noroiNoroi – The Curse

Originaltitel: Noroi (Japan 2005)
Regie: Kôji Shiraishi
Drehbuch: Kôji Shiraishi u. Naoyuki Yokota
Kamera: Shozo Morishita
Schnitt: Nobuyuki Takahashi
Darsteller: Jin Muraki (Masafumi Kobayashi), Rio Kanno (Kana Yano), Tomono Kuga (Junko Ishii), Maria Takagi (sie selbst), Yôko Chôsokabe (Kimiko Yano), Miyoko Hanai (Keiko Kobayashi), Makoto Inamori (Kôichi Hirotsu), Ryûnosuke Iriyama (verwirrter junger Mann), Satoru Jitsunashi (Mitsuo Hori), Takashi Kakizawa (Shin’ichi Ôsawa), Shûta Kambayashi (Junkos ‚Sohn‘), Mana Okada (Midori Kimino) uva.
Label: Eye See Movies
Vertrieb: AV Visionen GmbH
Erscheinungsdatum: 07.09.2009
EAN: 7640105237289
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1;  anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 u. 5.1 (Deutsch, Japanisch)
Untertitel: Deutsch, Polnisch, Französisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 115 min.
FSK: 16

Das geschieht:

Journalist Masafumi Kobayashi ist spezialisiert auf die Recherche seltsamer Phänomene und Spukerscheinungen, denen er – stets begleitet von seinem Kameramann – überall auf den japanischen Inseln nachspürt. Aktuell recherchiert er in einem Fall, der als Routine beginnt: Aus dem verwahrlosten Haus der Junko Ishii dringen nachts angeblich geisterhafte Babyschreie. Als Kobayashi die offensichtlich verwirrte Frau befragen will, wird er von ihr attackiert; wenig später hat Junko ihr Heim mit unbekanntem Ziel und ihrem mysteriösen Sohn verlassen.

Andere Vorkommnisse beanspruchen Kobayashis Aufmerksamkeit: Ein übersinnlich begabtes Kind verschwindet, eine junge Schauspielerin fühlt sich von unsichtbaren Mächten verfolgt, ein selbst ernanntes Medium warnt vor den Angriffen einer bösen Kreatur namens Kagutaba. Bald erkennt Kobayashi einen makabren Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen: Die Betroffenen bringen sich durch Erhängen um – manchmal sogar in Gruppen. Sie hinterlassen komplexe Knüpfarbeiten, deren Sinn unklar bleibt.

Die Fährte des Kagutaba führt Kobayashi in die Präfektur Nagano. Dort geriet im Jahre 1978 ein uraltes Ritual, mit dem die Bewohner eines kleinen Bergdorfes den Dämon oder Teufel Kagutaba in sein Erdgefängnis zurücktreiben wollten, ein schlimmes Ende, als die menschliche Verkörperung dieses Wesens dem Wahnsinn verfiel: Junko Ishii! Kurz darauf versank das Dorf in den Fluten eines modernen Staudamms.

Wurde dabei der Kagutaba endgültig freigesetzt? Kobayashi findet immer neue Spuren, die genau dies andeuten. Eine improvisierte Geisterbeschwörung auf dem Stausee endet katastrophal. Der Kagutaba ist aufmerksam geworden, und er widmet den lästigen Zeugen seine ungeteilte Aufmerksamkeit …

Das Sein hinter dem Schein

Der asiatische (Horror-) Film ist für Zuschauer aus dem westlichen Kulturkreis oft schwer zu entschlüsseln bzw. keine reine Freude. Wunderbare Ideen und ausgezeichnete Effekte werden oft durch ein darstellerisches „overacting“ zunichte gemacht, das in gefühlsbetonten Momenten die Stimmung ins Lächerliche umschlagen lässt.

„Noroi“ ist in dieser Beziehung ein ‚westlich‘ anmutender Film. Regisseur und Drehbuch-Mitautor Shiraishi wählt für seine Horrorgeschichte die Form der „mockumentary“: Er gibt vor, dass „Noroi“ eine vom fiktiven, hier als real vorausgesetzten Masafumi Kobayashi als Dokumentation gedreht wurde. Dabei ist er so konsequent, nicht einmal wie im Spielfilm üblich Schauspieler und Stab zu nennen; einen Vor- oder Nachspann gibt es nicht.

Shiraishi inszeniert ein Rätsel, das sich erst allmählich löst. Fast die halbe Laufzeit vergeht, während uns immer wieder neue ‚dokumentarische‘ Ausschnitte gezeigt werden, die in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen. Der Zuschauer sollte aufmerksam bleiben, denn dem ist ganz und gar nicht so. Irgendwann beginnt sich ein Muster zu zeigen, werden Verbindungen deutlich. Jetzt beginnt Shiraishi, die bisher trügerisch locker gehaltene Angelschnur einzuholen. Das Tempo zieht an. Während die Machart beibehalten wird, fallen neue Steinchen in bisher leere Stellen jenes Mosaiks, das in seiner Gesamtheit die Geschichte einer dämonischen Besessenheit erzählt.

Ein Sog des Grauens

Grundsätzlich ist diese Geschichte alles andere als neu. Flüche und böse Geister sind für das asiatische Horrorkino von elementarer Bedeutung. Mit „Noroi“ liefert Shiraishi  seinem Publikum jedoch nicht den üblichen Bilderreigen. Er stellt Ansprüche, fordert Aufmerksamkeit für seine Geschichte, ohne dass lange klar wird, in welche Richtung sie laufen soll. Die ‚Belohnung‘ ist umso größer: „Noroi“ ist einer der besten Gruselfilme der letzten Jahre – und das gilt nicht nur für den asiatischen Raum!

Das Unheimliche manifestiert sich quälend langsam. Fast möchte man annehmen, es habe sich im Unterbewusstsein des Zuschauers bereits verankert, bevor dieser zu begreifen beginnt, was der Kagutaba ist – oder sein könnte, denn auch in diesem Punkt bleibt Shiraishi seinem Konzept treu und präsentiert ein Übel, das niemals vollständig entschlüsselt wird.

Dem Zuschauer werden weder Ablenkung noch Erleichterung gegönnt. „Noroi“ ist ein Film ohne Musik. Gedreht wurde er mit digitalen Kameras, andere Sequenzen geben ‚abgefilmte‘ TV-Sendungen oder alte Videoaufnahmen wieder. Auch die Spezialeffekte speisen sich aus diesem technischen Umfeld. Die Geräuschkulisse beschränkt sich auf das, was wir sehen – oder auch nicht, denn nach dem „Blair-Witch“-Prinzip spielt sich vieles außerhalb des Aufnahmebereiches ab, den die Kamera abdecken kann. Das steigert das Gefühl der permanenten Unsicherheit, die durch Shiraishi geschickt und stetig gesteigert wird.

Überforderte Menschen im Netz eines Dämons

Mehr als 20 Rollen besetzte Shiraishi für „Noroi“. Das ist – zumal für einen Horrorfilm – eine beachtliche Zahl. Der Regisseur betont damit die Fragmentierung der Geschichte, die eben nicht von einer überschaubaren Gruppe genretypischer Figuren, die sich dem Zuschauer zur Identifizierung anbieten, getragen wird. Wie in der ‚richtigen‘ Welt verteilen sich die Elemente eines Rätsels sperrig auf viele unterschiedliche Menschen.

Das eigentliche Schauspiel beschränkt sich auf die Imitation realistischer Handlungen und Äußerungen. Es gibt keine Helden und keine Bösewichte. Nicht einmal mit Masafumi Kobayashi kann oder mag der Zuschauer fühlen. In manchen Episoden tritt er überhaupt nicht auf, oder die Kamera kann ihn nicht erfassen. Er ist ein schon älterer Mann, der beinahe ohne Gefühlsregungen seinem Job nachgeht. Kobayashi zeichnet auf. Erst spät beginnt er, Schlüsse zu ziehen. Damit ist auch das Ende seiner unbeteiligten Rolle gekommen. Erst jetzt lernen wir sein Heim und seine Frau Keiko kennen. Doch die Aufgabe der neutralen Position des Beobachters wird Kobayashis Verderben. Er wechselt in das Lager derer, die in direkten Kontakt mit dem Kagutaba treten.

Das Spiel mit dem Zweifel weiß Shiraishi perfekt zu inszenieren. Japan ist für eine TV-Landschaft bekannt, neben der das deutsche Privatfernsehen seriös und qualitätvoll wirkt. Das Publikum soll unterhalten werden, wobei der Weg zu diesem Ziel nebensächlich ist. Krude Spielshows und auf den Effekt gebürstete ‚Wissenschafts-Beiträge‘ greifen freudig und skrupellos auf die Welt des Übersinnlichen als Thema zurück, an das viele Zuschauer mehr oder weniger offen glauben. Shiraishi baut mehrere Ausschnitte aus (vermutlich fiktiven aber der Realität nachempfundenen) Sendungen in seinen Film ein.

Die alte Welt neben dem 21. Jahrhundert

Nur wenige Kilometer außerhalb der großen Städte ist die rasante Gegenwart verschwunden. Als Kobayashi in die Präfektur Nagano reist, kommt er in ein Bergdorf, deren Bewohner sorgfältig eine Sense über die Eingangstüren ihrer Häuser hängen, um böse Geister fernzuhalten. Das ‚alte‘ Japan ist weiterhin präsent. Man kann es auch daran erkennen, wie schnell Kobayashi und die Menschen, die mit ihm gehen, an den Kagutaba zu glauben beginnen: Das spirituelle Fundament ist noch sehr solide.

Die Faktendecke ist dagegen dünn geworden. Nur auf diese Weise konnte der Kagutaba überhaupt in diese Welt treten: Die Menschen haben vergessen, dass und wie man ihn in Schach halten kann. In diesem Punkt ist der Dämon erstaunlich anpassungsfähig. „Noroi“ ist auch eine Bestandsaufnahme der erschreckenden Problemlosigkeit, mit der ein zerstörerischer Geist sich in die moderne Gesellschaft integrieren kann: Er bedient sich ihrer Anonymität und ihrer Vorurteile. Kein Wunder, dass „Noroi“ kein Happy-End bietet.

Wobei die Geschichte nicht unbedingt endet, sondern ausgeblendet wird. Wiederum ignoriert Shiraishi die Muster des Genrefilms. Als „Der Fluch“, d. h. die Dokumentation, die zu Masafumi Kobayashis Vermächtnis wurde, als Film im Film sein Ende findet, schließt sich eine scheinbar angehängte Coda an, die den Triumph des Kogutaba dokumentiert, der seinen blutigen Weg durch Japan fortsetzen wird – ein finaler Schock, der nicht aufgesetzt wirkt, sondern die Wirkung eines Films komplettiert, der – auch das ist im asiatischen Kino quasi ein Qualitätsmerkmal – bisher keine Fortsetzung erfuhr und als gruseliger Solitär eine seltene Ausnahmestellung einnimmt.

Für seinen ungewöhnlichen Film, der den Horror ernst nimmt und seine Zuschauer auf eine erschreckend faszinierende Reise führt,  erfuhr Kôji Shiraishi nicht nur in Japan großes Kritikerlob. Was dem Gruselfreund oft als Warnsignal dient, sollte hier wörtlich genommen werden: „Noroi“ ist ein Film, der das Anschauen wert ist!

DVD-Features

Die Extras zum Hauptfilm beschränken sich auf Impressionen von den Dreharbeiten zu bestimmten Schlüsselszenen. Zuschauer, die der japanischen Sprache mächtig sind, werden sich möglicherweise informiert fühlen. Da deutsche oder wenigstens englische Untertitel fehlen, bleiben der Rest des Publikums außen vor …

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