denen eher zufällig ein Geldraub gelang und die nun auf ihrer planlosen Flucht durch die Mojave-Wüste im Westen der USA irren. Der verliebte aber tumbe Alex schmachtet nach seiner Ex-Geliebten, der schönen Maya, die es nach der Trennung ausgerechnet als Kellnerin in das „6 Corners“, ein ödes Wüsten-Motel, verschlagen hat. Zudem wurde Carlos in den Bauch geschossen und benötigt dringend ärztliche Hilfe.

Auch dieses Mal versaut das kriminelle Trio es: Ausgerechnet an diesem Tag führt Sheriff Reed seinen Nachfolger Harris – der gleichzeitig sein Sohn ist – im „6 Corners“ in die Amtsgeschäfte ein. Reed gilt als Held, seit er vor dreißig Jahren den „Death Valley Drifter“, einen brutalen Serienkiller, stellen konnte. Nie ernst genommen hat Reed, dass der Mörder ankündigte nach seinem Tod als „Seelenfänger“ zurückzukehren, um dem Tod außerplanmäßig entkommene Zeitgenossen zu schnappen und ihrem Ende zuzuführen.

Doch der „Drifter“ kam zurück – als „Reeker“, der halb verwest, deshalb übel stinkend und unter Einsatz möglichst grausamer Mittel dem genannten Job nachgeht. Dass eine Schießerei zwischen den Räubern und Reed Vater & Sohn mit der Explosion der Motel-Tankstelle endet, ruft ihn auf den Plan. Mit den Genannten in einem Reich zwischen Leben und Tod, aus dem Flucht unmöglich ist, finden sich Maya und die Ärztin Allison wieder. Die sieben Pechvögel erfassen allmählich, was ihnen zugestoßen ist und was ihnen droht: Der „Reeker“ wird sie nacheinander töten. Ausschalten lässt er sich nur, wenn sein Körper zerstört wird; eine Aufgabe, die eine Einigkeit fordert, welche sich jedoch nur schwer herstellen lässt. Vor allem Binky ist nicht gewillt von seiner Beute zu lassen. Dem „Reeker“ fällt es daher leicht die Reihen seiner Opfer zu lichten, obwohl sich diese sehr einfallsreich ihrer Haut zu wehren wissen …

Alles zurück auf Anfang?

2005 inszenierte Regisseur und Drehbuchautor Dave Payne mit seiner späteren Ehefrau Tina Illman in der Hauptrolle (sie wechselte für „No Man’s Land“ in die Position einer Produzentin) „Reeker“, einen nie innovativen aber grundsoliden Horrorfilm mit spannender Story, drastischen Effekten und guter Besetzung. Der verdiente Erfolg stellte sich ein, „Reeker“ wurde von einer erquicklich großen Zuschauerschar zur Kenntnis genommen.

Für Payne brachte dies offensichtlich nicht den Durchbruch. Drei Jahre später kehrt er mit einem neuen Film auf die Leinwand zurück, der bei näherer Betrachtung nichts als die Variation des Vorgängers ist. „No Man’s Land“ ist außerdem der Versuch ein Franchise ins Leben zu rufen. Der „Reeker“ soll zur Kultfigur à la Freddy Krueger oder John Kramer aufgebaut werden und in Serie gehen.

Das ist schade, denn obwohl „No Man’s Land“ erneut unterhaltsam geraten ist, wird der Schematismus des Konzepts bereits überdeutlich. „Reeker“ war ein Film, der seine Story erzählt hatte. Eine Fortsetzung konnte nur die Modifikation des längst Bekannten bedeuten. Dass Payne dennoch so nah am Original blieb, ist deshalb die eigentliche bzw. einzige ‚Überraschung‘: Erneut spielt die Handlung in einem isolierten Motel in der Wüste; es könnte sogar identisch mit dem aus „Reeker“ sein. Die Kulisse ist abermals gut gelungen und wird klug ins Geschehen integriert. Hier hat das Gezeigte seinen Sinn, „No Man’s Land‘ ist ein Film, den man nicht im Halbschlaf verfolgen sollte, spielt sich die Story doch auf mehreren Ebenen ab. Was zunächst rätselhaft erscheint, fügt sich nachträglich in ein stimmiges Gesamtbild ein – theoretisch, denn tatsächlich sind dem Drehbuchautoren Payne diverse Schnitzer unterlaufen.

Abwechslung ist leider nicht genug

Aber bleiben wir zunächst beim Konzept. Natürlich sind Payne die Parallelen zwischen „Reeker“ und „No Man’s Land“ durchaus bewusst. Er weicht deshalb von der Vorlage ab, indem er seine Figuren dieses Mal durchschauen lässt, in welcher Situation sie sich befinden, was ihre Handlungen nachhaltig prägt. Leider wirkt dieses Begreifen unrealistisch, und es mindert die Spannung, die in „Reeker“ aus der Frage resultierte, was eigentlich vor sich ging.

Verhängnisvoll wirkt Paynes Entscheidung, dem „Reeker“ eine Biografie zu geben. Im ersten Film blieb er ohne erklärende Hintergrundgeschichte. Die Entscheidung, was der „Reeker“ war oder sein könnte, blieb dem Zuschauer überlassen, was immer eine gute Idee ist. Jetzt wird die Fantasie buchstäblich in Fesseln geschlagen: Der „Reeker“ ist ein ehemaliger Serienmörder, der für den Tod arbeitet. Damit er in aller Ruhe metzeln kann und seinen Opfern ein Entkommen unmöglich wird, stülpt er eine Art Käseglocke über den Ort seiner Untaten.

Wer will das wissen? Ein ‚entzaubertes‘ Monster wird nicht attraktiver. Der „Reeker“ ist nurmehr ein Dienstmann des Todes. Er ist in dieser Rolle nicht einmalig, sondern nur einer von vielen Film-Dämonen. Das ‚offene‘ Ende von „No Man’s Land“ ist folgerichtig gleichzeitig Verheißung einer weiteren Fortsetzung mit einem ‚neuen‘ „Reeker“. Auf diese Weise kann das Franchise lange funktionieren und erbarmungslos zu Tode geritten werden.

Licht im ideenlosen Dunkel

Noch ist es glücklicherweise nicht soweit. „No Man’s Land“ zeugt trotz der Drehbuch- Mechanismen von Dave Paynes Talent. Erneut sorgt er für Überraschungen, d. h. unerwartete Wendungen, die er in ansprechende Bilder zu verpacken weiß. Obwohl „No Man’s Land“ eine Low-Budget-Produktion ist und in 22 Tagen heruntergekurbelt werden musste, gibt der Film zu handwerklicher Kritik keinen Anlass.

Wobei der Auftakt einen ganz anderen Film als den verheißt, den wir dann zu sehen bekommen: Selten ist in letzter Zeit ein irrwitziger Mord so plakativ und blutig in Szene gesetzt worden wie die erste Untat des noch lebendigen „Reeker“. Immer wieder erwartet man, dass die Kamera wegschwenkt, doch es wird immer scheußlicher.

Dennoch ist „No Man’s Land‘ kein klassischer Splatter, auch wenn es später noch mehrfach richtig hart zur Sache geht. Die Brutalität ist Teil der Handlung und wird ihr nicht aufgepfropft. Sie wirkt zudem nie übertrieben. Manchmal schlägt der Horror sogar in Komik um. Dies geschieht nicht unfreiwillig, sondern ist von Payne so gewollt. Freilich übertreibt er es und zerstört die ansonsten sorgfältig gewahrte Stimmung; so mutiert der fiese Binky nach dem Verlust seiner Schädeldecke allzu unmotiviert zur Witzfigur.

Die wichtige Wahl der richtigen Darsteller

„No Man’s Land“ ist wie schon erwähnt ein kostengünstiger Film. Sicherlich aufgrund des Erfolgs von „Reeker“ gelang es Payne dennoch einige bekannte Schauspieler zu casten. Hier sind es vor allem Darsteller nicht mehr ganz jüngeren Jahrgangs wie Michael Muhney, Desmond Askew oder Stephen Martines, die viel für das US-Fernsehen arbeiten und den schnellen Dreh gewohnt sind. Robert Pine, der den älteren Sheriff Reed mimt, ist sogar ein echter Veteran, dessen Filmliste über 200 Einträge aufweist.

Für ein unerwartetes Problem sorgt Mircea Monroe: Sie ist einfach zu hübsch für ihre Rolle. Eine vom Leben arg gebeutelte Kellnerin auf der Flucht vor der Vergangenheit nimmt man ihr einfach nicht ab. Sie wirkt sogar bezaubernd, wenn sie die verstopfte Motel-Toilette repariert – ein Manko, mit dem sich die zwar ebenfalls ansehnliche aber weniger puppenhafte Alison Cruz nicht plagen muss.

Für ein darstellerisches Highlight sorgt Michael Robert Brandon in der kurzer aber markanten Rolle des „Death Valley Drifters“. Aus dem Spießer, den wir als erstes Opfer in diesem Film sehen, wird plötzlich ein wahnsinniger Killer, der in seiner offensichtlichen Harmlosigkeit stärker erschreckt als in seiner Inkarnation als „Reeker“. Der ist ganz klassisch das Monster mit verrotteter Haut und gesichtslos unter seiner Gasmaske. Dass er als solches sogar im hellen Sonnenlicht auftreten kann und trotzdem nicht lächerlich wirkt, verdankt er dem (allerdings schon im ersten Teil kreierten) verfremdeten Erscheinen, das ihn in Bildsprüngen und wie durch flirrend heiße Luft verzerrt zeigt.

Die Logik als Spaßbremse

Weiter oben wurden bereits Drehbuchschnitzer angedeutet. Gemeint sind damit nicht jene Unwahrscheinlichkeiten, die integrales Element des Horror-Genres sind, das schließlich von der Unlogik lebt. Sie gehen ohnehin in der turbulenten Handlung unter. Schlecht ist es dagegen um die unterhaltsame Illusion gestellt, wenn die Klopfer so ausgeprägt sind, dass sie sich beim besten Willen nicht ignorieren lassen.

Dave Payne gibt sich große Mühe mit einer Handlung, die nur bedingt geradlinig erzählt wird. Die Realität dringt mehrfach in das Zwischenreich des Hauptgeschehens ein, wobei die chronologische Folgerichtigkeit nicht immer gewahrt bleibt. (Für die Dummen zeigt Payne im Finale das tatsächliche Drama im Zeitraffer; in „Reeker“ war ihm das 2005 ohne diesen plumpen Kniff gelungen.) Während er im Großen und Ganzen erfolgreich bleibt, patzt er im Detail:

– Soll das wirklich ein Atombunker unter dem „6 Corners“ sein, dessen sandkuchenmürbe Wand sich binnen Minuten mit einer simplen Spitzhacke einreißen lässt?

– Glauben unsere Helden ernsthaft an die Wirksamkeit einer Todesfalle, die aus einer mit Benzin gefluteten Toilettenschüssel besteht, welche an einen Propangastank geflanscht wurde?

– Wieso stolpert ein sterbender Krankenhauspatient, der an einem völlig anderen Ort endete und mit den Ereignissen im Motel rein gar nichts zu tun hat, über das Gelände?

– Wer hinterließ im Gästebuch (!) des „6 Corners“ die vielen hilfreichen Hinweise auf die Existenz und das Treiben des „Reeker“?

– Seine Opfer tötet der „Reeker“ dort, wo man sie später in der ‚realen‘ Welt finden wird. Auch Sheriff Reeds Leiche liegt neben dem „6 Corners“, obwohl ihn der „Reeker“ Kilometer entfernt in seiner Mordhöhle umgebracht hat.

Das ist nur eine Auswahl von Fehlern, die dem Zuschauer übel aufstoßen. Die Enttäuschung wird durch die Tatsache verstärkt, dass „No Man’s Land‘ nach dem gelungenen „Reeker“ Hoffnungen auf ein Filmvergnügen weckt, die sich nur bedingt erfüllen. Macht man sich von allzu großen Erwartungen frei, ist „No Man’s Land“ freilich ein moderner Horrorfilm, den man sich anschauen kann, ohne sich anschließend betrogen und veralbert zu fühlen. Das ist angesichts der Blindgänger, die dieses Genre (kenn-) zeichnen, durchaus als Lob zu betrachten. Für Dave Payne und Tina Illman zahlte sich ihr Einsatz offensichtlich nicht aus. Er inszeniert seither eher sporadisch TV-Episoden, und sie ist gänzlich vom Film-Radar verschwunden.

DVD-Features

Klein aber fein lautet die Devise, unter der das Feature-Angebot dieses Mal steht. Neben dem üblichen Trailer (sowie dem Trailer zum Vorgängerfilm „Reeker“) wurden drei Featurettes auf die DVD gebrannt.

„Hinter den Kulissen“ ist identisch mit einem „Making of“, wobei informative Bilder von Aktivitäten hinter der Kamera durch nichtssagende und vor plumper Werbung strotzende Äußerungen der Hauptdarsteller und des Regisseurs konterkariert werden.

Wesentlich witziger ist die Featurette „Das Team“. Nicht die ‚wichtigen‘ Beteiligten wurden interviewt, sondern das ‚Fußvolk‘, das normalerweise höchstens im Abspann Erwähnung findet: der Beleuchter, der Handwerker, die Mikrophongalgen-Halterin, die Caterer, der Fahrer. Sie stellen sich kurz vor und charakterisieren ihre Tätigkeiten, wobei die Ungezwungenheit der vor der Kamera gar nicht professionellen Männer und Frauen sehr erfrischend wirkt.

„Cast und Crew“ ist ein kleiner Spaß: Schauspieler und Crew werden nach Dingen gefragt, die ihnen Angst bereiten. Die Palette reicht von „Arbeitslosigkeit“ bis „Disco kehrt zurück“ und dokumentiert die harmonische Zusammenarbeit einer kleinen und in der Wüsten-Wildnis weitgehend auf sich gestellten Mannschaft von Fachleuten und Enthusiasten.

Copyright © 2008/2016 by Michael Drewniok, all rights reserved

No Man’s Land – The Rise of Reeker
Originaltitel: No Man’s Land: The Rise of Reeker (USA 2008)
Regie, Drehbuch u. Musik: Dave Payne
Kamera: Mike Mickens
Schnitt: Daniel Barone
Darsteller: Michael Muhney (Harris), Mircea Monroe (Maya), Wilmer Calderon (Carlos), Valerie Cruz (Allison), Desmond Askew (Binky), Robert Pine (Sheriff Reed), Stephen Martines (Alex), Shelly Desai (Ravi), Ron Roggé (Nick), Baadja-Lyne Odums (Psychiaterin), Christopher Boyer (Officer Mansfield), Ben Gunther (Reeker), David Stanbra (Sheriff Reed als junger Mann) uva.
Label: Capelight Pictures
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 17.09.2008 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4042564049909 (Kauf-DVD) bzw. 4042564050912 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1 anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 88 min.)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)